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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1 - Kapitel 62
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1889
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
pages667
created20120824
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiunddreissigstes Kapitel.

Ildefonsus. Eugenius. Iulianus.

In noch weit höherem Grade als in Isidors De viris illustribus findet sich die Bevorzugung Spaniens in der kurzen Fortsetzung, die dies Buch durch seinen Schüler, den Bischof von Toledo Ildefonsus, einen vornehmen Gothen († 667), erhieltIn Isidori opp. ed. Arévalo (s. S. 588, Anm. 2). Tom. VII, p. 165 ff. Append. I und in Fabricii Bibliotheca ecclesiastica. Hamburg 1718. fol. – – Wagenmann, Artikel Ildefonsus in der Real-Encyclop. f. Prot. Theol. Bd. 6, S. 696 ff. – der auch ein paar theologische Werke verfasst hat, die indess von keiner allgemeinen literarischen Bedeutung sind. Von den vierzehn von ihm aufgeführten Namen gehören zwölf geborenen Spaniern an, und noch einer der beiden andern, ein afrikanischer Mönch, war Spanier wenigstens geworden; nur Gregor der Grosse, den Ildefonsus noch einmal behandelt, bildet in der That eine Ausnahme. Vor allem hat die Schrift aber, wie auch das Vorwort anzeigt, die Verherrlichung des Bisthums von Toledo zum Zweck; nicht weniger als acht der Vorgänger des Ildefonsus werden hier behandelt, und selbst darunter solche, die gar nichts geschrieben zu haben scheinen. Ueberhaupt werden von den meisten keine Schriften genannt, die mindestens also in hohem Grade unbedeutend gewesen sein müssen: von 603 einem (Helladius) wird geradezu gesagt, dass er zu schreiben abgelehnt habe. Sie werden offenbar nur als Gottesgelehrte, die durch Beispiel und mündliche Rede wirkten, hier aufgeführt; als viri illustres der Kirche konnten sie darum doch gelten: dies ist sicher die Auffassung des Ildefonsus – wie auch der Eingang des Vorworts zeigt – und eine jener Zeit, wo das Schriftthum immer seltener wurde, wohl entsprechende. So hat seine Fortsetzung doch einen eigenthümlichen Charakter. Sie wurde später, wie man weiter unten sieht, noch um zwei Artikel erweitert.

Der einzige, von welchem Ildefonsus – abgesehen von Gregor – eine grössere Zahl von Werken aufführt, ist sein unmittelbarer Vorgänger auf dem Bischofssitz von Toledo (von 646 – 657), Eugenius II.Eugenii episc. Toletani opuscula. Adiecta item aliorum aliquot veterum scriptorum varia. Paris 1619 (Ed. Sirmond). – Migne's Patrol. lat. Tom. 87, p. 359 ff. aus Lorenzana's Collectio Patrum Toletan. Diese Ausgabe enthält nicht wenige Gedichte mehr als die erstere, freilich ist aber deren Authenticität, wie der Herausgeber selbst von manchen zugibt, sehr zweifelhaft. Unter ihnen sind bemerkenswerth Distichen auf Vögel und auf Edelsteine, sowie eine ganze Reihe an einen König in Hexametern gerichteter kürzerer Gedichte über die Tugenden und Pflichten seines Amtes. Ein Gebet verheisst ihm zum Schluss für ihre Erfüllung den Beistand des Himmels zur Besiegung von Königen, die die Gottheit Christi nicht anerkennen. – Hümer fand noch in einem Codex von Trier zwischen Versen des Eugenius solche, die Räthsel enthalten, die er in den Wiener Studien, Bd. 5, S. 167 f. herausgab. Wenn das erste dieser Gedichte, welches der Herausgeber ganz und gar nicht verstanden hat, überhaupt ein Räthsel zu nennen ist, so liegt die Auflösung (do – mus) klar auf der Hand; selbstverständlich ist im Pentameter dare zu lesen., den wir schon oben (S. 392) als Herausgeber des Dracontius erwähnt haben. Wie schon diese Edition zeigt, die auch am Schluss einige eigne Verse des Eugenius zum besten gibt, beschränkte sich seine literarische Thätigkeit nicht auf die Theologie allein, er hatte auch Sinn für Musik und Poesie: wie er den Kirchengesang verbesserte, so hat er auch ein ›Büchlein‹ Gedichte verfasst. Die uns erhaltenen sind schon deshalb beachtenswerth, weil wir aus diesem Jahrhundert so wenige besitzen. Es sind zum Theil Gelegenheitsgedichte im elegischen Metrum, die an die des Fortunat erinnern: so Epigramme auf Kirchen, auch zu Inschriften bestimmt, ein paar Epitaphien und Episteln. Auch satirisch-didaktische Epigramme, gegen einzelne Sünden gerichtet, finden sich; 604 dazu ein paar Gedichte elegischen Inhalts, worin der von Jugend auf schwächliche Dichter über Krankheit, das frühe Alter und die Kürze des Lebens klagt, auch ein Gebet an Gott in Hexametern, das, an Paulin erinnernd, tief empfunden, auch einen geschmackvolleren sprachlichen Ausdruck als die andern Gedichte aufweist. In metrischer Beziehung ist beachtenswerth, dass, wenn auch der Hexameter und das Distichon vorherrschen, der Verfasser doch auch in andern Versmassen sich versucht, wie dem trochäischen und dem iambischen Trimeter und der sapphischen Strophe, ja die beiden letzten Versmasse mit dem Distichon in einem Gedichte verbindet. Tritt hierin noch ein Interesse an der antiken Kunstform als solcher hervor, so zeigt sich andererseits auch bei Eugen, wie bei Fortunat, die geschmackloseste Formspielerei nicht bloss in der Anwendung der Epanalepsis, des Acrostichon und Telestichon, sondern auch in der kindlich albernen Trennung der Worte im Verse.In dem Gedicht an Ioannes, welches beginnt:
        O Io - versiculos nexos quia despicis - annes,
        Excipe di - sollers si nosti iungere - visos,
        Cerne ca - pascentes dumoso in littore - melos
etc.
Noch sei bemerkt, dass der Reim in Eugens Gedichten auch nicht selten ist.Das Gedicht ›De Philomele‹, bei Riese Anthol. II, No. 658, Eugen beizulegen, liegt kein triftiger Grund vor; es spricht vielmehr nicht wenig dagegen..

Noch ist ein Spanier wenigstens durch eine Schrift von allgemeiner literarischer Bedeutung in diesem Zeitalter erwähnenswerth. Es ist ein Schüler des Eugenius und Verfasser des Artikels über Ildefonsus, der dessen Schrift De viris illustribus von ihm hinzugefügt ist, Iulianus, beider Nachfolger auf dem Bischofssitz von Toledo 680–690. Er hat ausser mehreren uns noch erhaltenen theologischen, sowie einem grammatischen Werke und einem, wie es scheint, verlorenen Buch Gedichte, welches Hymnen, Epitaphien und zahlreiche Epigramme enthieltNach dem über ihn der Schrift des Ildefonsus von Felix (693–700 Bischof von Toledo) beigefügten Artikel., eine historische Schrift ›über das, was sich zur Zeit des Königs Wamba in Gallien zutrug‹– – item librum historiae de eo quod Wambae principis tempore Galliis exstitit gestum. – wie Julians Biograph, Felix 605 dies Buch betitelt – verfasst.In verschiedenen Sammlungen, so bei Duchesne, Historiae Francor. scriptor. coetan. T. I, Florez, Esp. sagr. T. VI, und in Migne's Patrol. T. 96. Es ist die Geschichte der gleich im Beginne von Wamba's Regierung ausgebrochenen Empörung Septimaniens, welche durch die Kühnheit und Tapferkeit jenes letzten tüchtigen Westgothenkönigs bald unterdrückt wurde, im Jahre 673. Das Buch ist gewiss nicht lange nach den Ereignissen niedergeschrieben worden: dafür spricht sein ganzer Charakter. Es gibt uns eine durchaus zusammenhängende, höchst lebendige, reich detaillirte Erzählung, die den Verfasser als einen Schüler der Alten erkennen lässtEs findet sich selbst eine Phrase wie: Iam solis croceum liquerat aurora cubile. Die Schilderungen (z. B. die des eroberten Nîmes) zeigen öfters eine wahre Kunst in der Darstellung., wie er denn auch nach ihrem Beispiel nicht selten Reden einflicht, von denen wenigstens einzelne reine Producte der Rhetorik sindWie z. B. die Rede Wamba's beim Beginne des Feldzugs., andere kleinere allerdings auf einer Ueberlieferung ihrem Inhalt nach beruhen. Es ist dies Buch, das eine seltene Einheit der Composition zeigt, alles dem Gegenstand fern liegende vermeidet, und von einem Gedanken von Anfang bis Ende beherrscht ist, eine in der Historiographie jener Zeit höchst merkwürdige Erscheinung. Die Absicht aber, die der Verfasser verfolgt, ist, wie er im Eingang und am Schlusse ausspricht: durch seine Erzählung zur Tugend, namentlich die Jugend, anzuspornen, und den Bösen ein Exempel in dem Sturz der Empörer zu zeigen. Das Tugendvorbild aber ist der König. So erhält die Darstellung allerdings ein gewisses panegyrisches Kolorit, sie ist zur Verherrlichung des Sieges Wamba's geschrieben. An manchen Stellen zeigt sich denn auch jene später den klassischen Historikern der spanischen Nationalliteratur eigenthümliche Grandiloquenz, die selbst in Schwulst übergeht; so in dem Ausdrucke der feindseligen Gesinnung gegen das westgothische Gallien. – Dies Buch Julians bekundet weit mehr als die antik-metrischen Versificationen des Eugenius, dass auf der pyrenäischen Halbinsel bei den HöchstgebildetenZu denen auch Könige gehörten, wie Chindasvinth (s. oben S. 392) und Sisebut, der ein Leben des heil. Desiderius verfasst haben soll, sowie einen Computus in Hexametern, von welchen eine Anzahl unter seinem Namen überliefert worden sind. S. dieselben in Muratori's Anecdota ex Ambros. biblioth. T. III, p. 160., die in 606 den Bischöfen von Toledo ihre würdigsten Vertreter haben mussten, noch eine weit höhere aus dem Alterthum überlieferte Kultur sich erhalten hatte, als in dem benachbarten Frankenreiche, eine Kultur, die leider nur bald darauf durch die Eroberungen des Islam vollkommen brach gelegt wurde.

 

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