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Gutenberg > Ludwig Thoma >

Altaich

Ludwig Thoma: Altaich - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleAltaich
authorLudwig Thoma
year1992
publisherPiper Verlag
addressMünchen
isbn3-492-11190-4
titleAltaich
pages3-236
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1918
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Ludwig Thoma

Altaich

Eine heitere Sommergeschichte


Erstes Kapitel

Eine seit langer Zeit erhoffte Seitenbahn verband nun endlich den Markt Altaich mit der Welt, von der er lange genug abgeschieden gewesen war.

Man hat in Bayern für diese zahlreichen sich in einem Sacke totlaufenden Schienenwege die gemütliche Bezeichnung »Vizinalbahnen«, und sie dienen in der Tat dazu, die Nachbarn näher zusammenzubringen.

Etliche Meilen Weges genügen bei einer seßhaften Bevölkerung zur völligen Trennung, und nur Geschäfte konnten einen Altaicher nach Piebing und einen Piebinger nach Altaich führen.

Wer nicht Händler oder Käufer war, blieb sitzen und begnügte sich mit der Gewißheit, daß es drüben, droben oder drunten ungefähr so aussah und doch nicht so schön war, wie daheim.

Nun aber, weil die Bahn ging, mochte viele die Neugierde verführen, sich in der Nachbarschaft umzuschauen und Entdeckungen zu machen.

Wohl hatte man in Piebing oft gehört, daß die Wirtschaft zur Post in Altaich ein stattliches Anwesen sei, aber so geräumig hatte man sich Haus und Stallung, die für sechzig Pferde langte, doch nicht gedacht.

Die Stallung war noch in der guten Zeit gebaut worden, wo ungezählte Frachtwagen auf der Heerstraße fuhren und den Hausknechten die Säcke von den Trinkgeldern wegstanden, wo frühmorgens um vier Uhr angezapft und der Kessel mit Voressen ans Feuer gerückt wurde.

Dann kamen die Eisenbahnen, und auf den Landstraßen wurde es leer. Keine Peitsche knallte mehr lustig, um Hausknecht und Vizi zu grüßen, und die Stallungen verödeten.

Unterm Berg in Altaich hießen die Anwesen zum Schmied, zum Wagner, zum Sattler.

Die Namen erinnerten daran, daß hier das Handwerk geblüht hatte, als die Fuhrleute noch die steile Straße mit Vorspann hinauffahren mußten und alle Daumen lang was zu richten hatten.

Ja, das war die gute Zeit gewesen, und eine schlechte war hinterdrein gekommen.

Vierzig Jahre lang war Altaich wie Dornröschen im Schlafe gelegen. Der jetzige Posthalter, Michel Blenninger, der Sohn vom alten Michel Blenninger, der noch im vollen gesessen war, mußte sein Geld genauer zusammenheben und seufzen, wenn er die langgestreckten Dächer flicken ließ, unter denen nicht mehr die Scharen von Gäulen ein Unterkommen fanden. Es konnte ihm das Gähnen ankommen, wenn er über den weiten Hof hinschaute, auf dem sich ehemals die Plachenwägen angestaut und Fuhrmann, Hausknecht und Vizi ihr Wesen getrieben hatten, und der nun so verlassen dalag.

Es konnte ihm zumut sein wie seinem Tiras, der den Schweif einzog und die Ohren hängen ließ, wenn er in der prallen Mittagssonne über den Hof schlich.

Aber nun war ja die Vizinalbahn gebaut, und einsichtige Altaicher meinten, die alte Zeit oder ein Stück von ihr könne wiederkommen.

Der Posthalter war ungläubig.

»Papperlapapp!« sagte er. »Gehts mir weg mit der Bahn. Wer fahrt denn damit? D'Fretter. Dös san koane Wagelleut, de ausspanna, zehren, was sitzen lassen. Und überhaupts! Weil ma jetzt von Piebing herüber fahrn ko und von Altaich hinüber. Dös kunnt aa no was sei! Hörts ma'r auf!«

»Den Anschluß hamm mir, verstanden?« erwiderte ihm nicht selten der Kaufmann Karl Natterer junior, ein strebsamer, auf Fortschritt bedachter Mann. »Anschluß! Vastehst? Ma fahrt net bloß auf Piebing ummi; ma fahrt nach München, nach Augsburg, ma fahrt überall hi. Oder wenigstens, ma kann fahrn. Vastehst?«

»Papperlapapp! Is scho recht. Da wer'n jetzt glei d'Leut umanand surrn als wia d'Wepsn. Und übrigens, dös is ja grad, was i sag! Daß d'Leut umanandfahrn und durchfahrn und nimma dableibn. Mir wern's ja derlebn, daß sogar de Altaicher am Sunntag umanandroas'n, statt daß s' da bleib'n, wos s' hig'hörn. Dös is ja dös Ganze!«

»Es muß sich reguliern«, rief Natterer, der im Eifer ins Hochdeutsche geriet. »Laß die Sache sich reguliern! Zum Beispiel mit dem Verkehr ist es genau so, als wie zum Beispiel mit dem Wasser. Man muß es in Kanäle leit'n...«

»M-hm... daß 's schö wegrinna ko...«

»Nein, daß es an gewissen Plätzen zusammenströmt...«

»Und der Platz is wo anderst, und z'Altaich is da Kanal... net?«

»Warum denn? Das seh' ich gar nicht ein...«

»Papperlapapp! Siehgst, Natterer, für dös G'red kriagst d'jetzt gar nix. Aber scho gar nix. Laß di hoamgeig'n mit dein Kanal!«

Da gab der Kaufmann gewöhnlich den Streit auf, denn der Posthalter hatte eine Natur, die von selber gröber wurde, wenn sie einmal in die Richtung gedrängt war.

»Es is was Merkwürdigs«, sagte dann Natterer junior daheim zu seiner Frau. »Dieser Blenninger kann auch net logisch denk'n. Aber woher kommt's? Weil diese Menschen ihrer Lebtag in Altaich hock'n, nicht hinauskommen, nicht die Welt sehen... et cetera...«

Fürs erste schien aber doch die Meinung Blenningers die richtige zu sein, denn etliche Handlungsreisende ausgenommen, brachte die Vizinalbahn niemand in die aufgeschlossene Gegend, während die Möglichkeit des Ausfliegens von etlichen Leuten benützt wurde.

Manchen trieben der leichte Sinn und die in stiller Abgeschiedenheit gedeihende Vorstellung von Abenteuern bis nach München, wo er gegen seine Absicht erkannte, daß die Wirklichkeit nie den Erwartungen entspricht, und daß ein fühlender Mensch nirgends einsamer ist als in einer großen Menge.

Aber diese Einsicht verrät keiner dem andern.

Jeder muß sie selber gewinnen, und deswegen trat nach dem Herrn Hilfslehrer der Herr Postadjunkt und nach dem Herrn Postadjunkten der Herr Kommis Freislederer die Fahrt in die Stadt der Enttäuschungen an.

Der Blenninger sah das Hin- und Hergereise und nickte grimmig dazu. Er hatte vorher gewußt, daß die Eisenbahn die Jugend von Solidität und Abendschoppen weglocken werde. Aber auch wer nicht so vom Schicksal zum Mißtrauen erzogen war, konnte sich des Gefühls nicht erwehren, daß sogar dieses moderne Verkehrsmittel, die Eisenbahn, dazu diente, die Weltverlorenheit Altaichs recht anschaulich zu machen.

Wenn man die seltsam geformte Lokomotive vor zwei unansehnliche Wägen gespannt durch die Kornfelder dahinschleichen sah, fühlte man sich in Großvaterszeit zurückversetzt, und die Tatsache, daß man eine solche Maschine fauchen und keuchen hörte, gab einem die Gewißheit, daß man der Welt der Schnellzugslokomotiven, der Schlaf- und Speisewagen weit entrückt sei.

Altaich schien bestimmt zu sein, als Versteck für Raritäten und Überbleibsel dereinst das Entzücken eines Forschers erregen zu dürfen.

Allein die Tatkraft und das Genie seines rührigsten Bewohners, Karl Natterers junioris, bewahrten es vor diesem Schicksale.

Er, der in Landshut seine Lehrzeit verlebt und vier Jahre mit dem Musterkoffer ganz Süddeutschland bereist hatte, war ein Mann, der den Fortschritt verstand und im Auge behielt, und er war gesonnen, die Heimat zu fördern und zu heben.

Alle Welt im südlichen Bayern schien damals nur ein Mittel zu kennen, um dieses Ziel zu erreichen.

So wie man in früheren Zeiten von Handel und Wandel sprach oder glaubte, daß man mit einem Handwerk weiter komme als mit tausend Gulden, oder auch sagte, daß Arbeit Feuer aus Steinen gewänne, so schrieb man jetzt dem Fremdenverkehr allen Segen zu. Obwohl auch heute noch das Sprichwort gelten muß, daß das Jahr ein großes Maul und einen weiten Magen hat, bekannten sich doch gewichtige und kluge Männer zu dem Glauben, daß man in etlichen Wochen von der Erholung suchenden Menschheit soviel gewinnen könne, daß es für die andern vierzig Wochen lange.

Man entdeckte Schönheiten und Vorzüge der Heimat, um sie Fremden anzupreisen; man ließ die Berge höher, die Täler lieblicher, die Bäche klarer und die Lüfte reiner sein, um Leute anzulocken, die mehr Geld und solider erworbenes Geld zu haben schienen als die Bewohner der reizvollen Gegenden.

Da man wohl sah, daß sich die Fremdlinge von angestrengter Arbeit ausruhen wollten, ersparte man ihnen rücksichtsvoll den Anblick von Mühe und Fleiß, und an manchen Orten hatte es den Anschein, als lebte hier ein Volk, wie die Waldvögel bei Singen und Fröhlichkeit, nur von dem, was der Zufall bescherte. Ernsthafte Menschen ließen sich das neue Wesen gefallen, wenn sie Vorteile daraus zogen; wer aber auf schwachen Füßen stand, gab sich erst recht freudig den unsichern Hoffnungen hin, weil ihm die sicheren fehlten.

Herr Natterer baute also seine kleinen Luftschlösser neben die stolzen, die von den Herren Großstädtern schon vorher errichtet worden waren. Er ging eifrig daran, seinen Plan im Detail auszuarbeiten, wie er sagte, indem er nun gleich einen Fremdenverkehrsverein gründete. Bürgermeister Schwarzenbeck und Schneider Pilartz waren die ersten, die er als Mitglieder gewinnen konnte.

Härter war der Posthalter zu überreden.

Blenninger sagte, der Verein sei ein Schmarrn, und es sei ein Schmarrn, sich davon etwas zu hoffen.

Als der größte Wirt in Altaich durfte er freilich keinem andern den Vortritt lassen, und am Ende kostete es nicht viel Geld.

Deswegen ließ er sich gewinnen, aber nicht umstimmen.

»In Gottes Namen«, sagte er, »daß die arme Seel' ihr Ruh' hat, tu' i halt bei dem Schmarrn mit.«

Immerhin, der Verein war gegründet. Jetzt machte Natterer den kühnen Schritt in die Öffentlichkeit.

Er pries im Anzeigenteile großer Zeitungen die Vorzüge des Höhenluftkurortes Altaich an.

Dabei stellten sich ihm doch etliche Bedenken in den Weg, denn die Rücksicht auf den Geschmack des reisenden Publikums läßt sich nicht so ohne weiteres mit der Wahrheit vereinigen.

Der gewandte Kaufmann wußte, daß viele Leute die romantische Bergwelt suchen, und er kam nicht leichten Herzens um diese Wendung herum, aber die beträchtliche Entfernung Altaichs von jeder größeren Erhebung zwang ihn dazu.

Er bezeichnete seinen Heimatort mit etwas freier Anwendung des Begriffes als ein Schmuckkästchen im Voralpenlande, und er malte die Reize der Gegend mit Worten der höheren Bildung aus.

Er ließ Kinder der Flora die Wiesen schmücken und ozonreiche Waldparzellen mit Feldern abwechseln, er malte herrliche Gebirgskonturen in die Ferne und pries die magischen Mondnächte auf dem nahen Sassauer See.

Die Vils ließ er als sanften Fluß sich durch Terrainfalten schlängeln, und er versicherte ernsthaft, daß Jupiter Pluvius es mit Altaich gnädiger vorhabe als mit vielen berühmteren Kurorten.

Aber damit gab er sich noch nicht zufrieden.

Er kannte den Wert der Wissenschaft und wußte, daß sie immer das Zweckdienliche findet, und so wandte er sich an den Apotheker von Piebing, Herrn Doktor Aloys Peichelmayer, mit der Bitte, ihm über den heilkräftigen Inhalt des Vilswassers ein Gutachten zu schreiben. Er setzte voraus, daß irgend etwas Chemisches und Vollklingendes darin sein müsse, und war es darin, so wollte er Lärm schlagen.

Man wird Natterer schon deswegen als Menschenkenner achten, weil er einen Pharmazeuten als Sachverständigen wählte, denn nur ein Mann, der tiefere Einblicke gewonnen hat, kann wissen, wie feurig ein Apotheker wird, wenn man ihn als wissenschaftliche Autorität gelten läßt.

Dr. Peichelmayer erfüllte alle Hoffnungen.

Er bestätigte, daß die Vils, aus Holzmooren oder Arboreten herkommend, Eisenocker, Eisenkarbonat und Eisenphosphat enthalte, und das war genau so viel würdevolle Sachlichkeit, als Natterer brauchte, um sein Lob der Altaicher Heilbäder aufzuputzen.

Er hatte Ruhm davon und der Blenninger Michel Unkosten, denn weil ihm die passenden Ufer gehörten, mußte er drei Badehütten errichten lassen. Sie fielen nicht sehr stattlich aus, aber eine Tafel wurde vor sie hingestellt mit der Inschrift: Moor-Heilbad Altaich.

Natterers vorwärts drängender Geist litt unter der Vorstellung, daß man vieles einer ruhigen Entwicklung überlassen müsse, aber an seinen beflügelten Willen hing sich als Schwergewicht die behäbige Ruhe des Posthalters.

Manche Idee, die Natterer köstlich vorkam, verlor allen Glanz, wenn Michel Blenninger mit seiner in Fett erstickenden Stimme fragte: »Was hast denn scho' wieder für an Schmarrn?« Das konnte ihn verbittern und lähmen. Aber das ärgste war, daß er sich durch seinen redlichen Eifer die Feindschaft eines untergeordneten Menschen zuzog.

Der Hausknecht Blenningers, der alte Postmartl, den man nie anders als mit einer schief aufgesetzten Ballonhaube gesehen hatte, sollte nach der Ansicht Natterers die Kurgäste am Bahnhofe erwarten und, wie das nun einmal Brauch und Sitte ist, eine Schirmmütze tragen mit der Aufschrift: »Hotel Post«.

Um jedem Widerspruche zu begegnen, ließ er die Mütze anfertigen und übergab sie dem Posthalter, der sich nach ein paar brummigen Bemerkungen zufrieden gab und ihn an Martl verwies. Aber was für einen Lärm schlug der Hausknecht, als man ihn mit seinen neuen Pflichten bekannt machen wollte!

An sich schon eine rauhe Natur, wurde er grob, roh und unflätig gegen den angesehenen Bürger; er gab ihm verletzende Schimpfnamen und erklärte, daß er sich von keinem Hanswurste eine Narrenhaube aufsetzen lasse.

Natterer hatte eigentlich Mitleid mit dem Manne, der lange Jahre seinen Posten ausgefüllt hatte, und jetzt, weil die Sache eben doch zu weit gegangen war, die Stelle verlieren mußte.

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