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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2 - Kapitel 39
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1880
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2
pages404
created20120906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Geographie: Dicuil, Bernard.

Zum Schluss habe ich noch als Anhang zur Historiographie zweier geographischen Schriften dieses Zeitalters zu gedenken. Die ältere ist das Buch De mensura orbis terrae des Iren Dicuil*Dicuili liber de mensura orbis terrae a G. Parthey recognitus. Berlin 1870. (Praef.) – Letronne, Recherches géographiques et critiques sur le livre De mensura orbis terrae comp. par Dicuil, suivies du texte restitué. Paris 1814. – – Dümmler, N. A. S. 256 ff., welches, wie der Autor selbst am Ende sagt, i. J. 825 verfasst ist.Dass das Buch nach Karls des Grossen Zeit geschrieben, zeigt auch schon c. 7, §. 35 eine Stelle, welche auch aus andern Rücksichten erwähnenswerth ist: Sed idem Julius (Solinus) nuntiando de Germania insulisque eius unum de elephantibus, mentiens falso loquitur, dicens elephantem numquam iacere, dum ille sicut bos certissime iacet, ut populi communiter regni Francorum elephantem in tempore imperatoris Karoli viderunt. Sed forsitan ideo hoc de elephante ficte aestimando scriptum est, eo quod genua et suffragines sui, nisi quando iacet, non palam apparent. Aus dieser Stelle ergibt sich meines Erachtens auch sicher, dass Dicuil schon zu Karls Zeit in Frankreich, wenigstens nach 802, wo der Elephant dorthin kam, weilte, denn er spricht offenbar aus eigener Anschauung. Dicuil schrieb es, allem Anschein nach, im höheren Alter.S. darüber Letronne p. 22 ff. In seiner Heimath gebildet, war auch er nach dem Frankenreiche gezogen, um dort als Lehrer zu wirken: als Grammatiker und namentlich als Metriker gibt er sich auch in dieser Schrift zu erkennen.S. den Eingang und c. 5, ed. Parthey p. 20. Als Magister bekunden ihn offenbar die Hexameter, welche er einem für Anfänger bestimmten metrischen und grammatischen Schulbuch des Priscian, das er in ihnen selbst als solches bezeichnet, hinzufügte.S. diese zu den Partitiones duodecim versuum Aeneidos principalium hinzugefügten Verse bei Keil, Grammatici lat. Tom. III, p. 390. Ausserdem verfasste er in den Jahren 814 bis 816 ein noch ungedrucktes astronomisches Werk, eine Art Computus, das aber auch in das Gebiet der Metrik hinüberstreift, 393 aus Prosa und Versen gemischtWie Dümmler sagt a. a. O. S. 256. – Unter den dort von Dümmler auszugsweise mitgetheilten Versen befinden sich auch, was unbemerkt geblieben, rythmische von eigenthümlicher Bildung, Langzeilen aus zwei iambischen Dimetern gebildet, also sechzehnsilbige Verse mit einer Cäsur nach der achten mit vorherrschend iambischen Rythmus, die Langzeilen erscheinen als Reimpaare, zuweilen auch mit Binnenreim, welcher dann die beiden Hemistichen verbindet, z. B.:
        Ac duodena vitia, quae sunt in prosa turpia,
        In metro cum peritia absque ulla stultitia,
        Sed cum vere invenerit quod debet reprehendere,
        More fraterno corrigat, ut me possit defendere.

Auch hier sind die rythmischen Verse in scherzhafter Absicht angewandt. Vgl. oben S. 322.
, dessen Bücher er einzeln nach ihrer Vollendung dem Kaiser Ludwig in jenem Zeitraum als jährliche Lehnsgabe darbrachte.Also, wie der Hibernicus exul Karl d. Gr. Gedichte, s. oben S. 57. Hiernach möchte man fast vermuthen, dass Dicuil an der Hofschule eine Stellung eingenommen.

Das geographische Buch Dicuils ist eine, grossen Theils wörtliche Compilation aus verschiedenen Werken des Alterthums, aber mit einigen interessanten Zusätzen, die der Verfasser Reisenden seiner Zeit verdankte. Die Grundlage bildet eine wohl gleich betitelte Schrift, der Bericht der von Kaiser Theodosius zur Ausmessung des Reichs abgeordneten MissiWovon wir sonst keine Nachricht haben, es ist wohl Theodosius I. zu verstehen. S. Parthey, Praef. XII f.; dazu hat der Verfasser dann Auszüge aus »einer unter dem Consulat des Julius Caesar und Marcus Antonius verfassten Cosmographie«S. c. 8, ed. Parthey p. 28., sowie aus Solin Plinius, Isidors Etymologien und der Periegesis des Priscian hinzugefügt: die Zusätze aus diesen Autoren wie die oben erwähnten aus mündlicher Ueberlieferung sind meist erdbeschreibender Natur.

Zuerst wird nur, der Anlage des Buchs entsprechend, von den Massen, der Länge und Breite der Hauptländer der Erde, bei einzelnen auch ihrer Provinzen gehandelt, indem bei der Massbestimmung auch die Begrenzung in grossen Zügen gegeben wird. Es folgt dann ein Abschnitt über die fünf Hauptflüsse und einige andre; die ersteren sind der Nil – bei dem der Autor am längsten verweilt – der Euphrat, Tigris, Ganges 394 und die Donau: bei ihnen beschränkt sich der Verfasser nicht auf die blossen Massangaben, sondern gedenkt auch ihrer Inseln und des Landes, dem sie angehören, namentlich auch seiner merkwürdigen wilden ThiereAber auch andrer, wie des Phönix, der nach Isidor und Solin ausführlicher behandelt wird. ed. Parthey p. 59 f.; hier schöpft er vornehmlich aus Solin, aber beim Nil macht er auch von der Erzählung eines irischen Mönches (c. 6) Mittheilung, der von Jerusalem nach Aegypten segelnd, diesen Fluss befuhr, die sieben »Scheunen« welche Josef in den Jahren der Fruchtbarkeit baute – die Pyramiden – bewunderte, und durch einen Kanal bis zum rothen Meere schiffte. – Hierauf ist ein längerer Abschnitt den Inseln des Meeres gewidmet; auch da wird über Thule – Island – und die Faröerinseln der Mittheilungen irischer Kleriker gedacht, die sie besuchten.C. 7. ed. Parthey p. 42 ff. – Die Nachrichten über Thule waren Dicuil vor 30 Jahren geworden, von Klerikern, die sich ein Halbjahr dort aufgehalten. Dann wird von den Dimensionen des Tyrrhenischen, d. h. hier des ganzen mittelländischen Meeres, und von dessen Inseln gehandelt. Den Schluss bildet eine Nachricht von den sechs höchsten Bergen; es sind der Olymp, der Athos, Atlas, Pelion, die Alpen und die Pyrenäen – welchen Abschnitt und das Buch selbst der Verfasser mit 41 Hexametern beendet.

Die kurze Inhaltsanalyse zeigt schon, wie mangelhaft die ganze Anlage dieser rohen Compilation ist, die auch im einzelnen sehr ungeordnet erscheint. Bemerkenswerth aber ist, dass der Verfasser nicht ohne alle Kritik verfährt: er gibt seinem Zweifel an »unglaublichen« Angaben des Solinus Ausdruck, ja er unterdrückt wohl sogar deshalb eine desselben, und berichtigt eine andre.S. oben S. 392 Anm. 2 u. vgl. ferner ed. Parthey p. 55 unten u. p. 56, sowie p. 80 f.

 

Die andre Schrift ist ein kurzes ItinerariumIn: Descriptiones Terrae sanctae ex saec. VIII, IX etc. nach Hand- und Druckschriften herausg. v. T. Tobler. Leipzig 1874. p. 85 ff. u. 393 ff. eines fränkischen Mönches, der aber vielleicht einem Kloster Italiens angehörteIm Eingang sagt er von den Brüdern die ihn begleiten: ex quibus unus erat ex monasterio beati Innocentii Beneventani, alter Hispanus, und fügt dann hinzu: Francia vero est nativitatis meae locus; hiernach möchte man glauben, dass er nicht einem Kloster Franciens angehörte, das er wohl sonst hier genannt hätte. Nach einer Bemerkung in c. 9 scheint seine Heimath die Champagne gewesen zu sein., Bernardus, über eine Reise von Rom nach 395 Jerusalem. Dieser Reisebericht enthält manches interessante und ist schon als einer der ältesten von dem heiligen Lande von Wichtigkeit. Bernard machte die Fahrt in Begleitung eines Beneventer und eines spanischen Mönches. Nachdem sie von Papst NicolausEs kann nur Nicolaus I. gemeint sein, der von 858–867 Papst war, hiermit ist schon die Zeit der Reise im allgemeinen bestimmt. Die Erwähnung des Theodosius als Patriarchen von Jerusalem (c. 10) zeigt aber, dass sie nicht vor 864 unternommen sein kann, da derselbe erst in diesem Jahre Patriarch wurde (s. Tobler p. 396). – Des Itinerars gedenkt auch Wilhelm von Malmesbury, De reb. gest. regum Anglor. l. IV, c. 2, u. setzt die Reise ungenau in d. J. 870, welche Angabe auch ein paar Handschriften haben, indem Wilhelm wohl diesen folgt. die Erlaubniss und den Segen erhalten, zogen sie zunächst zu dem Berge Garganus und besuchten seine wunderbare Kirche, die kurz beschrieben wirdVgl. oben S. 358.; von dort begaben sie sich nach dem damals saracenischen Bari. Hier verschafften sie sich von dem »Suldan dieser Stadt« Pässe in aller FormQuarum textus epistolarum notitiam vultus nostri vel intineris exponebat. c. 3. für die Reise in das Kalifenreich; wie wenig sie ihnen nützten, sollten sie freilich bald erfahren. In Tarent, wo gerade 9000 gefangene Beneventer Christen nach Afrika eingeschifft werden, finden sie auf einem dieser Fahrzeuge die Gelegenheit zur Ueberfahrt nach Alexandrien. Hier (c. 6) gedenkt der Verfasser des Raubs des Leibs des h. Marcus durch die Venezianer. Auf dem Nil fahren die Pilger dann nach Kairo; dort aber werden sie trotz ihrer Pässe ins Gefängniss geworfen, bis sie endlich, nachdem jeder 13 Denare gezahlt – die sie auch schon in Alexandrien hatten entrichten müssen – neue, nun gültige Pässe erhalten, welche aber in den Städten, die sie passirten, zu visiren waren, was wieder Kosten machte.Postquam vero inferius nominatas civitates ingressi sumus, non prius permissi sumus exire quam chartam aut sigilli impressionem acciperemus, quod uno vel duobus denariis impetrabamus. c. 7. Man sieht, die Polizei des Kalifenreichs gab der modernen nichts nach.

396 Von Kairo wenden sie sich wieder nach Norden und über Damiette und das an Christen reiche Thanis reisen sie nach Farama, von wo sie dann die Wüste durchwandern. Ueber Gaza, Ramleh, Emmaus gelangen sie nach Jerusalem. Hier gedenkt denn der Verfasser kurz der heiligen Stätten und der auf ihnen gegründeten Kirchen, ausführlicher der des heil. Grabes, welche den Mittelpunkt der Welt in sich schliesst (c. 10). Auch rühmt er das Hospital für Pilger lateinischer Zunge, welches, dank der Freigebigkeit Karls des Grossen, nicht bloss reichen Grundbesitz, sondern auch eine Bibliothek besitzt. Natürlich werden von dem Verfasser auch die heiligen Orte der näheren und ferneren Umgegend besucht, wie Gethsemane und das Thal Josaphat, der Oelberg, Bethanien, Bethlehem und dabei manche einzelne interessante Bemerkungen gemacht.Z. B. c. 12: In ipso etiam loco est ecclesia in quo Dominus traditus est; habet ibi quatuor mensas rotundas coenae ipsius. Dies ist beachtenswerth im Hinblick auf die Tafelrunde.

Von der Rückreise Bernards wird nur dreier Stationen gedacht, des Mons Aureus und seiner Crypta bei Rom, Roms selbst, wo der Verfasser von seinen Reisegefährten sich verabschiedet, und der Kirche des heil. Michael ad duas tumbas, von der ein Naturwunder erzählt wirdWelche Kirche hier gemeint sein kann, darüber fehlt jede Andeutung.; hier endet der Reisebericht. Es folgen dann noch einige einzelne Notizen, die offenbar später hinzugefügt sind.Ob sie aber von dem Verfasser selbst herrühren, bleibt um so mehr fraglich, als sie sich nicht in allen Handschriften finden.

 


 

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