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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1 - Kapitel 67
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1889
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
pages667
created20120824
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Siebenunddreissigstes Kapitel.

Beda.

Nicht mit Unrecht hat man Aldhelm als den Vater der anglo-lateinischen Dichtung bezeichnet: in der That geht auch ein poetischer Zug durch sein ganzes Schriftthum, wenn es auch Lehrzwecke verfolgt; und so geschmacklos sein poetischer Prosastil werden kann, er zeugt doch von einer lebhaften Thätigkeit der Phantasie; noch mehr spricht aber für Aldhelms dichterische Natur, dass er trotz seines grossen Interesses und Verständnisses für die antike Metrik auch in volksmässigen rythmischen Formen lateinisch, sowie in der angelsächsischen Muttersprache dichtete. Einen ganz andern Eindruck macht der literarische Charakter eines jüngeren und weit berühmteren Zeitgenossen desselben, des Beda.The complete works of Venerable Bede collat. with the manuscripts and various printed editions, accompanied by a new english translation of the histor. works and life of the author. By Giles. 6 Voll. London 1843. – Vener. Bedae opera historica, ad fid. codd. mss. recens. Stevenson. 2 Tom. London 1841. – Vener. Bedae historiae ecclesiast. gentis anglorum libri III IV edit. by Mayor and Lumby. Cambridge 1878 (mit einer Uebersetzung des obigen Kapitels als Einleitung und Notes). – Gehle, Disputatio historico-theologica de Bedae Vener. vita et scriptis. Leiden 1838 (Dissert.). – Wright a. a. O. p. 263 ff. – Schoells Art. über Beda in der Real-Encyclop. für protest. Theologie. 2. Aufl. Bd. II, S. 204 ff. Obgleich dieser auch Verse geschrieben hat, so ist er doch nur auf dem Felde der Prosa von literargeschichtlicher Bedeutung geworden, denn er war auch offenbar eine prosaische Verstandesnatur, aber von einer seltenen wissenschaftlichen Begabung, so dass ihn das ganze Mittelalter unter seinen am höchsten geschätzten Lehrern in erster Reihe nannte.

635 Beda, schon seit dem neunten Jahrhundert gewöhnlich mit dem Beinamen Venerabilis geehrt, war 672 auf dem Territorium des zwei Jahre später von Benedict (Biscop) gegründeten Klosters Wearmouth geboren. Diesem gelehrten Abt wurde er schon im siebenten Jahre von seinen Verwandten – er war wohl eine Waise – zur Erziehung übergeben, später dessen Freunde Ceolfrid, welchen Benedict zum Abt eines andern von ihm in der Nachbarschaft, zu Jarrow, gegründeten Klosters gemacht hatte, das gleichsam nur ein Absenker des von Wearmouth war, sodass beide Klöster zu Zeiten auch unter einem gemeinschaftlichen Abte standen. In dieser Klostergemeinde verblieb Beda sein ganzes Leben, das recht das Stillleben eines Gelehrten war, und abgesehen von den geistlichen Pflichten, zwischen Lernen und Lehren sich theilte. Auch noch andere Mönche als die beiden Aebte unterrichteten ihn, wie er selbst uns gelegentlich mittheilt. Gewiss eine Folge seiner Begabung und Tüchtigkeit, wurde er schon im neunzehnten Jahre, sechs Jahre vor dem canonischen Alter, Diakon; im dreissigsten erhielt er das Presbyterat, und jetzt auch begann er erst seine schriftstellerische Thätigkeit, für die er ein reiches Material in der Klosterbibliothek fand, welche die beiden Aebte, namentlich auf ihren verschiedenen Romfahrten (s. weiter unten das Nähere), gesammelt hatten. Um mit einem Freunde gemeinschaftlich zu studiren, verliess wohl Beda auch einmal sein Kloster, wie er deshalb z. B. nach York zu dem spätern Erzbischof Egbert reiste. Er starb 735; über seinen Tod ist uns der Bericht eines seiner Schüler erhalten: noch auf dem letzten Krankenlager war er literarisch beschäftigt, und zwar unter anderm mit einer Uebertragung des Evangelium Johannis in das Angelsächsische. Bestattet wurde er in dem Kloster Jarrow, dem er also insbesondere angehört hatte.

Beda war ein sehr fruchtbarer Schriftsteller, wie schon die lange Liste seiner Schriften zeigt, die er im 59. Jahre dem Schlusse seiner Kirchengeschichte (als wie nach dem Beispiele Gregors von Tours) angehängt hat, wo er zugleich auch eine dürftige Notiz von seinem Leben gibt. Die meisten und die wichtigsten sind uns davon erhalten. Die grosse Mehrzahl dieser Schriften aber sind allerdings rein theologischer Natur, meist Erklärungen der Bibel, sowohl des Alten als des Neuen Testaments, und diese interessiren uns hier um so weniger, als sie 636 auch am wenigsten originell erscheinenSo ist der lange Commentar ›In principium Genesis‹ nach Beda's eigener Vorbemerkung nur aus den Schriften seiner Vorgänger excerpirt; ebenso der ›In Evang. Marci 4 libri.‹ In den meisten seiner Commentare herrscht die allegorische Interpretation vor. Auch seine Homilien sind, soweit sie uns erhalten, keineswegs bedeutend.: der Schwerpunkt der literargeschichtlichen Bedeutung Beda's ruht viel mehr in seinen historischen Werken. Unter diesen nimmt aber nicht bloss durch ihren Umfang, sondern auch durch ihre Ausführung die erste Stelle seine Historia ecclesiastica gentis Anglorum ein, welche als die reifste Frucht seiner schriftstellerischen Thätigkeit auch erst in seinen letzten Lebensjahren vollendet wurde, wie denn auch manche andere seiner Schriften darin benutzt sind. Es zerfällt dies Werk in fünf Bücher. Die ersten 22 Kapitel des ersten Buches bilden nur eine Einleitung: hier wird nach einer kurzen Beschreibung von Britannien und seinen alten Einwohnern die Geschichte des Landes seit Julius Caesar, namentlich in Bezug auf seine ältere Christianisirung, auf Grund des Orosius, dem Beda oft wörtlich folgt, und vornehmlich des Gildas, dessen Geschichte hier ganz den Leitfaden bildetS. das Nähere über die Quellen dieser Vorgeschichte bei Schoell, De eccles. Brit. hist. font. p. 20 ff., bis zur Einführung des Christenthums bei den Anglen durch die Aussendung der Missionäre Gregors gegeben. Erst von hier an (c. 23) beginnt das eigentliche Werk und die selbständige Arbeit des Beda. Die Kirchengeschichte der Anglen wird dann in diesem Buche noch bis zu dem Tod Gregors des Grossen fortgeführt, indem das zweite mit einem langen Nekrolog dieses für die Kirche Englands so wichtigen Papstes anhebt; dasselbe endet aber mit dem Tode Edwins, Königs von Northumbrien (633). Das dritte Buch geht bis 665, der Romfahrt des Wighart, um zum Erzbischof von Canterbury geweiht zu werden; da er aber in Rom stirbt, so wird an seiner Statt Theodor, der Mönch von Tarsos, vom Papst ordinirt, womit das vierte Buch anhebt, welches bis zum Tode Cuthberts, des berühmten, von Beda selbst schon früher gefeierten Heiligen, 687 sich erstreckt. Das letzte Buch endet mit dem Jahre 731, indem der Verfasser mit einem Ueberblick über die Besetzung der Bisthümer Englands und die allgemeine durchaus friedliche Lage Britanniens in jenem Jahre, die manche von dem Adel die Waffen mit dem Klosterleben vertauschen liesse, schliesst.

637 Man sieht, dass die Eintheilung des Stoffes in die Bücher mit aller Ueberlegung gemacht ist, da sie durch Ereignisse bestimmt wird, die theils an sich, theils mindestens für den Verfasser höchst bedeutende waren: so bildet der Tod Gregors in der That einen Zeitabschluss, wie einen neuen Anfang die Sendung Theodors, die für die christliche Civilisation Englands so epochemachend war. Das vierte Buch, das sie einleitet, ist denn auch zugleich mit dem fünften für die allgemeine Geschichte der Kultur und mindestens indirect auch der Literatur von grösserem Interesse. Während die vorausgehenden Bücher die Ausbreitung und Befestigung der katholischen Kirche in den angelsächsischen Reichen, ihre Streitigkeiten mit der Schottenkirche, ihre Bestrebungen einer Vereinbarung mit dieser hauptsächlich behandeln, wobei der wichtigsten politischen Ereignisse, die mehr oder weniger die Lage der Kirche berühren mussten, in zweiter Reihe gedacht wird: finden wir in den beiden letzten Büchern manche werthvolle Nachrichten zerstreut über die Ausbreitung der literarischen Bildung durch Theodor und Hadrian und ihre Schüler, über die von Rom durch den Archicantor des Papstes eingeführte Kirchengesangskunst (IV, c. 18; V, c. 20), die Studien der Anglen in Rom selbst (V, c. 19), die Verbreitung und Sammlung von Büchern in England (V, c. 15 u. 20), über so bedeutende Schriftsteller als Caedmon (IV, c. 24) und Aldhelm (V, c. 18), und die ersten von den Anglen nach Germanien unternommenen Missionen (V, c. 9). Allerdings einen weit grösseren Raum nehmen hier, namentlich im vierten Buche, lange Lebensnachrichten von Heiligen, Bischöfen, Aebten und Aebtissinnen ein, die mit ihren Wundergeschichten meist nur den Aberglauben und die Ekstase jener Zeit auch für England bezeugen; sie dienen indessen nicht bloss in dieser Beziehung das Kulturgemälde zu vervollständigen, sondern sie beleuchten doch auch manche eigenthümliche Züge der Bildung und des Charakters der Anglen. Besonders mögen aber hier noch, als von Interesse für die Nationalliteraturen des Mittelalters, ein paar Visionen hervorgehoben werden, die sich in dem letzten Buche finden; so c. 12 die eines frommen Northumbriers: dieser, in schwerer Krankheit verschieden, sieht unter der Führung einer Lichtgestalt, eines Engels offenbar, erst das Fegefeuer – wo sich aber Kälte mit Hitze paartOffenbar auf Grund von Psalm 65, v. 12. – darauf die Hölle – 638 ein Brunnen, aus dem unablässig Feuerkugeln auf- und niedersteigen, in denen als unzählige Funken die Seelen der Bösen sich befinden, – danach ein duftendes Blumenfeld, worauf Scharen weiss gekleideter Menschen wandelnDiese Darstellung erinnert ganz an eine der Visionen in den Dialogen Gregors des Grossen, s. oben S. 548.; es ist der Aufenthaltsort der guten Seelen, die erst am jüngsten Tage in den Himmel selbst gelangen, da sie nicht so vollkommen sind, um sogleich dort einzutretenDiese Anschauungen über den Zwischenaufenthalt der Seelen und das Purgatorium sind auch von theologischem Interesse; über das letztere gibt der Engel folgende Aufklärung: – est locus, in quo examinandae et castigandae sunt animae illorum, qui differentes confiteri et emendare scelera, quae fecerunt, in ipso tamen mortis articulo ad poenitentiam confugiunt, et sic de corpore exeunt; qui tamen, quia confessionem et poenitentiam vel in morte habuerunt, omnes in die iudicii ad regnum coelorum perveniunt.; von diesem Himmel selbst aber sieht der Visionär nur aus der Ferne ein strahlendes Licht und hört den süssen Gesang seiner Geister. – Der Northumbrier aber, zum Leben wieder erwacht, trat in ein Kloster, wo er einem seiner Mitmönche diese Vision vertraute. Eine andere wird c. 13 von einem Soldaten, einem Günstling des Königs, erzählt, der die Busse aufschob: da erscheinen an seinem Krankenlager zuerst zwei Engel mit einem kleinen Buche, worin seine wenigen guten Thaten verzeichnet sind, darauf aber ein ganzes Heer Teufel mit einem kolossalen Folianten, der das lange Verzeichniss der bösen enthält.

Dass das Werk Beda's auch einen chronistischen Charakter hat und keine pragmatische Geschichte ist, wird man wohl erwarten: es ist viel eher, gleich dem des Gregor von Tours, eine im allgemeinen nach der Zeitfolge (und zwar, was bemerkenswerth, nach der Rechnung nach Christi Geburt)Several of Beda's errors are noticed by Oppert über die Entstehung der Aera Dionysiana in d. Jahrb. f. Philol. Bd. 91, 1865, S. 809 ff. Note aus Mayors Ed. p. 209. geordnete Sammlung von Einzelgeschichten, in welche zugleich die wichtigsten Urkunden sich eingereiht finden; und dies ist um so entschuldbarer bei dem Mangel politischer und selbst kirchlicher Einheit im Reiche der Anglen. Doch besass Beda manche der dem Historiker nöthigen Eigenschaften, und war sich der Pflichten desselben durchaus bewusst. Er hat mit grossem Fleisse 639 das Material gesammelt, die wichtigsten Aktenstücke wörtlich mitgetheilt, und seine Gewährsmänner und Quellen im allgemeinen oder im besondern namhaft gemachtS. darüber Stevenson's Introduct. T. I, p. XXIV ff. u. vgl. Schmid, Gesetze der Angelsachsen. 1. Ausg. I., S. XLIX ff.; jenes geschieht in dem an den König Ceolwulf von Northumbrien gerichteten Vorwort, um, wie Beda sagt, dem Leser jeden Grund zum Zweifel zu nehmen. Von den angesehensten Geistlichen aus den verschiedenen Theilen seines Landes wurde er in seinem Unternehmen unterstützt; einer brachte ihm auch von Rom aus dem päpstlichen Archive Abschriften von Urkunden mit. Das Streben nach Wahrheit und treuer Wiedergabe der Ueberlieferung, welche, wie er selbst im Vorwort sagtEs heisst dort zum Schluss: Lectoremque suppliciter obsecro ut, si qua in his quae scripsimus aliter quam se veritas habet, posita repererit, non hoc nobis imputet, qui, quae vera lex historiae est, simpliciter ea quae fama vulgante collegimus, ad instructionem posteritatis literis mandare studuimus., ›das wahre Gesetz der Geschichte‹ ist, ist nirgends zu verkennen. Zugleich zeigt sich Beda überall in diesem Werk als einen Mann, der auf dem Höhepunkt der Bildung seiner Zeit steht, dem an umfassendem Wissen damals wohl kaum einer gleichkam; er vermag das wahrhaft Bedeutende wohl zu erkennen und zu würdigen, wenngleich er in dem Wunderglauben seiner Zeit nicht weniger als der viel ungelehrtere und ungebildetere Geschichtschreiber der Franken befangen war. Wenn auch nach seiner Meinung (laut der Vorrede) die Geschichte vorzugsweise einen moralischen Werth hat, indem sie zur Nachahmung des Guten und zur Vermeidung des Bösen antreibe, so tritt in seiner Darstellung selbst die moralische Tendenz nicht so wie bei Gregor von Tours hervor. Ueberhaupt trägt dieselbe das Gepräge einer seltenen Unbefangenheit und Objectivität, die sich selbst in kirchlicher Beziehung, den Scoten gegenüber, bewährt. Hierzu stimmt der gleichmässige ruhige Ton der Erzählung, die in ihrem klaren, ungesuchten und doch für jene Zeiten so reinen Ausdruck das beste Zeugniss von der durch das Studium der Alten und der besten der ältern Kirchenschriftsteller gewonnenen Geistesbildung des Verfassers ist.Noch sei bemerkt, dass in manchen Mss. und Ausgaben der Historia eine ganz kurze ›Epitome‹, die die wichtigsten Daten chronologisch recapitulirt, hinzugefügt ist; ob von Beda selbst verfasst, müssen wir dahingestellt sein lassen.

640 Eine namentlich in kulturgeschichtlicher Beziehung bedeutende und oft recht anziehende Ergänzung zu dem grossen Geschichtswerk bildet das zum Theil auf Grund einer Gedächtnisspredigt auf den heiligen CeolfridVon einem Mönche seines Klosters (nach Hahn, Bonifaz etc. p. 216, wahrscheinlich von Hwaetberht, Ceolfrids Nachfolger); sie findet sich bei Stevenson l. l. II, p. 318 ff. Vgl. übrigens über solche Vitae oben S. 451. verfasste kleine Buch Beda's: Vita beatorum abbatum Wiremuthensium et Girvensium, Benedicti, Ceolfridi, Easterwini, Sigfridi atque Huetberti. Es sind die Aebte seiner eignen Klostergemeinde, die zum Theil ja seine Erzieher und Lehrer waren. Am interessantesten ist das Leben des Benedict, mit dem sich auch der grösste Theil des Buches beschäftigt. Benedict, der ursprünglich Biscop hiess, und aus einem edlen Geschlecht der Anglen stammend, ›minister‹ des Königs Oswy war, widmete sich, ungefähr 25 Jahre alt, dem geistlichen Leben, indem er in Lerinum Mönch wurde; er geleitete dann auf des Papstes Befehl den Erzbischof Theodor von Rom nach England und wurde später der Gründer der beiden Klöster am Wear. Die unermüdliche Thätigkeit desselben, der allein fünfmal nach Rom reist, der aus Gallien selbst die Maurer zum Kirchenbau holt, ist wahrhaft bewundernswerth. Benedict hat sich um die Kultur Englands die grössten Verdienste erworben, und auch erst die Werke Beda's möglich gemacht. Von jeder seiner Romfahrten nämlich brachte er massenhaft Bücher mitInnumerabilem librorum omnis generis copiam apportavit. Opp. ed. l. IV, p. 366. und vgl. p. 364, die Bücher waren theils gekaufte, theils geschenkte; er kaufte auch solche in Gallien auf der Durchreise, namentlich in Vienne., wie uns hier erzählt wird, aber auch Bilder zum Schmucke der Klosterkirchen, zu welchem Zwecke selbst er solche Reisen unternahm; das eine MalOpp. l. l. p. 368, Bilder der Jungfrau, der 12 Apostel, der Visionen der Apocalypse; auch von der Art ihrer Aufstellung wird dort Nachricht gegeben. waren die Bilder für die Peterskirche des Klosters Wearmouth, das andere Mal namentlich für die Paulskirche des Klosters Jarrow und dieses selbst bestimmt. In diesem Falle war denn, wie Beda sagt, auf die concordia des Alten und des Neuen Testaments 641 die bedeutendste Rücksicht genommen.Verbi gratia: Isaac ligna, quibus immolaretur, portantem, et Dominum, crucem, in qua pateretur, aeque portantem, proxima super invicem regione, pictura conjunxit. Item serpenti in eremo a Moyse exaltato Filium hominis in cruce exaltatum comparavit. l. l. p. 376. Aber Benedict brachte auch kostbare seidene Gewänder ›von unvergleichlicher Arbeit‹ mit, wofür er von dem König und seinen Räthen Land eintauschte. Die Kirchenfenster zu machen, liess er Glaser aus Gallien kommen, da man Kunstarbeiter in diesem Handwerk bis dahin in Britannien nicht kannte. Er war es auch, der den päpstlichen Archicantor nach England brachte, welcher zunächst der Lehrer seines Klosters, insonderheit auch unsers Beda wurde; aber aus allen Klöstern Englands kamen Mönche, die Gesangskunst bei ihm zu lernen, dorthin. So hat Benedict nach den verschiedensten Richtungen hin die Civilisation Englands gefördert, und seinem Beispiel eiferte Ceolfrid nach. Das Bild dieser hoch verdienten Männer erscheint in dem schönen Werkchen ihres Schülers um so ungetrübter, als von keinerlei Wunderthaten von ihnen berichtet wird.

Ein anderes Supplement zu der Kirchengeschichte Beda's, auf welches er, als viel früher verfasst, in derselben auch hinweist, ist das Buch De vita et miraculis S. Cuthberti, episcopi Lindisfarnensis. Dieser Prosaschrift, welche er auf den Wunsch eines Nachfolgers des Cuthbert, Eadfrid und der Mönche des Klosters Lindisfarne unternahm, ging aber eine Dichtung Beda's: De miraculis S. Cuthberti längere Zeit voraus, die er auch in der Prosaschrift hier und da im Ausdruck benutzt hat. Indessen ist die letztere keineswegs eine blosse Version der Dichtung, vielmehr eine selbständige Arbeit, wie auch schon ihr Vorwort zeigt. Beda hat sich, wie er darin versichert, auch bei diesem Buch alle Mühe um eine wahrheitsgetreue Erzählung gegeben, indem er es nach seiner Abfassung einigen Mönchen, die mit Cuthbert längere Zeit nahen Umgang gehabt hatten, mittheilteEbenso schrieb – worauf Mayor in den Notes seiner Ausg. p. 210 hinweist – Willibald das Leben des h. Bonifaz zunächst auf Wachstafeln zur Prüfung durch Lul und einen andern, um es erst nach dieser auf Pergament abzuschreiben. S. die Passio s. Bonfatii bei Jaffé a. a. O. S. 481. und nach ihrem Urtheil verbesserte, dann aber noch der Kritik einer Versammlung der Senioren und Lehrer des Klosters Lindisfarne unterwarf, die aber nichts mehr zu ändern fanden. Die 642 Prosaschrift unterscheidet sich von der Dichtung in materieller Beziehung namentlich dadurch, dass in der letztern nur die WunderSo wird hier selbst die Aufnahme Cuthberts ins Kloster kaum angedeutet., in der erstern dagegen auch das übrige Leben des Heiligen behandelt wird, wie dies auch die Titel beider Werke richtig anzeigen. Eine solche Ergänzung hatte Beda auch in dem Vorwort der Dichtung schon versprochen. Es genügt also in stofflicher Hinsicht, allein die Prosaschrift hier zu betrachten, während wir in formeller die Dichtung später berücksichtigen. Die Hauptquelle aber, aus welcher Beda den Stoff geschöpft hat, war ein uns noch erhaltenes älteres Leben des Heiligen von einem Mönch von Lindisfarne.

Die Vita Cuthberti des Beda unterscheidet sich aber, trotz aller gut gemeinten Vorkehrungen zum Schutze der historischen Wahrheit und trotz der Anführung von Augenzeugen, von den Vitae abbatum desselben, wie ein geschichtlicher Roman von Geschichte. Das romantische Element sind die Mirakel des Heiligen, welche auch hier, wie in dem Gedicht Beda's, die Hauptrolle spielen, indem nicht bloss die natürlichsten Dinge zu Wundern hinaufgeschraubt werden, sondern auch alle Ekstasen des Heiligen, der, ähnlich dem heiligen Martin, häufig von Engeln und Teufeln heimgesucht zu sein glaubte, als lautere Wahrheit hingenommen werden; der Sympathiecuren desselben nicht zu gedenken.Cuthbert schwatzte selbst gern von den von ihm vollbrachten Mirakeln, gerade wie Martin im Alter, und deutete oft verschleiert noch mehr an (s. c. 7). Aber es fehlt andererseits auch nicht an wirklichen historischen Thatsachen in diesem Buche, die ihm einen höhern Werth verleihen: so wenn erzählt wird, wie Cuthbert als Vorstand des Klosters Melrose gegen den Rückfall des Volkes in den heidnischen Aberglauben zur Zeit der Pest kämpfte, indem er Monate lang allein predigend auf dem Lande umherzog (c. 9 ff.), oder wie er, nach Lindisfarne versetzt, eine strengere Regel in diesem auch später so berühmten Kloster einführte, oder endlich, wie er als Anachoret auf dem kleinen Felseneiland Farne ein hier mit allem Detail geschildertes Robinsonartiges Einsiedlerleben führt, um von dort zu den wichtigsten politischen Berathungen (c. 24) wie auf den Bischofsstuhl berufen zu werden (685). Nur zwei Jahre 643 aber nahm er diesen ein, um dann in seine Eremitenklause zurückzukehren.

Wie dieses prosaische Heiligenleben Beda's an eine Dichtung desselben sich anschliesst, so hat er auch, wahrscheinlich schon früherWie es denn auch in der Liste seiner Werke vorausgeht., auf Grund der Natalitien des Paulin (namentlich c. IV, V und VI)S. oben S. 302 f. ein kürzeres Leben des heiligen Felix in Prosa geschrieben, weil, wie er in der Vorrede sagt, die Hexameter Paulins doch mehr ›metrischen‹ als einfachen Lesern zugänglich wären. Zum Nutzen der letztern, der grossen Mehrzahl, habe er die Arbeit ausgeführt nach dem Vorbild dessen, der Prudentius' Hymnus auf Cassian in Prosa übertragen.Wen hier Beda meint, muss dahingestellt bleiben; aber beachtenswerth ist, dass damals diese im spätern Mittelalter so gewöhnliche literarische Sitte aufgekommen zu sein scheint, die versificirten Heiligenleben in Prosa aufzulösen.

Noch ein, und zwar literargeschichtlich sehr wichtiges historisches Werk hat Beda verfasst, dessen Einfluss im Mittelalter sich selbst noch weiter als der seiner Kirchengeschichte erstreckt hat. Dieses Werk ist aber aus einem Felde streng wissenschaftlicher Studien hervorgegangen, auf welchem Beda's Gelehrsamkeit für jene Zeit wahrhaft bewundernswerth erscheint. Ich meine seine Weltchronik, die er im Anschluss an sein grosses chronologisches Werk De temporum ratione, und zwar als integrirenden Theil desselbenIm Eingang der Weltchronik wird mit supra auf c. 10 ›De temporum ratione‹ zurückgewiesen., 725–727 verfasst hat.Der chronologische Theil ist 725 geschrieben, wie alle Beispiele zeigen (s. namentlich c. 40), während die Chronik bis 727 geht, also frühstens erst in diesem Jahre abgeschlossen ist. Letzterem aber ging ein viel kleineres Buch, De temporibus, das gleichsam nur die Grundzüge des grössern enthält und schon 703 geschrieben war (s. c. 14), voraus, und dies enthält denn auch den Grundriss jener Weltchronik, der nicht bloss weniger Data, sondern auch weit weniger Facta und nur im Lapidarstile gibt.Ueber seine Quellen s. Wetzel, die Chroniken des Baeda. Halle (Diss.) 1878, S. 41 f. Das materielle Verhältniss beider Werke wie der beiden Weltchroniken, die in ihrem Gefolge erscheinen, zu veranschaulichen, bemerke ich, dass in der Gilesischen 644 Ausgabe der chronologische Abschnitt des Buches De temporibus 9 Seiten, der des Werkes De temporum ratione dagegen 129, die Weltchronik des erstern nur 6½ Seiten, die des letztern 61 Seiten einnimmt.

Das grössere chronologische Werk ist also eine weitere Ausführung des kleineren, wenn auch in grossem Massstab und mit Einschaltung einzelner ganz neuer Abschnitte; wie Beda in der Vorrede desselben sagt, unternahm er es auf den Wunsch seiner ›Brüder‹, denen das Buch von den Zeiten viel zu kurz den Gegenstand behandelte. Um den Inhalt dieses Werkes, das IdelerHandbuch der Chronologie Bd. II, S. 292. ein vollständiges Lehrbuch der Zeit und Festrechnung nennt, etwas näher anzuzeigen, so wird hier gehandelt von der Fingerrechnung, der Eintheilung der Zeit und den GewichtenDiese beiden ersten Kapitel fehlen ganz dem kleinern Werk; auch in vielen Mss. des grössern finden sie sich nicht, dagegen als selbständige Abhandlungen Beda's, während sie in den Brittischen Mss. nach Giles, Tom. VI, p. VII, dem Werke ›De temp. rat.‹ einverleibt sind, und allerdings erscheinen sie hier auch in der Darstellung mit dem Ganzen verbunden., dem Tage, der Nacht, der Woche – und dabei auch der sogenannten grossenDer Weltwoche. Vgl. Lactanz oben S. 83., der der Zeitalter (c. 10) –, den Monaten – wo ausser den römischen auch die der Hebräer, Aegypter, Griechen und Anglen behandelt werden, die letzten aus patriotischer RücksichtAntiqui autem Anglorum populi (neque enim mihi congruum videtur, aliarum gentium annalem observantiam dicere et meae reticere) etc. c. 15. – den Monatszeichen (Sternbildern), dem Mondlauf (c. 17) und seiner calendarischen Bedeutung, woran sich noch manche Erörterungen über den Mond, so auch über sein Verhältniss zu Ebbe und Fluth (c. 29) knüpfen, ferner von den Aequinoctien und Solstitien, der ungleichen Länge der Tage, den Jahreszeiten, den natürlichen Jahren, dem Schalttag, dem neunzehnjährigen Cyklus und seiner Eintheilung, der Rechnung nach Christi Geburt (c. 47), den Indictionen, Epacten, dem Mondcyklus, der Bestimmung des Osterfestes: welche Gegenstände alle mit grosser theoretischer Gründlichkeit und dabei doch zugleich mit aller Rücksicht auf die praktische Verwerthung dieser Kenntnisse gelehrt werden. Auch fügte Beda eine Ostertafel, wie er c. 65 sagt, dem Werke bei 645 vom Jahre Chr. 532 an, ›wo Dionysius den ersten Cyklus anfing‹, bis zum Jahre 1063.

Nach Beendigung dieses theoretischen Theils folgt nun im Kapitel 66 das Chronicon sive de sex huius saeculi aetatibus. Wie schon dieser Titel anzeigt, hat auch Beda seine Chronik nach den Weltaltern eingetheilt, zwar nach dem Beispiel des Isidor – dem er auch einzelne Stellen wörtlich entlehnt hat –, aber vornehmlich im Hinblick auf Augustin selbst, den eigentlichen Urheber dieser Eintheilung, wie wir sahen. So entnimmt Beda im Eingang seiner Chronik, selbst wörtlich, der Civitas dei die Motivirung jener Eintheilung. Beda erscheint daher Isidor gegenüber, abgesehen von manchen einzelnen Entlehnungen, ganz original. Augustin ist vielmehr sein Führer, Eusebius Hieronymus seine Hauptquelle (auch in chronologischer Beziehung), beide werden auch von ihm wiederholt citirt. Ausserdem hat er namentlich noch Orosius und Marcellin benutzt.S. in Betreff der Quellen das Genauere bei Wetzel a. a. O. S. 10 ff. Der Autorität des Augustin folgendCiv. dei XV, c. 13, worauf Beda verweist., rechnet Beda die Jahre der Welt nach dem hebräischen Original des Alten Testaments und nicht nach der Septuaginta, wie Isidor. Beda gibt auch nicht selten viel mehr als der letztere, selbst ganze Partien: so im Beginne des fünften Weltalters die Reihe der Nachfolger Nebucadnezars und die der Perserkönige von Cyrus bis Darius, während Isidor' erst mit diesem anhebt; so ist Beda auch bei den römischen Kaisern, deren Regierungsjahre er neben den Jahren der Welt angibt, viel ausführlicher als sein Vorgänger.Als für die Pilatussage beachtenswerth hebe ich hervor, dass im Beginne des sechsten Weltalters – bei Giles VI, p. 301 f. – die Verbannung des Sohnes des Herodes, Archelaus, nach Vienne, und der Selbstmord des Pilatus (nach Orosius l. VII, c. 5) berichtet wird. Britannien findet, wie billig, eine besondere Berücksichtigung, und namentlich in den letzten Decennien, wie denn auch hier der Sendung Theodors und der Romfahrten der Anglen gedacht wird.l. l. p. 326 u. 331, s. auch p. 311. – Im Anschluss an diese Chronik folgen nun in dem Werk De temporum ratione noch vier Kapitel, wo der Verfasser von dem ›Reste des sechsten Weltalters‹, von der Zeit der Ankunft des Herrn wie des Antichrist, von dem Tage des jüngsten Gerichts und dem siebenten und achten Weltalter kurz handelt. 646 Namentlich tritt er hier (c. 67) der Ansicht entgegen, als könne die Verschiedenheit der Zählung der Jahre der Welt – nach dem hebräischen Original oder nach der Septuaginta – irgendwie die Bestimmung des jüngsten Tages berühren, insofern derselbe als ein Geheimniss Gottes überhaupt nicht berechnet werden könnte; denn die Behauptung, dass nach Ablauf von 6000 Jahren diese Zeitlichkeit zu Ende sei, weil die Zahl der Jahrtausende der Weltdauer den sechs Schöpfungstagen entspreche, sei eine irrige; die Schöpfungstage bezögen sich vielmehr auf die Weltalter, und von diesen umfasste ja keineswegs ein jedes gerade 1000 Jahre, im Gegentheil die einen mehr, die andern weniger.Zu dieser Erörterung wurde Beda offenbar deshalb veranlasst, weil man ihm nach dem Erscheinen des Grundrisses ›De temporibus‹, wo sich – in der abbreviirten Chronik – dieselbe Zählung der Jahre findet und sie nicht gerechtfertigt ist, die wunderlichsten Ketzereien vorgeworfen hatte, wogegen er in einem besondern uns erhaltenen Schreiben ›ad Plegwinum‹ sich vertheidigt. Er eifert auch dort gegen die allgemeine Unsitte, das Jahr des Weltuntergangs berechnen zu wollen. Wie oft werde er selbst von Bauern befragt, wie viel Jahre vom letzten Milliarium noch übrig wären! Die beiden sichersten Anzeichen des herannahenden Tages des jüngsten Gerichts wären aber die Bekehrung der Juden und die Herrschaft des Antichrist (c. 69). Das siebente Weltalter ist das des ewigen Sabbaths, das achte das der seligen Auferstehung. Die Weltalter entsprechen zugleich der Leidenswoche Christi, und sind durch sie mystisch angedeutet.

An die chronologischen Studien Beda's schliesst sich ein Werkchen an, das auch für das Mittelalter von Bedeutung wurde: sein Martyrologium, de natalitiis sanctorum diebus, wie Wattenbach sagt, ›die Grundlage aller spätern Umarbeitungen‹, das selbst aber natürlich auf älteren, namentlich römischen Martyrologien ruht.S. das älteste bekannte bei Mommsen über den Chronographen etc. a. a. O. S. 631 f. und vgl. ebenda S. 581. In diesem Märtyrerkalender, welcher uns freilich nur in einer spätern, von Florus erweiterten Ausgabe überliefert istS. unten Bd. 2, S. 128 u. 268., sind mitunter die Marter mit einer für einen Kalender grossen Ausführlichkeit gegeben, und es ist da oft wahrhaft zu erstaunen, wie ein so gelehrter, ja gebildeter Mann als Beda die albernsten und widerwärtigsten Uebertreibungen nicht bloss gläubig hingenommen, sondern auch mit einem gewissen Behagen wiedergegeben hat; man lese z. B. die Leiden des heiligen 647 Pachomius unter dem 14. Mai.Dass diese Schilderungen aber keine spätern Zusätze, sondern Beda originell sind, zeigt schon die Art, wie er das Martyrologium in der Liste seiner Schriften aufführt: non solum qua die, verum quo genere certaminis – – mundum vicerint. Es erscheint mir dies bemerkenswerth im Hinblick auf die bildende Kunst und das spätere Drama des Mittelalters.

Auf diesen die Geschichte und Geschichtswissenschaft betreffenden Schriften beruht Beda's grosse Wirkung auf die Literatur und Kultur des Mittelalters, wie sich denn auch darin seine Begabung sowie Gelehrsamkeit am glänzendsten zeigt. Diesen prosaischen Leistungen gegenüber treten seine poetischen ganz in den Hintergrund. Er hat zwar mancherlei in Versen geschrieben, so führt er selbst in der Liste seiner Werke ausser der Dichtung De miraculis S. Cuthberti auch einen ganzen Liber hymnorum diverso metro sive rhythmo und einen Liber epigrammatum heroico metro sive elegiaco an, aber weder das eine noch das andere Buch ist uns erhalten, und von den wenigen einzelnen Hymnen und Epigrammen, die ihm beigelegt werden, hat kaum eins oder das andere Gedicht eine geringe Wahrscheinlichkeit der Authenticität für sich. Die beiden Bücher mögen wohl um so eher das Schicksal der Vergessenheit verdient haben, als sie hiergegen nicht einmal ein so berühmter Name schützte. Die Literaturgeschichte hat indess den Verlust des Hymnenbuchs in jedem Fall zu beklagen, schon weil in demselben nach dem von Beda selbst mitgetheilten Titel – was höchst beachtenswerth ist – metrische und rythmische Hymnen desselben Verfassers vereint waren.Denn dass im Titel das ›sive‹ für ›et‹ steht, was ohnehin damals häufig, zeigt nicht bloss die Unterscheidung von Metrum und Rythmus in der weiter unten besprochenen metrischen Schrift Beda's, sondern auch der Titel des ›liber Epigrammatum‹. Ein Hymnus von Beda ist uns aber durch seine Kirchengeschichte (IV, c. 20) aufbewahrt worden, welcher der Autor ihn einverleibte; es ist ein hymnus virginitatis, wie Beda ihn bezeichnet, zum Lob der Königin Etheldrida, die Nonne und dann Aebtissin geworden war, in Distichen, welche die schon von Sedulius (s. oben S. 379) angewandte Spielerei der Epanalepsis zeigen. Beda feiert namentlich das Wunder, dass, als nach 16 Jahren der Sarg der Etheldrida geöffnet ward, die Leiche selbst wie 648 die Gewänder unversehrt sich fanden, worin man ein besonderes Zeichen der Heiligkeit zu sehen pflegte. Die Verse sind zwar ohne Schwung, aber auch ohne Schwulst geschrieben, in einer nicht unedlen oder unreinen Sprache. – Von den Beda beigelegten Hymnen im ambrosianischen Versmass scheint noch am ehesten die Primo deus caeli globum ihm anzugehören.Bei Mone a. a. O. I, p. 1. – Für Beda's Autorschaft scheint auch ein Brief Alcuins in Jaffé's Monum. Alcuin. No. 234, pag. 749, zu sprechen. Hier finden wir, was den Inhalt betrifft, die Parallelisirung der sechs Weltalter mit den Schöpfungstagen, sowie auch mit der Leidenswoche wieder, ganz übereinstimmend mit c. 10 und den Schlusskapiteln des Werks De temporum ratione, und was die Form anlangt, die Epanalepsis in dem ersten Haupttheil des Gedichtes, wo allemal in einem Strophenpaar ein Tag und ein Weltalter parallelisirt ist: da wird denn der erste Vers der einen Strophe immer zum letzten der andern gemacht. Dieselbe Epanalepsis, welche hier in der Einschränkung auf die Strophen dieses Inhalts einen gewissen Sinn hat, findet sich ohne eine solche Bedeutung auch in einem Hymnus auf den Tag der unschuldigen Kindlein, und ist dieser wohl eben deshalb dem Beda beigelegt worden.Die bei Giles I, p. 54 ff. wunderlicher Weise unter dem Titel ›Hymni‹ abgedruckten Gedichte ›De ratione temporum‹, ›De celebritate quatuor temporum‹, ›De variis computi regulis‹ sind spätere Versificationen von Partien aus dem grösseren chronologischen Werke Beda's, die ihm selbst zuzuschreiben eine Absurdität ist. – Das Gedicht von den Wundern des heiligen Cuthbert haben wir in Betreff des Inhalts schon oben betrachtet; was seine Form anlangt, so geben der von Schwulst freie, mitunter selbst ganz geschmackvolle poetische StilAuch die Alliteration findet sich nur ganz selten in einer auffallenden Weise. sowie der öfters wohl gebaute Hexameter ein neues Zeugniss von der seltenen Bildung, die sich Beda erworben, so wenig sich deshalb darin auch ein poetisches Genie bekundet.

Beda hat sich auch theoretisch mit der Poesie wie mit der Beredsamkeit beschäftigt; neben einem Schriftchen über Orthographie und einem Buch De schematibus et tropis sacrae scripturae, worin er diese rhetorischen Formen einzeln definirt und durch Beispiele aus der Bibel erläutert, die auch in Betreff 649 solcher Ausdrucksweise alle andern Bücher überrageBeda folgt in dieser Anschauung Cassiodor, s. oben S. 506. Merkwürdig ist, dass er dabei die Vulgata so mit dem Original identificirt, dass er selbst für das Homoeoteleuton aus ihr die Beispiele entlehnt. – Das Werkchen ist am besten herausgegeben von Halm in dessen Rhetores lat. minores. – hat er auch ein Büchlein De arte metricaAm besten edirt, zugleich mit dem Buchlein De orthographia, in Keils Grammatici lat. T. VII, p. 217 ff. verfasst (dem das eben genannte von ihm angehängt war). Dies ist weit interessanter als die beiden andern; denn obgleich zum grossen Theil nur ein Auszug aus ältern Metrikern, namentlich dem Victorinus, Audax und Mallius TheodorusS. über die Quellen Keils Prolegg. l. l. p. 221., bietet es doch sowohl durch die Citate aus christlich-lateinischen Dichtern wie durch die für die Folgezeit zum Theil massgebende Auffassung einzelner Punkte, wenn auch diese keine dem Beda persönlich eigenthümliche war, manche literargeschichtlich wichtige Einzelheit.Vgl. oben S. 120. In Betreff der Auffassung ist besonders beachtenswerth, dass Beda, wie schon angedeutet, die iambischen Dimeter der ambrosianischen Hymnen als Tetrameter betrachtet und so auch nennt (c. 21), so dass er die Verse der vierzeiligen iambischen Strophe nur als versiculi – bei ihm gleich Hemistichen – ansieht, von denen zwei erst einen versus bilden, indem offenbar die aus dem Distichon des Tetrameter trochaicus entsprungene vierzeilige trochäische Hymnenstrophe zu dieser Auffassung ihn verleitet hat.So erklärt sich allein auch die oben S. 179, Anm. 2 citirte bemerkenswerthe Stelle; vgl. auch oben S. 632, Anm. 4.

Noch ein wissenschaftliches Werkchen hat Beda verfasst, und vielleicht gleichzeitig mit dem De temporibus herausgegebenEr führt beide zusammen in der Liste seiner Werke auf., an welches es, dem Inhalt nach, auch zunächst sich anschliesst; es ist die Schrift De natura rerum; eine kleine Kosmographie auf Grund der Werke der Alten. – Andere wissenschaftliche Abhandlungen fanden sich in seinem Liber epistularum ad diversos, von dessen fünf in der Liste seiner Werke namhaft gemachten Briefen einer De ratione bissexti und einer De aequinoctio von ihm dort betitelt wird: nur der letztere aber hat sich von beiden erhalten. Einer der andern 650 ist das oben S. 646, Anm. 1 erwähnte Schreiben ad Plegwinum: De sex aetatibus mundi. – Ausserdem besitzen wir noch, abgesehen von Widmungsschreiben, zwei Episteln Beda's, die eine ein kurzer Brief an Albinus, worin er ihm für seine Unterstützung bei Abfassung der Kirchengeschichte dankt, die andere dagegen eine lange Abhandlung an seinen Schüler und Freund Egbert, nachdem dieser Erzbischof von York geworden war. Diese Epistel, die nicht lange vor Beda's Tode geschrieben, ist sehr beachtenswerth; sie enthält nicht bloss treffliche Lehren über die Pflichten des Episcopats, was ihre nächste Absicht ist, sondern sie beleuchtet auch die sittlichen und kirchlichen Verhältnisse Englands in jener Zeit in einer Weise, die manche ganz neue Einzelheiten, namentlich auch über die Klöster, zu Tage treten lässt.Einen Auszug gibt Gehle p. 93 ff.

 

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