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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2 - Kapitel 36
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 3
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1887
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2
pages529
created20120922
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Lateinische Dichtung Frankreichs: Das Haager Fragment, Mecer Floridus, Flodoard.

Während nun in Deutschland im Zeitalter der Ottonen die lateinische Poesie eine mannichfache Pflege fand und einzelne ausgezeichnete Werke aufzuweisen hat, die zugleich das Gepräge des Nationalgeistes in vollen Zügen zeigen – erscheint diese Dichtung, wenn wir nach dem, was uns überliefertSo sagt der Anonymus von Montier-en-Der (Mitte des 11. Jahrh.) von Adso: Opuscula plura versifice composuit. Sie sind aber nicht überliefert, da unter ihnen wohl nicht die seinen Heiligenleben einverleibten kleinen Gedichte zu verstehen sind. Auch hat sich eine Dichtung in Hexametern, Gesta des heiligen Benedict, von ihm nicht erhalten. S. unten Kap. 16. und veröffentlicht ist, urtheilen können, bei den Romanen damals weniger eifrig und jedenfalls mit geringerem Erfolge gepflegt; dennoch hat namentlich Frankreich ein paar profane poetische Werke von literargeschichtlichem Werth, die diesem Zeitraum wohl zuzuweisen sind, aufzuführen.

349 Das interessanteste ist uns nur in zerstörter Gestalt und ganz fragmentarisch überliefert. Es ist eine Dichtung in Hexametern – in der einzigen im Haag befindlichen Handschrift aber in Prosa aufgelöstZuerst herausgeg. von Pertz in: Monum. German. histor., Scriptores T. III, pag. 708 ff. als Anmerkung zu Benedicts Chronicon. Danach von G. Paris, Hist. poét. de Charlemagne pag. 465 ff. und vgl. pag. 50 f. und 84 ff. – In Hexameter umgeschrieben von K. Hofmann: Ueber das Haager Fragment in den Sitzungsber. der phil.-philol. Classe der Akad. d. Wiss. in München 1871, Bd. I, S. 328 ff. – in welcher bereits die zur Sage gewordene Geschichte Karls des Grossen eine Behandlung gefunden hat, und zwar in einem ähnlichen Stil, wie ihn die historischen Epen des Ermoldus Nigellus und des Abbo zeigen.S. Bd. II, S. 171 ff. und oben S. 129 ff. Karl erscheint hier selbst im Kampfe mit den Feinden, welche Ungläubige und offenbar Moslim sind. Der Inhalt des Haager Fragmentes ist, soweit dessen Verständniss der äusserst schwülstige incorrecte Ausdruck im Verein mit der schlechten Ueberlieferung erlaubt, in der Hauptsache der folgende.

Es beginnt mitten in einem Satze, in der Schilderung der Erstürmung einer festen Stadt (castellum)Welche Stadt gemeint sei, lässt sich nicht erkennen.. Unter einem zischenden Pfeilregen werden die Belagerer, welche dem kaiserlichen Heere angehören, in den Graben hinabgeworfen. Trotz aller Tapferkeit vermögen sie weder durch Kunst noch durch die Waffen einzudringen. Ein erneuter Angriff scheitert ebenso: mit spitzen Pfählen und herabgeschleuderten grossen Steinen wehren sich die Belagerten verzweifelt; der Anführer der Stürmenden wird selbst herabgestürzt. Diese besetzen die Thore, um vor einem Ausfall sich zu sichern. – Nun bricht der vierte Morgen an, einen heitern Tag verheissend. (Drei Tage also hat schon die Berennung gedauert.) Da naht, wie bekannt wird, eine Schaar auserwählter junger Helden (pubis) dem kaiserlichen Heere zu Hülfe. Ernold, Bernard und Bertrand greifen jetzt die Stadt an; der letztere erreicht, keine Gefahr scheuend, die Mauern, die Thorflügel werden zertrümmert, der Weg in die Feste ist eröffnet. In einem so dichten Gedränge begegnen sich im Thorweg die Feinde, dass nur das Schwert, nicht der Speer hier kämpfen kann. Bald wüthet der Kampf durch die ganze Stadt, die überall im Blute schwimmt. Doch man eilt 350 zu den Rossen und die Heere strömen heraus, um auf dem freien Felde sich zu messen. Die Könige selbst gehen mit ihrem Beispiel voran, als wenn dieser eine Tag über das Schicksal der Welt entschiede. Hier ruft der Dichter, ehe er zur Schilderung der Schlacht übergeht, Gott um Beistand an. Die Heiden vertrauen auf das Geschick (fortuna), der Kaiser Karl dagegen auf Gottes Barmherzigkeit, zum Himmel die thränenfeuchten Augen erhebend, dass nicht das dem höchsten Könige verhasste Volk jubele und stolz die Siegespalme davon trage.ne tripudiet gens offensa superno regi: damit werden die Feinde als Heiden bezeichnet. Hoch auf dem Rossedux sublimis equo: dux nehme ich hier als Anführer, Feldherr, und beziehe es so auf Karl., das er in der Schlacht sich gewann, kämpft er an der Spitze seiner Scharen. Er tödtet den Anführer des feindlichen Heeres Borel, indem er seinen Schild und dreifachen Panzer durchstösst, und ihn so von dem Pferde hinabstürzt. Der junge Held Wibelinus sprengt dagegen auf einen der Söhne Borels ein, ihn mit dem Schwerte zu tödten. Wie ein Löwe wüthet Ernold unter den Feinden, er sendet den Mörder seines BrudersDes letzteren muss früher in dem verlorenen Anfang gedacht sein. zum Orcus. Bertrand pflegt selbst die um ihr Leben bittenden nicht zu verschonendextera namque palatini nulli hostium parcere suevit etc. Man braucht an dieser Stelle nicht, wie Paris thut (a. a. O. pag. 85), palatinus als ein Epitheton ornans des Bertrand anzunehmen: es ersetzt nur den Namen, wie ein comes, miles etc., denn palatini waren die andern Helden dem Dichter gewiss auch.; von drei, die ihm begegnen, spaltet er den ersten sammt seinem Pferd mitten durch, so dass sein Schwert in den Boden selbst hineinfährt. Auch Bernard vollbringt Thaten schrecklicher Kühnheit.

Hier endet das Bruchstück, in dem ich unmöglich mit Gaston ParisDiese zuerst in der Hist. poét. a. a. O. von ihm aufgestellte Ansicht, welcher schon Gautier in seinen Epopées franc. T. III, p. 16 (1. Ausg. 1868) entgegentrat, vertritt Paris noch in seinem Aufsatz La chanson du pèlerinage de Charlemagne, Romania 1880, pag. 39 f. das Fragment einer Uebersetzung oder Nachahmung einer Chanson de geste sehen kann, obgleich einzelne Züge der Darstellung an diese späteren französischen Epen erinnern, sie entspringen hier wie dort dem nationalen Genius, der in der mittelalterlichen lateinischen Dichtung ebenso gut 351 als in der französischen seinen Ausdruck finden konnte. In andern Zügen weicht die Darstellung aber ganz entschieden von der jener Epen ab, indem da die Nachahmung der antiken Epopöe für den gelehrten lateinischen Dichter massgebend war. Dazu kommt der ganze übertriebene schwülstige StilUm davon wenigstens ein Beispiel zu geben, so wird der Tod des Borel geschildert: nec mora: hauritur subsistens hospes corporis per munimina clipei et per trilicem tunicam, summittitque caput etc., der auch nicht die entfernteste Verwandtschaft mit dem der Chansons de geste, am wenigsten der ältesten, zeigt. Endlich halte ich es überhaupt für undenkbar, dass einem Gelehrten des zehnten Jahrhunderts nur der Gedanke hätte kommen können, ein in der Volkssprache verfasstes Epos – an dessen Existenz in jener Zeit in Frankreich ich auch nicht glauben kann – in die exclusive Sprache der Wissenschaft zu »übersetzen«. Wohl aber konnte er das Material aus der volksmässigen Ueberlieferung nehmen, wie dies schon Ermoldus Nigellus gethan und noch mehr der Dichter des Walthariliedes.

 

Erwähnenswerth ist noch ein profanes Gedicht Frankreichs: ein geschichtlich interessanter Planctus auf den Tod des Wilhelm Langschwert, Herzogs der Normandie, (943) in 12 Strophen, welche, abweichend von der herkömmlichen Versart der Planctus (s. oben Bd. II, S.326), aus vier rythmischen trochäischen Versen bestehen, von welchen die drei ersten Trimeter acat., der vierte ein Dimeter acat. Ein Refrain von zwei Zeilen, die dem vierten Verse gleich gebildet sind, schliesst jede Strophe. Dies Gedicht ist herausgegeben von Lair in der Bibliothèque de l'Ecole de Chartes Bd. 31, S. 389 ff.

 

Wahrscheinlich gehört auch noch Frankreich und diesem Jahrhundert eine didaktische Dichtung an, die ein grosses Ansehen gewann. Ich meine das über 2000 HexameterIn der Ausgabe von Choulant sind es 2269; in manchen Mss. fehlen aber Verse, wie denn dies Werk sicher vielfach interpolirt worden ist: so erklären sich auch manche Wiederholungen. zählende Werk De viribus herbarum, dessen Verfasser in den meisten Handschriften und danach auch in den Drucken Macer FloridusMacer Floridus De viribus herbarum secundum codd. mss. et veteres edit. recens. etc. Choulant. Leipzig 1832. (Prolegg.). genannt wird, offenbar nach dem Freunde des Virgil und Ovid, Aemilius Macer, der ein Gedicht De herbis sehr wahrscheinlich verfasst hat, mindestens dem Mittelalter als Autor eines solchen überliefert wurde.Insbesondere durch die Catonischen Distichen, denen offenbar auch der Titel unserer Dichtung entlehnt ist und zwar dem Verse: Herbarum vires Macer tibi carmine dicet. In ein paar Handschriften wird ein Odo von Meun (Magdunensis) als Verfasser genannt, der in einer als Arzt bezeichnet wird.Aus der Stelle v. 549 ff. (No. XIV): »Anthemim magnis commendat laudibus auctor – Asclepius, quam Chamaemelum nos vel Chamomillam – Dicimus« ist schwerlich ein Schluss auf die Heimath des Verfassers zu ziehen, auch sonst habe ich keinerlei Andeutung davon in der Dichtung gefunden. Dass 352 Frankreich die Heimath des Autors, dafür scheint auch die Reimlosigkeit der Hexameter zu sprechen, da die leoninischen Verse erst nach dem zehnten Jahrhundert allmählich dort beliebt wurden,Wenn sie auch schon frühe dort auftauchen. im Gegensatz zu Deutschland namentlich, wo dies schon in unserem Zeitabschnitt durchaus der Fall war. Diese Dichtung fand wegen des praktischen Nutzens, den man ihr beilegte, eine grosse Verbreitung: in dem Regimen sanitatis der medicinischen Schule von Salerno, der bekannten Sammlung ärztlicher Vorschriften, findet es sich mannichfach benutzt, selbst unter Entlehnung ganzer Verse;So bei der Cepa No. XXXIII, v. 1087, 1090 ff., 1120 f. und noch am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts wurde es von einem Professor der Medicin ausführlich commentirt, ja noch später von dem bekannten Theophrastus Paracelsus mit Scholien versehen.

Es sind 77 Pflanzen,In späteren Handschriften finden sich noch 20 »Spuria« hinzugefügt. deren Heilkräfte in ebenso vielen Abschnitten dargelegt werden, indem der Autor mit der Artemisia, »der Mutter der Kräuter«,Herbarum mater: so muss sie schon frühe im Mittelalter genannt worden sein, da Walahfrid Strabo in seinem Hortulus v. 187 sie so, ohne ihren Namen zu nennen, bezeichnet. beginnt; die Reihenfolge ist nicht nach einem bestimmten Grundsatz geordnet. Meist dienen die einzelnen Pflanzen gegen die verschiedensten Leiden, allerdings auch in verschiedener Zubereitung. Auffallend ist, wie viele dieser Pflanzen als Heilmittel für eine und dieselbe Krankheit empfohlen werden. Die Hauptquelle, aus welcher der Verfasser seine Kenntnisse geschöpft hat, ist die Historia naturalis des Plinius, namentlich das zwanzigste Buch. Daneben aber hat er noch besonders des Dioscorides Werk De materia medica, natürlich in einer lateinischen Uebersetzung, benutzt, wie er denn auch diesen gleich dem Plinius selbständig citirt.So Dioscorides bei der Cepa (No. 33, vgl. Diosc. l. l. Bd. II, c. 180). Andre Autoren fuhrt er auf Grund von Citaten des Plinius an. Auch des Hortulus des Walahfrid Strabus gedenkt er einmal beim Ligusticum (v. 900 ff.). Von diesem Werke unterscheidet sich das seinige ganz wesentlich, wenn auch jenes in einem beschränkten Sinne als sein Vorläufer zu betrachten ist. Es fehlt unserm Werke durchaus der poetische Charakter, der dem 353 des Strabo eigen ist: von der Poesie hat es nichts weiter als den Vers. Von einer Beschreibung der Pflanzen, die das Hauptelement für die poetische Darstellung im Hortulus liefert, ist hier in der Regel gar nicht die Rede, vielmehr allein von ihrer medicinischen Anwendung, die der Verfasser viel ausführlicher als Strabo darstellt; auch werden hier über dreimal soviel Pflanzen als im Hortulus behandelt.17 hat das Gedicht mit dem Hortulus gemein, wenn man die Gladiola des letzteren der Iris des andern (No. 43) gleichstellt, 5 des Hortulus finden sich auffallender Weise hier nicht behandelt: cucurbita, pepones, sclarea, agrimonia, ambrosia, raphanus; auch unter den Spuria des Macer nur noch agrimonia. Eine künstlerische Einkleidung, wie in diesem, findet sich auch nicht.

 

Noch eine lateinische Dichtung verdient hier besonders erwähnt zu werden, die sich durch eine gewisse Originalität auszeichnet und wenigstens in ihrem Zwecke einen profanen Charakter hat. Sie gehört sicher Frankreich und zwar dem Süden, höchst wahrscheinlich der Auvergne an, und ist zur Zeit des Grafen Wilhelm von Aquitanien, der seit 935 jene Landschaft beherrschte, und vom Autor als sein Fürst gefeiert wird, verfasst.Zuerst veröffentlicht von Dümmler im Neuen Archiv etc. Bd. X, S. 347 ff. Das Werkchen, das 100 Hexameter zählt, besteht aus 12 Strophen oder einzelnen Gedichten, sämmtlich ausser dem letzten von 8 Versen, und zwar sind es Trinksprüche für Festtage, die ersten neun für mehr oder weniger allgemeine der Christenheit: die Geburt der heiligen Jungfrau, das Fest des heiligen Michael, die Himmelfahrt Mariä, das Fest der unschuldigen Kinder, Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten, Peter und Paul und den Johannistag. Zwei sind für die Feste zweier Schutzheiligen der Heimath des Verfassers, des heiligen Syreneus und des heiligen Julian, bestimmt.Von dem letztern sagt der Dichter: Auxilio cuius gaudet Aquitanica tellus; er betrachtet ihn also als Schutzheiligen von ganz Aquitanien. Dümmler a. a. O. nimmt auf Grund dieser Stelle speciell Brioude in der Auvergne als den Ort der Abfassung an. Der letzte, um 4 Verse erweiterte Trinkspruch ist dem Grafen Wilhelm geweiht.

Das ganze Werkchen ist offenbar diesem Fürsten gewidmet und die Trinksprüche zunächst für seine Festtafel bestimmt gewesen, denn es wird ein paar Mal seiner Aufforderung zum 354 Festtrunk gedacht.So heisst es v. 47 f.:
        Principis interea iussis parendo libenter
        Amineum vobis solito potate liquorem.

und v. 61:
        Principis ex voto curam praebate Lieo.
Die Gedichte, die einen gewissen kulturgeschichtlichen Reiz haben durch den Zweck, dem sie dienten, geben sich, obzwar einfach in der Construction, oft ein sehr gelehrtes Ansehen namentlich durch Einmischung griechischer Worte;Mit am wenigsten im ersten, das ich als Beispiel dieser eigenthümlichen Gedichte folgen lasse:
                    In nativitate sanctae Mariae.
        Exoritur hodie virga radicis Iessae
        Virtutum florem mundi paritura parentem.
        Tres certe: Sother, Maria, Baptista Joannes
        Naturae superant legem ratione parendi.
        Quapropter horum solito celebratur origo,
        Quod reliquis sanctis Romanus denegat usus.
        Et quia tale decus hodie processit ab alto,
        Sumite nunc laeti praesentis pocula musti!
ja in dem letzten Gedicht sind sogar zwei ganze Hexameter griechisch verfasst.

 

Die geistliche Epik und zwar die Hagiographie in Versen ist in Frankreich in diesem Zeitraum durch ein gewaltiges Werk eines auf einem andern Gebiet der Literatur berühmt gewordenen Autors vertreten. Es ist Flodoard, auf dessen Leben und historische Werke ich weiter unten (Kap. 12) näher eingehe. Dieser Kanonikus von Reims hat die Triumphe, die Christus durch seine Heiligen in Palästina, Antiochien und in Italien davon trug, in einem grossen Werke besungen, das sich danach wieder in drei selbständige Theile gliedert, indem drei Bücher den zuerst genannten Heiligen, zwei den von Antiochien, und nicht weniger als vierzehn den Italiens gewidmet sind.Vollständig zuerst von Migne herausgegeben, Patrol. latina T. 135, pag. 491 ff.: De triumphis Christi sanctorumque Palaestinae libri III, p. 549: De triumphis Christi Antiochiae gestis libri II und pag. 595 ff.: De Christi triumphis apud Italiam libri XIV. (Früher waren nur Auszüge publicirt, namentlich von Mabillon in dessen Acta S. S. ord. s. Bened. T. II und IV.) – – Histoire littér. de la Fr. T. VI, pag. 318 ff. Jedes Buch zerfällt wieder in eine Anzahl Kapitel oder Gedichte von sehr verschiedenem Umfang, von denen manche nur wenige Verse, andere dagegen mehrere hundert zählen, je nachdem einerseits das Thema stoffreich war, andrerseits der Autor 355 sich zu einer längeren Ausführung veranlasst fühlte, oder ihm wohl auch das Material zugänglich war. So ist z. B. die bekannte Legende vom heiligen Eustachius ganz kurz behandelt, in nur 17 Hexametern, während die der heiligen Eugenia über 400 Hexameter umfasst.S. die erstere De Chr. triumph. apud Ital., lib. III, c. 8, die zweite ibid. lib. V, c. 2. Das Versmass der Kapitel ist der Hexameter oder der SenarEinmal l. IX, c. 12 finden sich letztere mit iamb. Dimetern wechselnd angewandt., doch herrscht das erstere entschieden vor. Jedem der drei Theile geht ein einleitendes Gedicht voran, welches beim ersten eine an Gott gerichtete »Invocatio« in 44 Hexametern, zugleich auf das ganze Werk sich bezieht, die Praefatio des zweiten Theils ist im sapphischen Metrum, die des dritten in kleineren Asklepiadeen verfasst.

In der in sehr würdigem poetischen Stile gehaltenen Invocatio zeigt der Autor die Tendenz des ganzen Werkes an        Illustrans animos, tua dicere carmine nitor
        Celsa tropaea, quibus servos super astra decoras.
        Flamine corda replens, almo tu dirige sensu,
        Da votis celebrare tuos modulisque triumphos,
        Queis caelo terraque tui comuntur alumni
etc.
, indem er die Hoffnung ausspricht, durch der von ihm besungenen Heiligen Hülfe den Stygischen Flammen zu entgehen. Ich will im folgenden auf die Kapitel des voluminösen Werkes, welche mir aus irgend einem Grunde von besonderem Interesse erscheinen, in der Kürze aufmerksam machen. In dem Palästina gewidmeten ersten Theile werden im Eingang des ersten Buchs auch die durch Christi leibliche Gegenwart ausgezeichneten Oertlichkeiten gefeiert. Die Apostel finden nur eine kurze Behandlung, während dagegen dem Märtyrthum Stephans ein langes Kapitel (21) geweiht ist. Aus dem zweiten Buche verdient das erste Kapitel besonders hervorgehoben zu werden: es hat zum Gegenstand die »Vindicta Christi sub Vespasiano«, also einen Stoff, der später in den Nationalliteraturen, namentlich der französischen, mehrfach poetisch behandelt worden ist: nur finden sich in unserm Werk keine solchen sagenhaften Elemente, wie dort, dagegen eine ausführliche furchtbare Schilderung der Hungersnoth und Pest, die in der belagerten, von den durch Gott gewarnten Christen verlassenen Stadt herrschten.Dass Flodoard zu malen versteht, mögen die folgenden Verse bezeugen:
        Fusa iacent imis penetralibus abdita claustris
        Feminei sexus simul et puerilia membra,
        In mediisque fame seniorum absumpta plateis:
        At iuvenes omnisque virum robustior aetas
        Ut simulacra viis pallentes omnibus errant,
        Et quocunque loci gressum sibi pestis ademit,
        Clade ruunt, quorum sepelire cadavera morbus
        Ac numerus prohibent. Quidam super antra sepulcri
        Emittunt animas, alios sepelire parantes.
356 Das zweite Kapitel behandelt viel kürzer den vergeblichen Versuch Julians, den Tempel Jerusalems wiederherzustellen; das siebente ist dem heiligen Hieronymus, das achte und die nächstfolgenden der heiligen Paula und ihren Reisen in Palästina gewidmet auf Grund ihres von Hieronymus verfassten Necrologs. Nach demselben Autor wird im dritten Buch in einem sehr langen Kapitel (3) das Leben des Hilarion erzählt; ferner im vierten Kapitel ebenso ausführlich das der Maria Aegyptiaca.

Als die ersten Heiligen Antiochiens erscheinen im ersten Buche des zweiten Theils die sieben Maccabaeischen Brüder, deren nur in der Kürze gedacht wird. Lange Gedichte sind dagegen gewidmet dem keuschen Ehepaar Julian und Basilissa (c. 13) und dem heiligen Hesychius (c. 15), während der heilige Romanus mit Hinweis auf Prudentius eine kürzere Behandlung findet. Im zweiten Buch werden der Säulenheilige Simeon (c. 8) und die heilige Pelagia (c. 12) in umfänglichen Gedichten gefeiert.

Im dritten Theile bildet selbstverständlich den Mittelpunkt Rom, das der Autor auch im Proömium verherrlicht. Von Rom geht er aus und zwar von den Päpsten, an ihrer Spitze Petrus, um dann allemal die Heiligen, die während ihres Pontificats in Rom und Italien auftraten, in einzelnen Kapiteln vorzuführen. So verfährt der Autor bis zum Ende des zwölften Buches, indem er hier mit der Gegenwart, dem Pontificat Leo's VII. (936–39) die Reihe der Päpste schliesst. Er rühmt da die gütige Aufnahme, die er bei ihm gefunden, und bittet Gott, ihn noch lange zu erhalten. Hiermit ist denn auch die Zeit der Abfassung des Werks im allgemeinen gegeben. Es folgen allerdings noch zwei Bücher gleichsam als Anhang und zur Ergänzung, in welchen, zum Theil im Anschluss an die Dialoge Gregors des Grossen, verschiedene Heilige Italiens noch eine 357 nachträgliche Behandlung finden, namentlich werden im vorletzten Buche (c. 8) der heilige Benedict, im letzten Ambrosius durch eine Reihe von Kapiteln (c. 13 ff) und Columban, als Gast Hesperiens, in einem sehr langen Gedichte (c. 18) gefeiert. – Eigenthümlich ist, dass in den früheren Büchern nicht nur immer der einzelnen Christenverfolgungen von Seiten des römischen Staats, sondern auch der Strafen gedacht wird, die ihn deshalb trafen (s. l. I, c. 6, l. III, c. 3 u. 18 u. s. w.).Einzelne Päpste sind sehr ausführlich behandelt wie Clemens, l. II, c. 1 und 14, Silvester, l. IX, c. 8 und besonders Gregor d. Gr. l. X, c. 14 ff. – Im Hinblick auf Hrotsvith (s. oben S. 315 ff.) mache ich auf l. IX, c. 10 (Gallican) und c. 11 (Joannes und Paulus) aufmerksam.

Der Autor, der eine grosse Belesenheit kundgibt, hat aus sehr verschiedenen Quellen geschöpft. Zu den oben schon erwähnten ist vor allem noch das Werk der Gesta pontificum Romanorum hinzuzufügen. Von älteren christlichen Dichtern hat offenbar Prudentius den grössten Einfluss ausgeübt. – Aber auch urkundliche Nachrichten der Reimser Kirche hat Flodoard hier benutzt, wie er denn ihrer berühmten Bischöfe, eines Fulco und Hincmar, und ihres Verhältnisses zu Rom besonders gedenkt (l. XII, c. 3 f.); hierdurch sowie auch durch die selbständige Behandlung der Papstgeschichte seit den letzten Decennien des neunten Jahrhunderts ist das Werk auch von einem gewissen geschichtlichen Werth.Vgl. Wattenbach, Deutsche Geschichtsqu. Bd. I, S. 378, und Hist. litt. l. l. pag. 319. Flodoard hat es dem gelehrten Erzbischof von Trier Rodbert gewidmet.

 

Noch sei erwähnt ein Leben des h. Erluin, des ersten Abts von Gembloux, von einem Mönch dieses Klosters, Richarius, der sein Werk dem Bischof von Lüttich, Notger (972–1008) widmete. Nur das in Distichen verfasste Prooemium seines Werks hat uns Sigebert, der bekannte Chronist, erhalten.In seinen Gesta abbatum Gemblacensium c. 3. Zu seiner Zeit waren nur noch Reste der Vita des Richarius erhalten, wie er a. a. O. c. 1 erzählt. Diese für jene Zeit trefflichen Verse enthalten ein Elogium des Abtes.Vielleicht gehört auch dem romanischen Gebiet in jener Zeit der Verfasser einer sehr schülerhaften Versification der bekannten Legende von der Passion der thebäischen Legion an, welche Huemer im Jahresbericht des Wiener Staatsgymnasiums im neunten Bezirk 1882 veröffentlicht hat. Das Gedicht besteht aus 252 nicht gereimten Hexametern und liegt ihm die ältere Prosaversion zu Grunde. Es hat nur die Bedeutung, dass es das fortdauernde Interesse an diesem Stoffe, dem im elften Jahrhundert eine erfolgreichere Behandlung durch Sigebert und Marbod wurde, bezeugt. Der Stoff war namentlich in romanischen Landen beliebt. Uebrigens scheint unser Verfasser die Localitäten aus eigener Anschauung zu kennen. Vgl. auch oben Bd. II, S. 162.

358 Dass Gelegenheitsgedichte epigrammatischer Natur, namentlich Epitaphien auf romanischem wie auf germanischem Gebiet auch in diesem Zeitraum verfasst wurden, und selbst von solchen, die sich kaum sonst in der Dichtung versuchten, braucht kaum bemerkt zu werden. Nicht minder gilt dies von Episteln, die mitunter blosse Panegyriken sind, wie zwei aus Frankreich, die Dümmler publicirt hat.Neues Archiv Bd. II, S. 222 ff. – Beide Episteln sind in Hexametern, welche in der ersten häufig, in der zweiten selten leoninisch gereimt sind. Die eine ist durch ihren Adressaten von Interesse, es ist ein Constantin, in dem der Herausgeber mit grosser Wahrscheinlichkeit den sehr gelehrten Scholasticus von Fleury sur Loire vermuthet, mit welchem Gerbert so befreundet war, die andre ist an einen sonst nicht gekannten Bovo gerichtet, als Erwiederung auf einen den Verfasser lobpreisenden Brief.Anmerkungsweise sei hier noch der rythmischen Versus de Gregorio Papa et Ottone Augusto, die im Jahre 998 von einem Italiener verfasst sind, gedacht. Der Dichter preist in diesem Sang die Eintracht der höchsten geistlichen und weltlichen Gewalt, welche Rom und der Welt zum Heile gereichen. S. die Ausgabe Dümmlers in dessen Anselm der Peripatetiker. Halle 1872. S. 72 ff. und vgl. Baxmann, Ein Lied auf den ersten deutschen Papst Gregor V., in: Jahrbücher f. deutsche Theologie Bd. XII.

 

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