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Als Mariner im Krieg

Joachim Ringelnatz: Als Mariner im Krieg - Kapitel 8
Quellenangabe
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typeautobiography
authorJoachim Ringelnatz
titleAls Mariner im Krieg
publisherRowohlt
printrun49.-55. Tausend
year1971
isbn3499107996
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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projectidc3664063
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8

Korrügen

Auf dem Bahnhof in Hamburg hatte ich Mühe, meine fünfzig Leute im Zaum zu halten. Sie wollten durchaus in die Stadt, aber das litt ich nicht. In Kiel angelangt, führte ich sie nach der Hansabrücke, wo uns die Pinasse des Hilfskriegsschiffes »Cordoba« erwartete. An Bord der »Cordoba« meldete ich mich und meine Leute bei dem Führer unseres Sonderkommandos, Herrn Korvettenkapitän Nitka. Der ließ uns gleich reichlich mit Tee und Butterbrot bewirten und wies uns Hängematten für die Nacht an. »Cordoba« war ein seltsames interessantes Schiff. Weil es für einige Tage auslaufen sollte, um eine geheimnisvolle Kabellegung im Belt vorzunehmen, wurden wir andern Tags wieder an Land gesetzt und in der Artilleriekaserne in Friedrichsort einquartiert. Ein Arzt untersuchte uns. Dann mußten wir unsere Haare schneiden lassen und man führte uns frierende Kahlschädel zum Minendepot zur Arbeit. Es galt Loren, wie sie bei schmalspurigen Eisenbahnen benutzt werden, und Pionierpontons aus Eisenblech auf einen Tenderdampfer zu verladen.

Korvettenkapitän Nitka imponierte uns gewaltig. Er war ein sehniger, frischer und temperamentvoller Herr, der uns dauernd im Laufschritt hielt. Auf dem Dampfer richtete er eine Ansprache an uns. Unsere Sache sei eine geheime und wichtige. Nicht einmal untereinander sollten wir darüber debattieren, sonst erfolgte Abkommandierung und kriegsgerichtliche Bestrafung. Das Ziel unseres Kommandos wisse er selbst noch nicht, aber es handle sich darum, in Gewässern, die für unsere größeren Schiffe nicht zugänglich wären, von Land aus Minen zu legen, und zwar mit Hilfe von Pontons, die auf Schienen zu Wasser gelassen und dann von einer Pinasse weitergezogen würden. Er könnte nur freiwillige und ganz zähe Leute gebrauchen. Denn wir müßten in kaltes Wasser springen und schwere Lasten schleppen können. Wer nicht mitmachen wolle, solle jetzt hervortreten.

Niemand trat hervor.

Nitka sprach weiter. Es käme auf geheimes, leises Arbeiten an. Wir würden nur in dunklen Nächten operieren und in unmittelbarer Nähe des Feindes, der nichts merken durfte. Niemand von uns sollte ein Wort sprechen, es sei denn, daß ein Kamerad in Gefahr geriete. Wir würden zunächst in der Nähe von Kiel ausgebildet werden. Dem sollte die Inspizierung durch Prinz Heinrich folgen, bei welcher Gelegenheit wir Ehre einlegen müßten usw. Es kamen noch andere Matrosen und Torpedomaate und Heizer, Zimmerleute, Signalgäste, Barbiere, Schuster usw. zu uns, so daß unsere Truppe zuletzt achtzig Mann stark war. Man gab uns Karabiner, und wir exerzierten damit, während Herr Nitka ein paar Tage abwesend blieb, um unser Übungsgelände auszusuchen und sich in Berlin beim Reichsmarineamt nähere Instruktionen zu holen.

Die Abende verbrachte ich in der Festung mit Herrn von Alten. Wir zechten in dem traulichen Einjährigenkasino und er ging reizend auf meine begeisterte Stimmung ein.

Nitka bezog, was allgemeines Aufsehen erregte, kein Offiziersquartier, sondern wohnte mit seinem Burschen wie wir in einer Kasernenstube und schlief hinterm Verschlag in einem Mannschaftsbett. In aller Frühe ließ er uns heraustrommeln, lief mit uns im Laufschritt zum Dampfer, und wir fuhren zur Werft, um dort die einzelnen Gegenstände für unsere Ausrüstung zu requirieren. Achtzig scharfe Seitengewehre, die an einer Seite statt der Schneide eine Säge hatten, achtzig Paar Handschuhe, achtzig Spaten, achtzig Koppel, achtzig Spitzhacken, achtzig Bordmesser und Tornister, Zeltbahnen, Fett, Talg, Öl, Batteriepfeifen für die Unteroffiziere, ein Horn für den Hornist, Farbe, Segeltuch, Garn, Hektographenapparat, Stoppuhr, Bootsanker mit Kette und vieles, vieles mehr. Das erforderte viel Arbeit und langen Dienst. Nitka ließ nicht locker, aber sein anfeuernder Witz, seine Redlichkeit und nicht zuletzt sein eigenes gutes Beispiel eroberten mein, und ich glaube, unser aller Herz. Er war ein herrlicher Offizier. Ein Teil unsrer Leute wurde nach Korrügen beordert, wo unser Übungsplatz angelegt werden sollte. Sie kamen quatschnaß, todmüde und fröstelnd zurück.

Und jeden Morgen fuhren wir mit dem Dampfer zur Werft. Nitka saß dann mit uns zwölf Unteroffizieren in der Kajüte und gab unterwegs jedem von uns besondere Befehle. Achtzig Kuhfüße, achtzig Waschbaljen, achtzig Zahnbürsten, achtzig Zahnpasten, achtzig wollene Unterzeuge. Wir nannten ihn unter uns Kapitän Achtzig. Denn er fragte immer wieder: »Was brauchen wir denn noch? Denkt doch einmal nach!«

»Gesangbücher!« rief jemand.

»Richtig. Eckmann, schreiben Sie auf: achtzig Gesangbücher. Aber was noch?«

»Einen Hund!« rief jemand.

»Richtig! Krug, schreiben Sie auf: achtzig Hunde!«

Alles lachte, auch Nitka, und wir liebten ihn. Aber in gleichem Maße, wie er uns auch wieder streng anspornte und harte Forderungen an uns stellte, mußten wir Unteroffiziere auch zu unseren Leuten energisch sein. Ich hatte allmählich gelernt, von ihnen weder Zuverlässigkeit noch Selbständigkeit zu erwarten, dennoch ward es mir oft sauer, meinen Ärger zu beherrschen. Das Lederzeug sollte geschwärzt werden. »Warum greifen Sie nicht zu?« redete ich einen Müßigen an.

»Ich habe keinen Pinsel.«

»Holen Sie sich einen.«

»Es sind keine mehr zur Stelle.«

»Wie alt sind Sie?«

»Sechsundzwanzig Jahre.«

»Dann beschaffen Sie sich einen Pinsel.«

»Wo?«

»Irgendwo. Stehlen Sie sich einen, oder nehmen Sie Ihr Taschentuch!«

»Das geht nicht bei Spirituslack.«

»Dann – – –« ich überlegte krampfhaft. Dann lief ich an meinen Spind und holte meinen Rasierpinsel.

Noch schwieriger wurde die Disziplinfrage, als wir in Korrügen unsere Übungen begannen. Wir mußten viele Zentner schwere Lasten heben und schleppen, Gewichte, die auch mit vereinten Kräften oft nicht von der Stelle zu bewegen schienen. Wir mußten Schienen ins kalte Wasser tragen und sie unter Wasser zusammenschrauben. Dabei wußten wir, daß wir, wenn wir aus dem Wasser kamen, noch stundenlang in nassen Kleidern warten oder weiterarbeiten mußten. Manche Leute brachte ich nur durch Drohungen oder lange Überredungen ins Wasser. Vor allem aber ging ich natürlich stets als erster voran, wobei ich den Schmerz verbiß, den ich besonders am Bauch empfand.

Drei Pontons wurden mit Quereisen zu einem Floß verbunden. Das wurde auf Loren gestellt und mit Minen beladen und so auf der schräg ablaufenden Schienenbahn zu Wasser gelassen. Dort spannte sich dann eine Barkasse vor. Zum Führer dieser Barkasse und verantwortlich für ihren guten Zustand wurde der Maschinistenmaat Eckmann gemacht. Ich wurde sozusagen der Kapitän des Pontons. Ich hatte dort fünf Matrosen zu meiner Hilfe, die mit Rudern und langen Bootsstangen das Floß aus dem Flachwasser abstaken und dann gegen die Strömung regieren mußten, bis die Barkasse sich mit langer Leine verbunden hatte. In der Barkasse saß der Kommandant Nitka, der mir auf der Fahrt seine Befehle durchs Megaphon zurief, die ich ebenfalls durchs Megaphon wiederholen mußte. »Wirf erste Mine!« – »Erste Mine geworfen!«

Das Tauwerk, die Schienen, die Probeminen und sämtliches Material holten wir uns von der »Cordoba«. Das brachte viel Arbeit, viel Verdruß und viel Durcheinander mit sich. Dazwischen erhielten wir Unterricht im Zeltbauen und wurden gegen Typhus und am folgenden Tage gegen Cholera geimpft, was uns allen schlecht bekam. Wir fanden keinen Schlaf, hatten Fieber und Brustschmerzen und manche mußten sich erbrechen, und alle sahen käsebleich aus. Trotzdem bewilligte man uns nicht den ärztlich vorgeschriebenen Ruhetag, sondern jagte uns wieder im Laufschritt zum Dampfer und in Korrügen ins kalte Wasser, wo wir unter Wasser schlossern mußten.

Zunächst funktionierte nichts. Schienen brachen. Laschen rissen. Die Pontons rollten nicht ab, weil das Gefälle nicht steil genug war. Ungeschickte Leute plumpsten ins Wasser. Andere ließen sich im Eifer hinreißen, während der Übung zu sprechen, was doch streng untersagt war. Dann hatte wieder das Motorboot Malheur. Kurz, es ging zu wie bei einer Probe auf einer Dilettantenbühne. Anschnauzer, Beschwerden und Beschuldigungen. Manche Leute murrten. Ihre Gesundheit vertrüge solche Strapazen nicht. Aber Nitka wußte sie immer wieder zu beruhigen und zu ermutigen. Er appellierte an ihr Ehrgefühl. Was die Post beträfe und unsere diesbezüglichen Beschwerden, so wäre jetzt nicht Zeit, Pakete zu bescheinigen. Wem etwas verloren ginge, der sollte es großmütig verschmerzen.

Ich bat Herrn Nitka vertraulich, mich immer bei den gefährlichsten und anstrengendsten Aufgaben zu verwenden. »Gern«, sagte er, »und ich muß jetzt nach Kiel, um gegen die Teka zu kämpfen. Die will mir keinen Leutnant bewilligen und sträubt sich überhaupt gegen unser Unternehmen.« Teka war die Abkürzung für das Technische Versuchskommando, dem unser Kommando unterstellt war.

Ich hatte mir zum Stubenaufklarer einen pausbackigen Rekruten gewählt. Der erkundigte sich bei mir, ob es wahr sei, daß die Russen jeden Gefangenen erschössen, der ein Seitengewehr mit gezahnter Schneide trüge. Ich bejahte ernst. Es lagen noch zwei Torpedomaate auf meiner Stube. Die bildeten sich viel darauf ein, daß sie aktive Einjährige waren und ärgerten sich darüber, daß ich älter und vor allem dienstälter war als sie.

 

Die Maate Jacob und Langebeck lagen mit mir zusammen. Langebeck glich nach Art und Wesen meinem Warnemünder Engel. Jacob war im Dienstalter mir noch voran, mußte also der erste sein, der zum Obermaaten befördert würde. Der lustigste Kamerad war der Obermaschinistenmaat Krug, ein langer Berliner mit heiserer Stimme. Er politisierte gern, denn er kannte alle Reichstagsabgeordneten persönlich; er war im Zivilstand Maschinist im Reichstagsgebäude gewesen. Über uns Unteroffizieren und unter Herrn Nitka stand ein Deckoffizier, der Maschinist Böse, der aber mir und überhaupt dem seemännischen Personal nicht viel dreinzureden hatte.

Ich saß allein im Einjährigenkasino bei einer halben Flasche Chateau Montrose und hatte die Fotografie der Geschwister Reemi vor mir aufgestellt. Von ihnen und anderen Freunden erhielt ich wieder liebevolle Briefe und Geschenke. Tula schrieb unter anderem: »Ich habe, wie so oft, große Sehnsucht nach Dir und schreibe Dir, um mich damit in eine hinreißende Stimmung zu versetzen. Dann werde ich beim Konzert gut spielen. – Ich will es Dir nur gestehen, daß mir seit meiner Kindheit nicht eine solche Freundschaft geschenkt wurde. Es ist ja das beste, was Du schenken kannst und ich danke es Dir mit Gleichem und bin zufrieden. – In diesem Augenblick ist Mucky wieder so unartig und verletzend gegen mich, daß ich aus dem Hause gehen werde. Die Tinte hat sie mir weggenommen, weil sie auch schreiben will, und diese Kopiertinte ermöglicht mir, Dir einen Gruß noch anzuhängen. – Eben noch schämte ich mich, und jetzt klage ich schon wieder. – Antworte nicht darauf, bitte komme nie auf so etwas zurück. – Ade! Gustav, Deine Tula.«

Mucky Reemi schrieb: »Rostock, 16.3.16. Lieber, lieber Gustav. Heut morgen sind wir schon früh auf den Beinen, alles gepackt, und hatten doch beide das schwere traurige Gefühl, daß keine Post von Dir kommen würde – daß Du längst weit, weit weg bist. Jetzt heißt es ruhig und einfach, als hätten wir nichts anderes vorgehabt, die Geigen nehmen und in die Probe gehen. – Ob Du wohl unsere Karten bekommst – vielleicht nach langer Zeit, und wir hören auch nichts von Dir ... Wenn ich mich umsehe und durchs Fenster hinaus, dann steht immer noch eine hohe Leiter drüben im Hof und es kommen mir Gedanken und rührende, traurige Bilder – und dann habe ich plötzlich die Leiter, die Stufen, den häßlichen Hof, alle lieb. – Aber das ist kitschig und ich habe kein Gemüt und bin ein Teufel, Du hast immer die Wahrheit gesagt (wenn Du über andere sprachst!) – Weißt Du, Gustav, wir wollen doch auf eine schöne Zeit hoffen: der Krieg wird nicht mehr sein, wir wohnen wieder irgendwo und Du bist unser Hausbesuch. Wir laden nur liebe Mädchen ein und spielen wieder Mozart. Du liest vor und darfst auf dem Sofa rauchen usw. – Du wirst schon allein uns beiden zuliebe nicht tollkühn sein, und daran denken, daß Du unser bester und ich glaube treuester Freund bist. – Ich halte Tag und Nacht die Daumen für Dich. Deine Mucky.«

Tante Michel schrieb u.a.: »Also am 25. d. M. geht's in den Kampf; meine Gedanken werden Dich begleiten und meine Gebete Dich hoffentlich beschützen, nun geht zu Allem noch das Sorgen und Bangen um Dich an; es muß ja sein, es heißt standhaft sein und Dir das Herz nicht schwer machen.«

Ich fand sobald nicht die Ruhe, diese und andere Briefe zu beantworten.

Wir übten jetzt auch nachts in Korrügen. Sternenloser Himmel. Dunkelheit. Die kleinen Taschenlampen, die wir Maate bei uns führten, durften nur benutzt werden, wenn es unbedingt nötig war. Die Silhouetten der arbeitenden Leute hoben sich schwach gegen den feuchten Nebel ab. Zwischen Maaten und Gemeinen herrschte jene verträgliche und rücksichtsvolle Einigkeit, die so froh und stark macht. Ich befand mich äußerst wohl und verteilte, was mir Liebesgaben beschert hatten, Portwein, ein Würstchen und Zigarren.

»Antreten!« Da standen die achtzig in schmutzigen Kleidern, wohl ausgerichtet, totenstill in zwei Reihen.

»Pontons klar zum Ablauf!« Wir spritzten lautlos auseinander und standen im nächsten Moment jeder auf seinem Posten, meine Seeleute und ich auf den Pontons, um die zwölf schweren C.A.-Minen verteilt. Ich zeigte: »Klar!«

»Keile weg!« Die Loren mit den Pontons sausten zu Wasser. Es war beinahe wie auf der Wasserrutschbahn beim Oktoberfest.

Dann töffte das Töff-Töff-Boot heran. Eine Wurfleine schwirrte. Die Schleppleine saß fest – straffte sich und fort zogen wir lautlos und dunkel. Die folgenden Kommandos von dem Motorboot nach meinem Floß gegeben, »wirf erste Mine!« und so weiter, wurden von mir bestätigt, aber ihre Ausführung ward nur markiert. Zurückgekehrt, kam dann das schwierigste Stück: die Pontons wieder durch die Strömung zu lavieren und auf die Böcke, beziehungsweise von da aus auf die Loren zu bringen. Alles ward dann wieder abgetakelt und in dem Schuppen geborgen, worauf wir zur kritischen Besprechung zusammentraten.

»Bitte Herrn Kapitän einen Vorschlag machen zu dürfen.«

»Gut. Was?«

»Was nützt es«, begann ich, »daß wir alle kein Wort reden dürfen, wenn Herr Kapitän dann doch hinterher mir mit lauter Stimme Kommandos durchs Megaphon zurufen! Könnte man sich da nicht durch verabredete Pfeifensignale verständigen, und zwar mit Tierstimmen, wie die Jäger sie gebrauchen? – Möwenschrei? Entenlocker? Auch Hirschlocker? –«

»Ausgezeichnet!« rief Nitka begeistert. »Schreiben Sie auf: Achtzig Entenlocker, achtzig Hirschlocker! Nein, zwei genügen auch.«

So zog ich denn mit dem witzigen Obermaat Krug nach Kiel in eine Musikalienhandlung, wo wir uns einen unerhörten Skandal erlaubten, indem wir alle Tierstimmen durchprobierten, bis wir auf Rechnung des Kommandos einen quäkenden Entenlocker und einen wie eine Autohupe blökenden Hirschlocker nahmen. Mit diesen beiden Tierstimmen trieben wir auf dem Rückweg noch viel Unsinn.

Unsere Leute erhielten die vorzüglichste Ausrüstung an Kleidern, Wäsche und Schuhwerk. Einzelne von ihnen verkauften einen Teil dieser Sachen sofort heimlich an die Zivilisten.

Im Einjährigenkasino polemisierte ich mit von Alten über Tirpitz' Abschied. Wir bekamen dort dieselben Speisen und zu denselben Preisen, wie sie im Offizierskasino verabfolgt wurden, Dinge, die es sonst für die Mannschaften überhaupt nicht mehr oder ganz selten gab, wie Butter, Fleisch und Bohnenkaffee.

An manchen Tagen wurde unser Kommando auf der »Cordoba« verpflegt. Das war uns nur lieb, denn an Bord bewirtete man uns besser als in den Kasernen an Land.

In bezug auf unser Ziel sickerte doch nach und nach ein wenig durch. Im Gespräch mit dem Maschinisten Böse waren dem Kommandanten einmal die Worte »zunächst Libau« entfallen. Auch hatte er sich Drahtgitter bestellt für Hühnerzucht im Unterstand.

Einen Vormittag lang Marschübungen mit Karabinern. Zwei Sergeanten, die dafür vom Seebataillon zu uns kommandiert waren, leiteten diesen Dienst. Sergeant Gehrmann ließ aber die Leute allzu häufig sich auf den kalten, noch schneebedeckten Boden hinwerfen. Dennoch vollzog sich alles in Eintracht, und der Maschinist, der mich nicht leiden mochte, redete kameradschaftlich mit mir und zog sich mit uns Maaten von Zeit zu Zeit hinter eine Böschung zurück, angeblich, um Entfernung zu schätzen, in Wirklichkeit, um einen kurzen smoke zu tun. Nachmittags wurden wir auf die Stuben geschickt. Wir sollten unser stark ramponiertes Zeug flicken und dabei fleißig Marschlieder üben. Als aber später der Unteroffizier vom Dienst revidierte, klang ihm aus allen Stuben das gleiche Lied entgegen: lautes Schnarchen. Und wieder wurde geimpft, und weitere Spritzen standen in Aussicht. Das nahm uns körperlich arg mit. Meine Brust schmerzte; ich konnte die Augenlider nicht mehr heben. Andere litten an Durchfall und Erbrechen. Dann requirierten wir wieder auf achtzig. Achtzig Nähzeuge, achtzig Hängematten, Seife, nautische Instrumente, Klosettpapier, fliegendes Telefon, Margarine, Sergeantenknöpfe, Schuhnägel, Bratenfett, unerhört Aufsehen erregende Speckseiten, Signalpatronen usw. Die Artilleristen in der Festung staunten und witzelten über diese noch nie dagewesene Ausrüstung. »Wer soll denn dieses Warenhaus bezahlen?!«

Nitka fragte mich: »Können Sie Maschinengewehr bedienen?«

»Wenn mir's einmal vorgemacht wird, kann ich's.«

»Gut. Sie und Maat Langebeck übernehmen das Maschinengewehr. Morgen beginnen wir.«

Ich wollte das nicht abschlagen, war aber andererseits etwas besorgt davor, daß die Unzulänglichkeit meiner Sehkraft mich hindern und dabei zur Sprache kommen könnte. Um so mehr bedauerte ich, daß Nitka, als wir andern Tags die Exerzitien begannen, das Zielfernrohr und das Rädergestell zurückgeben ließ. Es ginge das mit bloßem Auge viel besser. Wir marschierten im Schneegestöber durch Matsch nach Falkenstein und schossen dort, daß unsere Trommelfelle vibrierten. Und ich schoß sogar recht gut. Am besten schoß Nitka selbst.

Laufschritt – Nachtfahrten – Schieß- und Geländeübungen – Kasernendienst – wenig Schlaf – und mittags den Hammelkohl so schnell heruntergewürgt, wie dieser Fraß es verdiente. Bei einer nächtlichen Fahrt versagte wieder einmal, wie schon oft, das Motorboot. War es, daß Eckmann nichts verstand, oder taugte das Boot nichts, jedenfalls fanden wir die Ursache nicht heraus. Nitka war ziemlich niedergeschlagen, als ich ihm Meldung machte. Er tat mir leid. Nun sollte eine große Dampfpinasse angeschafft und das Motorboot nur noch zur Reserve behalten werden.

Beim Exerzieren schnauzte ich einen Mann an: »Stehen Sie nicht so großfressig da wie ein Admiral.« Ein Offizier, der zwar nicht zu uns gehörte, aber in meiner Nähe stand, wandte sich daraufhin an mich: »Haben Sie schon einmal einen großfressigen Admiral gesehen?«

Ich – sonst nie schlagfertig – antwortete: »Jawohl, einen feindlichen.«

Ach, wenn wir doch endlich fortkämen! Ich glaubte gar nicht mehr daran, und mir schien, als ob auch Nitka meine Besorgnisse teile. »Die Entscheidung liegt beim Prinzen Heinrich«, sagte er, und andermal: »Jetzt ist ein Offizier zur Begutachtung an die Front entsandt. Von dessen Bericht hängt alles ab.«

Einmal sah ich Nitka sehr aufgebracht. Obermaat Zander und Maat Jacob hatten sich um zwanzig Minuten verspätet. Vor allem aber war der Matrose Hensch über Urlaub geblieben, und zwar wollte dieser bestraft werden, um von unserem anstrengenden und gefährlichen Kommando fortzukommen. Nitka ließ uns antreten.

»Der Matrose Hensch wird nachdrücklich bestraft und abkommandiert werden. Ich habe das bereits durch Funkspruch veranlaßt. Und Sie, Obermaat Zander, und Sie, Maat Jacob, werden ebenfalls abgelöst. Packen Sie sofort Ihre Sachen.«

Maschinist Böse trommelte uns Unteroffiziere eines Abends noch spät zusammen und verlas uns vertraulich einen Funkspruch von der Nordseestation, der ungefähr so lautete: »Korvettenkapitän Nitka hat sein Kommando sofort an Korvettenkapitän Hermann zu übergeben. Er bleibt solange beim Sonderkommando, bis Korvettenkapitän Hermann sich eingearbeitet hat.«

Was war da vorgefallen? Niemand von uns war trauriger als ich. Der arme Nitka. Da hatte er sich nun Tag und Nacht abgeschunden und unermüdlich und genial die Sache in Schwung gebracht, und nun löste man ihn ab. Auch mir persönlich erwuchs daraus viel Nachteil, denn bei Nitka hatte ich Sympathie und Aussicht auf Beförderung gehabt.

Er ließ sich nichts anmerken. Er übte eifrig weiter mit uns. Wir machten jetzt Nachtfahrten bei stürmischem Wetter, um die Seetüchtigkeit unseres ungewöhnlichen Fahrzeuges auszuprobieren. Dabei stellte sich heraus, daß die Pontons leckten. Wir wären beinahe mit unseren Minen abgesackt. Und ich stand im Winde, und eine innere Stimme in mir – beileibe keine äußere – deklamierte: »Dann bliesen die Trompeten, und wir legten die Lanzen ein ...«

Abends ließ ich mich im Kasino beim Kommandanten melden, drückte ihm unsere Verehrung aus und fragte, ob er's nicht doch ermöglichen könnte, bei uns zu bleiben. Er beherrschte sich sehr anständig und sagte: »Nein. Das ist nun einmal Soldatenlos.«

Wir übten im Kasernenhof, und weil nicht scharf geschossen, sondern nur markiert wurde, ließ ich besonders auf ein altes Weib anlegen, das sich dort mit Kartoffeln zu schaffen machte.

»Auf die alte Kartoffelscheuche – Unterkante – Standvisier – Punktfeuer – Streuen!«

Wir mußten dem neuen Kommandanten unsere Übungen vorführen. Ein langer spitzbärtiger Herr mit einer großen gebogenen Nase, der zunächst eine unheimliche Ruhe bewahrte. Die Feiglinge unter uns stellten mit Befriedigung fest, daß er weniger Schneid besäße als Nitka. Übrigens verlief unsere Vorführung sehr ungünstig, weil verschiedene mißliche Zufälle zusammentrafen.

Nitka verabschiedete sich beim Appell: »Seine Majestät hat mich von dem Kommando wegbefohlen, das ich so lange geführt und das ich gern an die Front geführt hätte. Ich weiß nicht, ob ich morgen Zeit habe, mich von Ihnen zu verabschieden. Deshalb spreche ich Ihnen jetzt meine volle Anerkennung und meinen Dank aus. Ich wünsche Ihnen, daß Sie alle gesund zurückkommen!«

Diese Worte sprach er in einem Ton, der sehr zu Herzen ging. Kaum war aber Nitka weg, so fingen einige von uns schon an, ihn schlecht zu machen, besonders der Maschinist Böse.

Wir holten von der Werft eine große Dampfpinasse für unsere Zwecke, auch Gummianzüge für die Leute, die im Wasser stehend meine zurückkehrenden Pontons in Empfang nehmen mußten. Auf der Fahrt nach der Werft sah ich zum erstenmal die neuen Fernlenkboote, die ebenfalls von einem Kommando auf »Cordoba« ausprobiert wurden.

Mein kalter und nasser Posten auf den Pontons, um den mich niemand beneidete, zog mir Husten und Schnupfen zu. Dazu kamen andere Beschwerden. In wenigen Tagen sollten wir nun fortkommen. Wohin? Wir erfuhren es nicht. Selbst der neu eingetroffene Oberassistenzarzt Weidlich wußte es nicht. Alle entbehrlichen Privatsachen sandten wir in die Heimat zurück.

Ich hatte den Eindruck, daß der Maschinist, wie auch sein Günstling, der Torpedermaat Schmidt, gegen mich intrigierten. Böse war ein Wichtigtuer, der, solange der Kommandant dabeistand, alles allein und besser machen wollte, hinterher aber keinen Handgriff mehr tat, sondern nur noch in nervöser Unsicherheit störend herumschwadronierte. Er nahm es übel, wenn ein Unteroffizier ihm einen Vorschlag machte, und seine Nase sah aus wie ein Entenschnabel.

Ich traf mich zum letzten Male mit von Alten. Es war der 1. April 1916, und wir sprachen über Bismarck, dann über die finnischen Freiwilligen, die jetzt im Lockstedter Lager ausgebildet wurden.

Das Achtzigkommando mußte die Kaserne räumen und siedelte wieder auf »Cordoba« über, wo vor lauter Maschinen wenig Platz für die Hängematten blieb. Ich hängte mich neben Obermaschinistenmaat Blau auf, der gebildeter war als die anderen technischen Maate. Er sah aus wie die Mumie eines Steuerbeamten. Wenn jemand neben ihm schnarchte, hielt er ihm die Nase zu.

Es war so weit. Unsere Bagage, darunter eine rollende Feldküche, also Gulaschkanone, wurde in Eisenbahnwaggons verladen, unser letztes marineblaues Zeug abgegeben. Wir verließen, feldmarschmäßig ausgerüstet – Koppel, Gewehr, Affe und Schanzzeug wogen allein zusammen siebzig Pfund – unter herzlichen Abschiedsworten die »Cordoba«. »Das Jahr wird bunt!« sagte Obermaat Krug und zeigte auf einen bunten Schmetterling, der über unserem Dampfer flatterte.

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