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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2 - Kapitel 20
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1880
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 2
pages404
created20120906
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechstes Kapitel.

Lothringen: Wandalbert, Sedulius Scotus.

Auch in Lothringen findet die gelehrt-ästhetische Bildung und die Poesie, die aus ihr erwuchs, um jene Zeit, die Mitte des neunten Jahrhunderts, ihre Vertreter: einmal einen Deutschen, der in einem Theil seiner Dichtung einen gewissen Zug der Verwandtschaft mit Walahfrid zeigt in dem Sinn für die Reize der Natur, es ist WandalbertWandalberti opera in Migne's Patrol. lat. T. 121. Paris 1852. – Wandalberti Martyrologium in: D'Achery, Spicilegium sive collectio veterum aliquot scriptor. qui in Galliae bibliothecis delituerant. Nova ed. per De la Barre. Paris 1723. fol. T. II, p. 38 ff. – Vita S. Goari in: Mabillon, Acta S. S. ord. S. Bened. Saec. II, p. 298. – – Histoire littéraire de la France T. V, p. 377 ff. – Dümmler, N. A. S. 305 ff., ein Mönch des Klosters Prüm, der 813 geboren war. Der Abt des Klosters (829–853), Marcward, ein Verwandter des Lupus, hatte seine Ausbildung im Kloster Ferrières erlangt, welches Alcuin einst gehörte, und schon dadurch eine Stätte der Kultur werden musste, zumal Alcuin selbst dort öfters sich aufhielt; Marcward war auch zeitweilig Karls des Kahlen Hüter und Lehrer, als derselbe 833 nach dem Siege Lothars über Ludwig den Frommen nach Prüm verwiesen wurde.S. Wattenbach a. a. O. I, S. 210. Wie dieser auch in politischer Beziehung hochangesehene Abt die gelehrten Studien in seinem Kloster pflegte, so musste er auch literarische Thätigkeit begünstigen.

Wir besitzen von Wandalbert nur ein, aber ein grösseres, aus verschiedenen Gedichten componirtes, poetisches Werk, dessen Kern ein Martyrologium ist, wovon es denn überhaupt diesen Titel trägt. Es ist dasselbe i. J. 848 vollendet. Wie der Autor aber selbst in diesem Werke bemerkt, hat er früher manche weltliche Gedichte geschrieben, durch die er den Beifall der Menge erstrebte        Carmine qui vacuas captavi saepius auras,
        Rumores vulgi quaerendo stultus inanes.
Propositio.
; sie sind uns aber nicht 186 erhalten. Dem Werke geht eine Vorrede in Prosa voraus, an einen Freund »Herrn« Otrich in Cöln gerichtetDenn wenn es am Schluss des Abschnitts von den Monaten heisst:
        Huncque modum et morem sibi Gallica rura retentant,
        Quem breviter signans digessi carmine, lector,
        Wandalbertus ego, hortatu compulsus amici,
        Dulcia me Rheni quo tempore littora alebant,
        Maxima Agrippinae veteris quis moenia praesunt.

so beziehe ich den mit quo tempore eingeleiteten Satz auf hortatu, nicht auf digessit.
, der dem Verfasser nach dessen Entfernung aus dem Vaterlande mit Rath und That beigestanden habe; er hat Wandalbert um ein in Versen verfasstes Martyrologium gebeten.– – petiisti, ut per anni totius spatium occurentes quot diebus sanctorum festivitates et solemnes undecunque Christianorum votorum celebritates metro digererem. Praef. Bei dessen Abfassung aber, bemerkt hier Wandalbert weiter, sei er vorzüglich durch den berühmten Subdiacon der Kirche von Lyon, Florus unterstützt worden, der im Besitz einer reichen Bibliothek ihm alte und verbesserte Codices geliehen habe. Unter den letzteren befand sich ohne Frage das von Florus selbst erweiterte und vermehrte Martyrologium des BedaS. Bd. I, S. 607., das in der That als die Hauptquelle Wandalberts erscheint. Der Verfasser gibt ferner in der Vorrede den Inhalt des ganzen Werkes an, indem er alle einzelnen Theile oder Gedichte, die es bilden, nennt, woraus sich mit Sicherheit ergibt, dass und wie sie zusammengehören. Zugleich aber erklärt er hier die in ihnen angewandten mannichfaltigen Versmasse, wobei einzelne beachtenswerthe Eigenthümlichkeiten der mittelalterlichen Metrik sich finden.So werden hier die Strophen durch die Ausdrücke: Versus maiores, oder Versus maioris complexionis bezeichnet. Zeigt sich auch hier und da einmal eine nicht richtige Auffassung des antiken Versmasses, so muss man doch im allgemeinen über die Kenntniss der Metrik des Alterthums und die Gewandtheit in ihrem Gebrauche erstaunen.

Das Werk beginnt mit der Invocatio, einem Gebet zu Christus in elf vierzeiligen Strophen asklepiadeischer Choriamben (– – – ᴗ ᴗ – – ᴗ ᴗ – ᴗ ), worin der Dichter bittet, 187 ihm um der Verdienste der Heiligen willen, denen sein Werk geweiht ist, zu verzeihen. Es folgt die Allocutio, die Anrede an den Leser, 68 Verse in demselben Versmass, nur dass es hier catalectisch ist; die Heiligen werden hier als Muster hingestellt, indem aller einzelnen Klassen derselben gedacht wird: der Propheten, Apostel, Märtyrer, Kirchenlehrer, derjenigen, welche die Fleischeslust besiegten, und die vermählt, der Ehe entsagten, oder doch ihre Kinder Gott weihten, dann der Eremiten, der Mönche und derjenigen, die ihren Reichthum Christus opferten: »so ist vielfach die Ursache des Verdienstes der Seligen.« Ihnen soll der Leser nachstreben. – Drittens die Commendatio in zwei Gedichten, das eine in 36 phaläcischen Versen, die der Praefatio zufolge vierzeilige Strophen bilden sollen, empfiehlt das Buch dem Freund Otrich, das andre in 42 adonischen Versen, zu sechszeiligen Strophen vereint, dem Kaiser Lothar.Der schon 5 Lustra diesen Titel führt: hieraus ergibt sich die Zeit der Abfassung des Werkes, oder mindestens seiner Publication; das letzte darin erwähnte Ereigniss ist vom J. 844. S. Hist. littér. l. l. p. 380. Hier wird dessen Lob gesungen, dort der ausgezeichnetsten christlichen Autoren gedacht, die mit ihren Werken Ruhm ernteten, zuletzt des Prudentius, welcher ohne Frage durch die Mannichfaltigkeit seiner Metren auf unsern Dichter einen besondern Einfluss ausgeübt hat. Nun kommt erst das Martyrologium selbst in Hexametern, nachdem in demselben Versmass unter der Ueberschrift »Propositio« das Argument gegeben, und unter dem Titel »Comprensio temporum« die Eintheilung der Zeit, das Jahr, die Monate, die Woche, kurz behandelt worden. Das Martyrologium, welches 940 Verse zählt, führt Monat für Monat bei jedem Tag einen oder mehrere Heiligen, zunächst Märtyrer, auf, denen derselbe als ihr Todestag – der Geburtstag zum ewigen Leben – geweiht ist, zuweilen mit kleinen Bemerkungen; zugleich werden aber auch andre Kirchenfeste, die Christus und den Aposteln gewidmet sind, angeführt, wie beim 1. Januar die Beschneidung Christi, beim 25. desselben Monats die Bekehrung des Paulus. Wie sich kaum anders erwarten lässt, hat diese Kalenderpoesie von der Poesie nur den Vers und hier und da den Ausdruck, aber so sehr auch in letzterer Beziehung der Verfasser zu variiren bestrebt ist, es 188 müssen doch dieselben Wendungen ungezählt wiederkehren.Das Verhältniss zu Beda und Florus liesse sich erst erörtern, wenn das Verhältniss der beiden zu einander festgestellt wäre. Doch erhebt sich die Darstellung immer noch viel über die anderer solcher versificirten Martyrologien, von denen mindestens eins, dessen Handschrift aus St. Riquier stammt, wohl noch früher verfasst ist, zumal wenn, wie es wahrscheinlich, der Magister der Klosterschule, Mico sein Autor ist.Von dem sich schon ein Gedicht aus d. J. 825 in demselben Codex findet. S. über den Codex wie über Mico Dümmler, N. A. S. 515 ff., namentlich 516 u. 520 f. Es hat auch einen primitiveren Charakter als das des Wandalbert, indem nicht alle, sondern nur einzelne Tage, und ein jeder stets nur in einem Verse behandelt werden. Die Versification der Martyrologien erklärt sich aber überhaupt wohl aus dem Wunsche dem Gedächtniss zu Hülfe zu kommen.Was für einen andern Zweck konnten solche Verse haben wie bei Wandalbert: Martis Donatus tenet Albinusque Calendas? Aber auch selbst mit einer Motivirung, wie zum 10. August:
Quartis (sc. idibus), Laurenti, merito splendescis opimo,
        Ignem qui passus tortorem vincis iniquum.
       

Nach dem Martyrologium folgt die Conclusio in acht dreizeiligen Strophen desselben choriambischen Metrum, das Prudentius in der Praefatio seiner Werke angewandt hatDas Schema ist:
       –́ – | –́ ᴗ ᴗ – ᴗ
       –́ – | –́ ᴗ ᴗ – | –́ ᴗ ᴗ – ᴗ
       –́ – | –́ ᴗ ᴗ – | –́ ᴗ ᴗ – | –́ ᴗ ᴗ – ᴗ
, an welche auch der Inhalt an einzelnen Stellen erinnert.So vgl. die 3. Strophe der Conclusio mit der 1. der Praef. Der Dichter hofft zum Dank für sein Werk, auf das er hier zurückblickt, durch die Fürbitte der Heiligen von Christus einst begnadigt zu werden, ein Gedanke den er schon in der Invocatio aussprach, und in einem der Conclusio folgenden, in acht sapphischen Strophen verfassten Hymnus wiederholt. Beide Schlussgedichte sind an Christus gerichtet.

Aber es sind noch zwei Anhänge hinzugefügt, die, wie die Vorrede ausdrücklich bezeugt, zu dem ganzen Werke gehören. Der erste von ihnen (im ganzen 450 Hexameter) hat einen durchaus weltlichen Charakter und ist von einem Hauche wahrer Poesie erfüllt, so dass wir, hiernach zu urtheilen, den 189 Verlust der weltlichen Gedichte Wandalberts in der That zu bedauern haben. Es schliesst sich dieser Anhang an die kurze Comprensio temporum seinem Inhalt nach an. Der Dichter behandelt darin zunächst die Monate einzeln, und zwar immer die Herkunft des Namens, das entsprechende Sternbild und die Thätigkeit des Landwirths, wie man dies ja auch heute noch in manchen Kalendern kurz angezeigt findet. Der zuletzt erwähnte Punkt der Betrachtung, welcher nicht bloss Feld und Gartenbau, sondern auch die Jagd begreift, gibt nun zu kurzen, oft recht anmuthigen Beschreibungen in einer damals seltenen gewandten Form Gelegenheit, Schilderungen die man noch heute in den leicht dahin fliessenden Versen mit Vergnügen liest. In diesem Theile seiner Dichtung zeigt sich Wandalbert als ein Geistesverwandter des Verfassers des Hortulus, nur erscheint seine Darstellung noch freier, ungezwungener und frischer.Um wenigstens ein kleines Beispiel, aufs Gerathewohl genommen, zu geben, so heisst es vom Januar:
        Tum tempus, campis lepores lustrare nivosis,
        Artibus et variis pictas captare volucres;
        Per campos volitant collesque et flumina circum.
        Tum capus accipiterque placet, curisque solutis
        Per brumam genio vacat indulgere, domique
        Diversos usus veri proferre futuro.
Die Herleitung der Monatsnamen ist nach Isidor (Etymol. l. V, c. 33) gegebenAuf dessen Rechnung auch die noch im späteren Mittelalter, so bei Philipp von Thaun (Compot), sich findende wunderliche Etymologie von September und den folgenden Monatsnamen kommt, die aus Zusammensetzung mit imber gebildet sein sollen., ausser dass Wandalbert Juno zur Taufpathin des Juni macht.Am Schluss dieses Gedichts von den Monaten nennt sich der Verfasser (s. die Stelle oben S. 186, Anm. 1), und bemerkt dass er die Gallische Landwirthschaft im Auge gehabt, doch wird er unter Gallien das Land bis zum Rheine begriffen haben. – Als Anhängsel zu diesem Anhang folgt ein recht prosaisches Thema wieder, ein Horologium für die zwölf Monate, in welchem die Tagesstunden durch die Länge des Schattens des menschlichen Körpers für die einzelnen Monate bestimmt werden, von welchen aber immer zwei, der erste und zwölfte, der zweite und elfte u. s. w. gleichgestellt werden.

Endlich der zweite Anhang: er ist betitelt 190 De creatione mundi und in 285 pherecratischen Versen verfasstVon denen nach der Vorrede allemal 3 eine Strophe bilden sollen was aber nur ausnahmsweise der Fall ist.; hier wird das Werk der sechs Schöpfungstage kurz geschildert und darauf der Mensch, der selbst eine Welt sei, gegen welche die grosse zurückstehe, zu einer tieferen, mystischen Auffassung des Schöpfungswerkes aufgefordert. Hiermit schliesst die Dichtung, die im Ganzen nicht weniger als 1919 Verse zählt.

Auch ein Werk in Prosa besitzen wir von Wandalbert, ein Heiligenleben, das aber in seinem ersten Buche nur eine stilistische Bearbeitung einer älteren Redaction, wie sie die fortgeschrittene literarische Bildung damals verlangte, dagegen original im zweiten Buche ist, welches die Wunder des Heiligen behandelt, die an seinem Grabe seit der Uebertragung der Gebeine in die ihm zu Ehren gebaute Kirche geschahen. Es ist die Vita S. Goaris, welche Wandalbert auf den Wunsch seines Abtes Marcward um 839 verfasste. Das Kloster Prüm hatte aber ein besonderes Interesse an dem Heiligen und seiner Verehrung, weil es durch Pippin, Karls des Grossen Vater, die Cella Goars erhalten hatte. Nach unsrer Vita stammte der Heilige aus Aquitanien und war bereits im sechsten Jahrhundert unter Childebert I. an den Rhein gekommen, und hatte dort als Missionar gewirkt, indem die ihn besonders auszeichnende Tugend der Gastfreundlichkeit ihn überall beliebt machte. Nur von dem ansässigen Klerus, der wohl eifersüchtig auf die Popularität des Fremden wurde, hatte er manche Anfechtungen zu erdulden. Er wurde angeklagt, sich selbst dem Essen und Trinken zu sehr hinzugeben, wenn er es auch mit Reisenden und Armen theilte, und deshalb vor den Bischof von Trier citirt. Aber die Heiligkeit des Bonhomme, der lebte und leben liess, wird hier in wunderbarer Weise bezeugt und die Unheiligkeit des Bischofs nicht minder, so dass dieser dem Bisthum entsagen muss, das nun Goar, aber vergeblich, angetragen wird.Vgl. Rettberg, Kirchengesch. Deutschlands I, S. 481 f. u. 465, der aber hier in seiner kritischen Schärfe etwas zu weit geht. So feiert die Legende den Sieg des Missionars über den Bischof.

Unter den im zweiten Buche erzählten Wundern, von denen der Autor nur durch Ueberlieferung von Augenzeugen 191 Kunde haben will, findet sich neben vielem unbedeutenden auch einzelnes historisch merkwürdige, wie c. 15 eine Erzählung von einer Rheinfahrt Karls des Grossen und seiner Söhne, die von neuem bestätigt, dass der grosse Fürst kein Betbruder war, oder c. 11 die von dem Nationalhass eines deutschen Adligen gegen alle Romanen.Die Stelle finde ich zu merkwürdig, um sie nicht hier anzuführen: cum – – omnes Romanae nationis ac linguae homines ita quodam gentilitio odio execraretur, ut ne videre quidem eorum aliquem aequanimiter vellet, ac si quos forte ex eadem familia comprehendere potuisset, crudeliter nonnumquam afficeret. Auch die Prosa Wandalberts zeichnet sich durch einen einfachen und klaren Ausdruck aus.

 

Ein andrer Vertreter der literarischen Kultur in Lothringen um die Mitte des Jahrhunderts ist ein eingewanderter Ire, Lehrer an der Domschule von St. Lambert in Lüttich, Sedulius Scotus.Fünf Gedichte des Sedulius Scottus an den Markgrafen Eberhard von Friaul, zum erstenmale herausgeg. von E. Dümmler. In: Jahrbuch für vaterländ. Geschichte. 1. Jahrg. Wien 1861. – Sedulii Scoti carmina ed. ab Aem. Grosse. Königsberg 1868 (Festprogr. des Friedrichscolleg). – Sedulii Scotti Carmina quadraginta ex cod. Bruxellensi ed. ab E. Dümmler. Halle 1869. (Univ.-Progr.) – Carmina medii aevi maximam partem inedita, ex bibliothecis Helveticis collecta ed. H. Hagen. Bern 1877. p. 1–10. – Sedulii Scoti Liber de rectoribus christianis in: Spicilegium romanum. Tom. VIII. Rom 1842. – – Dümmler, N. A. S. 315 ff. Die uns von ihm erhaltenen Werke fallen ungefähr in den Zeitraum von 840–868; sie sind auch die einzige Quelle seiner Lebensgeschichte. Sedulius, so erfahren wir aus ihnen, war einer jener gelehrten irischen Auswanderer, die, wie wir auch schon früher bemerkten, auf dem Continent eine grössere Wirksamkeit und eine bessere Lebensstellung suchten, und zunächst auf gut Glück hin ihre Heimath verliessen. So langte denn auch eines Tags bei eisigem Nord und Schneegestöber Sedalius zugleich mit zwei andern »gelehrten Grammatikern und frommen Presbytern«, seinen Landsleuten, müde, erfroren und hungrig in dem Lütticher Domstift an, um mit ihnen dort nicht bloss eine zeitweilige Zuflucht, sondern eine dauernde Aufnahme zu finden. Hierfür spricht Sedulius in einem Gedicht dem Bischof Hartgar (840–854) 192 seinen Dank aus.S. Carmina quadrag. c. 1 u. vgl. Carmina ed. Grosse, c. I, insbesondere v. 39 f. Freilich die rauchige, fenster- und schlösserlose Wohnung war, zumal verglichen mit dem prächtigen Palaste des Bischofs, eine Cacus-Höhle: so singt in einem mit gutem Humor und lebhaften Farben ausgestatteten Liede (in vers. Asclepiad. minor. catal.) unser Dichter den heiligen Lambert an, der lieber alle seine Blinden in diesem Hause versammeln möge, das für Nachtkrähen und Maulwürfe, aber nicht für »Gelehrte« (sophistae) sich schicke, welche die Gaben strahlenden Lichtes lieben.Carm. ed. Grosse, c. 2. Manche scherzhafte poetische Bettelbriefe an den Bischof um Wein, Meth, Brod und FleischCarm. ed. Grosse, c. 4, Carm. quadt., c. 22. zeigen, dass des armen irischen Magister Haushaltung oft knapp bestellt war, aber wohl noch mehr, dass er gar nicht unempfindlich für die leiblichen Genüsse war: namentlich liebte er den Becher, wenn er die Musen anrief.Vescor poto libens, rithmizans invoco Musas. Carm. quadr., c. 33, v. 3. Neben der Dichtkunst huldigte Sedulius, auch darin ein ächter Ire, mit Vorliebe der Musik, vergleicht er sich selbst doch einmal mit Orpheus und nennt Calliope seine musica coniuxDümmler, Fünf Ged. S. 171. Vgl. Carm. ed. Grosse, c. 15.; freilich war ja die Musik auch ein wesentlicher Bestandtheil der Gelehrsamkeit damals. Seine grammatische Bildung bezeugen schon seine Gedichte formell wie inhaltlich, in der Metrik und Sprache, wie in der Kenntniss der antiken Mythologie und Geschichte. Besonders hat Virgil, wie auch manche Reminiscenzen zeigen, auf ihn Einfluss gehabt, wagte Sedulius es doch, sich selbst den Maro Lüttichs zu nennen. Sogar einige Kenntniss des Griechischen scheint er besessen zu haben, was gerade bei einem Iren zwar weniger Wunder nimmt: es hat sich noch die Abschrift eines griechischen Psalters von seiner Hand erhalten, und selbst in seinen Gedichten finden sich Andeutungen und Spuren einer solchen Kenntniss.S. auch Carm. ed. Grosse, c. 15, v. 82: dort lässt sich Sedulius von seiner Muse als Graeculus rühmen. – Sedulius hat auch noch unter Hartgars Nachfolger, Franco (854–901), den er gleich dessen Vorgänger in seiner Dichtung 193 verherrlicht, in Lüttich kürzere Zeit gewirkt; dann aber ist er mit seinen Landsleuten nach Italien gezogen und hat bei dem Erzbischof von Mailand Tado (860–868) Aufnahme gefunden.S. N. Arch. IV, S. 317 ff., wo Dümmler den Beweis antritt, dass die von Hagen Carm. med. aev. p. 1–10 edirten Gedichte, und namentlich die an Tado gerichteten, unsern Sedulius zum Verfasser haben. Rücksichtlich der letzteren stimme ich unbedingt bei. Zumeist spricht dafür die auch sonst bei Sedulius sich findende Benutzung eigener älterer Gedichte, aus denen ganze Verse entlehnt sind, so in c. VII, worin namentlich das an Hartgar während seiner Abwesenheit in Rom gerichtete Gedicht (Carm. quadr. c. 3) benutzt ist; die Vergleichung von v. 55 desselben mit VII, v. 39 zeigt aber nach dem ganzen Zusammenhang der Stellen, dass nicht das umgekehrte Verhältniss obgewaltet hat. Diesem wie andern angesehenen Prälaten und vornehmen Laien wusste er durch seine Dichtung sich zu empfehlen, was noch immer einen in den höhern Kreisen weiter verbreiteten ästhetischen Sinn bekundet.

Die Dichtung des Sedulius, von der uns sehr viel erhalten (es sind gegen 90 Gedichte), ist zwar meist Gelegenheitspoesie, doch zum Theil in einem höheren Stile; Sedulius war kein blosser Versemacher, er besass doch einen Funken poetischer Begabung, so dass wir einzelnen Stellen, ja einzelnen Gedichten von ihm begegnen, die eines wahren Dichters würdig sind. In literarhistorischer Beziehung aber bieten seine Gedichte ein mehrfaches Interesse dar. Zuerst ein allgemeines: es spiegelt sich in ihnen die Nationalität des Autors lebhaft ab, und zwar in ihren merkwürdigen Gegensätzen: es zeigt sich ebenso die Neigung zu schwülstigem Prunk, als der Sinn für das niedrig Burleske; auch ein gewisser elegischer Zug fehlt nicht ganz.

Die meisten der Gedichte sind entweder epistelartig in der Form der antiken Elegie, oder panegyrische Gedichte, die theils auch in Distichen verfasst, an die ersteren sich anschliessen, theils als Oden in der sapphischen Strophe erscheinen. In ein paar Elegien an Bischof Hartgar, der, offenbar nicht lange nach Ankunft der Schotten, nach Rom reisen musste, findet sich ein Ausdruck wahrer Empfindung, wenn der Dichter in der einen den Winter anklagt, den wilden Sohn der scythischen Felsen, dass er ihnen diese goldene Leuchte entführe – war doch der Bischof gewiss nicht bloss 194 in materieller Beziehung den Fremden eine Stütze, sondern auch in geistiger ein Trost – und wenn in der andern der Dichter die Musen auffordert, Hartgar zurückzubringen, und den Tiber bittet mit dem Rheine Mitleid zu haben, um ihn ziehen zu lassen.Carm. quadr. c. 2 u. 3. Die panegyrischen Gedichte sind im allgemeinen mindestens durch die Persönlichkeiten, denen sie gewidmet sind, von Interesse: so sind ein paar an Karl den Kahlen gerichtet, dessen Gelehrsamkeit hoch gerühmt wird, den aber der Dichter auch mit dem »alten Karl« (dem Grossen) gleichzustellen wagt. Nicht minder wird Lothar, der Landesherr, mit seiner Familie besungen: am schwungvollsten aber feiert unser Dichter die schöne, fromme Gemalin des Kaisers, Irmingard, zu der er offenbar eine persönliche Zuneigung hatte; in der Schilderung ihrer Schönheit verwendet er die glänzendsten Farben seiner poetischen PaletteCarm. quadr. c. II, v. 21 ff.
        In facie niveum quoddam roseumque rubescit,
            Quae superat nimphas Luciferique decus.
        Cingitur auricomis flavus vertexque capillis,
            Crisoliti specimen circulat omne caput.
                        –         –
        Lactea formoso decorantur colla nitore,
            Lilia ceu splendent aut elefantis ebur.
; für sie dichtete er auch Verse auf Bilder aus dem Leben des heil. Petrus, womit ein Pallium, das die Kaiserin verschenkte, geschmückt war.Carm. quadr c. 12: Hinc versus ad Ermingardem imperatricem conscripti in serico pallio de virtutibus Petri Apostoli. – Die Verse – allemal vier Hexameter – waren wohl unter oder über den Bildern eingewebt. Solche Tetrasticha hatte schon Prudenz zur Erklärung von Bildern, mit denen sie verbunden waren, verfasst. S. Bd. I, S. 279 ff. u. vgl. ebenda S. 397 ff. Auch Söhnen Lothars und seiner Tochter Bertha, die verwittwet, Aebtissin von Avenay geworden war, sind Gedichte gewidmet; in einem an dieselbe rühmt er vornehmlich die sittlichen Vorzüge der Mutter Irmingard, die sich in der Tochter wiederfinden (Carm. quadr. c. 37). Ludwig der Deutsche ist auch in einem langen Panegyricus von 52 reciproken Distichen angesungen (ed. Gr. c. 10), worin – das einzig thatsächliche von Belang in dem Wortschwall – die Ausbreitung des Christenthums durch ihn, gepriesen wird.

195 Zum guten Theil sind solche schablonenhaft verfasste, stets mit einer tüchtigen Dosis Schmeichelei gewürzte Gedichte zur Feier der Ankunft der hohen Personen in Lüttich gemacht. Zu ihnen gehört auch der tapfere Graf Eberhard von Friaul. Ludwigs des Frommen Schwiegersohn, der im lothringischen Reiche begütert war und von dorther stammte. Es ist derselbe bei dem sich Gottschalk aufhielt. Wie er überhaupt die Literatur und die Literaten liebte, auch eine für jene Zeit bedeutende Bibliothek besass, so trat auch Sedulius leicht zu ihm in eine nähere Beziehung. Ausser der ihm bei seiner Rückkehr in die Heimath in Distichen gewidmeten Begrüssung, worin Sedulius den Sieger über Normannen und Sarazenen als Schild Italiens preistDümmler, Fünf Ged. c. 5., hat er noch mehrere Gedichte an ihn gerichtet, die gerade zu seinen besseren gehören. So eins auf den Tod und eins auf die Geburt eines Sohnes des Grafen, welche Elegien durch manche hübsche Einzelheit ansprechenDümmler a. a. O. c. 1 u. 2. In der zweiten Elegie heisst es von Eberhard v. 27 f.:
        Sic tuus ensipotens genitor puerilibus annis
            Almae sophiae sacra fluenta bibit.
; so ein anderes, im Namen Hartgars auch in Distichen verfasstes Gedicht bei Uebersendung des Werks des Vegetius De re militari. Der kriegerische Ton, den hier Sedulius mit Erfolg anschlägtZ. B. Dümmler a. a. O. c. 4, v. 9:
        Hic tuba terribili sonitu clangore remugit,
            Praecipites scopulos carrobalista serit,
        Horridus ast aries frontis ductuque superbo
            Muros turrigeros conterit atque quatit.
, klingt auch in mancher seiner Oden wieder, namentlich in einer dem Eberhard gewidmeten, worin er von neuem den frommen Helden, den »Schützer der Kirche« feiert, seine siegreichen Kämpfe, an der Spitze der weissen Schaaren der Franken, mit den heidnischen Mauren schildernd.Dümmler a. a. O. c. 3. In andern Oden preist der Dichter Lothar und die eignen Bischöfe, Hartgar wie dessen Nachfolger Franco, ob der über die Normannen erfochtenen Siege, bei ihrem Einzug in Lüttich: in der ersten dieser Oden wird die Flucht der Normannen in ihre 196 Schiffe lebendig geschildert; sonst findet sich in ihnen manche phrasenhafte Wiederholung.Carm. quadr. c. 26 u. 29, ed. Grosse c. 3 u. 9. – Von den andern Gönnern, denen Sedulius Gedichte, meist im elegischen Metrum, gewidmet, verdienen noch genannt zu werden: der Erzbischof von Cöln, Gunther, der, wie sich hier ergibt (Carm. quadr. c. 30 u. 34), selbst geistlicher Dichter war, der oben erwähnte Tado (bei Hagen c. 2 u. 7) und der Herzog Leodfrid, Kaiser Lothars Schwager (bei Hagen c. 3 u. 8).

Unter den übrigen Gedichten des Sedulius sind vier von besonderem Interesse: einmal ein Lobgedicht auf einen Gönner Robertus, wahrscheinlich einen AbtDümmler hält ihn für einen Grafen, aber für »Abt« spricht die Bezeichnung pater v. 17, man müsste denn annehmen, sie wäre scherzhaft angewandt, was sich auch wohl denken liesse., der reich an Weinbergen wie Schafherden, durch seine Freigebigkeit bekannt war. Das Gedicht ist in rythmischen Versen verfasst, und durchaus scherzhafter Natur, beweist es den guten Humor unseres Poeten, der ziemlich deutlich hier auf die Weine seines Gönners speculirt, welcher, ein Gelehrter unter den Gelehrten, mit himmlischem Thau die Geister zu unterweisen verstehe. In der That aber muss Robertus einige Gelehrsamkeit besessen haben, da ihn der Dichter im Eingang in allen sechs Casus begrüsst, ein grammatischer Witz, der etwas an die Spielerei des grammatischen Reims in der Lyrik der Troubadours erinnert.Das Gedicht bei Grosse c. 6 beginnt:
        Bonus vir est Robertus, laudes gliscunt Roberti:
        Christe fave Roberto, longaevum fac Robertum,
        Amen. Salve Roberte, Christus sit cum Roberto.

Den Rythmus betrachten wir weiter unten. – An denselben Robert hat Sedulius auch eine directe poetische Supplik in Hexametern gerichtet, in der er in scherzender Form um einen Hammel bittet; auch hier fehlt es nicht an Wortspielerei (ut multis multetur multo). S. Carm. quadr. c. 18.
– Ferner eine Thiergeschichte: De quodam verbece a cane discerpto, ein längeres Gedicht von 70 Distichen, das offenbar eine wahre Geschichte zum Gegenstand hat.Carm. quadrag. c. 19. – Anspielungen auf die Fabeln vom Fuchs finden sich in hübscher Form bei Grosse c. 11. Ein dem Dichter von seinem Bischof Hartgar geschenkter Hammel wird gestohlen; der Dieb, von Hunden verfolgt, lässt das Thier fahren, das nun selbst mit diesen einen Kampf zu bestehen hat, in dem es schliesslich unterliegt. In komisch 197 parodischer Weise wird dieser Schöps und sein Heldenmuth vom Dichter besungen, der ihm am Schluss noch ein Epitaphium setzt. Die fliessend geschriebene muntere Dichtung spricht noch immer an und zeigt die besondere Begabung des Sedulius für diese Art der Poesie. Merkwürdig ist die Freiheit, die sich der Dichter nimmt (v. 117 f.), den für den Dieb gestorbenen Bock mit dem Agnus dei zu vergleichen, eine Freiheit wie sie auch die spätere mittelalterliche Dichtung in ihrem Humore sich nicht selten erlaubt. – Ein andres Gedicht in Distichen (Carm. quadr. 5) ist merkwürdig als eine zum Weihnachtsfeste verfasste geistliche Allegorie: der Kirchenchor (chorus ecclesiae) – hier wohl für die »Kirche« selbst genommen – soll Maria bedeuten, der Bischof, der Pastor, der die »Brüder« aus der ägyptischen Finsterniss in die Heimath des Lichts führt, den Joseph, der Dom ist Bethlehem, auch das Christuskind ist da in dem Brode (die Transsubstantion nimmt also Sedulius an), und wie die Engel sein Lob singen, so hier der Chor; der Bischof-Hirt repräsentirt in zweiter Rolle die Hirten, welche den Hirten Christus bezeugen, die Magier aber werden vertreten durch die Scotti sophistae, die irischen WeisenVielleicht liegt hier zugleich eine irische Reminiscenz zu Grunde: die Druiden nannten sich Magier, wie mir mein College Windisch mittheilt., welche Gaben der Weisheit (sophica dona) bringen. So möge denn, wie Maria und Joseph die Geschenke der Magier annehmen, auch die Kirche und der Bischof die kleineren Gaben der irischen Muse nicht verschmähen. – Literarhistorisch am interessantesten ist das letzte dieser Gedichte, das auch nicht ohne ästhetischen Reiz ist. Es ist das meines Wissens zweitälteste StreitgedichtVgl. oben S. 68., in welchem der Rahmen der Ekloge bereits aufgegeben ist, es ist auch schon Certamen und zwar Rosae Liliique betiteltDie Ueberschrift bekundet auch die Autorschaft des Sedulius, sie lautet: De Rosae Liliique certamine idem Sedulius cecinit, Carm. quadrag. c. 40., und zählt 50 Hexameter. Auch in diesem tritt der Frühling auf.Entfernt erinnert der Vers 29: Tunc Ver florigera iuvenis pausabat in herba an den Vers 6 des Conflictus: Ver quoque florigero succinctus stemmate venit. Wie in den späteren französischen Débats, leitet der Dichter in ein paar Versen den 198 Streit ein. Die Rose beginnt zuerst, sie rühmt ihre Farbe: der Purpur verleihe die Herrschaft, das Weiss sei die Farbe des Elends. Die Lilie entgegnet, der schöne Apollo liebe sie, die goldhaarige Zier der Erde; das Roth der Rose sei das der Scham und bezeuge ein schlechtes Gewissen. Die Rose will dagegen Aurorens Schwester sein, ihr Roth ist die Schönheit jungfräulicher Sittsamkeit. Nun wirft ihr die Lilie ihre Dornen vor. Es kommt zu heftigen Worten. Da erhebt – so fährt jetzt der Dichter wieder fort – ein Jüngling, der unter Blumen im Grase ruhte, das Haupt mit Kränzen geschmückt, seine Stimme – es ist der Frühling –: Theuere Kinder, warum streitet ihr? ruft er, erkennt euch als Schwestern! – Einer jeden das ihrige. Und er endet sein versöhnendes Wort: Du, Rose, reichst mit deinem Kranze die rothe Palme den Märtyrern, ihr Lilien schmückt die mit der Stola bekleideten jungfräulichen Schaaren. –

Noch besitzen wir zwanzig Gedichte des Sedulius, die mit einem prosaischen Werke desselben verbunden sind, welches hier auch für uns von Interesse ist. Es ist ein christlicher Fürstenspiegel: De rectoribus christianis betiteltIn einer Handschrift auch Via regia, wie das Werk des Smaragdus, s. oben S. 110., und an einen, offenbar jungen, »Herrn und König«, der noch nicht lange den Thron bestiegen, gerichtet, ja aus Liebe zu ihm verfasstDies zeigt die im letzten Kapitel gegebene Zuschrift, welche beginnt: Has autem paucas de multis, divinas et humanas historias percurrens, vestrae, domine rex, excellentiae commonitorias obtuli litteras, vestro amore ad hoc opusculum instigatus, sciens me debitorem esse vestrae celsitudinis obsequio. Und hernach: Hos itaque apices velut enchiridion vestri sagacitas ingenii saepius tanscurrendo perlegat.; wahrscheinlich ist also Lothar II. gemeint und die Abfassungszeit dann 855. Das Buch, welches 20 Kapitel begreift, will lehren – namentlich auch an der Hand der biblischen wie der profanen Geschichte – wie ein frommer Herrscher (rector) beschaffen sein soll. In der Form ist es der Consolatio philosophiae des Boëtius nachgebildet, indem ein jedes Kapitel – ausser dem letzten – mit einem Gedichte schliesst, das in der Regel nur den Hauptinhalt der Prosa recapitulirt.Dass Boëtius in dieser Beziehung unmittelbar das Vorbild gewesen, zeigt recht der Schluss der ersten Prosa (c. 1), welcher lautet: Sed haec quae breviter stilo prosali diximus, aliqua versuum dulcedine concludamus, verglichen mit Boëtius l. IV, Prosa 6 Ende: sed video te iam dudum et pondere quaestionis oneratum et rationis prolixitate fatigatum aliquam carminis expectare dulcedinem. Man sieht also dass auch dasselbe Motiv für die Einschaltung der Gedichte bei Sedulius massgebend war, als bei Boëtius; vgl. hierüber Bd. I, S. 473, Anm. 1. Auch wird das Ganze durch eine Praefatio in 199 Versen eingeleitet. Die Gedichte sind in verschiedenen Metren verfasst, und darin zeigt sich auch der Einfluss des Werks des Boëtius: nur sind die Metra grösstentheils andre als in diesem, einfacher, weniger complicirt.Es sind die folgenden: Hexameter allein (Praef.), Distichen (c. 1, 2, 6, 10, 14, 19), Versus asclepiad. min. catal. (c. 7), Anapaest. Dimet. catal. (c. 12) – nur diese Metra hat das Buch mit der Consol. gemein – ferner: Sapphische Str. (c. 3, 4, 16), Hexam. mit Iamb. Dimet. acat. (c. 5), Troch. Tetram. catal. (c. 9, 19), Asclepiad. minor (c. 11, 17) – der bei Boëtius sich nicht, wie hier, allein gebraucht findet – Iamb. Dimet. acat. (c. 15) und catal. (c. 13), und endlich Dactyl. Tetram. catal. in disyll. (c. 8). Man sieht aber hier, dass die metrische Mannichfaltigkeit, die uns in manchen Dichtungen jener Zeit überrascht, nicht bloss der Einwirkung der Hymnen des Prudentius, sondern auch des berühmten Buches des letzten römischen Philosophen zuzuschreiben ist. Nur einzelne dieser Gedichte des Sedulius haben eine poetische Selbständigkeit, die ihnen einen gewissen Reiz verleiht.

Skizziren wir nun den Inhalt des Werks, dessen Gang keineswegs ein sicherer ist, schon durch die Abschweifungen, die der Verfasser sich erlaubt. Das erste Kapitel bildet gleichsam ein Prooemium, das aber für Autor wie Werk recht bezeichnend ist: sobald der christliche Herrscher den Thron bestiegen hat, soll er Gott danken und zwar durch Dotirung der Kirche. Mit dem zweiten Kapitel geht Sedulius auf sein Thema selbst ein und verlangt nicht mit Unrecht vor allem, dass wer andre zu regieren berufen ist, sich selbst regiere, das Schlechte, das er als Herrscher bestraft, selbst vermeide, und das Gute, das er befiehlt, selbst zu thun sich bemühe. Sechs Lebensvorschriften hat er zu dem Ende sich zu merken: er muss unerlaubte Gedanken unterdrücken, heilsame Rathschläge in Betracht ziehen, unnütze und schädliche Reden vermeiden, Aussprüche ruhmvoller Fürsten sowie die der Bibel über alles gern »kosten«, sich fürchten eine schmähliche Handlung zu begehen, und sechstens sein Licht leuchten lassen in 200 prächtigen Reden und Handlungen. So vermag (c. 3) der Fürst die Gnade Gottes zu erlangen, die allein seiner vergänglichen Herrschaft eine gewisse Stabilität verleihen kann. Der Schmuck der königlichen Gewalt ist die fromme Weisheit, welche Salomo über alle Könige erhob. Sie zeigt sich nun nicht bloss darin, dass der Herrscher sich selbst, sondern dass er auch sein Haus und sein Volk verständig regiert. In ersterer Beziehung entwirft der Verfasser hier (c. 5) nur das Bild einer guten Hausfrau, wobei er auf Placilla, des Theodosius Gemalin, als Muster hinweist. In Bezug auf die Staatsregierung aber, diese schwierigste Kunst, hat der Fürst eine dreifache Regel zu beobachten (c. 6): erstens, dem Göttlichen vor dem Menschlichen den Vorzug zu geben, da man Gott mehr als den Menschen gehorchen muss, zweitens, nicht so sehr auf sein eignes Urtheil als auf das seiner klügsten Räthe sich zu verlassen – wofür Aussprüche des Kaisers »Antonin«Unde illa Antonini imperatoris praecipua semper in consiliis fuit sententia: aequius est, ut ego tot et talium amicorum consilium sequar, quam ut tot et tales amici meam unius voluntatem sequantur. und des Salomo citirt werden, drittens, keine falschen und verderblichen Räthe zu haben. Diesen soll er als wie Drachen Feind sein, wie das Beispiel des Panthers lehrt.Absit vero ut crudeles tyrannos tamquam infestos dracones bonus habeat princeps amicos, quod pantheris exemplo animalis adstruitur. Siquidem panther, genus quadrupedis, est, ut physici perhibent, omnium animalium amicus excepto dracone. Eine bemerkenswerthe Hinweisung auf die Physiologen, nach denen auf Grund dieser Fabel der Panther der Typus Christi ist. Dann werden die guten »Freunde« des Fürsten charakterisirt.

In den folgenden Kapiteln (7 und 8) aber entwirft Sedulius zur Warnung ein Bild von den gottlosen Herrschern, nachdem er erörtert, was die guten verderben kann: es ist die Freiheit, die sie haben, der Reichthum, schlechte Umgebung und die Unwissenheit im Staatswesen (ignorantia rerum publicarum). Solche Herrscher, die auch die göttliche Strafe ereilte, sind Pharao, Antiochus, Herodes, PilatusVon diesem wie den beiden vorausgehenden heisst es: quis nescit quanta districti iudicis ultio perculit? Hieraus ergibt sich, wie verbreitet die Pilatussage schon damals war. Vgl. Bd. I, S. 606, Anm. 2., Nero, AegeusIn Mai's Ausg. steht de . . Aegea, was wohl nur Druckfehler ist., Julian 201 und Theodorich, bei welchem der Verfasser länger verweilt, der Strafe dieses »grausamsten Königs« nach GregorS. Bd. I, S. 521, Anm. 2, u. vgl. oben S. 155. gedenkend, ohne jedoch merkwürdiger Weise hierbei Boëtius zu erwähnen. Dagegen gehört nun (c. 9) der Rex pacificus, in der Glorie seiner Herrschaft, wenn er in der königlichen Aula seine Geschenke und »Beneficien« austheilt (also der germanische VolksfürstOb auch der irische hier gemeint sein kann?), zu den nach dem Ausspruche der WeisenUt sapientes ferunt, wie weiter unten: ut sapientes perhibent. Schöpft hier der Autor aus irischen Quellen? sieben schönsten Dingen der Welt – die andern sind der unbewölkte Himmel, die Sonne, der Mond, das Kornfeld, das Meer mit Ebbe und Fluth, der Chor der in einem Glauben vereinten Gerechten. Als Beispiele eines solchen Fürstenideals – des gnädigen und gerechten Herrschers – werden August, die Antonine, Constantin der Grosse, die beiden Theodosius, Karl der Grosse und »Ludovicus piissimus« genannt. Acht Säulen stützen nach dem Ausspruche der Weisen die Herrschaft des gerechten Königs: Wahrheit, Ausdauer (patientia in omni negotio), Freigebigkeit, Freundlichkeit in der Rede, Züchtigung der Bösen, Freundschaft mit den Guten, Erleichterung der Steuern, gerechte richterliche Entscheidung zwischen Reichen und Armen (c. 10). Dann aber soll der Gott gefällige Herrscher sein persönliches Interesse dem Nutzen der Kirche nachsetzen, um so Gott, seinen Wohlthäter, zu ehren. Namentlich soll er – worauf Sedulius wiederholt zurückkommt – ein paar mal des Jahres Synoden halten (c. 11).

Indem hier der Verfasser also auf das Verhältniss des Herrschers zu der Kirche näher eingeht, verlangt er von ihm Demuth und Gehorsam; er soll selbst die Zurechtweisung der Priester, als geistlicher Aerzte, hinnehmen, indem auf das Beispiel des Theodosius hingewiesen wird, welcher, wie hier ganz ausführlich erzählt wird, nach dem Thessalonichschen Blutbad der Kirchenbusse sich unterwarf (c. 12 f.).Vgl. Bd. I, S. 160 f. Auch im Kriege muss der Herrscher mehr auf Gott als auf Menschenmacht vertrauen; was beide vermögen, zeigt die Geschichte, unter anderm der Sieg des h. Germanus, des Apostels der Britten, über deren Feinde (c. 14 f.). Im Unglück soll der 202 gute Fürst nicht verzagen (c. 16)Auch hier wird wieder ein Ausspruch der Weisen citirt: Ut enim sapientes perhibent, quinque temporum varietatibus regnum terrarum consistit: 1) die Zeit der Kämpfe, 2) wann das Reich zur »Vollständigkeit« (plenitudo) heranstrebt (Neumond), 3) wann es diese erreicht hat (Vollmond), 4) wann es gleich dem Monde abnimmt, 5) die Zeit des Zusammensturzes., zum Frieden stete bereit sein (c. 17) und bei glücklich beendetem Kriege sich nicht rühmen, sondern Gott danken – durch Vermehrung der Privilegien der Kirche und Hochschätzung der Priester. Andrerseits aber wird der Herrscher auch als Vicar Gottes in der Regierung der Kirche bezeichnet, der sie gegen Eingriffe weltlicher Machthaber schütze, aber auch für gute Bischöfe und Priester sorge, die frei von unersättlicher Habsucht und Ueppigkeit des göttlichen Amtes warten. Solche müsse er als geistliche Milites dann auch mit allem Nothwendigen versorgen, wie er dies mit den fleischlichen thue, da durch ihre heiligen Arbeiten und Gebete der Staat vor Schaden bewahrt bleibe (c. 19). Das Schlusskapitel endlich enthält die Zuschrift an den König, der das Buch öfters zu lesen und zu beherzigen ermahnt wird.

Der prosaische Ausdruck dieses kulturhistorisch interessanten Buches, das im Gegensatz zu der Via regia des SmaragdusS. oben S. 110 ff. doch mehr einen weltlichen Charakter hat, ist leicht verständlich und klar, mitunter durch Gleichnisse geschmückt.

Sedulius hat endlich auch theologische Werke, und zwar zur Erklärung der Bibel, verfasst, welche uns aber hier um so weniger angehen, als sie blosse Compilationen sind.S. darüber Dümmler, N. A. S. 316.. Auch wird ihm, und meiner Ansicht nach mit grosser Wahrscheinlichkeit; ein Commentum in Eutychis artem de discernendis coniugationibus beigelegt.Herausgegeben von Hagen in dessen Anecdota Helvetica quae ad Grammaticam latinam spectant. Leipzig 1870. (Supplement v. Keils Grammatici lat.) pag. 1 ff. – Als Verfasser wird in der Handschrift Sedulius, allerdings ohne weiteren Beinamen, genannt. Die Einwendungen, die Hagen gegen die Annahme unsers Sedulius als Autors erhebt, sind wenig stichhaltig; denn wie wir oben zeigten, besass er einige Kenntniss des Griechischen, und zeigt auch in seinen Gedichten seine grammatische Bildung. Hagen hat ihn sehr einseitig nur auf Grund seines Buchs De rector. christ. beurtheilt. Ausserdem ist zu beachten, dass der Commentar auf Bitten von Mönchen (rogatu fratrum) geschrieben ist, was zu Sedulius Lebensstellung so wohl passt und von Hagen gar nicht berücksichtigt ist. 203

 

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