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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2 - Kapitel 15
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 3
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1887
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2
pages529
created20120922
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebentes Buch.
Die Literatur vom Tode Karls des Kahlen bis zum Zeitalter der Ottonen.

Einleitung.

121 Nach dem Tode Karls des Kahlen und Ludwigs des Deutschen treten für die allgemeine Kultur und besonders die Literatur die ungünstigsten Verhältnisse ein, die fast während dieser ganzen Periode fortbestehen, welche recht den Charakter der Uebergangszeit hat. Die Auflösung der monarchischen Gewalt, wie sie Karl der Grosse besessen, schreitet vorwärts und die neuen feudalen Verhältnisse sind noch in der Entwicklung begriffen: es war eine Zeit fortdauernder innerer Unruhen und Bürgerkriege in allen Theilen des karolingischen Reichs, während dasselbe zugleich, auch eine Folge davon, durch Einfälle barbarischer Nationen verwüstet wurde. Eine Hauptursache dieser verzweifelten Lage war zunächst die Theilung der Herrschaft in Ostfrancien nach Ludwigs des Deutschen Tode unter seine drei Söhne und das rasche Hinsterben der tüchtigsten Herrscher in den beiden Haupttheilen des karolingischen Reichs: so folgte in Deutschland Karlmann nur vier, Ludwig nur sechs Jahre dem Vater; Karls des Kahlen Sohn, Ludwig der Stammler, regierte nur zwei, dessen tüchtiger ältester Sohn, der Sieger von Saucourt, Ludwig III. nur drei, sein Bruder Karlmann nur fünf Jahre. So war an eine Befestigung der Regierungsgewalt in Frankreich wie in Deutschland nicht zu denken.

Es blieb danach (Ende 884) von dem karolingischen Geschlecht ausser dem nachgeborenen Sohne Ludwigs des Stammlers, Karl dem Einfältigen, der ein fünfjähriges Kind war, nur Ludwigs des Deutschen dritter Sohn, Karl von Schwaben übrig, 122 und dieser vereinte dann wieder als Karl III. das Reich Karls des Grossen unter seinem Scepter, da er auch die Kaiserkrone zu erwerben wusste. Aber er war körperlich und geistig ein Schwächling, seine Herrschaft war nur eine nominelle: er vermochte weder Deutschland noch Frankreich vor den Einfällen der Normannen zu schützen, mit denen er selbst unter schmählichen Bedingungen einen Frieden suchte. Mächtige Vasallen erheben sich zu selbständiger Gewalt, in Burgund ein Boso, in Italien die Herzöge von Friaul und Spoleto, Berengar und Wido, in Hochburgund Rudolf, Odo in Frankreich.

Arnolf, der illegitime Sohn Karlmanns von Baiern, setzte endlich 887 den unfähigen Kaiser, seinen Oheim, ab und schwang sich auf den Thron Deutschlands. Er versuchte dann noch einmal das ganze karolingische Reich unter seiner Herrschaft zu vereinigen, indem er sich auch die Kaiserkrone aufsetzte. Aber wenn er auch in Deutschland ein kräftiges Regiment führte, über dessen Grenzen hinaus war seine Macht nur eine blosse Oberherrlichkeit. Immerhin tritt durch ihn Ostfrancien als die Hauptmacht in den Vordergrund. Er hinterlässt aber (900) den deutschen Thron einem sechsjährigen Knaben, Ludwig dem Kind. In den elf Jahren der Regierung desselben gelangen die Grossen in den einzelnen Territorien Deutschlands zu einer solchen Unabhängigkeit, dass sie auch der tüchtigere Nachfolger Ludwigs, Konrad (911–919) nicht in die Schranken zurückweisen kann. So herrscht auch während seiner Regierung die grösste Unsicherheit fort, die Vergewaltigung der Schwachen durch die Mächtigen, die namentlich auch die Stätten der Kultur, die Kirchen und Klöster, zu empfinden haben. Dazu kamen seit dem Anfange des zehnten Jahrhunderts die verwüstenden Einfälle der wilden Ungarn, während die alten Gegner der Deutschen, Dänen und Slaven, die Marken des Reichs beunruhigten. Diese Bedrängniss durch auswärtige Feinde begünstigt bei der Schwäche des Königthums die Neubildung von Stammherzogthümern, namentlich zunächst in Sachsen und Baiern, die einen Theil der Rechte der Krone an sich reissen, aber auch der Ausdruck einer reichen nationalen Individualität, für eine spätere mannichfaltige Entwicklung der Kultur von Bedeutung sind.

In Frankreich, wo nach dem Tode Odo's, der sich des Thrones bemächtigt hatte, 898 Karl der Einfältige als König 123 allgemein anerkannt wurde, waren unter seiner Scheinregierung die Verhältnisse wo möglich noch beklagenswerther als in Deutschland. Es hatte nicht bloss unter den Verwüstungen der Ungarn, sondern weit mehr noch unter denen der Normannen zu leiden, und diese heidnischen Barbaren richteten ihre zerstörenden Angriffe mit Vorliebe gegen die Kirchen und Klöster; erst nachdem 911 die Landschaft, welche von ihnen den Namen empfing, ihnen abgetreten war und sie das Christenthum angenommen, hörten allmählich ihre Einfälle auf, dafür betheiligten sie sich jetzt an den Bürgerkriegen, die kein Ende fanden, vornehmlich nachdem Karl entsetzt und gefangen worden und Rudolf, der Herzog von Burgund, den Thron usurpirt hatte im Jahre 923. Denn auch in Frankreich zeigt sich die centrifugale Bewegung, das Streben der einzelnen Landschaften und ihrer mächtigsten Herren nach einer politischen Selbständigkeit, eine Bewegung, die namentlich auch den Süden des Landes gegen den Norden ins Feld führte.

Dagegen nahmen in Deutschland, seit der Sachsenherzog Heinrich zum König gewählt worden (919), die öffentlichen Angelegenheiten eine bessere Wendung. Heinrich wusste die neue Gewalt des Herzogthums mit dem Königthum zu versöhnen, indem er die Inhaber jener zu seiner Anerkennung zwang. Er schlug die Ungarn so, dass sie für längere Zeit nicht zurückzukehren wagten, er erweiterte und sicherte die Marken gegen die Slaven und Dänen, er verband wieder Lothringen mit dem deutschen Reiche. So erscheint dies am Ende unseres Zeitraums gegenüber den ungeordneten und verwirrten Zuständen Frankreichs und Italiens – das auch unter nie endenden inneren Kriegen der verschiedenen Kronprätendenten und nicht minder unter der vollen Demoralisation des päpstlichen Stuhles litt – als eine in sich einige, nach aussen wohl befestigte Macht, der die politische Führung des Abendlands in Zukunft gebührte, nachdem das karolingische Weltreich für immer in seine Theile sich aufgelöst hatte.

In dieser Zeit politischer Auflösung und Umbildung musste im allgemeinen den weltlichen Grossen der Sinn für literarische Bildung abgehen, und selbst die geistlichen, die Bischöfe und Aebte, waren zu sehr von politischen Interessen in Anspruch genommen. Von besonderem Nachtheil war noch die Verarmung, ja Zerstörung der Kirchen und Klöster, sowie der Uebergang 124 ihres Regiments in die Hände von Laien, wie er damals nicht selten durch den übermächtigen Adel erzwungen ward.

Die Hofschulen verschwinden jetzt oder haben keine Bedeutung mehr. Nur in einzelnen Kathedralschulen und Klöstern wird die aus der früheren Zeit überlieferte Gelehrsamkeit und literarische Thätigkeit nicht ohne Erfolg fortgepflegt, so in Frankreich zu Reims und St. Amand, in Deutschland zu St. Gallen. Das kirchliche Interesse aber beherrscht fast durchaus die Studien und die Production. Doch verbindet sich mit ihm, namentlich in der besondern Pflege der musikalischen Theorie und Praxis, auch ein ästhetischer Sinn, welcher der geistlichen Lyrik selbst einen gewissen Aufschwung verleiht, die jetzt eine nachhaltige wichtige Wirkung auf die Nationaldichtung ausübt.

So war es auf dem Continent mindestens: die eigenthümlichen Verhältnisse Englands verlangen eine gesonderte Behandlung, die ihnen weiter unten zu theil wird.Dümmler, Geschichte des ostfränkischen Reichs, Bd. II. – Waitz, Jahrbücher des Deutschen Reichs unter König Heinrich I. Neue Bearbeitung. Berlin 1863. 125

 

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