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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2 - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 3
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1887
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2
pages529
created20120922
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Kapitel.

Weltliche Epik. Beowulf. Widsith. Des Sängers Trost.

In der poetischen Behandlung biblischer Stoffe hatte sich, so weit unsere Nachrichten reichen, zuerst bei den Angelsachsen eine Nationalliteratur entwickelt, das Wort »Literatur« im eigentlichen Sinne genommen, d. h. also sogleich in der Schrift niedergelegte Werke des individuellen Genius: Werke in der Art, wie die in dem vorigen Kapitel geschilderten Dichtungen, von welchen die eine oder andre, namentlich die Genesis, noch dem Zeitalter des Beda angehören könnte. Diese epischen Werke, welche nach schriftlichen Vorlagen selbst, ihnen mehr oder weniger treu nachfolgend, verfasst waren, behandelten an sich unnationale, dem Volksgeiste nur durch die Religion nahe gebrachte Stoffe in einer so viel als möglich nationalen Auffassung und Färbung.

Einem solchen Vorgang folgten nun Dichter, die, offenbar durch den Mangel eigener bedeutender nationaler Stammsagen veranlasst, die verwandter germanischer Völker zum Gegenstand epischer Dichtung machten. Die Angelsachsen waren ja sozusagen ein Colonialvolk. Indem sie den heimischen Boden, an welchen sich die Sagen des Kindheitsalters ihres Volkes knüpften, verliessen, indem sie in lang dauernden Kämpfen mit einer fremden Nation eine neue Heimath sich eroberten und zu einer reichen Staatenbildung übergingen, um auf eine weit höhere Stufe politischer Entwicklung als in ihrem alten Vaterlande sich zu erheben, indem sie endlich die christliche Religion und die romanische Bildung so rasch sich aneigneten, ganz im Gegensatz zu den in der Heimath verbliebenen, wurden sie zu einer neuen eigenthümlichen politischen und nationalen Individualität, die sich von den andern germanischen Völkern bestimmt unterschied, und die der einst ihnen allen gemeinsamen heidnischen Religion und Stammsagen nur noch schwach und selten sich erinnerte. So erscheinen die Angelsachsen spätestens Ende des siebenten Jahrhunderts.

Das bedeutendste Werk solcher weltlicher epischer Dichtung ist der BeowulfBeovulf, mit ausführlichem Glossar herausgeg. v. Heyne. Paderborn. 4. Aufl. 1879. – Beowulf. Text nach der Handschr. und berichtigter Text in: Bibliothek der angelsächsischen Poesie, begründet von Grein, neu bearbeitet von Wülker. Bd. I. Kassel 1883. S. 18 ff. und S. 149 ff. – – Wülker, Grundriss S. 244 ff., welches in der Gestalt, worin es uns 28 überliefert ist, 3183 Langzeilen zählt. Der Held, nach dem das Gedicht genannt, ist ein Gothe, der nach der Dichtung als König seines Volkes im letzten Drittel des sechsten Jahrhunderts starbDas einzige sichere historische Factum, das im Beowulf erwähnt wird (v. 2914 ff., vgl. 2355 ff.), ist der Einfall des Gothenkönigs Hygelac in Friesland, wobei er besiegt seinen Tod fand. Diese Thatsache wird von Gregor von Tours in seiner Histor. Francor. l. III, c. 3 berichtet, und trug sich um 515 zu. Die von unserer Dichtung erzählten Thaten Beowulfs bei den Dänen fallen vor dieses Ereigniss. Nach ihr folgt Hygelac sein Sohn Heardred, der zunächst unter Vormundschaft Beowulfs, dann selbständig regiert. Dann erst besteigt Beowulf selbst den Thron und herrscht fünfzig Jahre.; der Schauplatz seiner Grossthaten aber ist zunächst im Dänenreiche, wahrscheinlich auf Seeland, dann im Gothenland, dem heutigen Götaland, an dessen westlicher Küste zu suchen.S. darüber: Grein, Die historischen Verhältnisse des Beowulfliedes, im Jahrbuch f. roman. u. engl. Literatur Bd. IV, S. 260 ff. Angelsachsen haben keinerlei Antheil an der Handlung, noch erscheinen sie sonst in dem Gedicht: nur einmal wird vergleichsweise einer ihrer Königinnen gedacht (v. 1931 ff.). Der Stoff ist daher kein national angelsächsischer. Doch gestattete die nahe germanische Nationalverwandtschaft der Völker, die in der Dichtung auftreten, mit den Angelsachsen eine viel grössere nationale Behandlung als bei den biblischen Stoffen.

Betrachten wir zunächst den Inhalt der Dichtung, die sich in drei Haupttheile gliedert. Einleitend beginnt das Gedicht mit einem Hinblick auf die Gründung der in Dänemark herrschenden Dynastie der Scyldinge. Ihr Stammvater ist Scyld, der Sohn des Scef, der als Kind allein auf einem Schiffe ans Land getrieben, ein mächtiger König wurde. Sein Urenkel ist Hrothgar, der zu der Zeit, wo unsere Erzählung beginnt, die Dänen beherrscht. Er ist eine Hauptperson der beiden ersten Theile. Hrothgar erbaute das grösste Methhaus, von dem die Menschen je hörten, das herrliche Hallengebäude Heorot (so genannt nach dem Schmuck seiner Giebel, denn heort ist unser Hirsch). In diesem Königssaal, in dem auch der Thron sich befand, war Jubel jeden Tag: dort sass der Herrscher mit 29 seinen Degen an der Tafel, der Humpen ging herum, und der Sänger sang zur Harfe sein Lied (v. 89 ff.) von der Schöpfung der Erde, der schön glänzenden, von Wasser umgebenen Flur durch den Allmächtigen, wie dieser sie schmückte und Sonne und Mond schuf, und ins Leben rief alle Geschlechter, die dort wandeln. – So lebten die Mannen selig in Freuden, bis ein Feind aus der Hölle Frevel zu vollbringen begann. Es war dies der »grimme Geist« Grendel, der in den Mooren hauste, der »unselige Mann«, den der Schöpfer verdammt hatte. Denn er war vom Geschlechte Kains, von welchem alle die Unholde, Elfen und Riesen abstammen. Er besucht eines Nachts die Halle und raubt dreissig von den Degen, die dort nach dem Gelage schlafen. In der folgenden Nacht wiederholt der Menschenfresser die Mordthat noch schlimmer: so waltet in Heorot Grendel, da ihm niemand zu wehren vermochte; und es stand unnütz da das beste der Häuser schon zwölf Jahre.

Dies Leid, das vor allen den König tief bekümmert, vernimmt nun bei den Gothen Beowulf, ihres Königs Hygelac Degen und Schwestersohn, der von Vaterseite aus der schwedischen Königsfamilie der Scylfinge stammte (v. 194 ff.). Er, der stärkste der Männer, beschliesst Hrothgar zu helfen. Er rüstet ein Schiff aus, vierzehn Degen, die er unter den kühnsten der Gothen erwählt, begleiten ihn. Sie landen nach vierundzwanzigstündiger Fahrt an der Dänenküste. Ein Strandwart begrüsst sie zunächst, und, nachdem er ihre Absicht erfahren, zeigt er ihnen den Weg zu der weit über die Lande leuchtenden Halle. Dort empfängt sie Hrothgar erfreut, der Beowulf als Kind kennen gelernt und schon von seiner Heldenkraft durch Seefahrer gehört hatte. Gern gewährt er Beowulf die Bitte, Heorot zu »reinigen« (fælsian). Der Gothenheld will allein den Grendel bekämpfen, und zwar mit der Faust, ohne Waffen, weil der Unhold selbst in seinem Uebermuth solche verschmäht. Gott soll zwischen ihnen entscheiden. – Bei dem dann folgenden Mahle erzählt Beowulf, herausgefordert durch den Neid eines Dänendegens, Heldenthaten, die er, bei einem Wettschwimmen mit einem Genossen Breca, im Kampf gegen Ungeheuer des Meers vollbrachte (v. 506 ff.), und versichert, dass ebenso Grendel, der den Kampf mit den Dänen nicht fürchtet, seine, des Gothen, Kraft und Stärke erfahren solle (600 f.). Nachdem dann noch die Königin den Gast begrüsst und ihm den Becher kredenzt hat, 30 zieht sich mit Anbruch der Nacht Hrothgar mit den Seinen aus der Halle zurück, wo Beowulf mit seinem Gefolge nunmehr den Unhold erwartet.

Grendel erscheint, er fasst einen der schlafenden Gothen, den er zerreisst und frisst, um sich dann Beowulf zu nähern. Dieser aber greift ihn selbst mit der Faust an. Der furchtbare Zweikampf, der sich nun entwickelt, wird von dem Dichter zwar lebendig, aber im einzelnen unklar geschildert (v. 745 ff.). Grendel fühlt alsbald die überlegene Kraft seines Gegners, er möchte entfliehen, aber Beowulf hält fest, dass ihm die Finger bersten. Die mit Eisenbanden umschmiedete Halle droht einzustürzen: so dröhnt sie von dem Lärm der Ringenden und dem Geheul des Unholds. Die Dänen hören es mit Grausen. Vergebens versuchen die Mannen des Beowulf ihre Schwerter an Grendels gefeitem Leibe. Dieser reisst sich endlich los, indem er seinen Arm in den Händen Beowulfs lässt, und entflieht sterbend zu seinem Moore.

Den andern Morgen ist allgemeine Freude unter den Dänen. Man eilt von fern und nah herbei, die blutigen Spuren des Unholds zu schauen, man preist den Gothenhelden, ja ein liederkundiger Degen des Königs besingt (v. 871) die That Beowulfs, als eines andern Sigemund, der allein einen Drachen tödtete; sein Abenteuer erzählt hier der Sänger (v. 875 ff.); Hrothgar erscheint dann in der Halle, um im Anblick von Grendels Arm zuerst Gott, dann Beowulf, den er im Herzen wie seinen eignen Sohn lieben will, seinen Dank darzubringen. – Nun wird die Halle hergestellt und geschmückt, ein grosses Fest wird darin gefeiert: der Gothenheld empfängt vom König kostbare Waffen und acht stattliche Rosse mit dem prächtigen Kriegssattel des Königs; auch das Gefolge Beowulfs wird belohnt; das Mahl aber würzte Gesang zur Harfe, den Hrothgars Sänger anstimmte, indem er vom Ueberfall von Finnsburg sang, wo eine kleine Dänenschaar sich aufs tapferste gegen das Friesenvolk vertheidigte und den Sieg davon trug (v. 1068 ff.). Danach tritt die Königin hervor und Beowulf den Becher Wein kredenzend, beschenkt sie ihn mit einem Gewand, Spangen und Ringen, und dem grössten Halsreif, dem herrlichsten Kleinod, das einst dem Gothenkönige Ermanrich gehörte. Sie empfiehlt ihm ihre Söhne. Die Degen zechen bis zum Abend, wo der König und die Gothen sich entfernen, aber eine grosse 31 Schaar von Dänen bleibt, um zur Hut der Halle dort, wie früher, neben ihren Waffen zu schlafen (v. 1250). – Hiermit schliesst der erste Theil der Dichtung. –

Es folgt der zweite, ein Nachspiel gleichsam, worin die Rache erzählt wird, welche Grendels Mutter für den Tod ihres Sohnes nimmt, und die Strafe, die sie dann trifft. Der Eingang dieses zweiten Theils, seine Verbindung mit dem ersten hat manches auffällige, worauf ich unten zurückkomme. Die Unholdin wird, nachdem sie in die Halle gedrungen, alsbald von den Dänen entdeckt, die zu den Waffen greifen, aber obschon sie nun flieht, erfasst sie doch einen der Edlen und schleppt ihn mit sich: der war des Hrothgar liebster Held, sein Rathgeber Aeschere. Beowulf erfährt am Morgen das neue Unheil von dem tief bekümmerten König selbst. Dieser fordert ihn auf, in die Höhle der Ungeheuer selbst einzudringen – wenn Beowulf dies wagen wolle – indem er das mit Schauern umgebene Moormeer schildert, wo sie hausen: ein kunstvoll ausgeführtes anziehendes Landschaftsbild (v. 1357 ff.). Selbst der verfolgte Hirsch lässt lieber sein Leben, als dass er sein Haupt in diesen dunkeln Wassern birgt. Beowulf aber ist entschlossen, die That zu wagen. Er und Hrothgar ziehen mit ihrem Gefolge zu dem Sumpfe hin, in dem noch das Blut Aeschere's wallt. Dort tummeln sich Nixen und Seedrachen, von welchen Beowulf einen erschiesst. Er legt dann seine Rüstung an, die hier ausführlich geschildert wird, und nach kurzem Abschied von dem König, dem er seine Mannen empfiehlt, taucht er gewappnet in das Wasser hinab, in der Hand das Schwert Hrunting, das nie in einem Kampfe versagte: ein Degen Hrothgars lieh es ihm.

Nach eines Tages Weile (v. 1495) auf dem Grund der Tiefe angelangt, wird Beowulf von dem Meerweib ergriffen und in Grendels Höhle geschleppt. Dort erst, von dem Wasser unbehindert, ist der Held zu kämpfen im stande, aber das Schwert vermag nichts gegen der Riesin gepanzerten Leib: da vertraut Beowulf wieder der Kraft seiner Hände, er wirft im Ringkampf die Riesin zu Boden, stürzt aber unter ihren Griffen nach. Jetzt schien der Held verloren, das Meerweib kniet auf ihm und hätte mit ihrem Hüftmesser ihn durchstossen, wenn ihn nicht die treffliche Brünne geschützt – Beowulf vermag sich zu erheben, und mit einem alten Riesenschwert, das er in der Höhle erblickt, tödtet er das Weib und schlägt 32 kampfeszornig auch noch dem leblos dort ruhenden Grendel das Haupt ab. Aber des Schwertes Schneide schmilzt wie Eis von dem Blute. Nur den Griff und Grendels Haupt nimmt als Trophäen der Sieger aus der schätzereichen Höhle mit, als er aus der Tiefe wieder emporschwimmt, oben nur noch von seinen treuen Gothen empfangen. Sie begeben sich dann nach Heorot. Dort berichtet Beowulf sein Abenteuer dem König und übergibt ihm die Trophäen (v. 1652 ff.). Hrothgar preist ihn; einen besseren Helden, als ihn, gebe es nicht: nur möge er nie bei den Seinen seine Kraft missbrauchen, wie dies einst König Heremod bei den Dänen that (1709 ff.). Hrothgar warnt Beowulf väterlich vor der Hybris, die die unbewachte Seele verderben kann. Denk' stets an dein ewiges Heil: ruft er ihm zu, an das Ende dieses wechselvollen Lebens.

Am andern Morgen nimmt Beowulf Abschied (v. 1818), indem er auch für die Zukunft den Dänen von den Gothen Hülfe verspricht. Hrothgar, bis zu Thränen gerührt, meint, wenn Hygelac stürbe, könnten die Gothen keinen bessern, als Beowulf, zum König wählen. Er habe zwischen diesen und den Dänen Freundschaft gestiftet. – Von neuem beschenkt, eilt Beowulf zu seinem Schiffe.

Der Held landet bald wieder (v. 1912) an der Gothenküste, wo unfern des Ufers das Schloss des Königs Hygelac sich befindet. Mit ihm waltet dort seine Gemahlin Hygd, die, so jung sie war, klug und freigebig, ein Muster einer Königin ist, ein voller Gegensatz zu einer Thrytho, dem in ihrer Jugend stolzen und grausamen Weibe des angelsächsischen Königs Offa – über welches sich der Dichter hier eine Abschweifung erlaubt (v. 1931 ff.).Ueber diese Episode s. Suchiers Aufsatz: Ueber die Sage von Offa und þryđo, in: Paul und Braune, Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Lit. Bd. IV, S. 500 ff. – Beowulf, von Hygelac freudig empfangen, erzählt ihm dann seine Erlebnisse, die aber in mancher Einzelheit abweichen von der früher gegebenen Darstellung.Hier findet sich auch (v. 2024–2069) eine lange Episode über der Tochter Hrothgars, Freawaru Verlobung mit einem Sohn des Königs der Heathobarden. Er übergibt dann dem König und seiner Gemahlin die Geschenke, die er von Hrothgar erhalten; und der Dichter schliesst diesen Theil mit dem Lobe des Helden, der nicht übermüthig ward 33 in dem Besitze der Kraft, die ihm Gott verliehen, nachdem er sie so bewährt, er, den man früher lange missachtet hatte. Jetzt aber beschenkt ihn auch sein König reich, namentlich mit dem kostbarsten Schwerte der Gothen, das Hygelacs Vater, Hrethel hinterlassen. –

Mit Vers 2200 beginnt nun der dritte Theil. In späteren Tagen geschah es, dass, nachdem Hygelac im Kriege gefallen und sein Sohn und Nachfolger Heardred umgekommen war, Beowulf, der schon während der Unmündigkeit Heardreds die Regierung geführt, den Thron der Gothen bestieg. Fünfzig Winter hatte er ihn schon inne: da wird der alte Fürst zu einem neuen furchtbaren Kampfe gefordert. Ein Feuer speiender Drache beginnt das Land zu verwüsten; in den dunkeln Nächten steckt er die schönen Gehöfte an, so dass weithin der Krieg, den er gegen die Menschen führte, sichtbar wird. Er ward dazu gereizt: er rächte sich. Dreihundert Jahre schon bewachte der Drache dort in einer Höhle am Meeresufer einen Schatz, den einst der letzte eines edeln Geschlechtes, das der Kampftod hingerafft, der Erde anvertraut. Nun hatte ein flüchtiger Mann die Höhle entdeckt und eine kostbare Schale daraus geraubt, mit der er seine Schuld bei seinem Herrn büssen konnte (v. 2280 ff.). Daher des Drachen Zorn, der selbst Beowulfs Palast, den Gabenstuhl der Gothen, nicht verschonte.

Tief bekümmert dies den greisen Helden: er fürchtet den Zorn Gottes auf sich geladen zu haben. Er ist entschlossen, allein den Drachen zu befehden, er fürchtet ihn nicht, hat er doch auch, seit er Heorot gereinigt, noch so manchen Kampf glücklich bestanden. Nicht der geringste war der, bei welchem Hygelac in dem Friesenlande fiel. Beowulf allein entkam schwimmend, nachdem er dreissig Feinde ihrer Brünnen beraubt (v. 2355 ff.). Hygd bot ihm da bei der Unmündigkeit ihres Sohnes den Thron an, der königstreue Beowulf aber verschmähte ihn und begnügte sich, Heardred zu berathen. Als dieser später im Kampf mit den Schweden erschlagen wurde, rächte er seinen Tod in einem gegen sie unternommenen Feldzuge.

Ein solcher Held braucht den neuen Kampf nicht zu fürchten – so dachte er selbst. Nachdem er einen eisernen Schild sich hatte machen lassen, zieht Beowulf, von Zorn entbrannt, begleitet von elf Degen und dem Manne als Führer, der an dem Krieg die Schuld trug, zu der Drachenhöhle hin. Hier 34 lässt er sich zunächst auf einem Felsenvorsprung nieder, um bekümmert im Herzen, voll Todesahnung, seinen Herdgenossen noch ein Heil zu entbieten. Er hält dann einen langen Monolog (v. 2426–2515), in dem er seiner Kindheit und seiner Jugend gedenkt: wie er im siebenten Jahre an den Hof seines Grossvaters, des Gothenkönigs Hrethel kam, der ihn auferzog; welches Unglück diesen traf, als sein zweiter Sohn, Hæthcyn den ältesten durch Unvorsichtigkeit tödtete, wie der greise König aus Gram darüber starb; wie Hæthcyn ihm folgte und im Kampf mit den Schweden fiel; und welche Dienste er selbst in der Jugend seinem Könige im Kriege geleistet: und so will er auch jetzt noch als alter Wart des Volkes den Kampf aufsuchen und mit Ruhm bestehen. – Noch einen letzten Gruss an die Genossen – und Beowulf geht allein den Feind in seiner Höhle aufzusuchen; aber ein Giessbach, kochend von des Drachen Lohe, wehrt ihm den Zugang. Da ruft Beowulf zornige Worte hinunter, den Drachen herausfordernd. Nun erscheint der heisse Dampf seines Athems und er selbst kommt hervor aus dem Gestein. Schrecken ergreift beide Kämpfer vor einander, als sie sich schauen (v. 2565). Der Drache stürmt heran mit versengender Gluth; Beowulf schützt sein Schild, aber das Schwert versagt ihm. Beim zweiten Angriff eilt ein einziger der Degen, Wiglaf, ein Fürst der Scylfinge, seinem Herrn zu Hülfe, nachdem er vergeblich die andern dazu aufgefordert: aber Beowulfs Schwert zerspringt – denn es war dem Helden nicht gegeben, dass ihm der Eisen Schneiden im Kampfe helfen konnten, zu stark war seine Hand dafür (v. 2682 ff.). Beim dritten Ansturm endlich umfängt der Drache Beowulfs Hals mit seinen giftigen Zähnen, Wiglaf aber weiss sein Schwert dem Unhold in den Leib zu stossen, worauf der tödtlich verwundete König mit seinem Dolch ihm den Rest gibt (2705).

Aber Beowulf fühlt jetzt die Wirkung des Giftes; auf einem Stein im Anblick der Höhle lässt er sich nieder und befiehlt Wiglaf den Goldhort eiligst herauszuschaffen, damit er noch vor seinem baldigen Ende an den Kleinodien sich weide und so um so sanfter sein Leben lasse. Wiglaf vollzieht seinen Wunsch: Becher und Schüsseln, ein prächtiges Feldzeichen und ein Schwert bringt er herauf. Beowulf freut sich, dass er solche Schätze seinem Volke noch erwerben durfte. Er ernennt seinen treuen Vetter Wiglaf, den letzten seines Geschlechts, 35 zu seinem Nachfolger, indem er seinen Halsreif, Brünne und Helm ihm übergibt, und ordnet seine Bestattung an: auf dem Hroneskap sollen seine Krieger seinen Leib verbrennen und einen hohen Hügel über seiner Asche errichten, so dass hernach Beowulfs Berg die Seefahrer das Kap heissen (v. 2802 ff.). So starb der Held.

Wiglaf sendet dann einen Boten an den königlichen Hof, um die Trauernachricht zu überbringen. Der weist in langer Rede (v. 2900–3027) auf die Gefahren hin, die nun dem Lande drohen. Wenn Beowulfs Tod kund wird, so habe es Krieg zu fürchten von allen seinen alten Feinden, den Friesen und Franken wie den Schweden; der Redner erinnert da an Hygelacs Einfall in Friesland und erzählt weitläufig den Krieg mit den Schweden, die zuletzt besiegt, ihren König selbst fallen sahen. Sie werden jetzt sich rächen wollen. – Die Degen eilten nun zur Kampfstätte, schafften den Hort aus der Höhle und vollzogen Beowulfs letzten Willen: nachdem sie den Todten verbrannt, warfen sie den Hügel auf und bargen in seinem Innern den Schatz des Drachen. Dann umritten zwölf der Edlen den Hügel, preisend und beklagend den verstorbenen Herrn: sie sagten, dass er der seinen Mannen mildeste und gnädigste, seinen Leuten freundlichste und der ruhmbegierigste der Weltkönige gewesen sei. –

Die Dichtung zerfällt in drei Theile, wie wir sahen, dem Stoffe, aber auch der Abfassung nach. Der erste ist das Grundwerk und zuerst verfasst, er basirt auf einer volksmässigen Dichtung. Diese kann aber keine angelsächsische gewesen sein, weil der Stoff die Angelsachsen gar nichts angeht. Da der Held ein Gothe ist, muss sie ein nordisches Werk gewesen sein, am wahrscheinlichsten meiner Ansicht nach eine mündlich überlieferte Saga, eine Prosaerzählung also. Den Kern derselben bildete die Besiegung des Grendel. Ihr muss eine historische Thatsache zu Grunde liegen, eine Hülfe, welche die Gothen den Dänen leisteten, und die von solcher Bedeutung war, dass sie Freundschaft zwischen den beiden Völkern stiftete.Hrothgar sagt zu Beowulf beim Abschied v. 1855 ff.: Hafast þu gefêred, þät þâm folcum sceal – Geáta leódum and Gárdenum – sib gemænum and sacu restan – invitnîđas, þe hie ær drugon – – Der angelsächsische Dichter, der den Stoff bearbeitete, hatte zu den 36 Dänen eine nähere Beziehung, als zu den Gothen, schon durch seine Nationalität, vielleicht auch persönlich; denn obgleich die Dänen den Gothen gegenüber im Grunde eine klägliche Rolle spielen und gerade im Gegensatz zu ihnen das Heldenthum der Gothen hervorgehoben wird,So sagt Beowulf v. 598 ff., dass Grendel keinen von den Dänen verschont, sondern wie es ihm belieht, sie tödtet und sich auftischt, weil er von ihnen keinen Kampf erwarte. Aber ich, fährt Beowulf fort, will ihm der Gothen Kraft und Tapferkeit zeigen. so werden sie doch mit vieler Schonung vom angelsächsischen Dichter behandelt, ihr König gerühmt und gleichsam in Schutz genommen.S. insbesondere v. 856 ff. Nach Grendels Besiegung wird Beowulf von den Dänen gepriesen, dass auf der ganzen Erde es keinen besseren Helden gäbe; aber, fährt der Dichter fort, sie tadelten durchaus nicht ihren Freundherrn (winedrihten), den freundlichen Hrothgar. Vgl. auch v. 1885 ff. Die nähere Beziehung unsers Dichters zu den Dänen tritt auch schon darin hervor, dass er mit ihnen und ihrem Königsgeschlecht sein Werk anfängt.

Der zweite Theil ist seinem Thema nach eine Wiederholung des ersten; in der Ausführung hat er einen ganz kunstmässigen Charakter, da hier offenbar eine volksmässige Quelle fehlte: er ist eine sogleich in angelsächsischer Sprache gedichtete Fortsetzung des ersten Theils. Der ganz kunstmässige Charakter zeigt sich namentlich recht in dem ausführlichen Landschaftsbild von der Gegend, wo Grendel und seine Mutter hausten, und diese Schilderung wird noch dazu dem König in den Mund gelegt, wodurch sie eine subjective Färbung erhält; nicht minder tritt jener Charakter recht offen hervor in der langen predigtartigen Rede, womit der König den Beowulf vor der Ueberhebung warnt.

Der dritte Theil geht wieder auf die nordische Dichtung, aus welcher nur eine Episode der erste Theil war, zurück, indem hier ausser seinem Ende die ganze Lebensgeschichte Beowulfs mitgetheilt wird, theils in einem von dem Dichter gegebenen Rückblick (v. 2349 ff.), theils in dem langen Monolog, den der Held vor dem Beginne seines Kampfes mit dem Drachen hält (v. 2426 ff.).

Obgleich die Dichtung in ihren drei Theilen allmählich entstanden ist, so hat sie doch einen so einheitlichen Charakter, sowohl in der Sprache, dem Stil, dem Vers wie in den 37 erwähnten geschichtlichen Ueberlieferungen der Dänen und Gothen, dass man nicht wohl an der Autorschaft eines einzigen zweifeln mag, trotz einiger kleiner Widersprüche. Der Autor zeigt ritterliche Gesinnung, höfische Erziehung und klerikale Bildung: das vereinte sich bei den Angelsachsen sehr wohl, wie wir sahen, namentlich in den höchsten Kreisen; legten doch öfters die tapfersten ihrer Könige Schwert und Scepter ab, um ganz einem asketischen Leben sich zu weihen. Der Dichter wusste den fremden Stoff der Heldensage eines andern, wenn auch verwandten Volkes trotz seiner heidnischen mythischen Grundlage sich so vollkommen anzueignen und im Geiste seiner Nationalität zu behandeln, dass man sein Werk sogar für ein angelsächsisches Volksepos erklären konnte! – obgleich es weder dem Stoff nach angelsächsisch, noch der Ausführung nach volksmässig ist. National aber ist die letztere in hohem Grade, dies gibt sich auch in einem charakteristischen Zuge kund, in dem Sinn für geschichtliche Ueberlieferung, wennschon in dem Gewande der Sage, der bei den Angelsachsen in Britannien das Interesse an den Mythen ersetzte. Dieser Sinn zeigt sich namentlich in vielen grösseren oder kleineren historischen Episoden, unter welchen eine auch auf dem Boden Englands spielt.S. oben S. 32, Anm. 1.

Der Gegenstand einer andern Episode, deren wir auch oben gedachten,S. Seite 30. der Kampf um Finnsburg, findet sich auch als selbständiges Gedicht – von welchem aber nur ein kleines Bruchstück von fünfzig Langzeilen sich erhalten hat – von einem Angelsachsen behandelt, der auch als trefflicher Kampfschilderer sich bewährt.Wülker, Bibl. Bd. I, S. 14 ff.

 

Jener geschichtliche Sinn hat auch ein wunderliches Werk in Versen (143 Langzeilen) hervorgerufen, das von der Poesie oft wenig mehr als die Form hat. Man hat es am besten Widsith, Weitfahrer, betitelt.Thorpe, Cod. Exon. pag. 318 ff. – Wülker, Bibl. Bd. I, S. 1 ff. – – Wülker, Grundriss S. 318 ff. Der Dichter führt nämlich in dem Widsith einen wandernden Sänger ein – der des Gothenkönigs Ermanrich Hof besuchte – um ihm seine Völker und Sagenkenntniss in den Mund zu legen. Derselbe hebt mit einer 38 trockenen Nomenklatur berühmter Fürsten, namentlich germanischer Völker und Stämme an, unter welchen er den Herrscher der Anglen, Offa wegen seiner Tapferkeit, bei ihm etwas verweilend (v. 35 ff.), hoch erhebt, auch der Dänen Hrothwulf und Hrothgar wird genauer gedacht (v. 45 ff.). Dann zählt der Sänger die Völker auf, bei denen er weilte, auch solche wieder, die er schon bei den Fürsten erwähnte. (In dieser Liste fehlen selbst Nationen des Orients nicht [v. 82 ff.], deren Namen zum Theil aus dem Alten Testamente entlehnt sind.) Die bunte Aufzählung wird nur unterbrochen durch das Lob der Freigebigkeit, das Widsith bei den Burgundern dem Gunther (v. 66) und in Italien dem Alboin (v. 70) zollt. Nach der Völkerliste kommt nun der Sänger auf Ermanrich zu reden, dessen Hof das Ziel seiner langen Wanderung war (v. 88 ff.), und erzählt, wie reich er dort beschenkt wurde und wie er mit dem empfangenen kostbaren Ring seinem eignen Herrn, dem Fürsten der Myrgingen, dankte, dessen Gemahlin er in unvergleichlichen Gesängen feierte. In ihrer Begleitung war er an Ermanrichs Hof gekommen (v. 5). Er zählt dann noch die Gothen der Gefolgschaft dieses Königs, die er besucht hat, auf – eine lange Reihe von Namen – und gedenkt ihrer Kämpfe mit den Leuten des Attila. Seine Rede schliesst Widsith – recht bezeichnend für den Hofsänger – mit der Reiseerfahrung, dass der Herrscher den Menschen immer der liebste sei.

Der DichterObgleich es fast selbstverständlich ist, dass von v. 135 an der Dichter wieder redet, wie ihm auch die ersten neun Verse angehören, so haben doch manche die letzten Verse sonderbarerweise noch dem Widsith in den Mund gelegt. endet dann (v. 135 ff.): so wandern die Spielleute (gleómen) über viele Länder hin, sie treffen immer im Süd wie im Nord einen, der Lieder zu schätzen weiss und nicht karg ist mit Gaben, der vor seinen Mannen seinen Ruhm will erhöhen. Ruhm wird auf Erden dem, welcher löbliches wirkt.

Das Gedicht, so wie es vorliegt, das Werk eines Gelehrten, ist für die germanische Heldensage von Interesse; es zeigt aber zugleich recht, wie wenig Antheil die Angelsachsen an derselben hatten. Eine gleiche Bedeutung hat noch ein kleineres Gedicht von episch-lyrischem Charakter, das auch in formeller Beziehung merkwürdig ist. Thorpe hat es Deor the scald's 39 complaint, Rieger genauer Des Sängers Trost betitelt.Thorpe, Cod. Exon. pag. 377 ff. – Wülker, Bibl. Bd. I, S. 278 ff. – – W. Grimm, Die deutsche Heldensage. 2. Ausg. Berlin 1867. S. 20 ff. – Wülker, Grundriss S. 330 ff. Die 42 Langzeilen werden durch eine in ungleichen IntervallenGleiche von vornherein anzunehmen liegt gar kein Grund vor und ist reine Willkür. Nimmt man an, dass v. 17 der Refrain unnöthigerweise wiederholt ist, und die in der folgenden Anmerkung angegebene Umstellung, so ergeben sich Strophen von fünf, sechs und sieben Versen, von der Refrainzeile abgesehen. wiederkehrende Refrainzeile in Strophen von verschiedener Dimension gegliedert. Auch dies Lied ist einem Sänger von Beruf, einem Scop, in den Mund gelegt,Dass dies der Fall ist, zeigt recht die Stelle: me wæs Deor noma. Dem Dichter werden die Verse 28–34 angehören, die an den Schluss zu rücken sind, und so ist auch hier von einer Interpolation zu reden kein Grund. der sich Deor nennt; er ist in Ungnade bei seinem Herrn, dem Fürsten der Heodeningen, gefallen, von einem andern Sänger ausgestochen: darüber tröstet er sich in dem Lied, indem er der Leiden mythischer und sagenhafter Helden des germanischen Alterthums gedenkt, die auch schweres erlitten und doch es überstanden haben: so gedenkt er des Wieland, welchen Nithhad in Fesseln legte, der Beadohilde, die von Wieland aus Rache entehrt und geschwängert ward,Diese Sagen von Wieland sind, irre ich nicht, die einzigen rein mythischen des germanischen Alterthums, die in der angelsächsischen Dichtung erwähnt werden. des von Ermanrich verbannten Theodorich; und er schliesst allemal: »Das ging vorüber, so kann es auch dies.«þæs ofereode, þisses swa mæg!

Schliesslich sei noch bemerkt, dass auch ein paar Fragmente (im Ganzen 62 Langzeilen)In: Müllenhoff, Excurse zur deutschen Heldensage VII, Zeitschr. f. deutsches Alterth. Bd. XII, S. 264 ff. – Wülkers Bibl. Bd. I, S. 7 ff. – – Wülkers Grundriss S. 315 ff. einer Bearbeitung der Sage von Walther von Aquitanien sich erhalten haben – also wieder ein Stoff, der nicht national angelsächsisch ist. 40

 

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