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Altdeutsch - Dritter Band

Conrad von Bolanden: Altdeutsch - Dritter Band - Kapitel 6
Quellenangabe
authorConrad von Bolanden
titleAltdeutsch - Dritter Band
publisherVerlag von Franz Kirchheim
year1881
correctorreuters@abc.de
senderWilfried Pieroth
created20171215
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Wie Sighard die Starkenburg gewinnt

Die Ueberraschungen waren für den Grafen noch nicht zu Ende.

Am späten Abend ritt Sighard von Greifenstein in den Schloßhof und verlangte, sogleich mit dem Burggrafen zu sprechen. Das Gemach, welches Beide betraten, war von einem Leuchter erhellt, dessen Flamme in der blanken Rüstung Sighards sich spiegelte und zugleich dessen entschlossene Züge beleuchtete. Bertolf stand ihm erwartungsvoll gegenüber, nicht ohne Unruhe das dräuende Wetterleuchten in den Augen des Recken gewahrend.

»Ich komme von Auerberg, wo ich die Bedingung meiner Lösung erfuhr,« hob er an. »Mich wundert nicht, daß noch ein kleiner Rest von Schamgefühl Euch hinderte, das Schmachvolle Eurer Forderung zu enthüllen. Mir fehlen die Worte, den Abscheu auszudrücken, der meine Seele über die Schändlichkeit Eures Ansinnens erfüllt. Der leidige Satan hat Euch getrieben, die Hochherzigkeit Edithas in so bubenhafter Weise auszubeuten Wie, – Graf, Leben und Glück einer Jungfrau, wie solche keine zweite mehr die Erde ziert, sollen der Kaufpreis sein für meine Lösung? Die unvergleichliche Editha, die Perle ihres Geschlechtes, – diese Kaiserin an Schönheit und Geistesadel, sollen Gram und Abscheu an der Seite eines verhaßten Mannes langsam verzehren, damit Sighard von Greifenstein lebe? – Nein, daraus wird nichts! Der Lösepreis ist viel zu hoch, ich nehme ihn nicht an.«

»Wie, – was? Gefangenschaft zieht Ihr der Freiheit vor?« that verwundert der Preuße; »Seid Ihr etwa berauscht? Vernünftiger Ueberlegung baar? Ein junger Mann, von Eurer Kraft und Hoffnung, will lieber im Thurmverließ elend verkümmern, als in Ehren eine glänzende Laufbahn betreten?«

»Will tausendmal lieber sterben, als Editha namenlos unglücklich machen.«

»Editha findet kein Unglück in einer Verbindung mit dem Grafen von Starkenburg. Es stand ihr frei, mein Werben abzuweisen Sie that es nicht, weil ihr klarer Verstand in einer Vermählung mit mir Alles das erblickt, was ihr Herz begehren kann.«

Greifenstein lachte wild auf.

»Ha, – ha! Ich glaubte, Ihr währet nur ein Schurke, nun merke ich, daß Ihr auch ein Heuchler, oder blödsinniger Thor seid.«

»Unterlasset die Schmähungen!«

»Keine Schmähungen! Die reinsten, tadellosesten Wahrheiten: – Schurke und Narr! – – Stille gestanden, Mensch, – mich angehört!« donnerte der grimme Degen, mit dem ehernen Fuße den Estrich stampfend, daß die Gewölbe erdröhnten. »Nach Dir steht Edithas Begehren, – wähnst Du? Pfui, bubenhaftes Vermessen, das Licht anzuklagen, es ersehne die Finsterniß der Nacht, – die Seligkeiten des Himmels der Unthat zu zeihen, sie wünschten eine Vermählung mit Schwefelgestank und Teufelsfratzen der Hölle! – Habet Acht, Graf, ich will Euch sagen, weßhalb Editha Euer gewaltthätiges Werben nicht mit Verachtung zurückwies! – Eure Mutter war aufrichtig; sie gestand Baldemars Tochter, daß ein Gefangener dem Tode geweiht sei, der zwei ihrer Enkel im Kampfe erschlug. Ein Preuße, erzählte Eure Mutter dem Edelfräulein, sei nicht gebunden an die thörichten Sitten der Deutschen, – ein Preuße finde es albern, dem Gefangenen ehrenvolle Haft zu gewähren, – ein Preuße morde den Todfeind. Und dann, – von Entsetzen erfüllt, geleitet und beherrscht von dem Gedanken an meinen geplanten Tod, gab meine hochsinnige Freundin widerspruchslos Glück und Dasein hin, mein Leben zu retten.«

»Was meine Mutter berichtet über preußische Art und Sitte, ist Wahrheit,« versetzte kalt der Graf. »Von ritterlicher Haft weiß man in Preußen nichts und hält es für klug, gefangene Feinde zu tödten. Meinestheils gedachte ich jedoch nicht, mit Euch zu verfahren nach Herkommen und Brauch meiner Väter. Dagegen fände ich es angemessen, Eure freie Bewegung enge zu begrenzen durch den Aufenthalt an einem Orte, für die Dauer unerträglicher und bitterer, als der Tod.«

»Ein finsteres, moderiges Loch, zwanzig Fuß tief unter der Erde, – nicht wahr? Nun, – es schreckt mich ebenso wenig, wie der Tod. Das Grab für den Lebendigen ist lange nicht so schauerlich, als das Bewußtsein, ein engelgleiches Wesen zu der Höllenpein verdammt zu haben, an Eurer Seite zu leben. – Ich bin Euer Gefangener! Verfahret mit mir nach Belieben und preußischer Grausamkeit.«

»Ich verfahre mit Euch nach abgemachtem Handel. Euer Lösegeld ist bezahlt, Ihr seid frei.«

»Ich erkläre den Handel für ungültig und mich der niederen Gesinnung für unfähig, einen solchen Lösepreis zu genehmigen.«

»Ist Editha mit Eurer Weigerung einverstanden?« frug lauschend der Preuße.

»Nein! Sie ist vielmehr entschlossen, zu sterben für den Freund.«

»Dies entscheidet Alles! Was Treue und Worthalten betrifft, soll mich kein Weib beschämen.«

»Und ich beschwöre Euch, Editha frei zu geben, meine Gefangenschaft anzunehmen!« bat dringend der junge Edelmann. »Als Feind müßte ich von Euch scheiden, – darum hütet Euch wohl, mich frei zu geben! Ihr würdet es schwer büßen, meine edelsinnige Jugendfreundin mit einem qualvollen Joche belastet zu haben.«

»Nun, – ich denke, Ihr würdet gerade um Eurer Jugendfreundin willen deren Gemahl glimpflich behandeln,« versetzte Bertolf mit erzwungener heiterer Laune. »Editha wird ohne Zweifel mein getreues, liebendes Weib, das jede Ungebühr gegen den Gatten schmerzlich empfindet.«

Er hielt inne; denn abschreckend und furchtbar entstellten Grimm und Wuth das Angesicht Greifensteins.

»Euer liebendes Weib? Ha – ha! Euer Schlachtopfer, das elend verblutet unter den Martern Eurer höllischen Tücke. Graf, – laßt Euch rathen, – bedenket Euer Heil! Fordert all mein Gut für meine Lösung. Genügt Euch das nicht, so raubt mir das Leben, – nur begehret nicht Editha! Bestehet nicht auf einer Forderung, die stark genug ist, mich in den hellen Wahnsinn hinein zu treiben.«

»Nimmermehr! Editha wird mein Weib, – Ihr seid frei. Für diese Nacht möget Ihr unter meinem Dache rasten. Mit dem Morgengrau verlaßt Ihr dieses Haus.«

»Dies wäre Euer letztes Wort?«

»Mein letztes.«

Greifenstein wandte sich um und verließ ohne Gruß das Gemach. Er stieg zur Krankenstube Steinbergs empor, der sich beim Eintritte des Gewappneten mühsam aufrichtete.

»Was bringt Ihr, edler Sighard? Mit Ungeduld erwartete ich Euer Kommen. Bertolf, den ich zu fragen gedachte, läßt sich nicht blicken, – der Undankbare! Da ich bei Kraft gewesen, hoffierte er mir, – jetzt läßt er mich vergessen liegen.«

»Undankbarkeit ist häßlich, – dennoch ist Undankbarkeit des Grafen schlimmste Eigenschaft noch lange nicht.«

»Nun, – was bringt Ihr?«

»Zuerst, – wie steht es mit Eurem Befinden?«

»Schlecht! Meine Kräfte schwinden. Es geht zu Ende. Ich sehne mich nach Lorsch, – zu sterben unter dem geistlichen Beistande jener frommen Mönche.«

»Wohl gesprochen, mein trauter Freund! Das höchste Gut auf Erden ist ein schuldfreies, mit Gott versöhntes Hinscheiden, – dies soll Euch werden. Morgen vertauscht Ihr dieses Haus mit geweihter Stätte, mit dem Vorhofe des Paradieses, wo Gottes Engel auf- und niedersteigen, wo die Gebete reiner Seelen Euer hochwichtiges Vorhaben mächtig unterstützen. – – Babo,« wandte er sich an seinen Knecht, »gehe hinab zur Küche, besorge eine gute Suppe für meinen Freund, und für mich ein kräftiges, reichliches Abendessen.«

Dann zog er den Ringkragen, das Panzerhemd und die übrigen Rüstungsstücke von den Gliedern. Er stellte einen Stuhl vor das Bett, ließ sich nieder und erstattete ausführlichen Bericht. – Steinbergs Erstaunen war grenzenlos, sein Unwille sehr lebhaft.«

»Ei – ei!« sagte er kopfschüttelnd, nachdem Sighard geschlossen. »Solch ein Ding hätte ich mir nicht träumen lassen. Kein deutscher Mann wäre solcher Tücke und Niederträchtigkeit fähig. Aecht preußisch! Manches erzählte mir der Graf von preußischen Sitten und Bräuchen, – von deutscher Art ist nichts dabei. Die Preußen sind halt Barbaren, – und Bertolf verfährt barbarisch. – – Ihr habt wohl gethan, edler Degen, mit Abscheu des Grafen ehrwidrige Forderung abzuweisen. Ja, – lieber sterben, als sich retten durch solch ein Opfer! Mich aber würde die Erfahrung maßlos beglücken, die Liebe bis in den Tod einer so unvergleichlich schönen und minnereichen Jungfrau zu besitzen.«

»Was ich darüber empfinde, mein Freund, läßt sich in Worte nicht fassen.«

»Ihr werdet doch nicht Editha hilflos einem jammervollen Geschicke überlassen?«

Sighard stieß ein kurzes, grimmiges Lachen hervor.

»Was gedenkt Ihr zu thun?«

»Werdet's morgen erfahren und mit mir zufrieden sein«

Babo erschien, mit vollen Töpfe beladen. Steinberg erhielt eine würzig duftende Suppe. Der Tisch für Greifenstein wurde mit Braten, Salat, Brod und einem Kruge Wein bestellt.

»Babo, mit Tagesanbruch reiten wir von hinnen, – so ist es des Burgherrn Wille. Melde dem Thorwart, er habe beim ersten Tagesgrauen zu öffnen. Nun gehe und verschlafe Dich nicht.«

Greifenstein ließ sich nieder und aß. Er aß gemächlich und ausdauernd, als gelte es, den Leib für schwere Arbeit zu stärken. Auch Wein goß er so lange in den Becher, bis der Inhalt des Kruges zur Neige gegangen.

Nach einer kurzen Unterhaltung kniete er nieder, verrichtete mit Steinberg gemeinsam ein kurzes Gebet und suchte das Lager. Bald verriethen die tiefen und regelmäßigen Athemzüge des jungen Mannes, daß er, nach einem stürmischen Tage, in einen erlösenden und stärkenden Schlaf gesunken sei.

Ein wolkenloser Sommerhimmel war über das Land ausgespannt. Unzählbare Sterne funkelten und verkündeten die Unendlichkeit ihres Schöpfers. Im fernen Westen, hinter dem breiten Rücken des Donnersberges, schossen Feuerströme am Horizonte hin, die grausige Pracht eines schweren Wetters verkündend. Thürme und Mauern der Starkenburg traten jeden Augenblick, im Wiederscheine des Wetterleuchtens, aus der Nacht hervor. Auch der Mann wurde sichtbar, der hoch auf der Zinne des Wartthurms Wache hielt. An die Brustwehr gelehnt, schaute er gegen Westen und beobachtete den Zug der feurig gezackten und Flammen ausspeienden Wolken, die sich vom klaren Himmel scharf und dräuend abhoben. Er schaute über das weite Rheinthal, gefesselt durch den plötzlichen Wechsel von Licht und Finsterniß. In schwefelgelbem Lichte trat die Ebene hervor, Fluren und Wälder, Dörfer und Städte tauchten auf und versanken ebenso schnell in schwarzer Nacht. Bis gegen Morgen währte das nächtliche Schauspiel, dann verschwand das feuerspeiende Gewölk hinter den Höhen des Taunus.

Von Lorsch herauf klang die helle Stimme eines Glöckleins, es rief die Mönche zur Mette. Fast zu gleicher Zeit läutete es an verschiedenen Punkten, nahe und ferne, die Stätten bezeichnend, wo Mägde und Ritter Christi die nächtliche Rast unterbrachen, und nach dem Chore der Klosterkirche schritten, den beginnenden Tag zu weihen durch Psalmen, Hymnen und Gebete.

Der Thurmwächter sah nach der Höhe des Melibokus hinaus, dessen östliche Zinne in grauem Dämmer hervorzutreten begann. Der Dämmer wuchs und ging allmählich in röthlichen Schein über. Mit der Morgenröthe zog eine empfindliche Kühle über das Land. Der Thürmer hüllte sich in seinen Mantel und kämpfte wider den Schlaf. Aber die Einladung zum lieblichen Schlummer war nöthigend, unwiderstehlich. Bezwungen sank die Burghut in die Arme des Schlafes, eingewiegt von der fächelnden Kühle der Bergeshöhe. An die Thumzinne gelehnt, das Wächterhorn in der Hand, noch durch seine Stellung die letzten Anstrengungen des Widerstandes andeutend, bot er das Bild unterlegener Schwäche.

– – Plötzlich schrack er empor. Ueber den Burghof klangen schwere Tritte. Er sah hinab. Sighard, vollständig gewappnet, nahte dem Thore. Er klopfte am Fenster des Wärtels. Nach einem flüchtigen Blicke zur Höhe des Wartthurms, wo er die Burghut auslugend fand, trat er zur Mauerzinne, scheinbar des Wärtels harrend, in Wirklichkeit aber scharf ausspähend nach einem Gehölze, das etwa auf zwei Tausend Schritte bis zur Burg sich erstreckte. Die ersten Strahlen der Morgensonne streiften die Wipfel des Forstes, Und tief im Schatten, nur für ein Falkenauge bemerkbar, schimmerten Helme. Greifenstein gewahrte mit Befriedigung den blinkenden Stahl und wandte sich nach dem Thore, wo eben der Wärtel die schweren Riegel zurückschob. Langsam öffneten sich die starken Flügel, das Fallgitter stieg zur Wölbung empor, die Zugbrücke sank nieder, – die unbezwingbare Veste war geöffnet.

Sighard stand unter dem offenen Thore und sah nach den Gemächern des Grafen empor. Eine Mischung von Zorn und kühnem Wagniß spiegelte sich in seinen Mienen. Er setzte das Hifthorn an die Lippen und stieß so mächtig hinein, daß der schlanke Bergfrit leise das ergraute Zinnenhaupt schüttelte und sämmtliche Thurmfalken entsetzt davonflogen. Auch innerhalb der Burg wurden die Wirkungen dieser ritterlichen Herausforderung augenblicklich bemerkbar. In der großen Halle des Erdgeschosses, wo die Waffenknechte schliefen, entstand Lärm. Ueberraschte Gesichter tauchten an den Fenstern auf, sahen flüchtig nach dem Gewappneten und verschwanden rasch wieder. Waffen klirrten, Stimmen riefen durcheinander, Stahlhauben und Schilde rasselten, und dies Alles verrieth die Eile, mit der man sich rüstete gegen den Feind. Jetzt dröhnte auch das Horn des Thurmwächters, in langgezogenem dumpfen Tönen, nahende Gefahr verkündend.

Der Graf erschien eiligen Laufes im Burghofe, ohne Waffen und Rüstung, hinter ihm seine drei Söhne. Er sah Greifenstein unter dem geöffneten Thore und errieth augenblicklich die tollkühne Absicht des jugendlichen Helden.

»Graf, rüstet Euch zum Streite!« rief ihm der Recke entgegen. »Ihr selber habt mich gezwungen, das Schwert zu ergreifen wider den Unterdrücker des heiligsten Rechtes, wider den arglistigen Frauenräuber.«

»Ei, – ei! Wie hübsch Ihr das ersonnen!« erwiederte Bertolf im Tone des Hohnes. »In solcher Weise mißbraucht Ihr die Gastfreundschaft? Einem Wahnsinnigen gleich, überfallt Ihr die Bewohner eines Hauses, das Euch beherbergte?«

»Von Ueberfall ist keine Rede! Hier stehe ich und fordere Euch zum Kampfe. Benützte ich die günstige Gelegenheit, welche mir die Höhle des Wolfes öffnete, so ist dies erlaubte Kriegslist.«

»Wobei es dem schlauen Herrn leicht begegnen könnte, sich selbst überlistet zu haben. – Mit Euch kämpfen? Nein! Ich bin kein Thor, der sich ohne Noth Gefahren aussetzt. Meine tapferen Knechte werden Euch züchtigen für den hochfahrenden Trotz, die ganze Besatzung einer Burg heraus zu fordern.«

»Wie Du willst, Feigling! Hetze Deine Meute, – und dann hoffe ich, den kampfesscheuen Burgherrn mit einem Stocke hinaus zu prügeln.«

»Spare Deinen Spott, junger Laffe! Bevor zehn Minuten vergehen, wird man Deinen Leichnam über die Ringmauer hinab stürzen. – Wohlan, tapfere Mannen! Hebet die Schilde, – ziehet die Schwerter, – haut ihn nieder!«

Die Waffenknechte, etwa fünfzehn an der Zahl, alle wohl bewehrt und bewaffnet, eilten nicht gar sehr, des Grafen Befehl zu gehorchen. Einige von ihnen waren beim letzten Streite wider Sighard und die Wormser gewesen. Die Uebrigen kannten die furchtbare Stärke und kühne Tapferkeit des Recken aus Erzählungen ihrer Genossen. Jetzt zogen sie zwar die kurzen Schwerter, hoben die Schilde und stellten sich zum Kampfe, aber mit Vorsicht und Zaudern, wie Jäger, welche das höchstgefährliche Unternehmen wagen, einen Löwen anzugreifen. Trotzdem verdienen die Reisigen keineswegs den Vorwurf der Feigheit. Sie Alle waren in den Waffen geübte und muthige Leute. Allein der Anblick Greifensteins war ganz geeignet, auch dem Muthigsten banges Zagen einzuflößen. Ohne Waffenrock, so daß seine starke, undurchdringliche Rüstung vollständig sichtbar wurde, stand er da, hochragend, breitschulterig, von reckenhafter Form und Kraft der Gliedmaßen Den linken Fuß vorgestemmt, in der eisernen Faust das wuchtige Schwert, am linken Arme den stählernen Schild, über der Panzerhaube den blanken Helm mit dem geflügelten Wappenthier, harrte er regungslos des Angriffes, wobei durch die Oeffnungen des Visirs zwei glühende Augen flammten. Er stand mitten unter dem Thorbogen, geschützt gegen jeden Rückenangriff, ihm gegenüber die feindliche Uebermacht, – ein Schauspiel, das an jene deutschen Kreuzfahrer erinnerte, von denen Einer genügte, am Lagerthor ein ganzes Heer von Sarazenen aufzuhalten und einen Wall erschlagener Feinde aufzuthürmen.

Bertolf wiederholte eben seinen Befehl, als der Thürmer abermals in's Horn stieß. Die Starkenburger waren bisher der Meinung, das Zeichen betreffe lediglich Greifenstein. Jetzt aber rief der Thürmer aus Leibeskräften von der Zinne: »Hoiho – Feinde noh!«

Der Graf sah empor, gewahrte die Armbewegungen des Wächters und eilte ausspähend zur Ringmauer.

Zwischen der Burg und dem erwähnten Gehölze zog eine tiefe Schlucht von der Höhe des Berges bis herab zu dessen Fuß. Ueber dem Rande dieser Schlucht tauchten eben die Helme andringender Feinde auf. Bertolf rieb sich die Augen, – es war keine Täuschung, geharnischte Männer wuchsen aus dem Boden, sammelten sich zur kleinen Schaar und stürmten vorwärts.

»Mannen, haut zu, Feinde laufen an!« schrie der bestürzte Graf. »Vorwärts, – schließt das Thor! Kämpfer, tapfere Mannen! Mit Gold fülle ich eure Stahlhauben, – greift an, nieder mit dem Schurken!«

Die nahende Gefahr, das verlockende Gold, und auch die Schaam, dem Einzelnen gegenüber feige den Kampf zu meiden, trieb die Reisigen in den Waffenstreit. Mit Ungestüm und gellendem Kampfgeschrei fielen sie den Ritter an, wie eine Schaar heißhungriger Wölfe den Löwen. Und wie der Wüstenkönig mit mächtiger Tatze die wilden Hunde niederschlägt, so fielen die Knechte unter den furchtbaren Streichen Sighards. Gewölbe und Mauern wiederhallten von den sausenden Schwertschlägen des ergrimmten Kämpen und jeder Hieb brachte den Tod. Vergebens feuerte Bertolf die Reisigen an. Er sah das Häuflein rasch zusammen schmelzen und den Letzten dem sicheren Verderben geweiht. Von Wuth und Verzweiflung ergriffen, vergaß der Graf die Warnung der Götter und seine Wehrlosigkeit. Er raffte einen Schild vom Boden auf, entriß der krampfhaft geschlossenen Faust eines Gefallenen das Schwert und stand im Begriffe, sich auf den Feind zu stürzen. Da hemmte ein durchdringender Aufschrei seine Schritte.

Aus der Burg hervor stürzte Odina. Das gelöste graue Haar flatterte abschreckend um ihr Haupt, wild funkelten die Augen des häßlich verzerrten Gesichtes, die nackten Knochenarme waren ausgespannt und die Heftigkeit ihrer Bewegungen verleugnete ihr hohes Alter. Mit Ungestüm und mißtönendem Gekreische warf sie sich zwischen ihren Sohn und Greifenstein.

»Withing, halt – meide den Tod! Dorthin flüchte, – rette Dich zur Thurmhut!« rief sie, nach dem offenen Eingange eines Bollwerkes deutend.

Der Graf stand unentschlossen. Da sah er die Wormser über die Zugbrücke anlaufen, erkannte die Unmöglichkeit des Widerstandes und verschwand mit seinen drei Söhnen im Thurme. Odina folgte ihnen und verriegelte von innen die Thüre.

Der Kampf war zu Ende. Zwölf Knechte lagen todt am Boden, der kleine Rest ergab sich.

»Wir kommen zu spät!« rief Herbert von Windeck, an der Spitze der Wormser in den Hof stürmend. »Ei, – Herr Sighard, wie flink hat Euer schneidiges Schwert die Feinde niedergemäht!«

Greifenstein beachtete die Worte nicht. Die bluttriefende Waffe in der Hand, stand er da und blickte auf die entsetzten Knechte, als fordere sein Grimm den letzten der Bande zum Opfer.

»Hebet euch von hinnen, Raubgesellen!« sprach er drohend. »Stracks verlasset dieses Haus!«

Den Reisigen klangen die Worte wie Begnadigung, von der sie ungesäumt Gebrauch machten und eilig durch das Thor verschwanden.

»Ihr habt Perlen vor die Schweine geworfen, edler Sighard!« sagte Windeck, im Tone leisen Tadels. »Die Straßenräuber werden ihr sauberes Handwerk anderswo fortsetzen Man hätte die Schelme an den Galgen hängen sollen.«

»Laßt sie laufen! Sie werden keinen zweiten Hauptmann und keine andere Räuberhöhle finden; denn es giebt nur einen Buben Bertolf im Reiche.«

Der Graf erschien an einem Fenster des Thurmes.

»Was nun weiter?« rief er im Tone des Trotzes herab. »Zur Krönung Eures schimpflichen, gesetzlosen Treibens, gehört noch die Einäscherung dieser Burg, damit die Flammen weit hinaus über die Lande Greifensteins christliches Ritterthum verkünden.«

»Ich bin mir allerdings bewußt, durch Bekämpfung des Straßenräubers und Mörders Bertolf eine Pflicht des Ritterthums erfüllt zu haben,« erwiederte Sighard.

»Außerdem stritt unser geschworener Waffenbruder in einer Fehde, die Ihr selber angesagt und in der gewaltthätigsten, blutigsten Weise geführt habt,« ergänzte Windeck.

»Langsam, ehrenfeste Ritter, – nur langsam, – den Handel nicht verdreht!« widersprach Bertolf. »Starkenburg ist ein kaiserliches Erblehen meines Geschlechtes. Ich selber bin Reichsbeamter, kaiserlicher Vogt des Blutbannes. Fraget doch Gesetz und Recht, welche Strafen über die Verletzer des Reichsburgfriedens verhängt sind! Ich will es euch sagen: der Acht seid ihr verfallen. Und weil der Acht des Reiches zugleich der Kirche Bann folgt, so liegt auf dem guten, frommen Ritter Sighard von Greifenstein der Fluch seiner heiligen Kirche.«

Eine höhnische Schadenfreude klang aus den letzten Worten, die Herrn Sighard schwer trafen; denn überaus empfindsam war sein religiöses Zartgefühl. Er war kein Rechtsgelehrter und erschrack nun bei dem Gedanken, vor dem Gesetze und dem Angesichte Gottes höchst strafbar zu erscheinen.

»Ich weiß nicht, ob Ihr falsch oder wahr geredet, Graf!« erwiederte er nach einigem Nachsinnen. »Indessen, – falsch oder wahr, – gleichviel! Beides soll Euch wenig helfen. Zur Stelle reite ich nach Lorsch, den ehrwürdigen Vätern zur Entscheidung den Handel vorzulegen.«

»Das thut, edler Degen!« versetzte Bertolf in seiner höhnischen Weise. »Vielleicht wird man den Gebannten aus dem Kloster treiben und meiden, wie einen Pestkranken.«

Greifenstein beachtete nicht weiter die beißenden Reden.

»Freund Windeck,« wandte er sich an den Patrizier, »bewachet bis zu meiner Rückkehr die Gefangenen. Unter keiner Bedingung darf Einer von ihnen den Thurm verlassen, – auch des Grafen Mutter nicht; denn Brand könnte das arge Weib stiften und anderes Unheil.«

»Seid unbesorgt, edler Sighard! Die Wolfsbrut ist wohl behütet.«

Greifenstein betrat eine Halle und ließ sich von Babo die letzten Blutspuren von Waffen und Rüstung waschen. Dann zog er den Waffenrock über sein Stahlkleid, bestieg Steinbergs starken Streithengst und bald jagte er über die Ebene nach dem Kloster.

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