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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1 - Kapitel 60
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1889
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
pages667
created20120824
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Dreissigstes Kapitel.

Weltchronik: Marius Aventicensis. Victor Tunnunensis. Ioannes Biclariensis.

Auch die von Eusebius-Hieronymus begonnene Weltchronik fand in der zweiten Hälfte des sechsten Jahrhunderts erneute Bearbeitung und Fortsetzung. Wir nennen zuerst einen Landsmann Gregors, welcher die Chronik des Prosper Tiro von ihrem letzten Abschluss 455 ab bis 581 fortführte. Es ist Marius Aventicensis.S. *Arndt, Bischof Marius von Aventicum. Sein Leben und seine Chronik. Nebst einem Anhang über die Consularreihe der Chronik. (Habilitationsschrift.) Leipzig 1875. – Roncallius und Rösler, a. a. O. (oben S. 441, Anm. 1); und Monod (oben S. 566, Anm. 1). Vgl. auch Binding, a. a. O. S. 274 ff. und Gelpke's Artikel in der Real-Encyclop. f. prot. Theol. Bd. IX, p. 331 f. Marius, von vornehmen Geschlecht, um das Jahr 530 in der Diöcese von Autun geboren, wurde 574 Bischof von Avenches, wonach er seinen Beinamen führt. Er verlegte von dort gegen Ende seines Lebens den Sitz seines Bisthums nach Lausanne, wo er 594 starb und begraben wurde. Er scheint nur nach schriftlichen QuellenUeber diese – es sind namentlich Ravennater und gallische Annalen – s. Arndt, S. 26 und Holder-Egger, Neues Archiv, Bd. I, S. 254 ff., wenn auch von der Mitte des 586 sechsten Jahrhunderts als zeitgenössischer Zeuge der Ereignisse, gearbeitet zu haben. Merkwürdig ist, wie für den burgundischen Autor das römische Reich noch immer dieselbe Bedeutung hat, als für seine Vorgänger Hieronymus und Prosper: aber es war nicht bloss das letzte Weltreich überhaupt, wie die Kirche lehrte, sondern der katholische Bischof blieb sich seiner romanischen Herkunft um so mehr bewusst, als selbst das germanische Volkselement Burgunds stark romanisirt war und die Beziehungen dieses Landes zu Italien immer rege blieben, – wie beide ja auch später zu einem Reiche wieder verbunden wurden. Das römische Kaiserthum hatte überdem durch Justinian einen neuen ungeahnten Glanz erhalten. So rechnet Marius nicht bloss nach den Consuln, wie sein Vorgänger, und fügt gleich den Byzantinern seit 522 die Indictionen hinzu, sondern er notirt auch Thronbesteigung und Tod der Kaiser des Ostens mit einer grössern Sorgfalt als die der Könige der Franken. Marius betrachtet sich eben als Römer. So werden, ausser dem Heimathland, Italien und das byzantinische Reich am meisten berücksichtigt, selbst Stadtgeschichten von Constantinopel als der Hauptstadt erzählt. Uebrigens ist die Chronik, da viele Jahre ohne Hinzufügung von Nachrichten bleiben, ein kurzes Werkchen, das, ohne viel neues zu bieten, doch durch die Genauigkeit seiner Angaben auch materiell werthvoll ist. Dieselben beschränken sich aber fast nur auf die politische Geschichte.

Derselben Ansicht von der Fortdauer der römischen Weltherrschaft begegnen wir damals in der Weltchronik eines Afrikaners, des Victor TunnunensisS. Roncallius und Rösler a. a. O., dieselben auch für den folgenden Chronisten; für Victor insbesondere aber noch Papencordt, a. a. O. S. 359 ff., die uns aber nur in der Gestalt einer Fortsetzung des Prosper, und zwar vom Jahre 444 an, erhalten istDass das Werk eine vollständige Weltchronik war, der Verfasser ab ovo anfing, hat Papencordt S. 360 ff. sicher erwiesen. Victor hat offenbar ebenso wie Prosper verfahren (s. oben S. 441), an den er in dem uns erhaltenen Theile sich zunächst auch anschliesst, indem seine Chronik von 444–445 wesentlich eine Bearbeitung der des Prosper ist.; sie erstreckt sich bis zum Jahre 566. Victor war Bischof der in der Proconsularprovinz Afrikas gelegenen Stadt, von der er den Beinamen hatDie Form des Namens der Stadt steht nicht fest: man hat Tunnunum oder Tunnuna angenommen, andere wollten gar Tunes in der Stadt wiederfinden.; er nahm an den 587 kirchlichen Streitigkeiten seiner Zeit den lebhaftesten Antheil: wegen seiner Parteinahme für die sogenannten drei Kapitel unter Justinian wurde er erst nach Aegypten verbannt, dann nach Byzanz zur Rechtfertigung berufen, und als er bei seiner Meinung beharrte, dort in einem Kloster gefangen gesetzt, wo er 569 starb. – Auch Victor rechnet nach Consulaten fort, mit Ausnahme der letzten paar Jahre. Wenn auch bei ihm neben der Heimath Afrika Byzanz ganz besonders, ja fast allein noch berücksichtigt wird, so hat dies doch hier auch einen besondern Grund; Afrika selbst war wieder dem oströmischen Reiche einverleibt worden, ja die romanische katholische Bevölkerung, namentlich aber ihre Geistlichkeit, hatte dort, der vandalischen Herrschaft zum Trotz, niemals aufgehört als Byzanz unterthan sich zu betrachten. Die Chronik Victors erscheint aber viel einseitiger als die älteren, nicht bloss durch die örtliche Beschränkung, die wir auch bei andern mehr oder weniger fanden, sondern durch die Persönlichkeit des Verfassers, dessen ganzes Interesse sich auf die kirchlichen Angelegenheiten concentrirt, die mit der Zeit immer mehr in seinem Buch durchaus in den Vordergrund treten und selbst mit einer dem Chronikstil fremden Ausführlichkeit behandelt werden, wobei er denn auch in der spätern Zeit seiner persönlichen Schicksale, die mit ihnen verflochten waren, gedenkt.Ueber die mannichfachen Unrichtigkeiten dieser Chronik s. Holder-Egger, a. a. O. S. 298 ff.

Victors Chronik erhielt eine Fortsetzung durch einen spanischen Gothen Johannes, der, in Lusitanien geboren, seine Ausbildung in Constantinopel empfing; nach sieben Jahren um 575 in sein Vaterland zurückgekehrt, hatte er als Katholik bei den Verfolgungen derselben durch Leovigild schwer zu leiden. Im Jahre 586 gründete er das Kloster Biclaro am Fusse der Pyrenäen, von welchem er als Chronist Ioannes Biclariensis genannt wird, da er auch dort seine Chronik verfasst hat. Ein Lustrum später wurde er aber zum Bischof von Gerona gewählt. Er lebte noch bis in die ersten Decennien des siebenten Jahrhunderts. – Die Chronik des Johannes, die sich unmittelbar an die des Victor anschliesst, auf den er auch als den letzten seiner Vorgänger im Eingang hinweist, geht bis zum Jahre 590. Er will, wie er ebendort sagt, die Begebenheiten seiner Zeit, 588 theils was er selbst gesehen, theils was er aus dem Berichte Glaubwürdiger erfahren, der Nachwelt ›in kurzem Stile‹ überliefern. Und in der That hat die Treue seiner Berichterstattung alle Anerkennung gefunden. Im Anschluss an das Ende der Chronik des Victor rechnet er auch nach den Regierungsjahren der oströmischen Kaiser, denen er aber in zweiter Reihe die der westgothischen Könige zugesellt. Diese Art der Datirung ist für den ganzen Charakter der Chronik bezeichnend. Sie zeigt an, dass auch für Spanien die römische Weltherrschaft fortbesteht. Zugleich tritt auch stofflich neben Spanien Byzanz in den VordergrundSeit Reccared ist von Spanien allein die Rede, aber es sind nur ein paar Jahre noch; man könnte sonst auch darin einen Beweis finden, dass der Byzantinismus dort wesentlich von dem Katholicismus getragen ward.: erst im Anschluss an dasselbe werden Italien und Afrika, Gallien dagegen fast nur in seinen Beziehungen zu Spanien berücksichtigt. Die Kirchengeschichte aber dominirt gar nicht mehr. Die Chronik ist wegen der geringen Zahl der Jahre, die sie behandelt, eine kurze, obwohl in der Mittheilung der Nachrichten der Verfasser mindestens ebenso ausführlich als Victor ist. – In allen drei genannten Weltchroniken aber ist, soviel ich sehe, die Kategorie der Literatur, wie die der Naturereignisse fast gar nicht, am wenigsten die erste, vertreten.

 

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