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Als ich noch der Waldbauernbub war

Peter Rosegger: Als ich noch der Waldbauernbub war - Kapitel 29
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAls ich noch der Waldbauernbub war
authorPeter Rosegger
year1972
publisherL. Staackmann Verlag KG
addressMünchen
isbn3-920897-01-3
titleAls ich noch der Waldbauernbub war
pages3-5
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1900
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Als ich auf den Taschenfeitel wartete

Bei einer Christenlehre im Waldland hatte ich mich ausgezeichnet, und da kam nun für mich eine herrliche Zeit. Nimmer war ich das nichtige Waldbauernbüblein, sondern vielmehr der junge Gottesgelehrte, der dem Pfarrer hatte sagen, können, was christkatholisch glauben heißt, was zur Seligkeit notwendig ist, worin die christliche Gerechtigkeit besteht und was der heilige Paulus über die Ehe gesagt hat. Die Bauern, in deren Gegenwart solche Fragen beantwortet worden, haben sich nur darüber gewundert, daß der Pfarrer mich nicht auf der Stelle zum Priester geweiht hat; vielleicht, meinte der Höfelhans, weiß er ihm zuviel, der Peterl, so daß er gleich zum Papst gewählt werden müßte, und dazu wäre der Bub zu jung.

Zehn Jahre war ich alt. Um diese Zeit hat der Mensch noch eine Menge Vettern. Einer von diesen, der Vetter Jakob wird's gewesen sein, tuschelte mir ins Ohr: »Wart, Peterl, bis dein Namenstag kommt, kriegst was von mir – was Schönes! Extra was, weil du's so brav gemacht hast, allen Verwandten eine Ehr! Einen Taschenfeitel, wenn du magst!« – Ja, Vetter Jakob, den mag ich! jubelte es in mir auf, und von der Stunde an begann ich mich unbändig zu freuen auf den Taschenfeitel. Wenn man so einen hat, da kann man nachher was! Man kann Peitschenstecken abschneiden, man kann aus Kiefernrinden Rösser schnitzeln, man kann aus Spänen Kreuzeln machen und sie ans Haustor heften, man kann Pfeil und Bogen herrichten, man kann auf dem Felde die Rüben ausziehen und sie abschälen und hübsch stückweise in den Mund stecken, man kann den Forellen die Köpfe wegschneiden, bevor man sie in die Bratglut wirft, kurz, man kann alles mögliche tun, wenn man einen Taschenfeitel hat. Jede Nacht träumte ich vom Taschenfeitel mit dem gedrechselten gelben Heft, bis der Namenstag endlich herangekommen war. Am Vorabend, als sie mir mit Kübeln, Pfannen, Hafendeckeln und Feuerzangen die übliche Namenstagsmusik gemacht hatten, kehrte ich mich nicht viel drum, mein ganzes Wesen erfüllte der Gedanke: Morgen hast du deinen Taschenfeitel.

Am nächsten Frühtag, als die Wände des Hauses im Morgenrot leuchteten, strich ich schon draußen auf dem taufrischen Anger herum und guckte zwischen Bäumen und Sträuchern nach allen Seiten aus, ob nicht der Vetter Jakob dahersteige. In die Stube zurückgekehrt, gab's eine Überraschung. An die Namenstagsstrauben (eine Bäckerei) hatte ich gar nicht gedacht. Die Mutter hatte sie mir heuer mit besonders viel Weinbeerlein ausgestattet; ich steckte sie in großen Brocken rasch in den Mund, um die Finger abgeschleckt zu haben und bereit zu sein, wenn der Vetter Jakob mit dem Taschenfeitel käme. Die Stubentür ging auf, der Vater trat herein, ging langsam auf mich zu: »Dem Namenstagsbuben muß man doch eine neue Kappen aufsetzen!« und streifte mir eine buntgestreifte Zipfelmütze mit schönem Boschen (Quaste) über die Ohren. Fast wollte er sie mir in guter Laune auch über die Augen ziehen, ich wehrte mit den Händen ab, die Augen müssen freibleiben, wenn der Vetter Jakob kommt!

Jetzt erschienen meine Geschwister. Der Jackerl brachte von seiner Henne, er besaß eine, drei Eier, die Plonele verehrte mir ein Sträußlein aus frischen Nelken und Reseden und einen Kreuzer dazu; die Mirzele schluchzte in ihr Schürzlein, weil sie nichts hatte, worauf ihr meine Mutter eine hölzerne Perlenschnur gab, damit sie mir dieselbe als Angebinde schenken konnte, und ich solle damit nur fleißig rosenkranzbeten. »Der Hund bellt!« rief ich und horchte erwartungsvoll, ob die schweren Schuhe des Vetters Jakob nicht schlürfelten draußen am Antrittstein. Man hörte so was. Die Grableringodel kam daher, ganz schämig kam sie zur Tür herein und stellte auf die Ofenbank einen großen Handkorb. »Für den braven Namenstagbuben«, flüsterte sie und begann auszupacken. Zwei große Krapfen und ein braunglänzendes Honigtöpflein und etliche Kaiserbirnen; irgendwo auf der Welt mußten sie also schon reif sein. Und endlich ein Päcklein mit nagelneuem Herbstgewandel, grünausgeschlagenes Jöpplein, roter Brustfleck, braunseidenes Halstüchlein, schwarzes Lederhöslein; ich fuhr alsogleich mit der Hand in den Hosensack: »Da tu ich den Taschenfeitel hinein!« Ein Paar Schuhe noch und ein Filzhütel mit Hahnenfeder. »All's z'viel ist's, G'vatterin!« rief meine Mutter aus. »Da kommt der Taschenfeitel hinein!« wiederholte ich immer wieder.

»Wenn er Geistlich wird, soll er einmal eine Meß für mich lesen«, antwortete die Godel bescheidentlich.

Während die Mutter der Spenderin eine Eierspeise buk, um sie zu ehren, und ich dann eingeladen wurde, mitzuessen, kamen erst unsere Mägde daher. Auch ein paar aus der Nachbarschaft. Die Kathel brachte mir ein kirschrotes Sacktüchlein, die Traudel ein Paar Wollensocken, die sie selber gestrickt hatte; die Rosel ein Lebkuchenherz mit Bildchen drauf, wo in einem güldenen Körblein zwischen Rosen ein Liebespaar saß. Der alte Steffel brachte mir ein Kränzlein Zithersaiten; die Zither selber bringe er später, wenn er sie selber erst bekommen hätte. Er habe einen Bruder, und wenn dieser einmal sterbe, dann bekäme sie der Namenstagbub, und dieweilen möge er halt mit den Saiten fürliebnehmen, die ja auch sehr schön wären. Der ganze Tisch war schon voller Sachen, als noch der Stallbub Michel mit einem Napf frisch gepflückter Kirschen daherkam.

»Aber, Bübel!« schrie meine Mutter voller Glück, »dich mauern sie heut in lauter gut Sach ein! Das ist doch aus der Weis, da mußt jetzt wohl recht zum Bravsein schauen.«

Ich ging von einem Fenster zum andern. Draußen waren die Torsäulen und die Bäume und die Büsche, und auf dem Anger die Schafe, der Vetter Jakob aber –

Endlich wackelte über die Wiese etwas daher. Der dicke Vetter Martin kam und hatte ein hölzernes Trühlein bei sich. Während er es in der Stube säumig auftat, redete er zu mir: »Du, Peterl, wann du etwan doch nit Papst solltest werden, so rat ich dir, werd ein Zimmermann, da geht's dir auch gut. Zimmerleut braucht man alleweil, und gibt's Geld und gut Essen. Und deswegen hab ich gemeint, ich wollt dir meinen alten Zimmerzeug schenken; ich brauch ihn nimmer, weil ich mir einen neuen zugelegt hab. Sollt der Zeug zu rostig sein und Schatten haben, so tust ihn halt ein wenig schleifen, und ich wünsch dir einen glückseligen Namenstag.« Bohrer, Stemmeisen, Hobel, Reifmesser, das war schon was! Jetzt, wenn nur auch der Vetter Jakob mit dem Taschenfeitel tät kommen!

Statt dessen kam der Firmpate, der gute Simon Miesebner, mit einem weißen Lämmlein, und als er das meckernde Tier vor mir auf die Bank stellte, schlug meine Mutter die Hände über dem Kopf zusammen: »Das helle Christkindl kunntst sein, Bub, soviel tragen sie dir zu! Na, geh, das ist zuviel, das bist doch nit wert!« Ich streichelte das weiche Lämmlein und schielte dabei mit einem Auge zum Fenster hinaus.

Beim Mittagmahl gab's meine Lieblingsspeisen, ich konnte nichts essen. Ich saß im neuen Herbstgewandel da, steckte meine Hände in die Taschen – allerlei war schon drinnen, nur kein Taschenfeitel.

Nachmittags kam weiterer Besuch. Da gingen ein paar Schulkameraden aus Kathrein herüber. Der eine hatte eine Sammlung von Hosenknöpfen aus Horn und aus Messing und aus Stahl. Von einigen Gattungen, wovon er mehrere hatte, schenkte er mir zum Namenstag. Ein anderer verehrte mir eine Schachtel mit den damals neuen Streichhölzern, warnte mich aber so lange vor dem »Zündeln«, bis mir eins aufzischend an den Fingern brannte, daß ich es entsetzt von mir warf. Der Nachbarn-Thomerlbub schenkte mir ein Handschlittlein mit dem Vorbehalte, ihm selbiges im Winter, sooft Schneebahn wäre, wieder zurückzuleihen. Den Thomerlbuben fragte ich hierauf nur, ob er den Vetter Jakob kenne.

Der alte Schuster Ernest brachte ein Büchlein über Obstbaumzucht; bei uns wuchsen aber nur Wildkirschen und Holzäpfel. Die Nähterin Leni schickte durch ihr Dirndl den »Himmelschlüssel«. Das war ein Gebetbüchlein für die armen Seelen im Fegefeuer. »Den Himmelschlüssel wird der Petrus wohl eh selber haben«, bemerkte der alte Steffel, auf meinen Namensheiligen anspielend, worauf die Magd Kathel scharf zurückgab: »Für deine arme Seel möcht der Schlüssel auch nit genug sein, die wird wohl auch noch Gebeter brauchen.« – »Könnt eh sein«, entgegnete der Steffel und pfiff mit der Nase. Mir machte das keinen Spaß, ich dachte nur an den Vetter Jakob. Ich hatte den ganzen Tag nichts zu arbeiten gebraucht, aber warten ist schwerer als arbeiten!

Gegen Abend kam des Nachbars Hieserl und schenkte mir eine Mundharmonika, an welcher zwar einige Zünglein fehlten, doch blies ich darauf das »Großer Gott, wir loben dich« und dachte dabei: Bis auch der Taschenfeitel da ist, nachher tut sich's!

Es tut sich auch so! mochte die Jungmagd Rosel gemeint haben; das von mir geblasene »Te Deum laudamus« für einen Walzer haltend, packte sie mich um die Mitte und hopste mit mir eines über den Anger.

»Ist das schon die Papsteinweihung?« fragte plötzlich jemand hinter mir, und eine Hand hatte mich am Rockkragen gefaßt. Der Vetter Jakob! – Vor Freudenschreck fiel mir die Mundharmonika von den Lippen in das Gras.

»Wir müssen doch einen Namenstagball haben!« suchte die Rosel das Tänzlein zu rechtfertigen.

»Christi Heustadl!« rief der Vetter lustig aus. »Heut ist zuletzt gar dem Peterl sein Namenstag! – Wenn das ist, da muß man wohl –« Er bohrte seine Hand in den Sack, zerrte gemächlich ein ledernes Beutelein heraus, bandelte an demselben herum und kletzelte mir ein funkelndes Silbergröschlein hervor. »So, Bübel, das tust in dein Sparbüchsel, und bleib halt schön gesund und brav, daß deine Eltern mit dir eine Freud haben. Und ich muß wieder anrucken, sonst komm ich ins Finstere.«

Darauf ist er, mit Stock und Füßen weit ausschreitend, fortgegangen. –

Am Abend, als in der Stube das Spanlicht aufgesteckt wurde, was war das für ein stolzes Eigen! Mein Gewandtrühlein, mein Winkelkastel, die Wandstellen ringsum voller Sachen. Sie standen, lehnten, lagen, hingen da, teils noch in blaues Papier geschlagen, teils in hellen Farben auf mich herlachend. Und ich? Ich bin in meinem Leben selten so traurig gewesen als an jenem Namenstagabend. Sachen von zehnfacher Güte und Schöne hatte ich bekommen, sie machten mir kein Vergnügen, denn sie waren nicht erwartet worden, für sie war in dem kindischen Herzlein kein Platz vorgerichtet worden, sie waren mir gleichgültig. Und der eine einzige, der heißbegehrte und sehnsuchtsvoll erwartete, der, an den schon so viele Vorstellungen und Absichten geknüpft waren, der Taschenfeitel ist nicht gekommen.

So geht es oft auf dieser Welt, auch das wohlwollendste, aus allen Füllhörnern Gaben streuende Glück kann enttäuschen, wenn es blind ist. Nicht darauf kommt es an, daß man ein argloses Menschenkind mit Schätzen überhäuft, als vielmehr einzig nur darauf, daß man seinen oft recht bescheidenen Wunsch erfüllt.

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