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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2 - Kapitel 24
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1880
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2
pages404
created20120906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zehntes Kapitel.

Paschasius Radbert. Ratramnus.

Tiefer als der Streit über die Bilderverehrung regten seit dem vierten Decennium dogmatische Fragen von grosser Bedeutung, die des Lehrbegriffs des Abendmahls wie die schon öfters erwähnte der Prädestination und des freien Willens, die Geister, namentlich in Westfrancien, auf, wo denn zugleich, zum Theil in Verbindung damit, zum Theil unabhängig davon, ein speculativer Sinn erwacht. So wenig nun auch die dogmatische und selbst die philosophische Literatur an sich in den Kreis unserer Betrachtung fällt, so haben doch die Hauptwerke, welche jenen Fragen damals gewidmet sind, meist indirect so viel Interesse für uns, um ihrer kurz zu gedenken; denn sie spiegeln einmal die Kultur, welche die literarische Entwickelung damals bedingte, von einer sehr wichtigen Seite ab, und sie haben ferner auf die Folgezeit einen grossen Einfluss gehabt. Dazu kommt, dass die Autoren der wichtigsten zugleich in anderer Beziehung eine literarische Bedeutung haben: dies gilt insbesondere von demjenigen, welcher die erste der beiden Fragen auf die Tagesordnung setzte, und sie in einer Weise entschied, welche die katholische Kirche für immer adoptirte. Es ist dies Radbert, genannt Paschasius.S. Paschasii Radberti, abbatis Corbeiensis, opera omnia iuxta editiones Sirmondi Mabillonii Martenii recogn. et diligent. emend. accur. Migne. Paris 1852. (Patrol. lat. Tom. 120.) – *Martène et Durand, Veter. Scriptor. etc. amplissima collectio, Tom. IX. Paris 1723 (Enthält: De corp. et sang. u. De fide etc.). – *Mabillon, Acta S. S. ord. S. Bened. Saec. IV, pars 1 (Enthält die VV. Adalh. u. Walae p. 291 ff. u. 434 ff.). – – Rodenberg, Die Vita Walae als historische Quelle. Göttingen 1877. (Diss.)

Radbert war zu oder bei Soissons um 790 geboren; ein Sohn armer Eltern, wurde er in einem Frauenkloster dieser 231 Stadt, in welches er nach dem Tode seiner Mutter aus Mitleid aufgenommen war, auferzogen. Trotzdem schlug er herangewachsen zunächst eine weltliche Laufbahn ein. Aber aus freiem Entschluss kehrte er zum Mönchsleben zurück, indem er in das Kloster Corbie trat (vor 812). Der Abt desselben war der hochgebildete Adalhard, ein Vetter Karls des Grossen, der einst dem gelehrten Kreise Alcuins am königlichen Hofe angehört hatte, und dort den Namen Antonius führte. Die Schule von Corbie muss damals schon eine vortreffliche gewesen sein, da Radbert nicht bloss eine umfangreiche theologische, sondern auch eine für jene Zeit bedeutende klassische Bildung dort sich erwarb, die er dann wieder als Lehrer in demselben Kloster verwerthete. Seine ausgebreitete und intime Kenntniss der antiken lateinischen Literatur bezeugen seine Citate und die ohne Quellenangabe entlehnten Stellen, aus Virgil und zwar allen seinen Werken, Horaz (auch den SermonenVita Adalhardi c. 15.), aus TerenzNamentlich in der Vita Walae öfters. und den verschiedensten Schriften des Cicero, sowie die lobpreisenden Aussprüche über diese Autoren, wie er denn Cicero den König der BeredsamkeitExpositio in Matthaeum Prolog. 6. Vita Adalhardi c. 20. und Virgil den grössten Dichter nennt, wenn er ihn auch einmal der falsura beschuldigt.In der Widmungsepistel des Buchs De corp. et sang. an Karl den Kahlen: Idcirco ne me putes, Augustorum clarissime, fabulam vobis contexere de Maronis falsura. – Auch trägt Radbert kein Bedenken seinen »maximus poeta« zu einem Plagiator zu machen, und ihn auch den »weit älteren Horaz« plündern zu lassen. Die Stelle ist beachtenswerth genug um hier angeführt zu werden: Si quaeris, Adeodate, qualis (Adalhardus) venerit: fateor talis, qualem Virgilius ille tuus Maro describit, totus teres atque rotundus. Qui nimirum versus licet in Virgilio vestro magnis extollatur laudibus, longe antiquior legitur in Horatio, qui dum de viro sapiente loqueretur, ait, quod sit fortis et in se ipso totus teres atque rotundus. Unde profecto liquet, sicut et in quam pluribus locis, quia Maro vester, callidus ingenio, de ceterorum sententiis laudem tulit, et de multis, acsi mendicus, philosophorum fragmentis convivium vanitatis saltim pueris fecit. Vita Adalh. ed. l. p. 446. – Vgl. Horatii Satir. II, 7 v. 86. Wie Radbert Adalhards Gunst zu gewinnen wusste, so nicht minder die seines Bruders und Nachfolgers Wala. Mit beiden wurde er innig befreundet, und nahm an ihren kirchlichen wie politischen Bestrebungen den regsten Antheil. – 844 wurde er selbst Abt des Klosters, legte aber 232 dieses Amt schon 851 nieder, um sich, wie einst Raban, ganz seinen gelehrten Studien und literarischer Thätigkeit zu widmen. Er hielt sich zu dem Zweck auch eine Zeitlang in dem von wissenschaftlichem Geiste beseelten Kloster St. Riquier auf. Er starb zu Corbie 865.

Dass der von ihm geführte Beinamen Paschasius seiner Beschäftigung mit der Abendmahlsfrage seinen Ursprung verdankt, ist wohl nicht zu bezweifeln; ob er ihn aber zuerst selbst sich beigelegt, oder von seiner Umgebung im Kloster, vielleicht in Folge der von Adalhard dorthin verpflanzten Alcuinischen Sitte, erhalten, vermag ich nicht zu entscheiden.Radbert nennt sich in seinen Schriften zuerst so in der Vita Adalhardi, diese ist aber vor seinem Buche De corpore et sanguine verfasst; vielleicht ist der Name in der Vita noch Versteckname für das Publikum, ausserhalb des Klosters, wie andre Namen dort. Von seinem berühmten Buche hat er ihn also jedenfalls nicht erhalten. Für die Verpflanzung der Alcuinischen Sitte spricht aber auch der Beiname des Schülers Radberts Warin »Placidius.«

Wie hoch Radbert schon von seiner Zeit geschätzt wurde, zeigt namentlich ein von dem Bischof von Soissons, Engelmodus auf ihn bei Lebzeiten verfasster Panegyricus, der ihn in schwülstigen Hexametern nicht bloss als Säule der Kirche, höchste Ceder des Paradieses und Schild des Glaubens preist, sondern auch seine Beredsamkeit mit überschwänglichen Ausdrücken rühmt. In der That gehörte Radbert zu den ersten Gelehrten Westfranciens damals und obgleich er kein wahrhaft productiver Denker war, so ist ihm doch eine gewisse speculative Neigung, ein Streben nach philosophischer Begründung eigen, selbst wo er von der wörtlichsten Auffassung des Dogma ausgeht und dem extremsten Wunderglauben huldigt. Auch er verdankte dies dem Studium der Werke des Augustin, von welchen die speculative Thätigkeit des älteren Mittelalters fast immer ihren Ausgang nimmt. Das bedeutendste Werk des Radbert, das in seiner Zeit das grösste Aufsehen machte und auf die Folgezeit den mächtigsten Einfluss ausübte, selbst auch durch den Widerspruch, den es hervorrief, ist das Buch De corpore et sanguine Domini, die erste Monographie über die Lehre des Abendmahls. Das Buch ist in der ersten Ausgabe 831 an den Abt von Corvey, Warin genannt Placidius, einen früheren Schüler Radberts, gerichtet; in einer zweiten um 844 233 dem König Karl dem Kahlen, wie es scheint, als Weihnachtsgeschenk, auf seine Aufforderung gewidmetHinc inde, ut condignum est, ad superventura diei Dominici festa missuri sunt auri argentique et vasorum diversi generis munera etc., inter quae nimirum, etsi ultimus, fide devotus, quia monuistis, et mea, ut opto, vos delectant; decrevi non ignavi ponderis metalli vestrae maiestati munus offerre, scilicet libellum etc., nachdem die erste Ausgabe schon, wie diese Widmung besagt, in viele Hände gekommen. Doch hoffte Radbert von der Billigung des Königs eine noch sicherere allgemeinere Anerkennung seiner Lehre und weitere Verbreitung seines Buchs, das, wie er schon in dem an Warin gerichteten Prolog sagt, in populärem Stile abgefasst, auch für ein grösseres Publikum, das keine literarische Bildung besässe, bestimmt sein sollte. Zwei Gedichte in Hexametern gehen dem Werke in der zweiten AusgabeDass dies auch von dem oben an zweiter Stelle erwähnten Gedichte gilt, zeigt der 4. Vers des Acrostichon, namentlich die Worte: puero quae misimus olim, mit welchen auf die frühere Ausg. hingewiesen wird. voraus, von welchen das eine König Karl geweiht ist, dem das Buch zu überreichen, die Jungfrau Sophia aufgefordert wird; das andre, das mit einem Acrostichon beginnt, welches den Namen Radbert enthält, wendet sich an den Leser und zeigt den Inhalt des Werks in der Hauptsache an.

Radbert entwickelt in dem Buche zum ersten Male ausführlich die Lehre von der Transsubstantion und sucht sie auch wissenschaftlich zu begründen, indem er diese Auffassung des Abendmahls: die Verwandlung der Substanz des Brodes und des Weines durch die Consecration des Priesters in die Substanz des Leibes und des Blutes Christi, selbstverständlich für die einzig richtige erklärt. Diese Auffassungsweise fand sich in der Kirche auch schon früher vertreten, wenn auch nicht mit derselben Entschiedenheit ausgesprochen, aber sie war keineswegs die allein herrschende, indem auch eine geistigere, dieser sinnlichen gegenüber, von ebenso vielen getheilt wurde; es bestand eben noch kein fester, von der Kirche geweihter Lehrbegriff.

Radbert begründet aber seine Lehre durch die Rechtfertigung des Wunders als solchen, denn er selbst erklärt, wie dies ja auch nicht anders sein konnte, die Transsubstantion für ein Wunder, ja, weil es kein sichtbares, für ein grösseres 234 als alle andern, die selbst nur deshalb geschehen sind, damit dieses eine Wunder geglaubt werde (c. 1, §. 5). Gottes allmächtiger Wille ist die Ursache aller Dinge und Naturen. Indem sie aber Gott schuf, nahm er seinen Willen nicht von ihnen weg, vielmehr besteht ihr Dasein in seinem Willen und seiner Kraft, durch welche alles was ist, nicht bloss existirt, sondern auch so, wie es Gottes Wille beschlossen.Neque enim sic condidit omnium artifex Deus rerum naturas, ut suum velle ab his auferret, quia omnium creaturarum subsistentia in eadem Dei voluntate subsistit et virtute, a qua causam habet, non solum ut subsistat quidquid est, sed etiam ut sic sit, sicut ipsa Dei voluntas decreverit, quae causa est omnium creaturarum. c. 1, §. 1. So ist denn auch jede Veränderung der Natur des Geschaffenen von ihm abhängig. Bei dem Wunder scheint also nur sich etwas gegen die Natur zu begeben, in der That aber ist es nicht der Fall, da es ja im Wesen der Natur liegt, den Befehlen Gottes stets zu gehorchen. Demnach ist ein Zweifel an der Möglichkeit der Transsubstantion nicht gerechtfertigt. Freilich ist der Glaube nöthig, weil ja die äussere Erscheinungsform von Brod und Wein bleibt, aber den Glauben verlangt die Religion überhaupt. Ohne diesen würde auch niemand Christus am Kreuze in Knechtsgestalt als Gott erkannt haben.

Diese Auffassungsweise des Abendmahls erhielt aber dadurch eine besondere Bedeutung, dass nach ihr, wie Radbert ausführt, durch die im Abendmahl zugleich vollzogene leibliche Gemeinschaft mit Christus, auch die leibliche Natur des Menschen zur Unvergänglichkeit qualificirt, und so die Auferstehung desselben gerechtfertigt wird. – Nicht mit Unrecht ist dem Buche, auf dessen weiteren, theologischen Inhalt einzugehen uns hier fern liegt, eine mangelhafte Composition und, was damit zum Theil zusammenhängt, Weitschweifigkeit in Folge häufiger Wiederholungen vorgeworfen; durch letztere wollte der Verfasser offenbar auch die von ihm erstrebte Gemeinverständlichkeit seines Buches erzielen, das übrigens im Ganzen durch einen einfachen Satzbau und eine ungesuchte Ausdrucksweise sich empfahl.

Eine gewisse Ergänzung zu diesem Buche bildet die Epistola ad Fredegardum, worin Radbert die ihm von diesem Mönche brieflich mitgetheilten Zweifel vieler an seiner Lehre 235 zu widerlegen sucht, hier sich aber nur auf theologische Gründe beschränkt.

Noch eine andre rein dogmatische Schrift hat Radbert, und zwar schon im hohen Alter, verfasst, in der er auch seinem Wunderglauben genugthun konnte; ich meine das Werkchen De partu Virginis. In demselben vertheidigt er die übernatürliche Geburt Christi, wobei er zugleich behauptet, dass Maria von aller Erbsünde frei gewesen sei.

Einen etwas philosophischen Charakter hat dagegen sein den drei theologischen Tugenden gewidmetes, und danach in drei Bücher eingetheiltes Werk: De fide, spe et caritate; es ist an den Abt Warin wieder gerichtet, der Radbert darum gebeten, und für den Unterricht bestimmt.S. ausser dem Widmungsschreiben den Schluss: Haec, prout potui, Pater – – devotus obtuli, non ut sufficiat de his quod dixi, sed ut habeat beatitudo tua adhuc tironibus quid exhibeat de tribus istis virtutibus, sine quibus nemo est christianus. Ein Acrostichon welches den Namen Radberts enthält und die drei Tugenden feiert, geht dem Werke voraus. Das erste Buch ist besonders beachtenswerth, insofern der Verfasser dort das Verhältniss des Glaubens zur Erkenntniss untersucht und schon zu dem die mittelalterliche Scholastik beherrschenden Grundsatze gelangt, den der h. Anselm am strictesten in den Worten ausdrückte: Credo ut intellegam.Eine der bezeichnendsten Stellen in Radberts Buch ist wohl diese: Porro illa quae de Deo divinitus dicuntur, credibilia quidem sunt simul et intelligibilia, sed nisi credantur primo, numquam intelleguntur; idcirco necesse est credantur ex toto corde et ex tota anima et ex tota virtute, ut Christo illustrante hic ex parte et in futuro ex toto intellegantur; et tanto amplius vel perfectius hic aut illuc, quanto mundiores corde mandatorum Dei praeceptorumque observatores erimus. l. I, c. 7, §. 2. Ritter, der die Bedeutung dieses Werks gewürdigt, verkennt doch nicht das Verdienst, welches für diese Zeiten eine im Ganzen gut zusammenhängende Ueberlieferung der Augustinischen Lehre haben musste.Geschichte der Philosophie. Bd. VII, S. 204. Sie musste in der That zu einem tieferen theologischen Nachdenken, und damit überhaupt zu einer speculativen Thätigkeit anregen.

Auch verschiedene Bibelcommentare hat Radbert verfasst, von welchen der bedeutendste der sehr ausführliche, zwölf Bücher begreifende, zu dem Evangelium des Matthäus 236 ist, den er zum grössten Theil erst in der Zeit seiner gelehrten Musse nach Niederlegung der Abtwürde verfasst hat. Er ist durch die von ihm seinen Mönchen gehaltenen Homilien veranlasst worden. Für jene ist er denn auch, auf ihre Bitte, zunächst geschrieben worden, um sie zum Studium der heil. Schrift anzuregen. Auch dieser Commentar soll, gleich denen des Alcuin und Raban, vornehmlich eine, obschon nicht wörtliche, Blumenlese aus älteren, auch mit Quellenangabe (die aber in den überlieferten Handschriften weggelassen), sein; doch hat Radbert bei der ihm eigenthümlichen Gesprächigkeit vieles eigene eingemischt und dabei auch manche Abschweifungen und Anspielungen auf seine Zeit gemacht: so greift er gelegentlich nicht bloss die Häresien jener Tage an, sondern beklagt auch die traurigen politischen Verhältnisse, die das Ende der Welt anzeigen könnten.Qui talia et tanta videmus quotidie inter fratres et propinquos civilia, et plus quam civilia bella; tanta a barbaris et paganis hostibus ex terminia hominum et desolationes civitatum iugiter sustinemus – – Licet insurgant barbari in nos, et nemo est qui auxilium ferat, quia civiles in invicem magis saeviunt insidiae et strages, ita ut intus et foris nihil aliud quam mors repercutiat aures nostras. l. 7, c. 24. – Die Erklärung ist in diesem Commentar übrigens vorzugsweise eine sachliche, während in denjenigen, welche Radbert zu alttestamentlichen Büchern verfasst hat, die überlieferte allegorische Auslegung durchaus vorherrscht.

Radbert gehört als Autor aber der allgemeinen Literatur auch unmittelbar an durch zwei historische Werke, die allerdings wegen ihres panegyrischen Charakters, den der Verfasser aber offen bekennt, als Geschichtsquellen nur mit vorsichtiger Kritik zu verwerthen sind, zumal eine jede in eine eigenthümliche ästhetische Form eingekleidet ist. Es sind die Lebensbeschreibungen, oder genauer gesagt Charakterbilder der beiden angesehenen Aebte von Corbie, denen Radbert so nahe gestanden, des Adalhard und seines Bruders Wala. Die Vita S. Adalhardi ist bald nach dem Tode ihres Helden 826 geschrieben, als »ein literarisches Grabtuch« ihm dargebracht, um seinen heiligen Namen für alle Zukunft zu erhalten.Nam nostrum alii pallentes violas etc. carpunt – – et ego litterarum superintexo (sc. sepulcrum) pallas, quatenus aevi temporibus futuris sanctum servetur nomen. c. 85. Als 237 die Vorbilder für sein Unternehmen bezeichnet Radbert hier im Eingange insbesondere Ambrosius in seinen Leichenreden, von welchen er der auf Valentinian II. namentlich gedenkt, und Hieronymus in seinen Epitaphien. Er will, wie sie, indem er den Verlust eines ihm Theuern beweint, ihn mit hohem Lobe erheben, und so sich selbst zu eignem Troste seiner erinnern, der Nachwelt aber ihn als Muster der Tugend empfehlen. Ambrosius' Beredsamkeit strebt er zu erreichen, wenn er es auch nicht vermag. So ist diese Vita in der Form eines am Grabe gehaltenen Panegyricus gegeben, offenbar nach des Ambrosius Beispiel: daher denn die steten Apostrophen, wie sogleich im Beginne, an den Todten selbst, dann an Jesus, Gott, die Mitmönche, an das Publikum überhaupt; daher die fortwährenden erbaulichen Betrachtungen, welche die in Vergleich damit so magere Lebensgeschichte ganz überwuchern; daher der mit Blumen und Metaphern, die an die geschmückte Redeweise mancher Bücher des Alten Testaments erinnern, sowie mit biblischen Citaten verzierte Stil.

Der Gang der Darstellung folgt allerdings, wenigstens im allgemeinen, dem Lebensverlaufe. So wird nach dem Eingange zuerst (c. 7) der Erziehung des Helden, der ein Neffe Pippins war, am königlichen Hofe zugleich mit seinem Vetter Karl, gedacht. Als dieser aber als König seine erste Gemalin verstiess und sich von neuem, mit Hildegard vermählte, verlässt der junge Adalhard den Hof, indem er in seiner strengen moralischen und religiösen Gesinnung der neuen Königin nicht zu huldigen vermag, da er ihre Ehe bei Lebzeiten der andern nicht für eine legitime halten kann, und der Bruch der ersten Ehe auch den Eidbruch mancher Franken, die jene verbürgt, zur Folge haben müsste. Adalhard entsagte lieber der Welt und wurde Mönch in dem Kloster Corbie; aber auch hier fand damals diese asketische Entsagung (der er später seinen akademischen Namen AntoniusEr führte ihn nach dem berühmten Einsiedler Aegyptens, dem Freunde des Paulus (s. Bd. I, S. 193), dies ergibt sich mit Sicherheit daraus, dass Alcuin an ihn schreibt: Antonio Paulus. Ep. 117 ed. Jaffé. verdankte) keine volle Befriedigung; so begab er sich denn ganz in Incognito nach dem Musterkloster Montecasino. Allein Karls Boten fanden ihn dort auf, um ihn nach Corbie zurückzuführen, und bald 238 danach wurde er an die Spitze dieses Klosters, zunächst als subrogirter Abt, gestellt. Hier nimmt nun unser Autor diese Gelegenheit wahr, um zu zeigen, wie sein Held »auf der Quadriga der Tugenden, deren Räder die vier Cardinaltugenden, einherfuhr« (c. 16)Vgl. oben S. 182.; und indem er da bei der Gerechtigkeit länger verweilt, gedenkt er denn u. a. auch kurz Adalhards italienischer Mission, wie derselbe den jungen Pippin bei seiner Regierung Italiens leitete, in seiner Gerechtigkeit und UnbestechlichkeitFatentur enim, quod numquam in iudicio alicuius personam inspexerit; neque iuxta proverbium vulgi aureo pugno sit murus eius animi fractus. Solus, ut aiunt, potuit flumen transire Acherontis avari et sine discrimine caecitatis ex alpibus remeare per annos. Diese letzte Bemerkung ist von allgemeinerem Interesse. ein Schrecken der Tyrannen dieses Landes, welche wie Räuber unter dem Volke wütheten. Die Art, wie hier nur ganz gelegentlich in ein paar Sätzen bloss zur Begründung einer der Tugenden Adalhards dieser wichtigen mehrjährigen politischen Thätigkeit desselben gedacht wird – denn sie erstreckte sich auch noch auf die Zeit nach Pippins Tode, was Radbert nicht sagt – zeigt recht, wie fern unserm Autor das politische Interesse lag und wie es ihm in diesem Panegyricus nur darauf ankommt, den heiligen Mönch zu verherrlichen, der den weltlichen Dingen eigentlich fremd bleiben sollte.

Die von dem Neide Satans angestifteten Feinde der Gerechtigkeit und Wahrheit sind es denn auch, welche nach Radbert, der einen andern Grund nicht angibt, Ludwig nach seinem Regierungsantritte bewogen, Adalhard in das Exil nach einem fernen Kloster an der Mündung der Loire zu senden (c. 30). Auch fast alle seine Geschwister, deren hier der Verfasser einzeln gedenkt, traf die Verfolgung (c. 32 f.). Nach sieben Jahren der Verbannung, in welcher auch seine Wirksamkeit eine segensreiche war, kehrte Adalhard zurück, um wieder an die Spitze seines Klosters zu treten. Die Reue des Kaisers, seine öffentliche Busse zu Attigny, welche die Widergeburt des Reiches, die Rückkehr des Saturnischen Zeitalters anzukündigen schien, preist hier Radbert als unter dem Einflusse Adalhards geschehen (c. 50 ff.). Nunmehr (c. 55 ff.) geht unser Autor zum Lobe seines Helden nach den Regeln der 239 Rhetorik überIuxta oratores, sagt er, indem er »was im griechischen ein χαρακτηρισμὸς heisst«, geben will., indem er Namen, Vaterland, Geschlecht, Würde u. s. w. behandelt, das eine mehr, das andre weniger ausführlich. Besonders bemerkt sei einmal das Lob, das er seiner Beredsamkeit zollt (c. 63), worauf er später (c. 77) noch einmal zurückkommt, indem er erwähnt, dass sie auch in der deutschen Sprache glänzte.Vel quis sine mentis scrupulo poterit epistolarum eius nitorem eloquentiae recitare? quem si vulgo audisses, dulcifluus emanabat; si vero idem barbara, quam Teutiscam dicunt, lingua loqueretur, praeminebat claritatis eloquio. Auch die Eleganz seines Briefstils wird eben dort erwähnt. Ferner wird da, wo sein Herz (affectus) gepriesen wird, der Gründung von Corvey, des deutschen Corbeia, durch Adalhard ein Jahr nach seiner Rückkehr (822), gedacht, indem namentlich die Oertlichkeit hier genauer beschrieben wird (c. 65 ff.). Diese neue Pflanzung war die grösste Freude seiner letzten Lebensjahre. – Der Autor geht dann (c. 73) zur ausführlichen Erzählung von seinem Tode über, woran sich noch eine klagende und tröstende Schlussrede reiht, bald an die Welt, bald an Adalhard oder seine Mönche gerichtet.Hier wird c. 84 die Mythe von dem zur Unterwelt hinabgestiegenen Orpheus erzählt, dessen Beispiel zu folgen die Mönche keinen Anlass hätten: Neque igitur iuxta quod fabulae ferunt Treicium fecisse vatem, gemimus apud inferos coniugis mortem, sed super astra tollimus Patris nomen etc. Endlich wird noch seines Grabes gedacht.

Zehn Jahre nach Adalhard starb sein jüngerer Bruder Wala (836); und nicht lange danach begann Radbert dessen Epitaphium; wie er selbst nach dem Vorgange des Hieronymus diese Vita nennt, zu verfassen, aber zunächst nur ein Buch, welches bis zum Jahre 826 geht. Ihm liess er erst nach 851 ein zweites Buch folgen. Dies Werk hat nun die eigenthümliche Form einer Conversation, einer Unterhaltung Radberts (Paschasius) mit ein paar seiner Confratres von Corbie.Adeodatus, Severus und Chremes im 1. Buch; dass die Namen Verstecknamen sind, scheint der letzte namentlich zu beweisen, der aus dem mehrfach citirten Terenz offenbar entlehnt ist, ebenso entspricht der Charakter des öfters zurechtweisenden Sever dem Namen. Diese Form ist wohl im Hinblick auf die Dialoge des Sulpicius Severus 240 über den heiligen Martin gewähltDarauf scheinen namentlich auch die frostigen Spässe über einzelne der Interlocutoren hinzudeuten, die sich hier in ganz ähnlicher Weise wie dort finden. Auch hat Wala ja mit Martin die eine Verwandtschaft, dass beide zuerst Soldaten waren, ehe sie die Kutte nahmen., wenn sie auch dort in einer andern Weise gehandhabt wird. – Einer jener Mönche, Adeodatus, hat, wie Paschasius sagt – und damit beginnt das erste Buch – ihn aufgefordert, ein Bild von dem Charakter des Wala, der hier Arsenius genannt wirdWohl nach jenem gelehrten und frommen römischen Diacon, der von Theodosius zum Erzieher des Arcadius ernannt, von diesem verfolgt, in die ägyptische Wüste sich zurückzog. Adalhard dagegen heisst hier Antonius, wie ihn schon Alcuin nannte, s. oben S. 237 Anm. 1. Dieses Namens gedenkt auch Paschasius in der Vita Adalhardi c. 21., zu malen, nach Art des Zeuxis zur Erinnerung für Jahrhunderte – der Nachwelt zum Spiegel. So wenig Paschasius die Lösung dieser Aufgabe sich zutraut, so will er doch anheben zu erzählen, was er mit seinen Augen geschaut, mit seinen Ohren vernommen und vollständiger durch Nachdenken erkannt hat.Unde exordiar narrare partim quae perspex his oculis, partim quae accepi auribus et mente plenius intellexi. Adeodat meint, das beste in Betreff eines Abgeschiedenen wäre, seine Tugenden im Geiste sich zu wiederholen, die immer fortblühen und nicht mit ihm sterben. Paschasius hat nur noch die Besorgniss, durch seine Darstellung bei vielen anzustossen, und wenn er, wie einer der Sprechenden, Severus verlangt, zeige, wie Wala in sich die Charakterzüge des älteren Arsenius, des Benedict und des Jeremias vereinte, kaum irgend Glauben zu finden.

Nach solchen weitläufig ausgeführten Präambulen wird c. 1 mit dem Lobe des Wala von Paschasius begonnen. Denn auch diese Vita ist ein Panegyricus wie die andre, und wie es die Epitaphien des Hieronymus, nur in der Form des erzählenden Briefstils, auch warenS. Bd. I, S. 187, wo ich sie als Elogien charakterisire., aber es ist ein Panegyricus von durchaus apologetischem Charakter, und für einen solchen, wie schon Rodenberg mit Recht bemerkt hat, die Form der Unterhaltung, die mitunter einem Plaidoyer gleicht, mit vielem Geschick gewählt: in ihr liessen sich bequem die Einwürfe machen, die Bedenken wie selbst die Anklagen der Gegner 241 vorbringen, um ihre Erledigung zu finden, und zugleich die Wahrheit durch Zeugen (die Interlocutoren nämlich), wie Paschasius einmal sagtBei der Neuconstituirung der Gesellschaft im Beginne des 2. Buchs: quatenus et veritas quasi sub tribus testibus melius commendetur., erhärten. Ausserdem vermögen die letzteren auch aus ihrer eigenen Erfahrung noch Beiträge zu dem Charakterbilde zu liefern. Der apologetische Charakter des Werks ergab sich aber von selbst aus der Natur und Geschichte des Helden. Er hätte sich auch rühmen können, einer der am besten gehassten Männer zu sein. Es war eine thatkräftige, aber leidenschaftliche Natur. Ein Mann, der zum Soldaten geboren war, und diese Laufbahn auch zugleich mit der politischen zuerst ergriff; der, als er dann durch das Misstrauen Ludwigs bald nach dessen Thronbesteigung genöthigt wurde, aus der Welt sich zurückzuziehen und in dem Kloster Corbie eine Zuflucht zu suchen, auch unter der Mönchskutte seinen kriegerischen Sinn bewahrte und ihn als Staatsmann in den inneren Streitigkeiten des Reiches vollauf befriedigen konnte. Er hat in den unheilvollen Bürgerkriegen zur Zeit Ludwigs des Frommen eine der bedeutendsten Rollen gespielt.

In der durch Wiederholungen und Abstecher, sowie erbauliche und andere Betrachtungen ungemein weitschweifigen und hin- und herfahrenden Darstellung, die ein Abbild einer Conversation auch in der Nachlässigkeit und Incorrectheit des Ausdrucks erscheint, geht der Faden der Erzählung oft ganz verloren. Trotzdem lassen sich drei Hauptabschnitte in dem ersten Buche erkennen, von welchen der erste das Leben Wala's bis zum Eintritte ins Kloster behandelt, oder vielmehr die Tugenden, die er vor seinem Mönchthume entfaltete, zu rühmen bestimmt ist; denn biographische Facta werden nur ganz sporadisch gegeben. So wird seiner schnellen Auffassungsgabe, seines sichern Urtheils, seiner Beredsamkeit in »beiden Sprachen«, wie er sie im Staatsrathe zeigte, gedacht.Eloquentiam quoque utrarumque linguarum, qua sapientia plerumque iuvatur, et copiam dicendi ad persuadendum quae vellet, modestam nimis dehabebat (so ist gewiss für das unverständliche debebat zu lesen). Da die ganze Darstellung hier mit »In senatu quidem prae cunctis pollebat« beginnt, so kann ich den vorstehenden Satz nur so wie oben im Text gegeben auffassen, und unter den beiden Sprachen nur das Lateinische und Deutsche, nicht das Griechische verstehen, wozu denn auch die von Adalhard gerühmte Beredsamkeit in jenen beiden Sprachen (s. oben S. 239, Anm. 2) stimmt. Wo hätte denn Wala auch seine Beredsamkeit im Griechischen entfalten können? 242 Aber für diese Thätigkeit wurde ihm, wie dem Scipio, von der öffentlichen Meinung nur mit Undank gelohnt (c. 1). So wird seine Jugenderziehung am Hofe erzählt, wo er den »liberalen Studien« sich hingab, nach göttlichem Rathschluss aber auch eine Demüthigung erfuhr, um dann bei dem Kaiser besonders beliebt zu werden, so dass ihm die wichtigsten Aemter im Frieden und Kriege übertragen wurden (c. 6). Nachdem dann noch gezeigt, wie der Tugend Wala's der Laienstand keinen Abbruch gethan, wie die Kirche aus diesem schon die ruhmvollsten Bischöfe erhalten, so einen Ambrosius und Hilarius (c. 7), wird Wala als Mönch gepriesen (c. 10 ff.) und hiermit beginnt dann ein zweiter Abschnitt. In diesem bildet den Hauptinhalt eine Vergleichung Wala's mit seinem Bruder Adalhard und die Betheiligung beider an der Begründung von Corvey, wobei denn der Löwenantheil dem Wala gewährt wird.Hier wird denn auch des nahen Verhältnisses des Radbert zu den beiden Brüdern gedacht. c. 14 Ende u. c. 15. So sagt an jener Stelle Severus: Quae omnia melius fortasse Paschasius novit, qui eis (Adalh. u. Wala) comes fuit in omnibus specialis et quasi tertius inter eos in omni negotio. So viel man auch in Betreff des letzteren Punktes die Richtigkeit und Unparteilichkeit der Darstellung des Paschasius anzweifeln mag, ebenso sehr muss man sie gewiss in Betreff des ersteren anerkennen. Adalhard, der ältere, ist von ruhigerer Ueberlegung und weiterer Voraussicht, auch die Folgen bedenkend, und reicher an Caritas; Wala, der jüngere, ist scharfsinniger, schlagfertiger, und heftiger bei dem, was er für Recht hält.Iste quasi pro iustitia ferventior. Dieser verhält sich zu jenem, wie der Sohn zu dem Vater (c. 12). Noch ein Charakterzug Wala's, der hierbei nicht hervorgehoben wird, ist beachtenswerth, sein lebhaftes Stammesgefühl; auch als Mönch bewahrte er es sich und fühlte sich noch als Sachse, so wollte er in das schlechtere Tuch seiner Landsleute sich kleiden und deren Schuhwerk tragen, was Adalhard nicht erlaubte (c. 16). Indess gehörte er diesem Stamme nur mütterlicherseits an. Dass er also bei den Sachsen sehr beliebt wurde, lässt sich leicht 243 denken. – Von Cap. 21 an kann man den dritten Abschnitt rechnen, der sich bis zum Ende des ersten Buchs erstreckt. Hier wird Wala als Abt gefeiert, namentlich die Disciplin, die er, zum Herrschen geboren, zu führen verstand, aber auch seine Gerechtigkeitsliebe, wovon denn verschiedene Beispiele erzählt werden.

Das zweite, viel später abgefasste Buch hat einen etwas andern Charakter. Auf die Aufforderung des Adeodat wird die Unterhaltung von Paschasius fortgesetzt, das Epitaphium zu vollenden, nachdem ein dritter Mönch, Theophrast, zugezogen worden ist, da die beiden andern früheren Interlocutoren indessen verstorben sind. In diesem Buche bildet den Gegenstand das Leben Wala's nach den Erinnerungen des Paschasius vom J. 828 an – ein paar Jahre bleiben also unberücksichtigt – bis zu des Helden Ende. Es ist die Zeit seiner ausserordentlichen politischen Thätigkeit, seiner Theilnahme an der Empörung der Söhne Ludwigs des Frommen gegen den Vater, aber auch an den Reformversuchen, die derselben vorausgingen. Wala stand auf der Seite Lothars. Und von diesem Parteistandpunkt werden denn die Ereignisse vom Jahr 830 bis 836, wo Wala im Kloster Bobbio, dessen Abt er geworden, starb, betrachtet und geschildert. Aus dieser Darstellung reflectirt noch die ganze Parteiwuth jener Zeiten, indem der Apologetiker hier, die Furcht zu beleidigen ablegend, von der Vertheidigung zum heftigsten Angriff übergeht; allerdings verbirgt er die Namen der hohen Personen, Ludwigs, seiner Söhne, seiner Gemalin und des Herzogs Bernhard unter dem Schleier der Pseudonymität, der aber durch den Zusammenhang leicht sich heben liess.Schon das Pseudonym des Helden konnte darauf führen, auch bei den andern Personen solche anzuwenden. Ludwig der Fromme heisst hier Justinian, gewiss im Hinblick auf dessen ausschweifende Gemalin Theodora, indem zugleich auch die Bigotterie Justinians auf Ludwig passte; Judith Justina – Anbildung an Justinian; Lothar Honorius wohl wegen honor; Pippin Melanius; Ludwig der Deutsche Gratian; Bernhard Naso, wohl wegen des Verhältnisses des Ovid zur Julia. An einzelnen Stellen macht der Zorn den Autor beredt, sonst ist auch hier die grosse Weitschweifigkeit zu beklagen. Die wüthendsten Invectiven schleudert Radbert hier gegen Bernhard, den er schon durch die Bezeichnung Amisarius brandmarkt; dieser 244 Verworfene soll nach seiner Berufung an den Hof alles Unheil veranlasst (c. 7), die Zwietracht zwischen Vater und Söhnen gesäet haben, und indem er mit der Kaiserin Ehebruch trieb, die Pfalz zu einem Schauplatz der Schande gemacht haben. Nach Radberts unpolitischer Anschauung soll eben Unsittlichkeit die Ursache der Bürgerkriege gewesen sein, und so die Empörung, an der sein Held selbst einen so bedeutenden Antheil nahm, gerechtfertigt sein.

Endlich hat Radbert auch noch die Passion der um das Jahr 287 in dem Gebiet von Soissons hingerichteten Märtyrer Rufinus und Valerius auf den Wunsch andrer neu bearbeitet. Auch dieses Werk vermag unsern Autor zu charakterisiren. Man sieht da recht, mit welchen Mitteln er den ihm vorliegenden Stoff aufzubauschen und auszuschmücken versteht, um auch hier seiner weitschweifigen Redseligkeit genugthun zu können. Indem er seiner Begeisterung für den Heiligenkultus im Eingang Ausdruck leiht, will er, wie man deren Reliquien in goldenen Büchsen aufbewahrt, ihre Lebens- und Wundergeschichte auch in ein kostbares Gewand gekleidet sehen. So werden die einfachsten Dinge durch lange Paraphrasen ausgedrücktEin Beispiel statt vieler: Dum ergo athletae regis aeterni, in penetralibus secretae telluris degentes, turbarum tumultus, clamores aulicos devitant, dum solitudinis incolunt secretum, dum quietem supernae contemplationis amplectuntur, dum volatu mentis temporalia negligunt et ad aeterna contendunt etc., und der Stil mit Metaphern und Vergleichungen aufgeputzt, auch die beliebten Citate aus der Bibel und selbst den antiken Poeten dürfen nicht fehlen.

 

Der bedeutendste theologische Gegner des Radbert war seltsamer Weise ein Mönch seines Klosters, RatramnusRatramni, Corbeiensis monachi, Aeneae etc. opera omnia accur. Migne. Paris 1852 (Migne's Patrol. lat. Tom. 121). – Chr. Baur, Vorlesungen über die christl. Dogmengeschichte Bd. 2. Leipzig 1866. S. 167 ff., einer der hellsten Köpfe seiner Zeit, ein Mann von umfassender Bildung, gleich Radbert, aber ein logisch geschulter Geist, der mit kritischem Sinne begabt war. Für den letzteren zeugt allein schon, dass er ein paar Schriften, die Hincmar dem Hieronymus beilegte, als unauthentisch verwarf.Ein solcher Sinn für literarische Kritik findet sich damals auch bei andern bedeutenderen Autoren, wie Florus, Prudentius z. B. S. darüber Weizsäcker, Hinkmar u. Pseudoisidor in Niedners Zeitschr. f. d. histor. Theol. 1858, S. 334 ff. Er war mit 245 Lupus innig befreundet, wie mit Gottschalk, der ihn als seinen Meister verehrt. Auch der Dichtung hat er gehuldigt, obgleich sich von seinen Poesien nichts erhalten hat. Er scheint Lehrer der Klosterschule gewesen zu sein.Die drei letzten Angaben nach dem oben S. 167 f. betrachteten an ihn gerichteten Gedichte Gottschalks. Dass ein solcher Mann an den theologischen Streitfragen, welche jene Zeit bewegten, den lebhaftesten Antheil nehmen musste, versteht sich leicht.

Einmal rief ihn die Abendmahlslehre in die Schranken; allerdings auf die besondere Aufforderung Karls des Kahlen, verfasste er sein berühmtestes Buch: De corpore et sanguine Domini gegen die Mitte des Jahrhunderts. Wie Ratramnus selbst mittheilt, hatte der König, beunruhigt über die ganz verschiedene Auffassung des Abendmahls im Volke, die figürliche und die substanzielle, auch von unserm Autor seine Meinung verlangt. Ratramnus verfährt nun, die Streitfrage zu untersuchen, in einer für jene Zeit wahrhaft überraschenden methodischen Weise. Die Frage des Königs ist, sagt er, ob das, was in der Kirche in den Mund der Gläubigen genommen wird, Leib und Blut Christi im Mysterium oder in Wirklichkeit wird; ob dies nur den Augen des Glaubens sich erschliesst, oder ob ohne die Verhüllung eines Mysterium das Schauen des Körpers das äusserlich sieht, was der Blick des Geistes innerlich schautQuod in ecclesia ore fidelium sumitur, corpus et sanguis Christi, quaerit vestrae magnitudinis excellentia, in mysterio fiat an in veritate: id est, utrum aliquid secreti contineat, quod oculis solummodo fidei pateat, an sine cuiuscunque velatione mysterii hoc aspectus intueatur corporis exterius, quod mentis visus aspiciat interius, ut totum quod agitur in manifcstationis luce clarescat etc. c. 5.; und zweitens, ob es derselbe Leib ist, der von Maria geboren, der gestorben und wieder auferstanden und zum Himmel gefahren ist. Diese Fragen zu beantworten, bestimmt der Autor zunächst die Begriffe von Bild (figura) und Wirklichkeit (veritas). Darauf gründete er dann den Schluss, dass ein Mysterium sich stets unter einem Bilde vollzieht, d. h. wie er diesen Begriff bestimmt hatte, einer Verhüllung.Figura est obumbratio quaedam quibusdam velaminibus quod intendit, ostendens; verbi gratia, Verbum volentes dicere, panem nuncupamus: sicut in oratione dominica panem quotidianum dari nobis expostulamus; vel cum Christus in Evangelio loquitur: Ego sum panis vivens qui de coelo descendi (Joann. VI, 41); vel cum se ipsum vitem, discipulos autem palmites appellat etc. Haec enim omnia aliud dicunt et aliud innuunt. c. 7. Fehlt 246 diese, ist es eben kein Mysterium. Im Abendmahl liegt aber ein Mysterium vor, da auch nach der Consecration Brod und Wein äusserlich Brod und Wein bleiben. So ist schon die figürliche Auffassung gerechtfertigt. Erst durch ihre Annahme ist die Wirkung des Glaubens bei dem Genusse nothwendiges Erforderniss. Wäre Leib und Blut in Wirklichkeit vorhanden, hätte der Glaube dabei nichts zu thun. – Diese Ansicht führt dann der Verfasser in einer Polemik gegen die des Radbert, den er selbst allerdings nicht nennt, sowie durch Vergleichung mit der Taufe und dem Mannaregen, und durch Berufung auf die Bibel und die Kirchenväter weiter aus. Im Anschluss an letztere beantwortet er dann auch die zweite Frage (c. 50 ff.). Das ganze Buch, von dessen Gedankenarbeit wir nur eine Andeutung geben wollten, zeichnet sich vor dem des Radbert durch Uebersichtlichkeit, Kürze und einfache Klarheit des Ausdrucks vortheilhaft aus.

Noch in einer andern Schrift erscheint Ratramnus als Gegner des Radbert, indem er auch hier zugleich den so weit gehenden Wunderglauben seiner Zeit bekämpft. Es ist das Buch: De eo quod Christus ex Virgine natus est. Freilich scheint es keine Antwort auf die oben erwähnte Schrift Radberts, diese vielmehr später abgefasst zu sein. Der Verfasser bezeichnet auch im Eingange als die Veranlassung seines Buchs die Kunde, dass in einzelnen Gegenden Deutschlands die alte Häresie von der widernatürlichen Geburt Christi aufgetaucht sei. – Auch hier finden sich das methodische Verfahren und die stilistischen Vorzüge des Ratramnus wieder. Er zeigt zuerst, wie die häretische Ansicht dem Begriffe der Geburt widerstreitet und die Unhaltbarkeit ihrer Motive, dann, wie sie den Aussagen der Bibel und dem Urtheile der Kirchenväter widerspricht.

Auch über eine andre wichtigere Streitfrage jener Zeit, die der Prädestination, gab Ratramnus, und diesmal wieder auf die Aufforderung Karls des Kahlen, sein Gutachten 247 ab in den zwei Büchern: De praedestinatione Dei, in welchen er zu der Ansicht Gottschalks, ohne indessen diesen zu erwähnen, sich bekennt und dieselbe begründet. Auch er nimmt eine doppelte Prädestination, also auch eine der Bösen zu der ewigen Strafe an, und diese bedingt durch die Präscienz Gottes. Diesem streitigen Punkte ist das zweite Buch gewidmet, auf welches das erste nur vorbereitet. Endlich hat noch Ratramnus die lateinische Kirche in einem Werke von vier BüchernContra Graecorum opposita Romanam ecclesiam infamantium. gegen die Angriffe vertheidigt, welche der Kaiser Photius 867 in einem Circularschreiben an die Bischöfe des Orients auf sie richtete. Von diesem Werke rühmt Neander, es zeichne sich besonders durch die christliche Mässigung und Geistesfreiheit aus, mit welchen Ratramnus das Gewicht der Verschiedenheiten, welche nur Kirchengebräuche betreffen, beurtheile.Neander, Gesch. der christl. Religion u. Kirche, Bd. IV, S. 611. Und so bestätigt auch dieses in leichtem Stile geschriebene Werk, das zugleich des Autors umfangreiche Kenntniss der Kirchenväter besonders bezeugt, das ihm von uns gezollte Lob. Nach dieser Zeit haben wir kein weiteres Lebenszeichen von ihm.

 

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