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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2 - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1880
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2
pages404
created20120906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Viertes Kapitel.

Eklogen: Naso, Conflictus veris et hiemis.

Wir haben schon mehrfach gesehen, wie die Ekloge Virgils, diese ächt höfische Dichtung, in dem grammatisch-ästhetischen Kreise Karls beliebt war und auf die neue 65 Hofpoesie einwirkte. Ich erinnere nur an die diesen Einfluss recht charakterisirende Thatsache, dass jenen Eklogen mehrere der akademischen Namen entlehnt waren und gerade von Hofbeamten Karls.S. oben S. 6. So hiess der Oberküchenmeister Menalcas, der Kämmerer Thyrsis. Dieser Einfluss wuchs noch, als der Frankenkönig das römische Imperium im Abendlande wiederherstellend, als ein anderer Augustus jenem Kreise erschien, der in Virgil den ersten der Dichter verehrte. Um so weniger kann es uns hiernach Wunder nehmen, wenn man jetzt auch versuchte selber Eklogen nach dem Muster der Virgilischen zu dichten. Einer solchen begegnen wir in einem Karl gewidmeten, auch seinem Inhalte nach merkwürdigen Gedichte, das manche Beziehung zu jenem dem Angilbert beigelegten epischen Gesange enthält. Die in Hexametern verfasste und in zwei libelli getheilte Ekloge hat einen kurzen Prolog wie Epilog in Distichen, welche beide an Karl gerichtet sind. Hier erfahren wir, wie auch in dem Gedichte selbst (I, v. 62) den, natürlich akademischen Namen des Verfassers: NasoGedichte des Naso herausgeg. von Dümmler in: Zeitschr. f. deutsch. Alterth. N. F. VI. S. 58 ff. – S. meinen oben S. 62 Anm. 1 angeführten Aufsatz. – Dümmler N. A. S. 142., sowie dass er ein noch junger und armer Poet war, der erst noch die dauernde Gunst des Kaisers, deren so manche andere Dichter sich erfreuten, sich zu erwerben hatte. Er war, wie es scheint, ein angelsächsischer Presbyter, Schüler des AlcuinS. oben S. 31., und gehörte zu Karls Capelle. Zu Angilbert stand er, wie sich ferner aus dem Gedicht selbst ergibt, in jedem Fall in einer näheren Beziehung. – Der Autor hat aber nicht bloss Virgil, sondern auch einen antiken Nachfolger desselben, Calpurnius sich zum Muster genommen, an dessen erste Ekloge namentlich er in dem zweiten libellus sich unmittelbar anschliesst.

Wie bei einzelnen Eklogen des Virgil und auch des Calpurnius besteht das Gedicht nur aus einem Wechselgesang. Das erste Büchlein (95 Hexam.) bildet eine Einleitung gleichsam. Die beiden Hirtensänger sind ein junger Anfänger, »puer«Dies Wort hat damals die Bedeutung von Jüngling., 66 welcher den Dichter selbst vorstellt, und ein alter, ruhmgekrönter Veteran der Dichtung, der nach einem Hirten des Virgil, welcher auch bei Calpurnius wiederkehrt, Micon heisst.Bei Calpurnius Ecl. V ist er der Lehrer des Canthus, mit welchem er dort zusammen auftritt, er der senior mit dem iuvenis; vielleicht hat Naso ein gleiches Verhältniss im Sinne gehabt, wenigstens steht ihm als puer Micon als senex (senior) gegenüber. Bei Virgil aber wird ein Micon namentlich in Ecl. III angeführt, die noch einen andern näheren Bezug zu unserm Gedicht hat. S. weiter unten. Jener fordert diesen zum Gesang mit ihm auf, er hofft auch die Gunst Davids – des Kaisers – zu gewinnen, der schon von ihm poetische Gaben huldvoll aufgenommen. Er, ihr Palaemon, schaue von der hohen Burg der »neuen Roma« alle Reiche seinem »Imperium« unterworfen, die Welt sei, verwandelt, zu den alten Sitten zurückgekehrt; das goldene Rom werde wiederum erneuert dem Erdkreis wiedergeboren.        Rursus in antiquos mutataque secula mores;
        Aurea Roma iterum renovata renascitur orbi.

l. I, v. 26. Hier findet sich also selbst der Ausdruck: Renaissance.
– Palaemon nennt der Puer aber hier den Kaiser nach einem Hirten der dritten Ekloge des Virgil, der dort zum Schiedsrichter in einem Gesangswettstreit erkoren wird: so soll bei ihrem Wettgesang Karl richten. – Der Alte theilt nicht die Hoffnungen des Jünglings, er meint im Gegentheil, Karl verachte die Gedichte desselben, ja er erinnert ihn an das Schicksal seines antiken Pathen – des Ovid. Der junge Sänger weist dagegen auf die Belohnungen hin, die einem Virgil, Lucan und Ennius im Alterthum geworden: und fände nicht dasselbe in ihrer Zeit statt? Homer (Angilbert), Flaccus (Alcuin), Theodulf und Einhard bezeugen reich belohnt, dass Karl die Dichtung liebe.        Sic iterum haec etiam nostro nunc tempore cerne:
        Non meus ecce solet magno facundus Homerus
        Carminibus Carolo studiosis semper placere.
        Ni Flaccus calamo modulari carmina nosset,
        Non tot praesentis tenuisset praemia vitae.
        Theudulfus gracili iamdudum lusit avena:
        Plurima cantando meruit commercia rerum.
        . . omsa vide solitus recitare camenas,
        Nardus ovans summo praesenti pollet honore.

1. I, v. 84 ff.

67 Das zweite Büchlein (121 Hexam.) enthält nun den Wettgesang, denn der Alte verweigert ihn nicht mehr, er fordert jetzt den Jungen dazu auf, indem er mit lebendigen Farben die mittägliche Sonnengluth malt, in der die Bienen fröhlich summen, das Vieh aber des Waldes Schatten aufsucht. Er ladet dann den Genossen ein, in den nahen kühlen Hain mit ihm einzutreten. – Dieser antwortet und preist den Alten glücklich, dessen Liedern die Thiere lauschend folgten, das wilde zum zahmen in Frieden gesellt, durch seine Flöte gesänftigt. So scheint sich schon zu erfüllen, was man mit göttlichem Messer auf einer Buche Rinde eingeschnitten liest, und die Gesträuche und der ganze Hain rufen: Friede den Ländern, es fliehe weit der grausame Krieg. – Die Inschrift sagt die Wahrheit, erwidert der Alte: in der That kündigt eine göttliche Hand einen ewigen Frieden den Ländern an. Eine goldene Sonne leuchtet glänzend in der Mitte des Erdkreises, nach allen Himmelsrichtungen ihre Strahlen ausbreitend; durch keine Wolken verdunkelt, verscheucht sie die Stürme. Ihrer erfreuen sich Saone, Rhone, Loire, Maas und Rhein. Dieses goldene Licht, vom Himmel der Welt gesandt, unterwirft sich die wilden Völker und zügelt durch Gesetze unzählige Stämme, ihm beugt sich der ganze Erdkreis. Der ruchlose Aufruhr flieht, die Waffen ruhen, Bellona knirscht gefesselt in ohnmächtiger Wuth. Eine goldene Regierungszeit ersteht den sorglosen Lateinern, das hohe Rom sieht schon seine Trophäen wiederkehren. – Hieran reiht sich eine Schilderung des goldenen Zeitalters im Hinblick auf Virgil (Ecl. IV), Calpurnius (Ecl. I) und Ovid (Metam. l. I). Im kaiserlichen Schutz hält Karl die ganze Erde, die seinem frommen Imperium gehorchen wird. Ihn hat Micon schon einmal unter dem Namen der Sonne gefeiert.Hunc ego iamdudum memini sub nomine solis,
Qui nitet in totum claro vibramine mundum
:
l. II, v. 118 f. sagt Micon. Hiermit wird er als Verfasser des dem Angilbert beigelegten epischen Gedichts bezeichnet. Vgl. oben S. 59.
– In dem Epilog bittet der Dichter Karl um huldvolle Aufnahme seines Werkes, indem er in diesem Falle verspricht alle Thaten des Kaisers zu besingen.

Dies Gedicht, das also die Wiederherstellung des Weltreichs im Abendlande durch Karl feiert und die grossen 68 Hoffnungen zeigt, die man davon hegte, ist nicht lange nach dem Ereigniss, aber erst nach dem Jahre 804Denn, wie schon Dümmler a. a. O. bemerkte, wird l. I. v. 87 f. (s. oben S. 66 Anm. 3) des Alcuin wie eines Verstorbenen gedacht., wahrscheinlich 805 verfasst, nachdem die Sachsenkriege ihren Abschluss gefunden, worauf der Dichter vielleicht mit der Flucht des ruchlosen Aufruhrs hindeutet. Jetzt erst konnte Friede und Eintracht des neuen Imperium gesichert erscheinen.

 

Aus derselben Zeit stammt, und wahrscheinlich aus dem Kreise Alcuins, vielleicht ein Werk seines Schülers DodoDieser von mir aufgestellten Hypothese tritt Dümmler in dem in der folgenden Anm. angeführten Aufsatz entgegen, indem er das Gedicht nur an Dodo gerichtet glaubt. Vgl. über diesen oben S. 31. eine andere merkwürdige Ekloge, die man früher entweder Beda oder Milo beigelegt hat. Sie ist Conflictus veris et hiemisIn: Anthologia latina. P. I. rec. Riese, Fasc. 2, Nr. 687. – – Mein oben S. 62 Anm. 1 angeführter Aufsatz. – Dümmler, Ueber die Gedichte De Cuculo in: Zeitschr. f. d. Alterth. N. F. Bd. XI, S. 67 ff. betitelt, besser aber wäre statt Conflictus Certamen zu sagen, ein auch in den antiken Eklogen gebrauchter Ausdruck. Dies Certamen ist wohl das älteste bekannte der, später auch in den Nationalliteraturen beliebten Streitgedichte, die sich also aus der der antiken nachgebildeten Ekloge, oder mindestens unter ihrem Einfluss entwickelt haben. Das Gedicht besteht aus 55 Hexametern.

Im Eingang, den ersten neun Versen, erzählt der Dichter, dass plötzlich von den hohen Bergen herab sämmtliche Hirten zusammenkommen bei der Frühlingssonne unter dem Baumesschatten, um ein fröhliches Lied zu singen, ein Loblied dem Kuckuk, unter ihnen auch der junge Daphnis und der alte Palaemon. Da kommt auch der Frühling mit einer Blumenkrone, und der kalte Winter, der struppige mit starren Haaren: sie hatten einen grossen Streit (certamen) über das Kuckukslied; und der Frühling begann. Nun folgt der »Streit«, indem ein jeder von beiden allemalMit einer einzigen Ausnahme. drei Verse singt. Die Darstellung ist von da an ganz dramatisch, da die verbindende Erzählung fast durchaus aufhört, ja selbst am Schlusse kaum wiederkehrt.

69 Der Frühling wünscht, dass der Kuckuk kommt, der liebste Vogel, allen der willkommenste Gast, welcher gute Lieder mit seinem rothen Schnabel anstimmt; er soll die Kälte vertreiben, dieser stete Begleiter der Sonne; er bringt die Blumen wieder und den Honig, er kleidet die Fluren und sänftigt die Wellen. – Der Winter wünscht nicht seine Ankunft, weil er Arbeiten hervorruft und die geliebte Ruhe zerstört, ja den Hunger im Gefolge hat.Offenbar, da die Wintervorräthe im Beginn des Frühjahrs aufgezehrt sind. Der Winter freut sich seiner Reichthümer, die Schätze in den Truhen zu zählen, der fröhlichen Mahlzeiten und der süssen Ruhe am warmen Herde. – Woher hätte aber der Winter seine Schätze, wendet der Frühling ein, wenn nicht er und der Sommer für ihn arbeiteten. Sehr wahr, antwortet der Winter, eben deshalb sind sie meine Knechte. – Du bist nicht ihr Herr, denn du bist arm und hülflos, erwidert der Frühling. Du kannst dich nicht selbst erhalten, wenn nicht der Kuckuk kommt und dir Nahrung leiht. – Darauf aber spricht Palaemon »vom erhabenen Sitze«, Daphnis und die Schaar der frommen Hirten: »Lass das weitere, Winter, du Verschwender, du trotziger. Es soll kommen der Kuckuk, der Hirten holder Freund.« Grün soll es werden auf den Hügeln, Futter für das Vieh geben, und die Vögel sollen mit ihrem verschiedenen Gesang die Sonne begrüssen. Schnell komme darum der Kuckuk. »Alles erwartet dich, Meer, Erde und Himmel. Salve, dulce decus, cuculus; per saecula salve!«

Der Kuckuk wird in dieser Ekloge also nach germanischer Sitte als Verkünder des Frühlings betrachtet und gefeiertS. Grimm, Deutsche Mythologie 4. Ausg. S. 563., der dem Stil der antiken Ekloge ganz gemässe Wettgesang des Frühlings und Winters beruht auch auf alter germanischer Ueberlieferung eines Kampfes dieser JahreszeitenGrimm, a. a. O. S. 650., die hier als germanische, zumal der Winter, nirgends sich verläugnen: so verschmilzt nationaler Inhalt mit antiker Form, wodurch hier allerdings auch die letztere berührt wird, insofern als die das Certamen Führenden Personificationen sind. Auch hier heisst aber der Schiedsrichter Palaemon, und nach dem »erhabenen Sitz« möchte man fast glauben, dass der Dichter 70 auch dieser Ekloge dabei an den Kaiser gedacht habe. – In Sprache und Vers erscheint das Gedicht aber weit correcter als das des Naso.

 

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