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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2 - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 3
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1887
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2
pages529
created20120922
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtes Kapitel.

Didaktische Dichtungen.

In sehr verschiedenen, zum Theil recht eigenthümlichen Formen findet sich die didaktische Poesie von den Angelsachsen schon in dieser ersten Periode cultivirt. Der Thiersymbolik des Physiologus haben wir bereits gedacht. Auch begegneten wir einzelnen rein didaktischen Excursen in dem Christ des Cynewulf. Eine gewisse Verwandtschaft mit einem solchenChrist v. 664 ff., s. oben S. 48. Aus dieser Verwandtschaft aber den Schluss zu ziehen, wie Rieger, Zeitschr. f. deutsche Philol. I, S. 322 ff. thut, dass Cynewulf auch der Verfasser der beiden folgenden Gedichte sei, ist ganz ungerechtfertigt. Das erste ist Cynewulfs ganz unwürdig, vielleicht ist es durch die Episode des Christ hervorgerufen. zeigen ein paar kleinere Gedichte des Exeter Codex, von denen Grein das eine Bî manna cräftum,Thorpe, Cod. Exon. pag. 293 ff. – Grein, Bibl. Bd. I, S. 204 ff. – Wülker, Grundriss S. 196 ff. das andre Bî manna wyrdumThorpe, Cod. Exon. pag. 327 ff. – Grein, Bibl. Bd. I, S. 207 ff. betitelt hat.

Das erstere (Von der Menschen Fähigkeiten) – 113 Langzeilen – ist ohne jeden poetischen Reiz, nur von einigem kulturgeschichtlichen Interesse. Viele sind der Gaben – beginnt ungefähr der Dichter – welche die Menschen besitzen, wie sie Gott ihnen, einem jeden besonders, verlieh. Keiner ist 85 so arm oder geistig unbedeutend, dass der Gnadengeber ihm alle geistigen Anlagen oder tüchtigen Handlungen verwehrt habe.þät hine se ârgifa ealles bescyrge | môdes cräfta ođđe mägendæda v. 11 f. Andrerseits gewährt er keinem allein so viel Weisheit und Begabung, dass er zu hoch steigt. So sind die Gaben mannichfach auf diesem Erdkreis unter den Menschen vertheilt. – Es folgt dann eine blosse trockene Aufzählung aller möglichen Geschicklichkeiten und Beschäftigungen jener Zeit und dieses Volkes, ja auch blosser individueller Vorzüge: z. B. heisst es: einer ist ein Sänger liederbegabt, einer versteht sich auf das Jagen von wilden Thieren, einer ist ein tapferer Kämpfer, ein kriegskundiger Held u. s. w.; aber auch: einer ist stattlich, hübsch von Figur, oder: einer hat Geduld, einen standhaften Sinn. Am Schlusse (v. 97 ff.) kehrt dann der Dichter zu dem allgemeinen, sehr trivialen Gedanken des Eingangs zurück.

Das andre Gedicht (Von der Menschen Schicksalen) – 98 Langzeilen – das in seinem letzten Drittel, von v. 64 an, ganz denselben Gegenstand behandelt, zeigt überhaupt eine weit poetischere Ausführung. In seinem ersten grösseren Abschnitt schildert der Dichter, und oft mit lebhaften Farben, das verschiedene Ende der Menschen, das ihnen in der Wiege nicht gesungen wird. Nur Gott weiss, was dem von den Eltern mit Liebe gepflegten Kinde, wenn es erwachsen, die Jahre bringen. Vornehmlich gedenkt der Dichter der verschiedenen Arten gewaltsamen Todes, der ja in jenen Zeiten so viel häufiger war. Den einen soll der Wolf, der graue Heidegänger, fressen, einen andern der Hunger tödten oder ein Unwetter, manchen der Speer hinwegraffen. »Mancher soll im Holze vom hohen Baume gefiederlos (d. i. ohne Flügel zu haben) fallen, und ist doch im Fluge, tanzt in der Luft, so lange der Wuchs des Waldbaums reicht: dann sinkt er, der Seele beraubt, kläglich auf den Wurzelstock« (v. 21 ff.) Ein andrer soll aus Noth zu Fusse fernhin wandern um, ein freundloser Mann, den gefährlichen Boden der Fremde zu betreten. Einer wieder soll am steilen Galgen reiten im Todeskampf, wo dann dem seelenlosen der dunkle Rabe das Haupt zerfrisst. Manchem raubt das Leben des Messers Schneide auf der Bierbank, da er zu rasch mit seinem Worte war. Ein andrer fällt der Trunksucht zum Opfer. 86 Mancher aber, der in der Jugend mit Gottes Hülfe schwere Mühen überwand, wird im Alter glücklich und lebt in Hülle und Fülle.

Ebenso mannichfach vertheilt Gott allen die Gaben, manchen Reichthum, manchen Mühsal, manchen Jugendfreude, manchen Kriegsglück u. s. w. Auch der Kunst im Brettspiel und der Gelehrsamkeit wird hier gedacht (v. 70 f.). Ausführlicher aber erwähnt der Dichter die Goldschmiedkunst, die dem Mann des BritenkönigsBrytencyninges beorn. v. 75. von diesem mit Land belohnt wird, das HarfenspielSum sceal mid hearpan ät his hlâfordes | fôtum sittan, feoh þicgan | and â snellîce snêre wræstan, | glädan scral lætan gearo se þe hleápeđ | nägl neómegende v. 80 ff. und die Abrichtung der Jagdvögel. Mit einer Aufforderung zum Dank an Gott für alles was er in seiner Milde den Menschen zutheilt, schliesst das Gedicht.

 

Eine etwas andre Art der Didaktik zeigen ein paar Gedichte desselben Codex, die einen predigtartigen Charakter haben. Sie sind noch weniger interessant. Das eine, welches Grein Bî manna môde (Von der Menschen Gemüth) betitelt hat,Thorpe nennt es einfach »Monitory Poem«, Cod. Exon. pag. 313 ff. – Grein, Bibl. Bd. I, S. 210 ff. behandelt gleichsam den Text, dass die Hoch- und Uebermüthigen einst erniedrigt, die Demüthigen erhöht werden sollen. Von jenen entwirft der Dichter ein abschreckendes Bild, wie sie, der Zechlust ergeben, beim Trinkgelage prahlen und die Guten verläumden und bedrohen: ihnen wird das Schicksal der Engel vorgehalten, die einst gegen Gott sich empörten (v. 57 ff.); auch sie selbst sind Kinder des Teufels in Menschengestalt. Zum Schluss zeigt der Verfasser das Gegenbild des Frommen und Demüthigen. Er endet: »Gedenken wir immer der Heilslehre und des besten Walters der Siege. Amen.« Dies Gedicht zählt 84 Langzeilen.

Das andre, von Grein Bî manna leáse (Von der Menschen Falschheit) überschrieben, ist uns nur fragmentarisch überliefert (47 Langzeilen).Grein, Bibl. Bd. II, S. 142 f. Es hat Psalm XXVII, v. 3 zum Text.

Verwandt dieser Art der Didaktik ist ein Gedicht des Exeter Codex, welches zehn Unterweisungen, die ein kluger, wohlerfahrener Vater seinem Sohne ertheilt, zum Inhalt 87 hat (94 Langzeilen).Thorpe, Cod. Exon. pag. 300 ff. »A Father's instruction to his son«. – Wülker, Bibl. Bd. I, S. 353 ff. »Des Vaters Lehren«. Eine Rahmenerzählung fehlt.Das Gedicht hebt sogleich an: þus frôd fäder freóbearn lærde – – und schliesst mit der letzten Lehre. Die erste Unterweisung ist: liebe deine Eltern, Verwandten und Lehrer; die zweite: thue nichts böses Feinden und Freunden; die dritte: nimm dir immer gute Rathgeber; die vierte: sei treu dem Freunde. Die fünfte Unterweisung enthält eine ganze Anzahl guter Lehren: der Sohn soll sich vor Trunkenheit hüten – dem Nationallaster – und thörichten Worten (die wohl in ihrem Gefolge), vor Bosheit im Herzen und Lüge im Munde, vor Zorn und Neid und der Liebe »fremder Weiber«.fremdre meowlan (v. 39), sind hier nur Weiber fremden Stammes oder Nationalität zu verstehen? oder hat der Ausdruck hier noch eine besondere Bedeutung? Die sechste Unterweisung geht dahin: lerne Gutes und Böses unterscheiden und wähle dir das bessere; die siebente: sei vorsichtig im Reden; die achte: hoffe zu Gott, gedenke der Heiligen und rede stets die Wahrheit; die neunte: beobachte die Schrift und die Gebote Gottes; die zehnte: wer sich vor Sünden in Worten und Thaten hütet und wahrhaftig ist, dem wird Gott jede seiner Gaben vermehren; bekämpfe den Zorn; sei nicht tadelsüchtig, noch doppelzüngig, sondern freundlich und offen.

Man sieht leicht, dass das Gedicht in Betreff der Composition manche Schwächen hat, wie schon die Wiederholungen zeigen; aber andrerseits auch, wie es kein geringes kulturgeschichtliches Interesse darbietet, so z. B. in dem besondern Werth, der auf die Tugenden der Treue und Wahrhaftigkeit gelegt wird.

 

Wieder einer andern Art der Didaktik begegnen wir in Spruchsammlungen, deren uns vier überliefert sind.Eine in der Cotton Handschr., drei in dem Exeter Cod. In dieser Reihenfolge bezeichne ich sie. Alle vier in: Wülkers Bibl. Bd. I, S. 338 ff, die drei letzten auch bei Thorpe, Cod. Exon. S. 333 ff. In den Sprüchen werden meist von den bekanntesten Dingen die einfachsten Aussagen gemacht, ähnlich wie in unsern Abcbüchern und Kinderliedern,Z. B. in einem mir vorliegenden Abcbuch mit Bildern: der Adler krächzt, der Affe grinzt, der Bär brummt, die Biene summt; hier fehlt auch die Alliteration nicht; oder wenn es in einem Kinderlied heisst: wenn's regnet, wird's nass, wenn's schneit, wird's weiss. und solche Sprüche, wenn man sie so 88 nennen darf, sind in der Regel ohne Rücksicht auf den Inhalt vermittelst der Alliteration beliebig an einander gereiht, indem ganz gewöhnlich (namentlich in den beiden ersten Sammlungen) die einzelnen Sprüche in der Mitte einer Langzeile mit dem ersten Hemistich schliessen, und mit dem zweiten ein neuer beginnt.Ein Beispiel der gewöhnlichen Sprüche, aus der ersten Sammlung v. 16 ff.
        Ellen sceal on eorle; Ecg sceal wiđ helme
        hilde gebîdan. Hafuc sceal on glofe
        wilde gewunian; Wulf sceal on bearowe
        earm ânhaga; Eofor sceal on holte
        tôđmægenes trum. Til sceal on êđle
        dômes wyrcean. Darođ sceal on handa,
        gâr golde fâh. – –
So sind die einzelnen Sammlungen jede ein, wenn auch nur äusserlich, zusammenhängendes Ganzes. Obgleich die meisten Sprüche so trivial sind, als angegeben, so finden sich doch in allen den Sammlungen, in der einen mehr, in der andern weniger,Am meisten in der zweiten Sammlung, wo auch die Aneinanderreihung der einzelnen Sprüche oft keine bloss formelle ist. auch Sprüche bedeutenderen moralischen und selbst religiösen Inhalts, oft sehr bezeichnend für den Nationalcharakter und die Sitten des Volkes, sowie kleine hübsche LandschaftsbilderBeides namentlich in der zweiten Sammlung, s. in Betreff der letzteren v. 51 ff. die Schilderung des Seesturms, in betreff der ersteren Sprüche z. B. v. 37: Eádig biđ se þe in his êđle geþîhđ, earm se him his frŷnd geswîcad, oder v. 67: Sceomiande man sceal in sceade hweorfan, scir in leóhte geriseđ.; solche Sprüche gehen denn mitunter in eine längere Darstellung über.

Mir ist es am wahrscheinlichsten, dass diese Spruchpoesie ihrem Ursprung nachDiesen zeigen gerade die trivialen, nur durch die Alliteration aneinander gereihten Sprüche. ein gesellschaftliches Spiel war, wie die Räthseldichtung bei den Angelsachsen: darauf weist auch der Eingang der zweiten Sammlung hin.Die ersten drei Verse sind scherzhaft zu nehmen: theile mir deine Geheimnisse mit, so will ich dir meine nicht verbergen; worauf der vierte Vers beginnt: gleáwe men sceolon gieddum wrixlan! (Kluge Männer sollen mit Sprüchen abwechseln!) Und darauf beginnen die Sprüche. Mit einem solchen begann man wohl das Spiel. Einer sprach dann den einen Spruch, worauf ein andrer alliterirend mit einem andern Spruch 89 antworten musste. Hier und da stellte sich dabei auch einmal ein Sprichwort ein, wie sich denn offenbar ein paar in den Sammlungen zerstreut finden.So in der dritten Sammlung v. 121, und ebenda v. 122:
        Gôd biđ genge and wiđ God lenge.
        Hyge sceal gehealden, hond gewealden.
In beiden mit der Alliteration der Reim.
– Kulturgeschichtlich sind diese Sammlungen selbstverständlich nach manchem Gesichtspunkt von Bedeutung.

 

Eine ganz eigenthümliche Form der didaktischen Poesie erscheint ferner in der »Rede der Seele an den Leichnam«, welche die erste, einfachere Gestalt von jenem später im Mittelalter in der lateinischen sowie in den verschiedenen Nationalliteraturen so beliebten »Streit zwischen Leib und Seele« ist.S. Kleinert, Ueber den Streit zwischen Leib und Seele. Dissert. Halle 1880. Während in diesen Werken der Leib der Seele die Antwort nicht schuldig bleibt, beschränkt sich die älteste Gestalt nur auf einen Monolog der Seele, und zwar zunächst auf einen solchen, der den Leib anklagt. Ein Gedicht dieser Art, das älteste bekannte von allen, die dieses Thema behandeln, ist uns durch den Exeter und den Verceller Codex zugleich überliefert; es reicht sicher noch in diese Periode hinauf. Es zählt 129 Langzeilen.Wülker, Bibl. Bd. II, S. 92 ff.

Im Eingang ermahnt der Dichter jedermann das Loos der Seele zu bedenken, wenn der Tod die Verwandten, die früher zusammen waren, Leib und Seele, trennt. Lange hin wird es dann noch sein, bis der Geist von Gott selbst Qual oder Herrlichkeit zugetheilt erhält, so wie sie ihm in der Welt früher ebendies Erdengefäss bewirkt hat. Indessen soll die Seele, vor Sorgen klagend, immer die siebente Nacht den Leib, der sie einst lange trug, besuchen dreihundert Jahre lang, wenn nicht früher der Allmächtige das Ende der Welt herbeiführte. Dann ruft sorgenvoll mit kalter Stimme der Geist und spricht grimmig so zu dem Staube: Warum quältest du mich, ganz verweste Erdenfäulniss? Du bedachtest nicht, wie es deiner Seele gehen würde, wenn sie dem Leibe entführt wäre, als du, nun der Würmer Speise, allen Lockungen der Lust folgtest! – Und 90 doch hat der Schöpfer selbst durch einen Engel die Seele vom Himmel dem Leib herabgesandt, den er mit seinem Blute erkaufte: und dafür hat der Leib sie zu einer Gefangenen der Hölle gemacht.gehäftnedest helle wîtum v. 32.

Als sie in ihm wohnte, haben seine sündigen Gelüste sie so bedrängt, dass sie die Zeit der Trennung nicht erwarten konnte, und nun ist das Ende nicht gut! Während er schwelgte, hungerte sie nach dem Leib Gottes. Seiner Begierden Lust hat sie nimmer bewahrt vor der Hölle Qualen. Er selbst ist nun keinem der Lebenden, nicht Vater noch Mutter oder irgend einem Verwandten, lieber als der schwarze Rabe (v. 54), seitdem sie von ihm ausgewandert ist. Kein Gold und kein Gut kann ihn seiner Lage entziehen; und statt aller seiner früheren Freuden soll ihn des Nachts die Seele besuchen und schmähen bis zum Hahnenruf, wann die heiligen Menschen Gott lobsingen;Vgl. Bd. I, S. 247 f. dann muss sie sogleich zurück nach dem Heim, das er ihr verschaffte (v. 70), während ihn die gierigen Würmer verzehren. Weit besser wäre es für ihn, er wäre ein Thier geworden, selbst der Würmer schlechtester, als am jüngsten Tage Rede zu stehen für sie beide (v. 88), wo er selbst für das kleinste seiner Glieder Rechenschaft geben soll. »Aber was machen wir beide mit uns dann, wann Gott uns zum andern Mal wiedergeboren hat? Sollen wir dann zusammen solches Elend geniessen, wie du es hier uns einst schufest?«

Mit diesen Worten beendigt die Seele (v. 103) ihre vorwurfsvolle Rede. Während sie dann der Hölle Grund wieder aufsucht, liegt der Staub da, wo er war: nicht kann er ihr irgend eine Antwort sagen oder einen Trost bieten. Der Dichter schildert dann zum Schlusse noch, und in widerwärtig getreuer Weise, die weit fortgeschrittene Verwesung und den Würmerfrass, die durch die Zerstörung der Zunge dem Leib auch die Antwort unmöglich machten. Allen andern voran, den Weg ihnen bahnend, greift den Leib, sobald er kalt geworden, der gierigste der Würmer, GiferEr ist wohl so genannt als der »gierige« κατ' ἐξοχήν vom Adjectiv gîfre, während an die nordische Riesin Gîfr nicht zu denken ist. an, dessen Kinnladen schärfer als Pfriemen sind. »Mag dies jedem der Verständigen zur Mahnung dienen!«

91 So endet das Gedicht,Das allein im Verceller Cod. noch folgende ist eine spätere, als Gegenbild verfasste Fortsetzung, die aber nur fragmentarisch (40 v.) erhalten ist. Hier spricht die fromme Seele, welche den Leib, der der Askese ergeben gewesen, rühmt. Die Ausführung ist viel unbedeutender als in dem ersten Gedicht. Die Fortsetzung findet sich bei Thorpe und Wülker a. a. O. welches als das erste seiner Art in seiner Conception bedeutend ist, wenn es auch wohl in Episoden der lateinischen Homilienliteratur seine Vorläufer hatte.Thorpe, Cod. Exon. S. 525, behauptet, dass es eine angelsächsische Homilie handschriftlich gebe, welche das »Original« des ersten Gedichts sei, die aber ohne Zweifel sich wieder auf eine lateinische gründe. Jene Homilie ist aber nicht weiter bekannt geworden. Auch zeichnet es sich durch Kraft und Lebendigkeit der Darstellung aus. In theologischer und kulturgeschichtlicher Beziehung bietet es manche bemerkenswerthe Züge, welche auch die Angelsachsen jener Zeit charakterisiren: so u. a. der Creatianismus (v. 271), der Aufenthalt der Seele vor dem Weltgericht in der Hölle statt in einem Zwischenreiche.S. darüber Zarncke in den Berichten der k. sächs. Ges. d. Wiss. Bd. 18, S. 193 ff.

 

Ein höchst seltsames, ja räthselhaftes Werk ist hier noch zu erwähnen, welches auch ein gewisses universalliterarisches Interesse hat. Ich meine die Gespräche zwischen Salomo und Saturn,Kemble, Anglo-saxon Dialogus of Salomon and Saturn Part I. London 1845. (Aelfr. Soc. No. 8). – Grein, Bibl. Bd. II, p. 354 ff. – *Ausg. von Schipper in: Germania Bd. XXII, S. 50 ff. – – Wülker, Grundriss S. 360 ff. die eigenthümlichen Vorläufer der zwischen Salomo und Markolf, die sich später in andern Nationalliteraturen finden. Freilich berühren sich diese mit dem angelsächsischen Werk kaum in ein paar Punkten. Dasselbe ist ihnen wenigstens darin vorangegangen, dass es die Weisheit Salomo's in einem Zwiegespräch illustrirt, allerdings in einem ganz andrer Art als in ihnen, in welchen der Gegenredner zu einer komischen Figur gemacht ist, die der gelehrten Weltweisheit gegenüber spöttisch ihren Mutterwitz leuchten lässt. Das angelsächsische Werk hat einen viel alterthümlicheren, ernsten Charakter, der den orientalischen Ursprung dieser eigenthümlichen Dichtung überall offen zeigt. Sicherlich ist es auf Grund einer lateinischen Vorlage verfasst, die uns nicht überliefert ist, und 92 gewiss einer griechischen Quelle folgte; wie es auch selbst uns nur fragmentarisch erhalten blieb, was die ohnehin schon grosse Schwierigkeit seines Verständnisses noch vermehrt. So wie wir es besitzen, besteht es aus zwei Gedichten, vom ersten sind 178, vom zweiten 328 Langzeilen erhalten. Innerhalb des ersten findet sich noch ein prosaisches Stück eingeschaltet, das vielleicht darauf hinweist, dass die gemeinsame Vorlage ganz in Prosa verfasst war. Und dort wird der Angelsachse sich ihr am engsten angeschlossen haben.

Das erste Gedicht beginnt, so wie es vorliegt, ohne jede erzählende Einleitung sogleich mit dem Gespräch, das der Gegenredner des Salomo, Saturnus anhebt. Es ist unter ihm nicht der alte Gott der klassischen Mythologie, dessen Namen er führt, zu verstehen, wie sich aus dem ganzen Werke ergibt, sondern ein Fürst der Chaldäer, von einem dämonischen Geschlechte,Dies wird im zweiten Gedicht von Salomo angedeutet, v. 328 f.: Ne sceall ic þe hwäđre, brođor, âbelgan; þu eart swiđe bittres cynnes, | eorre eormen-strŷnde: ne be-yrn þu on þâ inwit-gecyndo. Vorher wird noch bemerkt, dass Saturns Leute einst gegen des Herrn Mächte kämpften. den Salomo einmal Bruder nennt.S. die vorige Anmerkung. Diese Bezeichnung ist wohl nicht im eigentlichen Sinne zu nehmen; ist vielleicht Schwager darunter zu verstehen? Er ist nicht minder als dieser im Besitz grossen Wissens. »Siehe«, beginnt Saturn, »ich habe aller Eilande Bücher gekostet, die Weisheit Libyens und Griechenlands erschlossen, ebenso auch die Geschichte des Inderreiches.« Er befragte auch die Interpreten. Doch sucht er noch immer nach dem Geheimniss des palmenbezweigten Paternoster, was für eine Kraft und Herrlichkeit ihm inwohne. Er will dafür dem Sohne Davids, dem Herrn Israels, dreissig Pfund reinen Goldes und seine zwölf Söhne geben. – Wer nicht durch dieses »Canticum«So gebe ich das angelsächsische cantic wieder, das an dieser Stelle recht auf eine lateinische Vorlage hinweist, indem das lateinische Wort auch Zauberlied bedeuten kann, was bei seiner Wahl wohl massgebend gewesen war. Christus preisen kann, erwiedert Salomo, ist elend auf Erden, leer von Weisheit; ihn wird der Teufel am Tage des jüngsten Gerichts niederwerfen; fremd wird er da dem Allmächtigen sein wie seinen Engeln. – Saturn frägt dann, welches von allen Geschöpfen das heilige Thor des himmlischen Reiches öffne. – Das 93 palmenbezweigte Paternoster, antwortet Salomo es rühmend. Es macht mild den Schöpfer, es vernichtet die Todsünde, es löscht des Teufels Feuer und entzündet das des Herrn. – Nachdem Saturn darauf wieder gefragt, wie das Paternoster in Gedanken zu sagen sei,ac hulic îs se organ in-gemyndum | to begonganne v. 53 f. um solche Wirkung zu haben, antwortet Salomo mit einer langen Rede (v. 63–169). Hier preist er zunächst von neuem und mitunter in ganz orientalischer Weise das »Wort Gottes« (se Godes cwide), so als den Honig der Seele, die Milch des Geistes, um danach die geheimnissvolle Kraft der einzelnen Buchstaben, aus denen das Paternoster besteht, darzulegen: wie sie alle den »Feind« in die Flucht treiben. So heisst es vom P (v. 90 ff.): es hat der Kampfheld eine lange Ruthe mit einer goldnen Spitze und schlägt damit immer den grimmigen Feind; so vom R (v. 98 ff.): zornig soll er ihn aufsuchen, er, der FürstDass R der Fürst der Buchstaben genannt wird, weist auf das griechische Grundwerk hin, indem P im Monogramm Christi eine hervorragende Stelle einnimmt. der Buchstaben, schwingt ihn mit seinem Haupthaar herum und zerbricht seine Glieder am Gestein, dass er flieht in seine Burg, mit Finsterniss bedeckt. – So kann (v. 146 ff.) das Wort Gottes immer jedem der Menschen helfen, die schwarzen Scharen der Bösen zu bannen, welche Menschen und Thiere verderben.

Hierauf folgt das prosaische Stück, das mit der Frage des Saturnus beginnt, in wie mannichfachen Gestalten der Teufel und das Paternoster mit einander kämpfen werden. In dreissig, antwortet Salomo, d. h. hier: ein jeder von beiden in fünfzehn: so der Teufel in der Gestalt eines Kindes und das Paternoster in der des heiligen Geistes, so jener in der der Finsterniss und dieses in der des Lichts, so jener in der eines wilden Thiers und dieses in der des Leviathan, eines Walfisches, so jener in der eines bösen Weibes und dieses in der einer himmlischen Brünne u. s. w. Endlich erscheint das Paternoster auch unter dem Bilde des Herrn. – Es folgt dann noch eine Reihe wunderlichster Fragen und Antworten, die sich offenbar auf die letzte Gestalt des Paternoster beziehen, und so nur ihre Erklärung finden, so: was für eine Art von Kopf hat das Paternoster? Es hat einen goldnen und silbernes Haar, unter einer einzigen Locke desselben kann man trocken stehen, auch wenn 94 alle Wasser der Erde und des Himmels zusammen regneten; seine Augen sind zwölftausendmal glänzender als die ganze Erde, obgleich sie mit den glänzendsten Lilien überdeckt wäre, und jedes Blatt zwölf Sonnen, und jede Blüthe zwölf Monde hätte, und jeder Mond zwölftausendmal glänzender wäre, als der Mond vor Abels Ermordung war. So wird denn auch ausführlich Paternosters Herz, Arme, Hände, Stimme, Ausrüstung geschildert, von der letzteren allerdings nur das Banner, indem mitten in seiner Schilderung die Prosa für uns abbricht, da aus der einzigen Handschrift dieser Partie hier ein Blatt herausgerissen ist. Es folgen wieder Verse (nur 9), von denen auch der Anfang fehlt.Der sich auf dem herausgerissenen Blatt befand, von der ersten Langzeile ist nur das zweite Hemistich erhalten. Es heisst hier am Ende, dass der kluge Sohn Davids den Chaldäerfürsten überwand (an Weisheit), aber dass dieser, so weit hergekommen, doch glücklich dadurch war; niemals früher lachte sein Herz (ferhđ) so auf.

Das zweite Gedicht beginnt mit einigen einleitenden Versen, in denen der Dichter spricht.Schon der erste Vers zeigt, dass hier ein neues Gedicht anhebt: Hwæt! ic flitan gefrægn on fyrndagum; die herkömmliche Bezeichnung als zweiter Theil ist daher unrichtig. Inhaltlich erinnert der Eingang an den Anfang des ersten Gedichts. Merkwürdig ist, dass unter den Ländern, die Saturn besucht hat, auch Marculfes eard (v. 189) aufgeführt wird, nach Meda mađćum-selas, als wäre es Apposition dazu, und Marculfs Land Medien. Er erfuhr, dass vor Zeiten kluge Männer, Fürsten der Erde, über ihre Weisheit mit einander stritten. Salomo war der berühmtere, obgleich Saturn viele Bücher studirte und alle Lande des Orients, deren hier einzeln gedacht wird, durchzogen hatte. Das Gespräch beginnt dann nach einer Lücke mit dem Fragment einer Rede des Salomo, der nach dem Lande frägt, wohin keiner der Menschen den Fuss gesetzt. Saturn erzählt darauf, wie der Freund des »Nebrond« (Nimrod) dort fünfundzwanzig Drachen erschlug und wie diese Giftart (ætorcyn) durch ihren giftigen Hauch den Eingang wehrt, dass auch kein Thier dort weilen kann. – Von hier ab ist der Fragende nur noch Saturn, und die Fragen sowie zum Theil selbst die Antworten sind mitunter wirkliche Räthsel.Auch wird die Antwort selbst wieder in eine Frage gekleidet; z. B. v. 378 ff. Warum, frägt Saturn, darf nicht die Sonne alles bescheinen, warum bleibt manches im Schatten? Darauf antwortet Salomo: Warum wurden die Schätze der Erde nicht gleich vertheilt? Es erinnert dies an die eigenthümlichen Denkübungen 95 der angelsächsischen Schule,Bd. II, S. 20. und mag zur Behandlung des Gegenstands, der Bearbeitung der Vorlage, nicht wenig gereizt haben. Um ein Beispiel einer solchen Räthselfrage, deren Antwort aber eine ganz directe, unverhüllte ist, zu geben, so frägt Saturn (v. 281 ff.): Was ist das Wunder, das über die Welt fährt, streng einherschreitet, die Fundamente erschüttert, Thränen erweckt, dem nichts entgehen kann, kein Stern, Stein oder Thier, dem jährlich von den auf der Erde, in der Luft und im Wasser Lebenden dreimal dreizehntausend zur Speise werden? Darauf Salomo: Das Alter ist stärker als alles auf Erden, es fesselt was es will; es stürzt den Baum und zerbricht seine Zweige, es frisst den wilden Vogel, es besiegt den Wolf, es überdauert Steine, es überwindet Stahl, es zernagt das Eisen durch Rost; so macht es auch mit uns. Oder, wo die Antwort schon weniger direct ist, es frägt Saturn (v. 346 ff.): warum Weinen und Lachen zusammen Genossen sind; und Salomo antwortet, dass wer immer jammern will, Gott verhasst ist.

Eine ausführlichere Discussion entspinnt sich (v. 424 ff.) gegen den Schluss, so weit er uns erhalten, über die Frage: was stärker sei, das Schicksal (wyrd) oder die Vorsicht (warnung), wenn beide mit einander kämpfen; die Weisen der Philister sagten einst dem Saturn, als sie zusammen disputirten, dass keiner der Menschen dies erforschen könnte. Salomo erwiedert darauf: so schlimm und gefährlich das Schicksal sei, könne doch der Weise jedes Geschick sich ermässigen, durch Klugheit, Freundes Hülfe und Gottes Beistand. Aber, frägt nun Saturn, warum quält uns das Schicksal, das starke, aller Frevel Ursprung, der Leiden Wurzel u. s. w. Salomo antwortet, indem er den Fall des Lucifer und seiner Genossen erzählt: die sind es, die uns anfechten, darum ist jedem der Weisen eine Vermehrung des Leids. – Hiernach scheint also der Autor anzunehmen, dass das Schicksal, wie er es auffasst, ihr Werk sei. Auf eine weitere Frage Saturns: ob denn irgend ein Mensch den Tod vor der Zeit begehre, bemerkt dann Salomo in der im Anfang ganz unvollständig erhaltenen Erwiederung noch, dass zwei Geister jeden umgeben, der eine – ein jedem 96 vom Herrn gesandter Engel – prächtiger als Gold, der andre schwärzer als der Abgrund, der eine lehrt ihm das Gute, der andre das Böse, bis er ihn verführt hat; dann scheidet der Engel weinend, indem er sagt: ich konnte aus seinem Herzen nicht den harten Stein entfernen, der ihm mitten darin steckt. – Hier bricht das zweite Gedicht ab.

Es kann wohl zweifelhaft sein, ob die beiden Gedichte von einem und demselben Verfasser herrühren; dagegen erscheint es mir sicher, dass das eine im Hinblick auf das andre, und beide auf Grund derselben Quelle verfasst sind, so viele Berührungspunkte zeigen sie unter einander. Der Verkehr Salomo's mit den Dämonen, wie er in apokryphischen Werken des Alten Bundes, so namentlich in dem griechisch geschriebenen »Testament Salomo's« geschildert wird, auf Grund weit verbreiteter orientalischer Sagen,S. darüber die treffliche Untersuchung von F. Voigt in der Einleitung zu seiner Ausg. des Salman und Morolf, Halle 1880; über das angelsächs. Werk insbesondere S. LIV f. – Das »Testament des Salomo« findet sich in Uebersetzung von Bornemann in Illgens Zeitschr. f. histor. Theol. 1844, Heft 3. Vgl. ausserdem Grünbaum, Beiträge zur vergl. Mythologie in: Zeitschr. der deutschen morgenländ. Gesellsch. Bd. 31, S. 198 ff. hat die Anregung zur Abfassung des griechischen Werks gegeben, welches – wie ich annehme – in lateinischer Uebertragung für den Verfasser des einen wie des andern angelsächsischen Gedichts die Vorlage bildete.Vgl. oben S. 92, Anm. 3 und S. 93, Anm. 2. – In dem Concildecret des Papstes Gelasius Ende des fünften Jahrhunderts wird unter den häretischen Büchern auch eine Contradictio Salomonis aufgeführt; dass aber lateinische Schriften dieser Art früh im Abendland sich verbreiteten, zeigt Notker Labeo in der Paraphrase des CXVIII. Psalms. An eine angelsächsische Erfindung zu denken, erlaubt schon der Inhalt absolut nicht. Ebensowenig aber glaube ich an die von Voigt S. LIV f. den beiden Gedichten zugeschriebenen »Tendenzen«, dass das erstere es auf eine Läuterung der abgöttischen Ueberlieferungen abgesehen habe, und das zweite die Ueberlegenheit christlicher Weisheit über die weltlich-magische Gelehrsamkeit verherrlichen solle. 97

 

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