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Altdeutsch - Dritter Band

Conrad von Bolanden: Altdeutsch - Dritter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleAltdeutsch - Dritter Band
publisherVerlag von Franz Kirchheim
year1881
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171215
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Frohe Botschaft

Während dieser Vorgänge in Lorsch wirkten die arglistigen Umtriebe des Unheilstifters Bertolf in Auerberg fort.

Billungen war mit dem festen Entschlusse von Starkenburg heimgekehrt, unter keiner Bedingung eine Vermählung Edithas mit dem Grafen zu gestatten, – selbst nicht auf die Gefahr hin, mit dem gewaltthätigen Manne deßhalb in blutige Fehde zu gerathen. Von Seite Edithas erwartete er natürlich keinen Widerspruch, hoffte vielmehr eine freudige und dankbare Aufnahme seiner Sinnesänderung. Aber auch diesmal verschuldete Billungens bekannte Kurzsichtigkeit eine arge Täuschung Als er am Morgen des nächsten Tages seiner Tochter die veränderte Sachlage erklärte, stieß er, zu seiner größten Ueberraschung, auf hartnäckigen Widerstand.

»Mein Vater, Unmögliches verlangt Ihr! Wie kann ich mein gegebenes Wort zurücknehmen, ohne Untreue? Ihr selber habt geworben für den Grafen, – ich gab meine Einwilligung. Nein, – Ihr sollt Euch einer treulosen Tochter nicht schämen müssen.«

»Ich warb für den Grafen, – ganz richtig! Warum? Weil ich ihn für einen hochherzigen, edlen und biederen Mann hielt. Doch, – wie gesagt, bei dem heiligen Feste in Lorsch ging mir ein Licht auf. Ich hatte mich geirrt, ich war verblendet. Bertolf ist wirklich das, für was Du ihn immer gehalten hast: – ein böser Mann, ein tückischer Geselle, der mich hinterging und überlistete. Dazu ist er ein Straßenräuber, ein Unterdrücker wehrloser Leute, ein Quäler der frommen Mönche in Lorsch, ein Heide. Solch ein Mensch darf niemals der Gatte meines Kindes werden. Es wäre Dein Unglück, Editha, – Dein jammervolles Unglück auf Lebensdauer!«

»Auch dies überwand ich und bin entschlossen, in das Elend, selbst in den Tod zu gehen,« entgegnete sie ruhig.

»Nein, Thörin, nein, – daraus wird nichts! Dabei handelt es sich nicht allein um Dich, sondern auch um mich, Deinen Vater. Die Absolution wurde mir verweigert, wegen des sündigen Mißbrauchs meiner väterlichen Gewalt, – wegen der unverantwortlichen Kurzsichtigkeit, meine Tochter einem gottlosen Menschen zu vermählen. Alles nehme ich zurück, – ich verwünsche meine Stockblindheit. – Wie kannst Du zögern, – unentschlossen schwanken? Soll Dein Vater von der Kirche verstoßen und von Gott verdammt werden?«

»Gewiß nicht, mein Vater! Schuldig waret Ihr, so lange Euer Gebot zur Heirath mit dem Grafen mich drängte gegen meinen Willen, – schuldlos seid Ihr jetzt durch Euren Widerspruch in derselben Sache. Mit freiem Willen, aus eigener Wahl, bin ich dem Grafen verlobt.«

»Du kannst ihn aber ohne meine Einwilligung nicht heirathen, – und diese erhältst Du niemals.«

»O mein Vater, bedenket, daß nur meine Hand, mein bereitwilliges Opfer, den edlen Sighard aus Haft und Tod erlöst,« sprach sie geängstigt. »Gerne will ich das Schrecklichste ertragen, den Jugendfreund zu retten.«

»Aha, – darin liegt es, – nun begreife ich!« rief er aus, nicht ohne Bewunderung seine Tochter betrachtend und nicht ohne Verständniß für deren Seelengröße. »Du bist ein herrliches Mädchen! Weiß Gott, – Du bist eine Perle Deines Geschlechtes! Von Haft und Tod willst Du den edlen Sighard retten mit Deinem Leben, – das ist großartig! Höre, – Kind, höre! Meine Seele und meine Tochter, – dazu eine solche Tochter, um die mich die ganze Welt beneiden mag, stehen mir weit näher, als Sighard. Er ist ein hochgemuther Mann, – ein edler Degen, ein frommer Ritter, – ein starker und kühner Held, – ohne Frage, das ist er! Allein ich kann ihm nicht helfen. Mordet ihn der Heide Bertolf, wie es seine Mutter gedroht, so beklage ich das harte Geschick Greifensteins, – kann es aber um solchen Preis nicht wenden.«

»O Du mein Gott!« rief Editha mit gerungenen Händen und dem Ausdrucke des qualvollsten Seelenschmerzes.

»Fasse Dich, mein Kind l« sagte Frau Kunigunde. »Der Entschluß Deines Vaters ist ohne Zweifel richtig und wohlgefällig vor Gott; denn Aeltern dürfen unter keiner Bedingung ihre Kinder schlechten Menschen vermählen. Wegen unseres Freundes Sighard sei nicht in allzu großen Aengsten. Niemals verläßt der allmächtige und getreue Gott Jene, die ihm dienen, – und Sighard ist fromm und gut.«

Ein Kammerknecht trat ein.

»Da ist ein Bauer aus Heppenheim, der Euer Gestrengen sogleich zu sprechen wünscht.«

Der Burgherr nickte gewährend mit dem Haupte.

»Gott helf!« grüßte der eintretende Landmann.

»Dann – Was bringst Du?«

»Botschaft von dem edlen Ritter vom Greifenstein, – eine ganz verwunderliche Botschaft!« begann der Bauer, bei lautloser Spannung der Hörer. »Heute morgen fuhr ich auf den Acker. Da kam der edle Sighard von der Starkenburg herab geritten, – war just auf dem Wege nach Lorsch. Bei mir hielt er an, grüßte mich recht freundlich und sagt: – Willst Du eine wichtige Kunde nach Auerberg tragen? – Warum nicht? – sagt' ich. – Darauf sagt er: – Laufe geschwind nach Auerberg, grüße vielmal den gestrengen Ritter und dessen liebwerthe Familie von mir und melde, – sagt er, daß ich heute in der Frühe die Mannen des Burggrafen erschlagen, – sagt er, und ihn selber, nämlich, sagt er, den Grafen Bertolf, nebst seinen drei Söhnen, – sagt er, in einen Thurm gesperrt habe. Jetzt reite ich nach Lorsch, – sagt er, den Rath der ehrwürdigen Väter zu hören. – So sagt er und ritt von dannen gegen Lorsch.«

Die überraschende Kunde versetzte Baldemar in die größte Bestürzung.

»Heiliger Gott!« rief er aus. »Die Mannen erschlagen, – den Grafen gefangen, – was soll das?«

»Darob, dünkt mir, soll Euer Gestrengen nicht irre werden,« entgegnete der Landmann. »Bertolf ist ein rechter Zwingherr und arger Leutfresser gewesen. Dieser Preuß hat alle Bauern ausgesäckelt, so weit seine Raubkrallen reichten, – zu guter Letzt hätt' er uns noch die Haut vom Leib' gezogen. Hätt' ihn der starke Ritter vom Greifenstein todtgeschlagen, so wären wir des Schinders und Pressers für immer los und ledig.«

»Das verstehst Du nicht, Mann! Ei, – ei! Indessen, – ich danke für Deine Mühe! Ei, – ei! – Gehe hinab zur Kemnate und lasse Dir einen Krug Wein, nebst Imbiß geben.«

Der Bauer versuchte eine unbeholfene Verbeugung und ging.

»Ei, – ei!« fuhr Billungen kopfschüttelnd fort. »Wohin hat sich Greifenstein fortreißen lassen? Den Vasallen des Kaisers in dessen eigenem Burgfrieden überwältigt und gefangen? Die Burghut erschlagen? Was soll daraus werden?«

»Könnte die kühne That dem Helden Sighard Unheil bringen?« frug Editha beunruhigt.

»Ob sie ihm Unheil bringen kann? Ei, – ei! Ein höchst tollkühnes Wagniß, – ein höchst gefährliches Unternehmen! Dreifach gefriedet ist Starkenburg, nämlich als Sitz des Blutbannes, des Grafen und des Vogtes. Nun diese Geschichte! Was fiel dem Jungen ein? War er von Sinnen? Und was hat er davon? Den Gefangenen muß er frei geben, – und dieser wird eine Klage vor dem Kaiser anheben, die, – nun –«

Er wars einen Blick aus seine Tochter und schwieg.

»Du beurtheilst die Sache zu strenge und einseitig,« sagte Kunigunde. »Als Eidgenosse der Stadt Worms lag Sighard mit dem Grafen in Fehde, und er wird wissen, wie weit er nach den Kampfgesetzen gehen darf.«

»Ja, – ja!« erwiederte Herr Baldemar in dem Tone eines Menschen, der so etwas besser versteht.

Editha gedachte des ausfallenden Benehmens Sighards am verflossenen Tage, sowie dessen entschlüpfter Andeutung, und sie errieth den Beweggrund zur Handlungsweise des Geliebten.

»Wenn Herr Sighard nach Lorsch ritt, zum weisen Rathe der Väter,« sprach sie, »dann ist er auf dem besten Wege, künftigem Unheil vorzubeugen.«

»Gewiß! Die gelehrten Magister werden ihn klug berathen, – aber Geschehenes können auch sie nicht ungeschehen machen.«

So verging der Morgen, unter wechselseitigen Ausdrücken von Hoffnungen und Befürchtungen.

»Bitte es nicht gut, mein Vater, einen Boten nach Lorsch zu schicken und anzufragen? Die Ungewißheit quält mich gar zu peinlich.«

»Der Einfall ist gut,« erwiederte Baldemar. »Sogleich soll Kuno hinabreiten.«

Er wandte sich rasch nach der Thüre, als dieselbe aufging und Sighards Bote, der Laienbruder, grüßend eintrat.

»Euch sendet Gott im Himmel, guter Bruder!« rief Billungen erfreut. »Ihr bringt doch Kunde vom Ritter Sighard?«

»Vom Ritter Sighard nicht, edler Herr, – wohl aber von dem Grafen Sighard!« antwortete lächelnd der Bruder.

»Vom Grafen Sighard?« wiederholte Baldemar mit grenzenlosem Erstaunen.

»So ist es, Euer Gestrengen!« – und der Bote berichtete die außerordentlichen Vorgänge in Lorsch.

Und die Mär versetzte die Familie Billungen in ein an Erstarrung grenzendes Erstaunen. Herr Baldemar stand da mit offenem Munde, lauschend mit allen Sinnen, die stieren Augen auf den Erzähler geheftet. Frau Kunigunde saß regungslos vor ihrer Handarbeit, in gespanntester Aufmerksamkeit und mit den Zeichen namenloser Ueberraschung den Worten des Frater barbatus folgend. Editha stand hoch aufgerichtet, während ihr reizendes Angesicht von Glück und Freude strahlte und ihre leuchtenden Augen in Thränen schwammen.

»Der gnädige Graf läßt Euch herzlich grüßen und melden,« schloß der Bote, »daß er selber würde nach Auerberg geritten sein, allein der Kaiser befahl seine Gegenwart beim Einzuge in Worms.«

Jetzt kam Leben und Bewegung über den Burgherrn.

»Kunigunde, – Editha, – habt ihr's gehört? Das Nämliche gehört? Täuschten mich meine Sinne? Ist's etwa ein Traum? Kaiser Rudolph in Lorsch, – Sighard zum Grafen von Starkenburg, – zum Schutzvogte von Lorsch erhoben? Habt Ihr das nicht gemeldet, Bruder?«

»Wie Ihr sagt, gestrenger Herr! Und wie ich meldete, so begab sich Alles.«

»Ist's denn möglich? Geschehen Wunder? Wie kam dies Alles, – so unerwartet, so plötzlich, so wundersam? Eben noch fürchteten wir Schlimmes für Sighard, – und jetzt?«

»Gottes Walten!« sagte Frau Kunigunde. »Seines treuen Knechtes Sighard gedachte der Herr, schirmte und erhöhte ihn, zum Lohne seiner Tugenden. Und den argen Bertolf, den bösen, gewaltthätigen Mann, hat er jählings gestürzt und schwerer Bestrafung überliefert.«

»So ist es, gnädige Frau!« versetzte mit ernstem Kopfnicken der Bruder. »Vor unseren Augen erfüllen sich die Worte der Schrift: »Glückselig Derjenige, dessen Helfer der Herr! Recht schafft Gott Denen, die Unrecht leiden, – Er richtet auf die Gebeugten, – Er liebt die Frommen und vernichtet die Wege der Frevler.« – Der grimme Pharao Bertolf wird unser Kloster nicht mehr schatzen und aussaugen, – Brüder und Väter nicht mehr quälen, – die Wehrlosen nicht mehr unterdrücken, berauben und morden. Hienieden wird Kaiser Rudolph dem Bösewichte ein gerechtes Urtheil sprechen, und jenseits der allwissende Gott ihn richten.«

Für Editha war der Raum zu enge geworden und ein unsagbarer Gemüthssturm über sie gekommen. Sie verließ das Zimmer und eilte nach ihrem Gemache. Dort stieß sie einen hellen, durchdringenden Schrei aus. Der Schrei klang, wie entfesseltes Aufjauchzen der Seele, wie gewaltsam hervorbrechender Jubel. – – Sie sank in die Kniee vor dem Gekreuzigten, dem Zeugen ihres bitteren Wehes und qualvollen Ringens, bis zur Entäußerung ihrer selbst und der Hingabe ihres Lebens für den Geliebten.

Jetzt breitete sie die Arme aus und rief: »Preis und Dank und Ehre sei Dir, grundgütiger Gott! Sei gebenedeit viel tausendmal, Du liebreichster Herr! Deine Huld und Güte allein hat ihn gerettet und auch mich.«

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