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Altdeutsch - Dritter Band

Conrad von Bolanden: Altdeutsch - Dritter Band - Kapitel 9
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleAltdeutsch - Dritter Band
publisherVerlag von Franz Kirchheim
year1881
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171215
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Rudolphs Einzug und Huldigung in Worms

Rudolph von Habsburg gehört ohne Zweifel zu den hervorragendsten Persönlichkeiten der Weltgeschichte und zum Ehrenkreise ächt deutscher Männer. Bevor noch Rudolph den Thron zierte, stand der einfache Graf im höchsten Ansehen Im ganzen Reiche genoß er ungewöhnliches Vertrauen, was schon aus dem Umstande hervorgeht, daß er oft in der Schweiz, im Elsaß und in Schwaben, bei schwierigen Streitfällen, zum Schiedsrichter gewählt wurde. Seine Rechtschaffenheit war sprüchwörtlich. Man pflegte zu sagen: »Dieser besitzt Rudolphs Ehrlichkeit nicht.« Streng gläubig und mackellos an Sitten, ging er in Tugendsinn und Frömmigkeit Allen voran. Erzbischof Engelbert von Cöln schrieb, nach Rudolphs Wahl zum deutschen Könige, an Papst Gregor X.: – »König Rudolph ist rechtgläubig, ein Freund der Kirchen, ein Liebhaber der Gerechtigkeit, von klugen Rathschlägen, hervorleuchtend durch Frömmigkeit, stark durch seine Hausmacht und mit vielen Mächtigen verwandt, nach unserem Dafürhalten bei Gott beliebt, von angenehmer Gesichtsbildung, körperlich abgehärtet, im Kriege glücklich gegen die Gesetzlosen Idem rex est fide catholicus, ecclesiarum amator, justitiae cultor, pollens consilio, fulgens pietate, propriis potens viribus et multorum potentium affinitate connexus, Deo est firmiter opinamur amabilis, et humanis aspectibus et cernitur gratiosus, insuper corpote strenuus et in rebus bellicis contra infideles fortunatus.

Und der Papst zögerte nicht, den gerühmten deutschen König zur höchsten Würde des römischen Kaisers zu erheben.

Obwohl kriegslustig, von kühnem Muthe und persönlich tapfer, begann Rudolph doch niemals eine ungerechte Fehde, hat niemals sein gegebenes Wort und den geschlossenen Frieden gebrochen. Alle seine Unternehmungen waren von glänzenden Erfolgen begleitet, weßhalb der Bischof von Basel ausrief: »Sitze fest, Herr Gott, auf Deinem Sessel, damit der Graf von Habsburg Dich nicht verdränge!«

Deutsche Mannhaftigkeit und Kraft wußte er zu schätzen und war stolz auf den verdienten Kriegsruhm der Deutschen. Als er im burgundischen Kriege, trotz der feindlichen Uebermacht, den Kampf dennoch annahm, erklärte er laut: »Mit vierzig Tausend auserlesenen deutschen Fußknechten und vier Tausend deutschen Rittern wollte ich die ganze Welt siegreich im Kampfe bestehen Dicitur etiam regem in ipso exercitu dixisse, se in qualibet mundi parte cum electis 4000 galeatorum et 40000 peditum armatorum de Alemania state invictum, aestimans hos omnem multitudinem aggressuros. Alb. Argent. p. 104.

Dieses stark ausgeprägte nationale Selbstbewußtsein, verbunden mit kühnem Unternehmungsgeist und Thatendrang, wurden in sittlichen Schranken gehalten durch Rudolphs unwandelbare Frömmigkeit Im Kriege begriffen, rastete er an Sonn- und Festtagen, niemals den Gottesdienst versäumend. Und wie sein Inneres vor dem Allwissenden geordnet lag, so wollte Kaiser Rudolph sittliche Ordnung im Reiche schaffen. Den Uebermuth gewaltthätiger Fürsten demüthigte er und zwang die Trotzigsten zur Achtung vor den Gesetzen. Er liebte es, von Wenigen begleitet, im Reiche herum zu reisen, allenthalben zu Gericht zu sitzen, männiglich Recht zu schaffen und ausgebrochene Fehden zu schlichten.

»Laßt Jedermann zu mir kommen,« pflegte er zu sagen; »denn ich bin nicht deßhalb zum Kaiserthum berufen, daß ich mich in einen Kasten einschließe, sondern Allen, die meiner Hilfe bedürfen, sie unverweilt widerfahren lasse.«

Unerbittlich strenge war er gegen adelige Räuber, welche den Landfrieden brachen und die Straßen unsicher machten. Ohne langen Proceß ließ er die Frevler hinrichten und ihre Burgen schleifen.

Obwohl sich die Regierungsweise dieses großen Kaisers durch eine gerechte, unparteiische Behandlung aller Stände auszeichnete, war er doch in ganz besonderer Huld den Städten gewogen. Sein klarer politischer Blick erkannte in dem Aufblühen der Städte gegen die emporstrebende Hausmacht der Fürsten ein heilsames Gegengewicht Darum förderte er das bürgerliche Gemeinwesen, schirmte die Städte in ihren Rechten und begabte sie mit neuen zweckmäßigen Freiheiten.

Die Städte begriffen ihren kaiserlichen Gönner und die Beweggründe seiner Huld. Sie zeigten sich dankbar und unterstützten Rudolph bei allen Unternehmungen durch Geld und Mannschaft. Daher auch in Worms ein unbeschreiblicher Jubel, als man die Ankunft des Monarchen in Lorsch und dessen nahe bevorstehenden Besuch erfuhr.

Indessen bildeten Einzug und Huldigungen deutscher Könige in Reichsstädten etwas Bestimmtes, nach altherkömmlichen Normen Geregeltes. So entschieden und fest beharrten alle Stände auf verbrieften Rechten, daß keine freie Stadt den deutschen König aufnahm, ihm vielmehr ihre Thore verschloß, bevor er nicht deren Rechte und Freiheiten bestätigt hatte. Diesem Herkommen mußte sich auch Rudolph vor seinem Einzuge in Worms unterwerfen. Letzteres geschah zu St. Veit, einem Kloster jenseits des Rheines, wo der Habsburger die alten und neuen Freibriefe der Stadt in huldvoller Gewogenheit genehmigte.

Einer späteren Zeit mag vielleicht die eben genannte unabwendbare Vorbedingung einer günstigen, selbst einer möglichen Aufnahme neu gewählter Könige, bei ihrem ersten Erscheinen in den Städten, seltsam erscheinen, – dennoch beruhte auf ihrer Erfüllung die Wohlfahrt und Sicherheit des ganzen Reiches. Bei aller Mannigfaltigkeit und verzweigten Gliederung der Stände, bildeten alle zusammen ein harmonisches Ganze, dessen Harmonie aber nur gewahrt wurde, durch die Anerkennung der Sonderrechte und Freiheiten dieser Stände. Der Leibeigene forderte mit dem nämlichen Selbstbewußtsein die Bestätigung und Anerkennung seiner Standesrechte, wie der bürgerliche Handwerker, der Adelige, der Cleriker und der Fürst. Den Schlußstein dieser kühn und reich aufgebauten Pyramide bildete der Kaiser, als oberster Schirmherr aller Stände. Versuchte er eine Beeinträchtigung und Schmälerung der Standesrechte zu Gunsten kaiserlicher Macht, so appellirten die Unterdrückten an den Statthalter Christi auf Erden, den Papst, dessen Oberhirtenamte auch die Kaiser unterworfen waren. Und der Papst entschied nach jenen unveränderlichen Ideen christlicher Anschauung, welche dem Reichskörper Leben, Bestand und Kraft verliehen. Daher war im Mittelalter ein moderner Absolutismus unmöglich. Hätte ein Kaiser ihn dennoch gewagt, wie es die Hohenstaufen thaten, unfehlbar mußte der Schlußstein der Pyramide seine Stütze verlieren und von der Höhe herabstürzen, – wie es dem absolutistisch gesinnten Geschlechte der Hohenstaufen geschah.

Am Morgen des folgenden Tages setzte Rudolph mit einem kleinen Gefolge über den Rhein. Vor dem Thore, welches in die Hauptstraße mündete, empfingen ihn die beiden Bürgermeister, an der Spitze sämmtlicher Rathsmannen. Alle waren in kostbare Festgewänder gekleidet. Sie ritten auf stattlichen Rossen, deren Lederwerk von edlem Metall blitzte, und deren tief herabhängende Satteldecken durch Zierrath in Seide, Silber und Gold geschmückt waren. Und wie diese Pracht und Ausstattung den Reichthum der Wormser, so verriethen selbstbewußte Haltung und Manneswürde einen stark hervortretenden Freiheitssinn. – Herr Hartmann von Oppenheim rüstete sich zum herkömmlichen Spruche; denn vorgeschrieben und genau bestimmt waren die Begrüßungsworte vor dem Eintritte der Könige Mainz, Speyer und Worms hatten sogar einen förmlichen Vertrag hierüber geschlossen und das strenge Einhalten der Formen eidlich gelobt. »Komm ein König,« heißt es, »der jetzt ist oder künftig sein wird, nach Mainz, Speyer oder Worms, und fordert, daß man ihm huldige, so soll die Stadt von dem Könige fordern, daß er ihr bestätige und befestige mit seinem offenen besiegelten Briefe ihre Freiheit, Recht und ihre gute Gewohnheit ohne Ausnahme, so sie von seinen Vorfahren, Kaisern und Königen empfangen hat, mit denselben Worten und Bescheiden. Thut er das, dann erst soll sie ihm huldigen, – versagt er es aber, dann soll sie ihm weder huldigen, helfen und dienen, weder mit Liebe, mit Gut oder mit Borgen Bei Lehmann, S. 259 f. – Die Vereinigung zwischen Mainz, Speyer und Worms ist zwar erst vom Jahre 1295, enthält aber die längst üblichen Einzugsförmlichkeiten vorausgegangener Zeiten.

Als der Monarch, wenige Schritte vor den Harrenden, das Pferd anhielt, verbeugten sich Alle, aber nicht wie unbedingte Unterthanen, sondern wie freie Reichsbürger, die Huld und Treue gewähren gegen die Achtung und Anerkennung ihrer Rechte.

Der Oberbürgermeister sprach mit lauter, allen Gegenwärtigen deutlich vernehmbarer Stimme die Begrüßungsworte. So langsam und bedächtig floß über Oppenheims Lippen die Ansprache, daß nicht blos die auswendig gelernte Formel sichtbar wurde, sondern auch das ängstliche Bestreben, Wort für Wort, ohne Auslassung oder Zusatz, das Festgestellte wieder zu geben.

»Gnädiger Herr König und Kaiser! Ihr seid allhie Gott, uns und dem Volke in Worms willkommen. Wir sind Eurer Ankunft sehr froh, insofern wir damit Huld und Frieden zu empfangen hoffen.«

Noch kürzer war des Kaisers Erwiederung.

»Dank, Liebe und Getreue, für den freundlichen Empfang!« entgegnete Rudolph.

In demselben Augenblicke begann ein feierliches Geläute aller Glocken. Der Zug setzte sich in Bewegung. Voraus ritten die vier und zwanzig Rathsmannen. Dann folgte der Kaiser, in Mitte der beiden Bürgermeister. Das Gefolge schloß den Zug, der sich langsam über die Brücke durch das Stadtthor bewegte, empfangen von einer unabsehbaren Menschenmenge, welche den Marktplatz vom Thore bis zum Münster in dichtem Gedränge besetzt hielt. Und als Rudolph aus dem Dämmer des Thorgewölbes in das strahlende Licht des Sommermorgens herausritt, als er die harrenden Massen erblickte, sowie die außerordentliche Pracht und den reichen Schmuck der hohen Gebäude, – als er in glänzender Wehr, in Helm und Harnisch, mit Schild und Schwert, die stattlichen Bürger sah, welche vom Thor bis zum Münster, in Doppelreihen aufgestellt, durch das Gedränge eine freie Gasse bildeten, – da schwellte berechtigtes Hochgefühl die Brust des bürgerfreundlichen Monarchen. Dröhnende Posaunen begrüßten ihn und mit dem Schmettern der Instrumente und dem Geläute der Glocken vermischte sich der vieltausendstimmige Jubelruf des Volkes.

Im Inneren der Stadt nahmen die herkömmlichen Empfangsförmlichkeiten ihren weiteren Verlauf. Geputzte Stadtknechte übergaben vier Rathsmannen ein Baldachin, das auf vier geschnitztem reich vergoldeten Tragstangen ruhte, geziert mit goldenen Fransen und Quasten, und an kostbarer Stickerei eine Meisterarbeit. Diesen tragbaren Himmel, inwendig blau, mit goldenen Sternen besät, hielten die Vier vom Rathe über den Kaiser, vom Thor bis zum Münster. Und Herr Rudolph, vom Haupte bis zu den Füßen in Stahl gehüllt, angethan mit dem einfachen, grauen Waffenrock, der fast ärmlich erschien neben der ihn umgebenden Kleiderpracht, ragte dennoch über Alle hervor durch die natürliche Hoheit und Majestät seiner Persönlichkeit. Tief beugten Haupt und Nacken die gewappneten Bürger, wenn er vorüber kam, und diese Huldigung war keineswegs die blos äußerliche Erfüllung einer durch das Herkommen vorgezeichneten Form, sie entsprang vielmehr der inneren Gesinnung und Hochachtung für den Habsburger. Das Volk, in dichten Massen die ehernen Mauern umdrängend, sah mit lebhaften Ausdrücken inniger Verehrung und Liebe zu dem frommen Helden, dem gewissenhaften Schirmherrn der Rechte aller Stände empor.

Ebenso natürlich, wie die Huldigungsäußerungen der Menge, und weit weg von aller berechneten Verstellung, war das Verhalten des Kaisers. Mit huldvollem Neigen des Hauptes und jenem väterlichen Lächeln, das so gewinnend seine edlen Züge belebte, erwiederte er nach allen Seiten Grüße und endlose Jubelrufe. Auch nach den geöffneten Fenstern und Söllern der prunkvoll geschmückten Häuser sah er grüßend empor, wo minnigliche Frauen mit weißen Tüchlein freudiges Willkommen herabwinkten, glänzend in Festtagsgewändern, und nicht selten strahlend in überraschender Schönheit. Bereits der Sänger des Nibelungenliedes rühmte die Schönheit und Kleiderzier der Frauen von Worms in jenen Tagen.

Drauf sollten die Frau'n zu Worms reiten an den Rhein;
Besser Pferdgeräthe konnte nimmermehr sein.
Wie glänzte da von Zeltern des lichten Goldes Schein!
Es leuchtete von Zäumen gar mancher edle Stein.
Die goldenen Sitzschemel auf lichten Decken gut,
Die brachte man den Frauen; sie waren fröhlich gemuth.
Begürtet mit Seide, gar stark und schön zu schau'n,
Viel wonnigliche Zelter brachte man den Frau'n;
Reiche Brustriemen sah man die Rosse tragen
Von der besten Seide, davon Euch Jemand könnte sagen.
Frau'n trugen reiche Stoffe, die besten, so man fand,
Vor den fremden Recken, auch mannich gut Gewand,
Wie's zu ihrer schönen Farbe sich grad am Besten nahm;
Der wär' in schwachem Muthe, der ihrer Einer wäre gram.
Von Zobel und von Hermelin viel Kleider man da fand;
Da war gar wohl gezieret mancher Arm und Hand
Mit Spangen über der Seide, die sie sollten tragen.
Euch könnte dies Befleißen zu Ende wohl Niemand sagen.
Gar manchen Frauengürtel, zierlich, reich und lang,
Ueber lichte Kleider manche Hand da schwang
Um edle Ferransröcke von Stoff aus Arabia.
Den edlen Jungfrauen war gar hohe Freude nah.
Es war in Brustgespänge manche schöne Maid
Gar minniglich geschnüret. Der wär' es wahrlich leid,
Deren lichte Farbe nicht überglänzt ihr Kleid Nibelungenlied, S. 586 f..

Selbst Kriemhild glaubte man hie und da wieder zu sehen; denn manche stolze Schönheit und hohe Frauengestalt erinnerte an jene Königin.

Den Habsburger erfreuten zwar die Merkmale einer allgemeinen und begeisterten Verehrung für seine Person und geheiligte Würde. Die wehenden Banner und Fahnen, die fortlaufenden Kränze und Laubgewinde, die ausgehängten kostbaren Teppiche und andere werthvolle Schmucksachen ergötzten sein Auge, – dennoch wurde beim Anschauen dieser glänzenden Pracht der Politiker und Staatsmann nicht weniger befriedigt. Wohin sein Blick fiel, fand er Beweise blühenden Wohlstandes und großen Reichthums. Die stattlichen Gebäude, durch Malereien geziert, durch Figuren und andere Schöpfungen des Meisels belebt, verriethen nicht blos den Kunstsinn ihrer Bewohner, sondern auch reiche Mittel, demselben zu genügen. Manches von dem, was die Häuser an Schätzen und Kleinodien bargen, war dem Kaiser zu Ehren an den Fenstern und auf den Brüstungen der Balkone und Erker aufgestellt. Herr Rudolph gewahrte kleine Schreine und Truhen von Silber, von Elfenbein und Gold, deren künstlicher Werth jenen des Edelmetalls noch überstieg. An keinem Fenster fehlten silberne Armleuchter mit brennenden Wachskerzen, zwischen denen Heiligenfiguren standen, und nicht selten blitzte ein Kränzlein von Edelsteinen um das Haupt Unserer Liebenfrau. Aus zierlich geformten silbernen Rauchgefäßen kräuselten feine Wölkchen empor, die Luft mit den Wohlgerüchen des Morgenlandes erfüllend. – Alle diese Erscheinungen und andere Merkmale entgingen Rudolph nicht, und gaben ihm einen Maßstab für den Reichthum der Stadt Worms.

Während ununterbrochene Zeichen der Begeisterung den Kaiser nach dem Münster geleiteten, galten fast ebenso lebhafte Aeußerungen der Bewunderung dem stattlichen Helden Sighard, dessen kühne Thaten seit einiger Zeit in Worms das Tagesgespräch bildeten. In Wirklichkeit gewährte die Hünengestalt des Recken, in ungewöhnlich starker Rüstung auf dem gepanzerten Streithengste sitzend, einen überaus kriegerisch stolzen Anblick. Als er bemerkte, wie Tausend Hände auf ihn hindeuteten, wie Männer aus der Volksmasse Hüte und Mützen ihn begrüßend schwenkten und Frauen ihn beklatschten, da erglühte sein Angesicht vor Schaam. Er fühlte sich beklommen in einer ihm ganz neuen Lage und wünschte sehr, es möchte endlich der Zug zum Münster gelangen. Nun aber zu einem Gegenstande allgemeiner Bewunderung gezwungen, glich er einem verschämten Jüngling, der seinen Blick kaum zu erheben wagt. Allein gerade dieses Verhalten einer bescheidenen Sinnesart war nicht geeignet, die Hochschätzung für den Bewunderten und die Zeichen der Verehrung zu beschränken.

In der Menge eingezwängt, stand die zungengewandte, schneidige Müller-Prisel. Sie stimmte kräftig ein in die brausenden Jubelrufe und ihre Augen blitzten begeistert für den König. Als jedoch der Kaiser näher kam und sie dessen Gesichtszüge gewahrte, verstummte sie plötzlich und wurde leichenblaß. Sie hatte ihren Tischgenossen von Lorsch erkannt und erschrack in den Tod, ob ihrer spitzigen Reden. Der Zug war längst vorüber, die Müllerin gewahrte dies ebensowenig, wie den Umstand, daß sie von der Volksströmung davongetragen wurde, wie eine hölzerne Figur.

»Herr Jesus, – was hab' ich gethan!« seufzte sie, beide Hände auf die Brust drückend. »O ich unseliges Weib, – was hat meine böse Zunge angerichtet! – – Was fange ich an, die Schande von mir zu waschen, – den Frevel zu sühnen? Was fange ich an?«

Sie überlegte.

»Ja, – ja, Prisel, du mußt daran! Thun mußt du, was Christenpflicht vorschreibt, – mußt Abbitte leisten. Daran soll's und darf's nicht fehlen, – kniefällig will ich abbitten und dem guten König, wenn's ihm gefällt, ohne Widerrede gestatten, die giftige Spitze meiner sehr viel argen Zunge abzuschneiden.«

Inzwischen war Rudolph vor dem Münster angelangt, wo ihn der Bischof, an der Spitze des gesammten Clerus der Stadt, erwartete. Und jetzt ergab sich, daß die Begrüßungsworte des Bürgermeisters vor dem Thore, – »Ihr seid Gott willkommen,« keine Redefigur gewesen, sondern aufrichtig und ernst gemeint waren; denn der Bischof trug in goldstrahlender und von Edelsteinen funkelnder Monstranz den heiligen Frohnleichnam. Der Kaiser und Alle beugten das Knie und empfingen Gottes Segen. Der trefflich geschulte Chor der Domsänger begann einen jubilirenden Hymnus, und der Zug setzte sich nach dem Inneren des Münsters in Bewegung. Hinter dem Gefolge schlossen sich die Thorflügel; denn nach strengem Herkommen durfte »bei des Rathes ernstlicher Strafe, Unordnung zu verhüten, darein Niemand von der Bürgerschaft, weder Manns- noch Weibsperson.«

Rudolph kniete vor dem Altare auf reich behängtem Betstuhle. Der Bischof celebrirte die heilige Messe. Nach derselben verließ der Kaiser, in Mitte der beiden Bürgermeister, geleitet von sämmtlichen Rathsmannen, das Münster, weiteren Forderungen der Einzugsfeierlichkeiten zu genügen. Er schritt durch eine schmale Gasse, von Gewappneten in der Volksmasse gebildet, nach einem hohen Gerüste. Eine breite Stiege, mit rothem Tuche belegt, führte zur Bühne empor. In Mitte derselben erhob sich über mehreren Stufen ein reichgezierter, von einem Baldachin überdeckter Thron. Rudolph stieg die Stufen zum Throne empor, ohne sich auf demselben nieder zu lassen. Um ihn her standen im Halbkreise die Bürgermeister und Rathsmannen. Den weiten Münsterplatz hielten die wehr- und stimmfähigen Bürger dicht besetzt. Schulter an Schulter gedrängt, standen die geharnischten Männer, deren lichten Helmen die Sonne ein solches Funkeln und Blitzen entlockte, daß der Blick geblendet wurde. Das festgeschlossene Zusammenstehen der gewappneten Masse brachte im grellen Lichte des Sommertages zugleich die eigenthümliche Wirkung hervor, daß alle Strahlen in ein Ganzes zusammenflossen und der Münsterplatz von einer einzigen flammenden Gluth bedeckt schien. Und fast noch heller und glänzender, als die Rüstungen der Bürger von Worms, strahlten die Augen des Kaisers, indem er auf die trefflich bewehrten freien Mannen niedersah, in Treue ihm ergeben, die verläßigsten Stützen seiner Kaisermacht.

Herr Hartmann, der Bürgermeister, trat an den äußersten Rand der Bühne, in der Rechten ein Pergament, an welchem das große Reichssiegel baumelte. Er hob die Hand und das leiseste Geräusch wich tiefer Stille.

»Liebe Freunde allesammt!« rief er mit lauter Stimme. »Unser gnädiger Herr, der deutsche König und römische Kaiser Rudolph, der hier zugegen steht, von dem wir Treue, Gnade, Friede und Ehre gewinnen, hat der Stadt und den Bürgern zu Worms alle Freiheiten, Rechte und Gewohnheiten bestätigt durch diesen öffentlichen Majestätsbrief, den ich hier in der Hand habe, und den ihr Alle sehet, besagend, daß er uns bei allen Rechten und Freiheiten will bleiben lassen, darum sollen und wollen wir ihm auch Alle huldigen. Jetzt hebet Alle aus die rechte Hand zum Schwure, und sprechet dem Stadtschreiber nach.«

Der Kaiser ließ sich nun auf dem Thron nieder.

Der Stadtschreiber, in eine faltenreiche, bis zu den Füßen hinabwallende Tunika gehüllt, trat in den Vordergrund. In der Hand hielt er eine Pergamentrolle mit der Eidesformel.

Die Bürgermeister, die Rathsmannen und alle Bürger hoben zum Schwure die Rechte hoch empor.

Der Rathsschreiber verlas mit weithin schallender Stimme, in kurzen Worten, von allen nachgerufen, die eidliche Huldigung.

Der viel tausendstimmige Schwur rauschte um die Kuppeln und Thürme des Münsters, wiederhallte an den umliegenden Gebäuden und klang, wie ein heiliger, an den König bindender Spruch, über die ganze Stadt.

»Daß wir unserem gnädigen Herrn Rudolph, dem deutschen Könige und römischen Kaiser, der hier zugegen, getreu und hold sind, und ihm huldigen als freie Bürger, mit Bewahrung unserer Freiheit, so wahr uns Gott helfe und alle Heiligen!«

Rudolph erhob sich und verließ den Thron. Während die zurückweichende Menge eine Gasse bildete, stiegen der Kaiser, die Bürgermeister und Rathsmannen zu Pferde und ritten, von endlosen Jubelrufen des Volkes geleitet, nach dem Rathshofe. In der Vorhalle dieses stattlichen Gebäudes lagen zwei große, bekränzte Fässer, gefüllt mit dem edelsten Rebensaft. An die Fässer reihten sich zwei Kufen mit Hafer. Ein reich bedeckter Tisch trug auf zwei mächtigen Platten zwei Rheinsalme von ungewöhnlicher Größe. Zwischen den Salmen glänzte eine kunstvoll gearbeitete silberne Kanne, bis zum Rande mit Goldstücken gefüllt.

Der Kaiser betrat mit seinem Gefolge die Halle.

»Gnädiger Herr König und Kaiser!« begann Bürgermeister Hartmann. »Nach löblichem Brauche und Herkommen, pflegt unsere gute Stadt Worms, gleich allen freien Reichsstädten, den deutschen Königen, so uns dieselben durch ihren ersten Besuch auszeichnen, mit einer kleinen Verehrung aufzuwarten. So geschieht es auch heute. Darum empfanget in Huld von der Bürgerschaft Eurer getreuen Stadt Worms zwei Fuder Wein, ein Fuder Hafer, zwei Rheinsalme und diese Kanne mit Goldmünze.«

»Wir danken Unseren Lieben und Getreuen für das hübsche Geschenk!« erwiederte Rudolph, indem heitere Laune, eine vorwiegende Eigenschaft seines Wesens, die ernste Würde seines Angesichtes verdrängte. »Unsere Rosse werden sich an dem vortrefflichen Hafer ergötzen, mir und meinen trauten Tischgenossen mögen Fische und Wein wohl behagen, und für eine löbliche Verwendung des goldenen Inhaltes der Kanne wird Unser Pfalzgraf bedacht sein.«

Nun folgte der Schlußakt des Ganzen, und dieser mochte nicht Wenigen, in Folge der lange währenden Feierlichkeiten, erwünscht sein.

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