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Altdeutsche Novellen

: Altdeutsche Novellen - Kapitel 1
Quellenangabe
typeanthology
authorLeo Greiner
titleAltdeutsche Novellen
publisherErich Reiß Verlag
addressBerlin
volume2
year1912
firstpub1912
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100528
projectid95bee8ed
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Karl der Große

(Jansen Enenkel)

Die Hochzeit zu Aachen

Ehe Karl der Große seinen Bekehrungsfeldzug gegen die Ungarn unternahm, der ihn bis weit in die Walachei und in die Nähe des Meeres führte, beschied er seine Gemahlin, indem er ihr einen Ring zeigte: wer immer ihr diesen als Wahrzeichen überbrächte, dem möge sie Glauben schenken. Wenn er aber länger als zehn Jahre fortbleiben würde, so möge sie wissen, daß er unterwegs elend ums Leben gekommen sei.

Nun waren schon neun von den zehn Jahren ins Land gegangen und er weilte immer noch in dem fernen Ungarn. Darob begann man zu Aachen am Rhein ihn wegen seines langen Fortbleibens zu schmähen. Raub und Brand erhob sich in allen seinen Ländern, zur Sorge seiner Getreuen, die nun nicht länger zuwarten wollten und sich geradewegs zur Königin begaben. »Herrin«, sprachen sie, »seit unser Land keinen Herrn mehr hat, geht alles drunter und drüber. Darum wollen wir Euch bitten, einen guten Fürsten zum Gemahl zu nehmen, daß er das Reich beschütze. Unser Herr ist sicherlich tot. Denn ohne so gewaltige Nötigung hätte er Euch längst schon Botschaft gesendet.« Da entgegnete die Fürstin: »So würd' ich von ihm in Schande gestoßen, wenn König Karl zurückkommt in sein Land, und elend getötet. Von dem Wahrzeichen, das er mir beim Abschied wies, habe ich nie etwas vernommen, noch ward es je an mich zurück gesandt. Darum wäre dies treulos gehandelt um seinet- und um Gottes willen.« »Nein«, sagten da die Herren, »wir haben Boten ausgesandt, die uns gewisse Kunde brachten, König Karl sei unterwegs auf das elendeste ums Leben gekommen. Wenn wir ewig in diesen Wirren bleiben sollen, die uns vernichten, so wisset, daß Ihr darob der Hölle verfallen werdet.« Da sagte die Königin mit Züchten: »Wenn Ihr es mir nicht erlassen wollt, so folg' ich Euch denn, mag aus mir werden, was will. Die Größe meines Kummers soll mich nicht hindern, nach Eurem Wunsche zu tun.«

Bald darauf wurde denn auch die Hochzeit mit einem reichen Könige, den sie ihr zum Gemahle gaben, festgesetzt und sollte schon am dritten Tage danach gefeiert werden. Da sandte Gott einen seiner Engel als Boten ins Ungarland, wo Karl seit langem mit seinem Heere lag, und ließ ihm verkündigen: »Ob es dir lieb ist oder leid, wenn du nicht binnen drei Tagen bei der Königin bist, so nimmt sie, ob auch nur schweren Herzens, einen anderen Fürsten zum Gatten.« »Wie soll ich in drei Tagen in mein Land kommen«, erwiderte König Karl, »bis dahin ist es wohl hundertundfünfzehn Nachtrasten weit.« Da sprach der Engel: »So weißt du nicht, daß Gott in seiner Gewalt alles tun kann, was sein Wille ist? Geh hin zu deinem Schreiber, der hat ein starkes und edles Pferd, das kaufe ihn ab um jeden Preis, den er fordert. Dieses Roß aber hat einen so schnellen Gang, daß es dich in einem Tage weit über Moos, Feld und Heide bis zur Stadt Raab tragen wird, dort machst du deine erste Rast. Am nächsten Morgen früh reitest du dann eilig weiter, bis du nach Passau hinauf an die Donau kommst, dort machst du deine zweite Rast. Die Sonne wird noch scheinen, wenn du dort in die Stadt sprengst. Daselbst wirst du einen freundlichen Wirt finden, der ein gutes und schönes Fohlen hat, das kaufe, so wird es dich am dritten Tage nach Aachen bringen.«

Sofort kaufte Karl seinem Schreiber das Roß ab und ritt des nächsten Morgens, wie der Engel ihm gesagt hatte, den gewaltigen Weg von der Bulgarei bis nach Raab, ungestüm dahinjagend, ohne nur einmal zu rasten. Am andern Tage ging es dann von Raab bis nach Passau, wo er richtig auch bald den Wirt fand, der ihm ein treffliches Nachtlager bereitete. Die Sonne schien noch, als er in die Stadt sprengte. Des Abends aber, als das Vieh zurückkam, lief auch das Fohlen daher, da faßte er's bei Kopf und Mähne und rief: »Herr Wirt, gebt mir das Fohlen, ich will es reiten über Feld und Moos.« »Ei«, erwiderte der Wirt, »das Fohlen ist zu jung, es wird Euch nicht tragen können.« »Laßt gehen, wie es gehen mag«, sagte Karl, »gebt mir das Fohlen her!« »Ich wollte es Euch gern geben, wäre es nur gezähmt und geritten.« »Gebt mir das Fohlen«, erwiderte Karl nochmals, da sprach der Wirt: »Wenn es Euch gar so lieb ist, so soll es Euch nicht verweigert sein.« Da erstand es der König um reiches Gold und gab dem Wirt das andere, auf dem er aus der Bulgarei bis hierher geritten war, noch als Kaufgeschenk dazu.

Des dritten Morgens früh rüstete sich der König, eilends bis nach Aachen zu reiten. Als er dort vor dem Burgtor ankam, fand er daselbst eine Herberge, deren Wirt ihn würdig aufnahm. Die Stadt war erfüllt von gewaltigem Schall, Flöten, Singen und Tanzen in allen Gassen. Da fragte der König, was es in der Stadt gäbe. »Kein größeres Hochzeitsfest ward je gesehen!« erwiderte der Wirt, »als das unsere gnädige Königin morgen früh mit einem reichen Fürsten begehen soll. Dazu hat sich viel Volks hier angesammelt. Um Eure Zehrung braucht Ihr nicht zu sorgen. Man verteilt Brot, Wein und Speisen an jung und alt in der ganzen Stadt, selbst für die Rosse, sah ich, trugen sie ungemessenes Futter herbei.« »Möge Speise vom Hofe nehmen, wer will«, sagte darauf der König, »ich mag gern aus Eigenem leben. Kauft für mich ein in der Stadt, hier ist Gold, lasset Eure Diener und Knechte wacker daran mitgenießen, und macht es aus dem Vollen!« Der Wirt erstaunte über seines Gastes Freigebigkeit und bereitete ein reiches Mahl. Da aßen und tranken sie in Paradieseswonne.

Als es Nacht geworden war und der König schlafen ging, bat er den redlichen Wirt, ihm einen Wächter mitzugeben, der in seiner Nähe bleiben sollte, so lange er zu Bette lag. Zu diesem sprach er: »Ich beschwöre dich, wenn sie des Morgens das Glöcklein auf dem Dome ziehen, wecke mich rasch, daß es mir sogleich bekannt werde. Diesen goldenen Ring setze ich dir zum Lohn, wenn du es genau besorgen willst.« Der Wächter tat, wie ihm geheißen war und rief, als er den Herrn noch schlafend fand: »Steht auf, Herr, und gebt mir, was mein ist! Soeben läuten sie das Glöcklein!« Da legte Karl sein reiches Gewand an und bat den Wirt, mit ihm zu gehen, damit er nicht etwa gefangen würde, denn er sei ein Fremdling hier am Ort. So gingen die beiden an das Burgtor, das noch fest mit Riegeln verschlossen war. »Ihr müßt hier unten durchkriechen«, sagte der Wirt, »doch werdet Ihr Euch das Kleid beschmutzen.« »Das acht' ich wenig, und wenn es ganz und gar verdürbe«, erwiderte Karl, hieß den Wirt heimgehen und kroch durch das Tor. Im Dome angelangt, setzte er sich auf den königlichen Stuhl, zog das Schwert aus der Scheide und legte es nackt über seine Knie. Da kam der Mesner, um die Bücher herzutragen; als er ihn so mit bloßem Schwerte dasitzen sah, verging ihm die Sprache, er lief, wo er den Priester fand, und sprach: »Im Dome sitzt schweigend ein greiser Mann auf dem heiligen Stuhl und hat sein bloßes Schwert über die Knie gelegt. Als ich zu dem Altar ging und ihn dort sitzen sah, brach mir der Schweiß aus allen Poren.« »Willst du uns narren?« sagten die Domherren. »Das wird dir bei uns nicht gelingen.« Da erwiderte der Mesner: »Es ist die Wahrheit, noch bin ich voll Schrecken. Wenn Ihr mir nicht glaubt, so gehet selbst hin und sehet!« Da ergriff einer der Chorherren eine Leuchte und begab sich ohne Zögern in den Dom: da sah er den Mann auf dem Stuhle sitzen. Das Licht entfiel seinen Händen, fliehend eilte er zum Bischof und sprach: »Hört an, wie es uns im Dome erging!« und berichtete, was er gesehen hatte. Als der Bischof dies vernahm, eilte er aus seinem Gemach. Zwei Knechte mit Lichtern mußten ihm leuchten, bis er vor den König kam, der immer noch mit nacktem Schwerte auf dem Stuhle saß. Da rief er von Grausen geschüttelt: »Laßt mich wissen, wer Euch irgend Leides getan oder was für ein Mann Ihr seid. Sprich, Gespenst, ich beschwöre dich beim Namen Gottes!« Der Greis mit dem Schwerte antwortete: »Einst kanntet Ihr mich wohl, als ich noch König Karl hieß und größere Gewalt besaß, als irgend einer unter den Menschen.« Da trat der Bischof näher und erkannte ihn. »Willkommen, lieber Herr«, rief er, schloß ihn in die Arme und führte ihn in sein reiches Haus. Alle Glocken ließ er zusammenläuten, daß die Stadt davon erdröhnte und Einheimische und Gäste verwundert Kunde verlangten, was die Bedeutung des gewaltigen Schalles sei. Als sie erfuhren, König Karl sei wiedergekehrt, forderten alle Gäste stürmisch ihre Rosse und flohen über Stock und Stein, und wer nicht reiten konnte, stürzte sich in wilder Angst über die Mauern zu Tal, daß die ganze Stadt von dem Lärm der Fliehenden erfüllt war. Der Bischof aber bat Karl, der Königin zu verzeihen, da sich alles ohne ihre Schuld zugetragen. Dies gewährte er gern und lebte fortan in Liebe mit ihr bis an das Ende ihrer Tage.

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