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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2 - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 3
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1887
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2
pages529
created20120922
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünftes Kapitel.

Die Höllenfahrt Christi. – Der Traum vom heiligen Kreuz.

Wie die apokryphen Legenden, so mussten die christlichen Dichter auch die apokryphen Evangelien und noch viel leichter zur Behandlung anlocken, sobald man diesen vollen Glauben schenkte: waren doch die apokryphen Werke überhaupt, mindestens in der ganzen Ausführung, selbst schon eine blosse Schöpfung der Phantasie, also bereits ein poetisch vorbereitetes Material. Dies geschah denn zuerst in den Nationalliteraturen in einer angelsächsischen Bearbeitung des in dem zweiten Theile des Evangelium Nicodemi überlieferten Stoffs.Ich drücke mich so aus, weil ich nicht glaube, dass das Evang. Nicod. direct, sei es in der griechischen oder einer der lateinischen Versionen, dem angelsächsischen Dichter vorgelegen habe, vielmehr in irgend welcher lateinischen Bearbeitung einer solchen; denn die Behandlung des Stoffs ist eine zu freie. S. dies apokryph. Evangelium in Tischendorfs Evangelia apocrypha. Leipzig 1853; und vgl. Wülker, Das Evangel. Nicod. in der abendländ. Literatur. Paderborn 1872; sowie Grundr. S. 186 f. Von dieser DichtungThorpe, Cod. Exon. S. 459 ff. – Grein, Biblioth. Bd. I, S. 101 ff. – – Kirkland, a study of the anglo-saxon poem The harrowing of hell. (Leipz. Diss.) Halle 1885. ist uns nur ein Bruchstück und zwar der Anfang (137 Langzeilen) erhalten.Sollte im Eingang etwas fehlen, so möchten dies nur die einleitenden Worte des Dichters sein; denn es ist zu erwägen, dass der biblische Bericht, dem hier der Dichter zunächst folgt, Matth. c. 28, v. 1 ff. auch ein Kapitel anhebt. Es ist die Höllenfahrt Christi.

70 Die Dichtung beginnt damit zu erzählen, wie die Marien ausziehen, das Grab Christi zu besuchen, um seinen Tod zu beklagen, aber es leer finden. An diesen biblischen Bericht knüpft der Dichter die Erzählung von der Höllenfahrt. Bei Tagesanbruch war eine Engelschar zum Grab gekommen, die Erde bebte: Christus erstand, die Frommen in der Hölle jubelten. Johannes sagt ihnen von seinem Verwandten (mœg), dem Heiland, dass derselbe ihm verheissen habe, ihn aufzusuchen; noch heute werde Gottes Siegekind ankommen. – Schon eilt der Heiland heran die Mauern der Hölle zu brechen, ohne ein Gefolge von Kriegern, er allein, und doch fallen die Riegel und Schlösser der Feste und er tritt ein. Die Frommen drängen sich heran, ihn zu sehen, voran die Patriarchen und Propheten. Johannes, der in Wonne der Hölle Thore, die so lange verschlossenen und mit Dunkelheit bedeckten, hell erglänzen sah, begrüsst vor allen andern den Heiland mit einer langen Rede (v. 59 ff.), die den ganzen Rest des Torso ausfüllt, Er dankt ihm darin, dass er ihre Hoffnung erfüllte, der sie auch in der Hölle Banden treu geblieben, und gekommen sei; er preist Gabriel, der ihn verkündete, Maria, die ihn gebar, er ruft Jerusalem an, wo er weilte, und den Jordan, wo sie zusammen badeten: möge er ihnen jetzt gnädig sein!

Die Darstellung erinnert in einer EigenthümlichkeitIch meine das wiederkehrende Eá lâ in der Rede des Johannes, welches, wie im Christ, ein neues Moment der Darstellung einführt. an den Christ des Cynewulf, in dem auch der Höllenfahrt gelegentlich kurz gedacht wird (v. 558–570). Das Gedicht mag wohl im Hinblick auf dieses Werk verfasst sein: damit ist indess noch nicht gesagt, dass dies von Cynewulf selbst geschah.

 

Mit der evangelischen Geschichte steht auch in naher stofflicher Beziehung das schöne Gedicht: Das Traumgesicht vom heiligen Kreuz,Grein, Bibl. Bd. II, S. 143 ff. – Ebert, Ueber das angelsächsische Gedicht Der Traum vom heil. Kreuz, in den Sitzungsber. der k. sächs. Gesellsch. der Wissensch., phil. histor. Classe, Bd. XXXVI, S. 81 ff. – Wülker, Grundriss S. 189 ff. eins der anziehendsten Werke der angelsächsischen Poesie (156 Langzeilen). Der Dichter will, so 71 beginnt er, den auserwähltesten der Träume erzählen, den er um Mitternacht hatte, als alle Menschen der Ruhe pflegten. Er sah da, so deuchte ihm, einen seltsamen Baum in der Luft schweben, von Licht umwoben, den glänzendsten der Bäume; das ganze Zeichen war mit Gold übergossen und hatte vier Gemmen am Fusse sowie fünf am Achselgespann. – Dem Dichter erwacht bei dem Anblick das Bewusstsein seiner Sündenschuld, zumal er durch das Gold hindurch doch Blut auf der rechten Seite erkennen konnte: furchtsam bekümmert, blickt er lange hin auf des Heilandes Baum, der bald mit Schmuck geziert, bald mit Blut begossen ihm erscheint.Das Kreuz, das dem Dichter bei seiner Darstellung vorschwebte, ist, wie sich aus ihr ergibt, eine blutroth gefärbte Crux gemmata, die, wie aus der weiteren Erzählung hervorgeht, nicht das Bild des Gekreuzigten trug, also wohl eine Crux stationalis, wie sie bei Processionen gebraucht wurden. Solche gerade erscheinen mit Gemmen am Querbalken geschmückt. S. meinen Aufsatz, S. 83, wo noch weiter ausgeführt wird, wie die blutrothe Färbung schon früher sich fand, und bei den Angelsachsen im achten Jahrhundert allgemeine Sitte gewesen zu sein scheint.

Da hebt dieser zu reden an und erzählt, wie er im Walde gefällt und als Kreuz errichtet wurde; wie »der junge Held«, »der allmächtige Gott« muthig es – das Kreuz – erstieg; wie es bebte, als er es umfasste, und es doch feststehen musste; wie man sie beide verhöhnte und wie es im Blute schwamm, das aus seiner Seite floss, als er den Geist entsendet hatte. Die Sonne verfinstert sich, die ganze Schöpfung weint, den Fall ihres Königs beklagend (v. 55 f.). Eilfertige Männer kommen und nehmen den Gott von dem sich neigenden Kreuze, und lassen das blutige, »das ganz von Pfeilen verwundet war« (v. 62),eall ic wäs mid strälum forwundod. v. 62. Hammerich, Aelteste christl. Epik der Angelsachsen, S. 28 erinnert hier an den Balder-Mythus, welchen auch das Weinen der ganzen Schöpfung zurückrufe. betrübt da stehen. Sie bestatten den Walter der Siege in einem Felsengrab, das sie im Angesicht seiner Mörder aushauen. Das Kreuz selbst wird dann gefällt und begraben. Aber des Herrn Degen und Freunde erforschten es, gruben es aus und schmückten es mit Gold und Silber. Nun wird es, einst das verhassteste Marterwerkzeug, weit und breit verehrt und zu ihm gebetet.Vgl. Tatwine, Enigmata 9 De cruce Christi, und meinen Aufsatz S. 87, Anm. 5. Das Kreuz fordert schliesslich den 72 Dichter auf, dies Gesicht den Menschen zu verkündigen, ihnen zu sagen, wie Gott für der Menschen Sünden den Tod am Kreuze erlitt und wie sie durch dieses am jüngsten Tage Rettung finden können. – Der Dichter betete darauf getröstet zum Kreuze, sein Sinn ging dahin, aus der Welt zu scheiden. Hier endet der Traum (v. 125). – Der Dichter hofft jetzt täglich, wann das Kreuz, das er hier auf Erden schon schaute, ihn abrufen und in des Himmels Seligkeit führen werde, wohin so mancher Freund ihm vorangegangen.

Diese Dichtung, die, wie selten eine der Angelsachsen, von unnützen Wiederholungen sich frei erhält, zieht schon durch die Innigkeit der religiösen Empfindung sehr an; der Reiz der Dichtung wird aber wesentlich erhöht durch die Personification des Kreuzes, die Hand in Hand mit der Auffassung desselben als Baum geht. Einer solchen Auffassung, die durch Betrachtung des Lebensbaums der Genesis als Typus des Kreuzes angebahnt war, sind wir schon früher in der lateinischen Poesie, zuerst in ausführlicher Weise im fünften Jahrhundert in dem Gedicht De cruce begegnet, dann in den Hymnen des Fortunat und auch bei den Angelsachsen selbst in den Aenigmata des Bonifatius.S. Bd. I, S. 304, 509 und 613, und vgl. meinen Aufsatz S. 85 f. Hiermit hängt etwas eine andre Eigenthümlichkeit unserer Dichtung zusammen: die freie Behandlung der biblischen Berichte, von denen der Autor an einzelnen und zwar wichtigen StellenSo trägt in dem Gedicht Christus das Kreuz nicht selbst; so erfolgt hier das Erdbeben viel früher; so wird das Grab hier erst nach dem Tode Christi ausgehauen. in ganz auffallender Weise sich entfernt, eine Kühnheit, die sich zum Theil vielleicht aus dem Mangel einer genaueren Kenntniss der Evangelien erklärt, jedesfalls aber in dem Dichter nur einen Laien anzunehmen erlaubt.Nicht aber Cynewulf, dem man auch diese Dichtung wieder beilegte, mit welchem Unrecht, glaube ich in meinem Aufsatz S. 88 ff. gezeigt zu haben. 73

 

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