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Altaich

Ludwig Thoma: Altaich - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
titleAltaich
authorLudwig Thoma
publisherFischer Bücherei
year1957
noteungekürzte Ausgabe
senderstueber@mpiz-koeln.mpg.de
firstpub1918
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Erstes Kapitel

Eine seit langer Zeit erhoffte Seitenbahn verband nun endlich den Markt Altaich mit der Welt, von der er lange genug abgeschieden gewesen war.

Man hat in Bayern für diese zahlreichen, sich in einem Sacke totlaufenden Schienenwege die gemütliche Bezeichnung »Vicinalbahnen«, und sie dienen in der Tat dazu, die Nachbarn näher zusammenzubringen.

Etliche Meilen Weges genügen bei einer seßhaften Bevölkerung zur völligen Trennung, und nur Geschäfte konnten einen Altaicher nach Piebing und einen Piebinger nach Altaich führen.

Wer nicht Händler oder Käufer war, blieb sitzen und begnügte sich mit der Gewißheit, daß es drüben, droben oder drunten ungefähr so aussah und doch nicht so schön war, wie daheim.

Nun aber, weil die Bahn ging, mochte viele die Neugierde verführen, sich in der Nachbarschaft umzuschauen und Entdeckungen zu machen.

Wohl hatte man in Piebing oft gehört, daß die Wirtschaft zur Post in Altaich ein stattliches Anwesen sei, aber so geräumig hatte man sich Haus und Stallung, die für sechzig Pferde langte, doch nicht gedacht.

Die Stallung war noch in der guten Zeit gebaut worden, wo ungezählte Frachtwagen auf der Heerstraße fuhren und den Hausknechten die Säcke von den Trinkgeldern wegstanden, wo frühmorgens um vier Uhr angezapft und der Kessel mit Voressen ans Feuer gerückt wurde.

Dann kamen die Eisenbahnen, und auf den Landstraßen wurde es leer. Keine Peitsche knallte mehr lustig, um Hausknecht und Vizi zu grüßen, und die Stallungen verödeten.

Unterm Berg in Altaich hießen die Anwesen zum Schmied, zum Wagner, zum Sattler.

Die Namen erinnerten daran, daß hier das Handwerk geblüht hatte, als die Fuhrleute noch die steile Straße mit Vorspann hinauffuhren mußten und alle Daumen lang was zu richten hatten.

Ja, das war die gute Zeit gewesen, und eine schlechte war hinterdrein gekommen.

Vierzig Jahre lang war Altaich wie Dornröschen im Schlafe gelegen. Der jetzige Posthalter, Michel Blenninger, der Sohn vom alten Michel Blenninger, der noch im vollen gesessen war, mußte sein Geld genauer zusammenheben und seufzen, wenn er die langestreckten Dächer flicken ließ, unter denen nicht mehr die Scharen von Gäulen ein Unterkommen fanden. Es konnte ihm das Gähnen ankommen, wenn er über den weiten Hof hinschaute, auf dem sich ehemals die Plachenwägen angestaut und Fuhrmann, Hausknecht und Vizi ihr Wesen getrieben hatten, und der nun so verlassen dalag.

Es konnte ihm zumut sein wie seinem Tiras, der den Schweif einzog und die Ohren hängen ließ, wenn er in der prallen Mittagssonne über den Hof schlich.

Aber nun war ja die Vizinalbahn gebaut, und einsichtige Altaicher meinten, die alte Zeit oder ein Stück von ihr könne wiederkommen.

Der Posthalter war ungläubig.

»Papperlapapp!« sagte er. »Gehts mir weg mit der Bahn. Wer fahrt denn damit? D' Fretter. Dös san koane Wagelleut, die ausspanna, zehren, was sitzen lassen. Und überhaupts! Weil ma jetzt von Piebing herüber fahr'n ko und von Altaich hinüber. Dös kunnt aa no was sei! Hörts ma'r auf!«

»Den Anschluß hamm mir, verstanden?« erwiderte ihm nicht selten der Kaufmann Karl Natterer junior, ein strebsamer, auf Fortschritt bedachter Mann. »Anschluß! Vastehst? Ma fahrt net bloß auf Piebing ummi; ma fahrt nach München, nach Augsburg, ma fahrt überall hi. Oder wenigsten ma kann fahr'n. Vastehst?«

»Papperlapapp! Is scho recht. Da wer'n jetzt glei d' Leut umanand surrn als wie d' Wespn. Und übrigens, dös is ja grad, was i sag! Daß d' Leut umanandfahr'n und durchfahr'n und nimma dableibn. Mir wern's ja derleb'n, daß sogar die Altaicher am Sunntag umanandroas'n, statt daß s' da bleib'n, wo s' hig'hörn. Dös is ja dös Ganze!«

»Es muß sich reguliern«, rief Natterer, der im Eifer ins Hochdeutsche geriet. »Laß die Sache sich reguliern! Zum Beispiel mit dem Verkehr ist es genau so, als wie zum Beispiel mit dem Wasser. Man muß es in Kanäle leit'n ...«

»M-hm... daß's schö wegrinna ko ...«

»Nein, daß es an gewissen Plätzen zusammenströmt ...«

»Und der Platz is wo anderst, und z' Altaich is da Kanal ... net?«

»Warum denn? Das seh' ich gar nicht ein ...«

»Papperlapapp! Siehgst, Natterer, für dös G'red kriagst d' jetzt gar nix. Aber scho gar nix. Laß di hoamgeig'n mit dein Kanal!«

Da gab der Kaufmann gewöhnlich den Streit auf, denn der Posthalter hatte eine Natur, die von selber gröber wurde, wenn sie einmal in die Richtung gedrängt war.

»Es ist was Merkwürdigs«, sagte dann Natterer junior daheim zu seiner Frau. »Dieser Blenninger kann auch net logisch denk'n. Aber woher kommt's? Weil diese Menschen ihrer Lebtag in Altaich hock'n, nicht hinauskommen, nicht die Welt sehen ... et cetera ...«

Fürs erste schien aber doch die Meinung Blenningers die richtige zu sein, denn etliche Handlungsreisende ausgenommen, brachte die Vizinalbahn niemand in die aufgeschlossene Gegend, während die Möglichkeit des Ausfliegens von etlichen Leuten benützt wurde.

Manchen trieben der leichte Sinn und die in stiller Abgeschiedenheit gedeihende Vorstellung von Abenteuern bis nach München, wo er gegen seine Absicht erkannte, daß die Wirklichkeit nie den Erwartungen entspricht, und daß ein fühlender Mensch nirgends einsamer ist als in einer großen Menge.

Aber diese Einsicht verrät keiner dem andern.

Jeder muß sich selber gewinnen, und deswegen trat nach dem Herrn Hilfslehrer der Herr Postadjunkt und nach dem Herrn Postadjunkten der Herr Kommis Freislederer die Fahrt in die Stadt der Enttäuschungen an.

Der Blenninger sah das Hin- und Hergereise und nickte grimmig dazu. Er hatte vorher gewußt, daß die Eisenbahn die Jugend von Solidarität und Abendschoppen weglocken werde. Aber auch wer nicht so vom Schicksal zum Mißtrauen erzogen war, konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß sogar dieses moderne Verkehrsmittel, die Eisenbahn, dazu diente, die Weltverlorenheit Altaichs reicht anschaulich zu machen.

Wenn man die seltsam geformte Lokomotive vor zwei unansehnlichen Wagen gespannt durch die Kornfelder dahinschleichen sah, fühlte man sich in Großvaterszeit zurückversetzt, und die Tatsache, daß man eine solche Maschine fauchen und keuchen hörte, gab einem die Gewißheit, daß man der Welt der Schnellzuglokomotiven, der Schlaf- und Speisewagen weit entrückt sei.

Altaich schien bestimmt zu sein, als Versteck für Raritäten und Überbleibsel dereinst das Entzücken eines Forschers erregen zu dürfen.

Allein die Tatkraft und das Genie seines rührigsten Bewohners, Karl Natterers Junioris, bewahrten es vor diesem Schicksale.

Er, der in Landshut seine Lehrzeit verlebt und vier Jahre mit dem Musterkoffer ganz Süddeutschland bereist hatte, war ein Mann, der den Fortschritt verstand und im Auge behielt, und er war gesonnen, die Heimat zu fördern und zu haben.

Alle Welt im südlichen Bayern schien damals nur ein Mittel zu kennen, um dieses Ziel zu erreichen.

So wie man in früheren Zeiten von Handel und Wandel sprach oder glaubte, daß man mit einem Handwerk weiter komme als mit tausend Gulden, oder auch sagte, daß Arbeit Feuer aus Steinen gewänne, so schrieb man jetzt dem Fremdenverkehr allen Segen zu. Obwohl auch heute noch das Sprichwort gelten muß, daß das Jahr ein großes Maul und einen weiten Magen hat, bekannten sich doch gewichtige und kluge Männer zu dem Glauben, daß man in etlichen Wochen von der Erholung suchenden Menschheit so viel gewinnen könne, daß es für die andern vierzig Wochen lange.

Man entdeckte Schönheiten und Vorzüge der Heimat, um sie Fremden anzupreisen; man ließ die Berge höher, die Täler lieblicher, die Bäche klarer und die Lüfte reiner sein, um Leute anzulocken, die mehr Geld und solider erworbenes Geld zu haben schienen als die Bewohner der reizvollen Gegenden.

Da man wohl sah, daß sich die Fremdlinge von angestrengter Arbeit ausruhen wollten, ersparte man ihnen rücksichtsvoll den Anblick von Mühe und Fleiß, und an manchen Orten hatte es den Anschein, als lebte hier ein Volk, wie die Waldvögel bei Singen und Fröhlichkeit, nur von dem, was der Zufall bescherte. Ernsthafte Menschen ließen sich das neue Wesen gefallen, wenn sie Vorteile daraus zogen; wer aber auf schwachen Füßen stand, gab sich erst recht freudig den unsicheren Hoffnungen hin, weil ihm die sicheren fehlten.

Herr Natterer baute also seine kleinen Luftschlösser neben die stolzen, die von den Herren Großstädtern schon vorher errichtet worden waren. Er ging eifrig daran, seinen Plan im Detail auszuarbeiten, wie er sagte, indem er nun gleich einen Fremdenverkehrsverein gründete. Bürgermeister Schwarzenbeck und Schneider Pillartz waren die ersten, die er als Mitglieder gewinnen konnte.

Härter war der Posthalter zu überreden.

Blenninger sagte, der Verein sei ein Schmarrn, und es sei ein Schmarrn, sich davon etwas zu hoffen.

Als der größte Wirt in Altaich durfte er freilich keinem anderen den Vortritt lassen, und am Ende kostete es nicht viel Geld. Deswegen ließ er sich gewinnen, aber nicht umstimmen.

»In Gottes Namen«, sagte er, »damit die arme Seel' ihr Ruah' hat, tu' i halt bei dem Schmarrn mit.«

Immerhin, der Verein war gegründet. Jetzt machte Natterer den kühnen Schritt in die Öffentlichkeit.

Er pries im Anzeigenteil großer Zeitungen die Vorzüge des Höhenluftkurortes Altaich an.

Dabei stellten sich ihm doch etliche Bedenken in den Weg, denn die Rücksicht auf den Geschmack des reisenden Publikums läßt sich nicht so ohne weiteres mit der Wahrheit vereinigen.

Der gewandte Kaufmann wußte, daß viele Leute die romantische Bergwelt suchen, und er kam nicht leichten Herzens um diese Wendung herum, aber die beträchtliche Entfernung Altaichs von jeder größeren Erhebung zwang ihn dazu.

Er bezeichnete seinen Heimatort mit etwas freier Anwendung des Begriffes als ein Schmuckkästchen im Voralpenlande, und er malte die Reize der Gegend mit Worten der höheren Bildung aus.

Er ließ Kinder der Flora die Wiesen schmücken und ozonreiche Waldparzellen mit Feldern abwechseln, er malte herrliche Gebirgskonturen in die Ferne und pries die magischen Mondnächte auf dem nahen Sassauer See.

Die Vils ließ er als sanften Fluß sich durch Terrainfalten schlängeln, und er versicherte ernsthaft, daß Jupiter Pluvius es mit Altaich gnädiger vorhabe als mit vielen berühmteren Kurorten.

Aber damit gab er sich noch nicht zufrieden.

Er kannte den Wert der Wissenschaft und wußte, daß sie immer das Zweckdienliche findet, und so wandte er sich an den Apotheker von Piebing, Herrn Doktor Aloys Peichelmayer, mit der Bitte, ihm über den heilkräftigen Inhalt des Vilswassers ein Gutachten zu schreiben. Er setzte voraus, daß irgend etwas Chemisches und Vollklingendes darin sein müsse, und war es darin, so wollte er Lärm schlagen.

Man wird Natterer schon deswegen als Menschenkenner achten, weil er einen Pharmazeuten als Sachverständigen wählte, denn nur ein Mann, der tiefere Einblicke gewonnen hat, kann wissen, wie feurig ein Apotheker wird, wenn man ihn als wissenschaftliche Autorität gelten läßt.

Dr. Peichelmayer erfüllte alle Hoffnungen.

Er bestätigte, daß die Vils, aus Holzmooren oder Arboreten herkommend, Eisenocker, Eisenkarbonat und Eisenphosphat enthalte, und das war genau so viel würdevolle Sachlichkeit, als Natterer brauchte, um sein Lob der Altaicher Heilbäder aufzuputzen.

Er hatte Ruhm davon und der Blenninger Michel Unkosten, denn weil ihm die passenden Ufer gehörten, mußte er drei Badehütten errichten lassen. Sie fielen nicht sehr stattlich aus, aber eine Tafel wurde vor sie hingestellt mit der Inschrift: Moor-Heilbad Altaich.

Natterers vorwärtsdrängender Geist litt unter der Vorstellung, daß man vieles einer ruhigen Entwicklung überlassen müsse, aber an seinen beflügelten Willen hing sich als Schwergewicht die behäbige Ruhe des Posthalters.

Manche Idee, die Natterer köstlich vorkam, verlor allen Glanz, wenn Michel Blenninger mit seiner in Fett erstickenden Stimme fragte: »Was hast denn scho' wieder für an Schmarrn?«

Das konnte ihn verbittern und lähmen. Aber das ärgste war, daß er sich durch seinen redlichen Eifer die Feindschaft eines untergeordneten Menschen zuzog.

Der Hausknecht Blenningers, der alte Postmartl, den man nie anders als mit einer schief aufgesetzten Ballonhaube gesehen hatte, sollte nach der Ansicht Natterers die Kurgäste am Bahnhof erwarten und, wie das nun einmal Brauch und Sitte ist, eine Schirmmütze tragen mit der Aufschrift: »Hotel Post«.

Um jedem Widerspruche zu begegnen, ließ er die Mütze anfertigen und übergab sie dem Posthalter, der sich nach ein paar brummigen Bemerkungen zufrieden gab und ihn an Martl verwies. Aber was für einen Lärm schlug der Hausknecht, als man ihn mit seinen neuen Pflichten bekannt machen wollte!

An sich schon eine rauhe Natur, wurde er grob, roh und unflätig gegen den angesehenen Bürger; er gab ihm verletzende Schimpfnamen und erklärte, daß er sich von keinem Hanswurste eine Narrenhaube aufsetzen lassen.

Natterer hatte eigentlich Mitleid mit dem Manne, der lange Jahre seinen Posten ausgefüllt hatte, und jetzt, weil die Sache eben doch zu weit gegangen war, die Stelle verlieren mußte. Allein als Präsident des Fremdenverkehrsvereins durfte er sich der weichen Stimmung nicht hingeben, und er verlangte, wie es seine Pflicht war, vom Posthalter die Entlassung des ungebärdigen Menschen.

Blenninger fragte ihn ruhig:

»Was is dös für a Schmarrn?«

»Ja no«, erwiderte Natterer, »mir tut ja der Mensch auch leid, aber ich muß drauf b'stehen, daß er sofort entlassen werd ...«

»Der Martl?«

»Ja. Er tut mir leid ...«

»Da tuast ma scho du leid, wann du so was Dumms glaabst, daß i mein alt'n Martl aufsag. Dös hättst da ja z'erscht denk'n kinna, daß der dein Bletschari, dein damisch'n, net aufsetzt ...«

»Also dann muß ich mir als Bürger ... ?«

»Ah was! laß ma mei Ruah mit dein Schmarrn!«

An diesem Tage trug sich der Natterer mit der Absicht, sein Geschäft zu verkaufen und von Altaich fortzuziehen.

Seine Frau konnte ihn nicht beruhigen, aber als der Schreiner Harlander dem Verein beitrat und vier Ruhebänke stiftete, vergaß er den Vorfall.

Martl vergaß ihn nicht.

Er wurde und blieb ein Todfeind des hundshäuternen Kramers.

Ob nun ein Fremder kommen würde?

Das war das in Frage gestellte Ereignis, von dem vieles abhing. Vielleicht das zukünftige Glück Altaichs, jedenfalls des gegenwärtige Ansehen Natterers.

Es trat ein.

Zu Anfang Juli, als die Kinder der Flora mit allem Grase gemäht und gedörrt wurden.

Das Ereignis trat ein, unauffällig, schlicht, beinahe unbemerkt. Eines Nachmittags um fünf Uhr, als die Leute auf dem Felde waren und sich kaum Zeit nahmen, den heranschleichenden Zug zu betrachten, vollzog sich die denkwürdige Begebenheit. Die Lokomotive pfiff, der Zug hielt an. Ein dicker, mittelgroßer Mann stieg aus, und sein gerötetes Gesicht sah so altbayrisch aus wie die ganze Gegend.

Über den linken Arm hatte er einen gelben Überzieher geworfen; er trug einen Segeltuchkoffer und Schirm und Stock, die zusammengebunden waren.

Der Stationsdiener nahm ihm das Billet so gleichmütig ab wie dem andern Fahrgaste, dem Ökonomen Schöttl, der eine vierzinkige Gabel und eine mit Papier umhüllte Sense trug zum Zeichen, daß er nicht bloß so oder zum Vergnügen verreist gewesen sei.

Der Fremde ging auf der staubigen Straße in den Ort, und da er das weitausladende Schild sah, hielt er beim Gasthofe zur Post an.

Das Haus war wie ausgestorben; Knechte, Mägde und der Posthalter selbst waren auf dem Felde.

Als sich niemand sehen ließ, stellte der Fremde etwas unmutig seinen Koffer im Torgange nieder, rief ein paarmal: »He! Was ist denn! He!« pfiff und schüttelte ärgerlich den Kopf.

Endlich öffnete er eine Türe, die in die Gaststube führte. Die Stube war leer, und es roch etwas säuerlich nach Bier.

Als der Fremde hinter den Verschlag schaute, wo der Bierbanzen stand, flog summend eine Schar Fliegen auf, die in einem kupfernen Nößel Bierreste gefunden hatten.

Der Mann pfiff wieder. Niemand gab Antwort.

Nun schaute er durch ein Schiebefenster in die Küche und sah zwei Weibspersonen neben dem Herd sitzen. Die eine stocherte mit einer Haarnadel in ihren Zähnen herum und schien die Kellnerin zu sein.

Die andere saß mit verschränkten Armen behaglich zurückgelehnt; die aufgekrempelten Ärmel und eine weiße Schürze ließen in ihr die Köchin erkennen.

Der Fremde klopfte ärgerlich ans Fenster, schob es in die Höhe und rief:

»Ja ... Herrgott ... was is den eigendlich? Is denn in der Kallupp'n gar koa Bedienung vorhand'n?«

Die Kellnerin stand langsam auf, steckte die Haarnadel in den Zopf und fragte gleichmütig:

»Was schaffen S'?«

»Kommen S' halt her, gnä Fräulein! San S' so guat!«

Es dauerte noch eine Weile, bis die Kellnerin in die Stube kam und nochmal fragte:

»Wollen S' a Halbe? A Maß?«

»Nix wil i. A Zimma will i.«

»A Zim-ma?«

»Ja. Muaß i's no a paarmal sag'n? Wia g'stell'n Eahna denn Sie o?«

Man konnte das rechtschaffene Weibsbild nicht aus der Ruhe bringen. Es schüttelte den Kopf und rief in die Küche hinein:

»Du Sephi?«

»Was?«

»Der Herr möcht' a Zimma.«

»A Zim-ma?«

Die Köchin fragte es genau so gedehnt.

»Was ist denn dös für a Wirtschaft?« schrie der Gast.

»No ja«, sagte die Kellnerin, »d' Fanny is net dahoam. De is im Feld draußd.«

»Und Bett werd aa koans überzog'n sei«, bestätigte die Köchin.

»I leg' mi net ins Bett um fünfi namittag. Aber a Zimma möcht i, mei Gepäck will i neistell'n ... Himmi ... Stern ... Laudon! ...«

»Dös gang scho ... a Zimma zoag'n«, meinte die Köchin.

Die Kellnerin zögerte.

»Wenn halt d' Fanny net da is ...«

In diesem Augenblick hörte man einen Wagen in den Hof fahren.

Die Köchin öffnete das Küchenfenster und schrie mit durchdringender Stimme:

»Herr Blenninga!«

»Wos?« fragte eine tiefe, fette Stimme zurück.

»Sie soll'n eina kemma. Es is wer do ...«

»So«, sagte die Köchin, »jetz is Gott sei Dank der Herr Posthalta selber da. Mit dem könne S' all's ausmacha.«

Sie schloß das Schiebefenster.

Die Kellnerin gähnte laut und ging hinter den Verschlag, ließ etwas Bier ins Nößel laufen und trank ohne Hast und ohne rechten Genuß, bloß zum Zeitvertreib.

Der Posthalter trat ein. »Also was habts?« fragte er.

»Der Herr möcht' a Zimma«, sagte die Kellnerin hinterm Verschlag.

Der Fremde nahm selber das Wort.

»I möcht' bei Ihnen wohnen, aber dös is scheinbar mit solchene Schwierigkeit'n verbund'n ...«

»Na ... na, dös hamm ma glei. Resi! Gehst zu da Fanny naus, sie soll eina kemma, a Zimma richt'n ... San S' gewiß a G'schäftsreisender?«

»Na. I bin zu mein Vergnüg'n da. Hoast dös, wenn ma hier zu sein Vergnüg'n sei ko ... Sie hamm doch Eahna Höft ...« Der Fremde war immer noch ärgerlich ... »Sie hamm doch Eahna Höft als Sommafrisch'n ausschreib'n lass'n ...«

»A Summafrischla?«

»Ja, wenn's erlaubt is, und wenn's mir g'fallt ... Bis jetzt siech i net viel ...«

»No! No!« begütigte Blenninger. »Es werd Eahna scho g'fall'n ... mir san jetzt in der Heuarbet, und überhaupt's, mir san de G'schicht no net gewohnt ... Fanny!« wandte er sich an die eintretende Magd, »zoagst dem Herrn a paar schöne Zimma ... Sie könna's Eahna raussuach'n. Platz gibt's gnua.«

Der Gast stieg hinter Fanny die breite Treppe hinauf, und Blenninger schaute ihm nach.

»Jetzt so was! A Summafrischla! Wenn dös da Natterer hört, schnappt er ganz üba.«

Das Gesicht des Fremden wurde freundlicher, als er die großen hellen Zimmer sah, die alle behäbig mit Möbeln aus der Großvaterzeit eingerichtet waren. An den Wänden hingen bunte Lithographien aus der Zeit König Ludwigs I.

König Otto von Griechenland war dargestellt, wie er in Palikarentracht von der Akropolis herunter ritt; auf anderen Bildern sah man König Ludwig inmitten einer großen Hofgesellschaft, und wiederum Prinzen auf sich bäumenden Rossen.

Alles in den Zimmern wies auf die gute, alte Zeit hin, und das ließ günstige Schlüsse zu.

Der Fremde nickte zufrieden. Er sah, daß auch die Betten reinlich und gut waren, und Fanny versicherte eifrig, daß sie Kissen und Decke mit frischen Linnen überziehen werde.

Als der Gast die Treppe hinunterschritt, war er besser gelaunt, und er nahm sich vor, einen Rundgang durch den Ort zu machen.

Auch hier gefiel ihm alles, was er sah. Wenn er schon nicht wußte, daß er das denkwürdige Exemplar des ersten Sommerfrischlers darstellte, so bemerkte er doch, daß die Wogen des Fremdenstromes noch nicht durch Altaich geflutet waren.

Auf dem Platze erhoben sich stattliche Bürgerhäuser; weiter hinaus standen niedere Gebäude neben Scheunen und Ställen.

Von links und rechts brüllte, meckerte, gackerte und grunzte es und erweckte Hoffnungen auf dicken Rahm und gelbe Butter, auf frische Eier und zartes Schweinefleisch.

»Unverdorbene Gegend ...« murmelte der Fremde.

Nur einmal stutzte er, als er auf den Marktplatz zurück zu einem modisch aufgeputzten Kaufladen kam.

In der Auslage hing ein Plakat, auf dem zu lesen war, daß Karl Natterer junior den titulierten Kurgästen sein wohlassortiertes Lager von Hamburger Zigarren empfohlen halte. Der Fremde trat ein und wurde von einem unansehnlichen Herrn überfreundlich begrüßt.

Er kaufte einige Zigarren und versuchte im Gespräche etwas Näheres über den Altaicher Fremdenverkehr zu erfahren.

Er gab mehr, als er empfing.

Der beglückte Natterer erfuhr, daß er den ersten richtigen, durch ihn angelockten Kurgast vor sich habe.

Der Kurgast erhielt nur allgemeine Andeutungen über gute Entwicklungssymptome.

Zum Schlusse stellte sich Natterer als Vorstand des Vereins vor und erbat sich für die Altaicher Kurliste, die der Piebinger Vilsbote veröffentlichen wollte, die Personalien des sehr geehrten Gastes.

Der Fremde gab ihm seine Visistenkarte: »Oberinspektor Josef Dierl aus München.« Natterer nahm sie dankend entgegen und hoffte, daß der Herr Oberinspektor mit der gewählten Sorte zufrieden sein werde, versicherte dem Herrn Oberinspektor, daß der Herr Oberinspektor in der gleichen Preislage angenehme Abwechslung finden werde, und wünschte dem Herrn Oberinspektor gutes Wetter, gute Unterhaltung und guten Tag.

Als der Fremde den Laden verlassen hatte, mußte Frau Wally Natterer kommen und die frohe Kunde vernehmen, daß die Saison glückverheißend eröffnet sei.

Triumphierend hielt ihr der Eheherr die Visistenkarte vor.

»Ein Oberinspektor?« fragte Frau Wally. »Das is gewiß was sehr Feines?«

»Jedenfalls was Besseres«, antwortete Natterer. »Die Sach' reguliert sich. Ma sieht halt, was eine gute Reklame ausmacht.«

Vom Posthalter Blenninger, der viel zu faul war, um Lügen für den Glanz des neuen Höhenluftkurortes zu ersinnen, bekam es Herr Dierl bald zu wissen, daß er der erste Kurgast war.

Vielleicht hätte das einen anderen stutzig gemacht, aber der Oberinspektor der Lebensversicherungsgesellschaft Artemisia, der eine kurze Offizierslaufbahn in Burghausen begonnen und beendet hatte, war ein Kenner und ein Freund des altbayrischen Lebens.

Er wußte, wie sehr die Biederkeit des Charakters und die Größe der Portionen durch Fremde vermindert werden.

Ihr Fehlen stimmte ihn hoffnungsfroh, und eine Kalbshaxe von altväterlichen Maßen bestätigte ihm seine Vermutung, daß er auf der Insel der Seligen gelandet sei.

Er schwor es sich zu, über dieses Eiland strenges Stillschweigen zu bewahren, und er faßte gleich eine Abneigung gegen Natterer, dem er Verrat zutraute.

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