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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1 - Kapitel 51
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1889
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
pages667
created20120824
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Einundzwanzigstes Kapitel.

Fulgentius. Martianus Capella.

Eine wunderliche Mischung einer abenteuernden mystischen Speculation mit dürrer grammatischer Gelehrsamkeit zeigt eine literarische Abart, die, von heidnischem auf christlichen Boden verpflanzt, in zwei Werken des Fabius Planciades FulgentiusMythographorum latinorum tomus II, complectens Fabii Planciadis Fulgentii Mythologias, Continentiam Virgilianam et libellum de prisco sermone, etc. (Ed. Muncker). Amsterdam 1681. – Liber absque litteris de aetatibus mundi et hominis auct. F. Cl. Gord. Fulgentio, eruit a mss. codd. J. Hommey et not. illustr. Paris 1694. – – Zink, Der Mytholog Fulgentius, ein Beitrag zur römischen Literaturgeschichte und zur Grammatik des afrikanischen Lateins. Würzburg 1867. 4°. – Reifferscheid, Mittheilungen aus Handschr. II. im Rhein. Museum. N. F. Bd. 23. 1868. – Jungmann, Quaestionum Fulgentiarum capita III in Ritschls Acta soc. philol. Lips. T. I. Leipzig 1870. – Derselbe, Die Zeit des Fulgentius im Rhein. Mus. N. F. Bd. 32 (1877), S. 564 ff. – Gasquy, De Fabio Planciade Fulgentio, Virgilii interprete. Berlin 1887 (Berl. Studien f. class. Philol. Bd. 6). uns in diesem Zeitalter entgegentritt, und von nicht unbedeutender literarhistorischer Wirkung wurde. Es ist die allegorische Deutung der antiken Mythologie, sowohl im allgemeinen, als des mythischen Nationalepos im besondern. Sie kam zuerst durch die griechischen Philosophen, namentlich die Stoiker auf, welche ihr wissenschaftliches Bewusstsein mit dem Volksglauben hierdurch zu vermitteln suchten, indem sie sich bemühten, in 477 den Göttern und den Erzählungen von ihnen naturphilosophische und moralische Ideen (den λόγος φυσικὸς, die physica ratio) nachzuweisen, welche unter bildlicher Hülle darin niedergelegt wären.Zeller, Philos. der Griechen, III, 1, S. 301, wo im Folgenden dies Verfahren der Stoiker ausführlich im einzelnen nachgewiesen wird. Sie entwickelten ihre Deutung vornehmlich auf Grund der homerischen und hesiodischen Gedichte. Nachdem diese allegorische Erklärungsweise dann zugleich mit dem Stoicismus selbst in die römische Literatur übergegangen, schon von Varro adoptirt, auch von den christlichen Apologeten, wie wir sahen, theils als Vertheidigungsmittel der heidnischen Religion bekämpft, theils zur Unterstützung der eignen euhemeristischen Deutung der Mythen benutzt worden war, wird sie nun von unserm Fulgentius im Interesse der christlichen grammatischen Ausbildung verwandt: bildete doch die Grundlage derselben auch in dem christlichen Rom das Studium der klassischen römischen Dichter, insonderheit des Virgil. – Fulgentius war ohne Zweifel Grammatiker von Beruf, der aller Wahrscheinlichkeit nach in Carthago wirkte und in den zwanziger Jahren des sechsten Jahrhunderts schrieb.Für seine afrikanische Herkunft spricht viel. S. im allgemeinen darüber Zink, S. 4 ff. Dass noch zwei desselben Namens, die als theologische Schriftsteller sich bekannt machten und noch unseres Fulgentius Zeitgenossen waren, Afrikaner waren, und ebenso Martianus Capella, sein Geistesverwandter, möchte auch noch dafür in die Wagschale fallen; ingleichen dass der Verfasser des ›Liber absque litteris‹ (s. die folgende Anm.) sich in demselben als Afrikaner bezeichnet. Was die Zeit der Abfassung der Mythologie betrifft, so fasste Zink (S. 12 ff.) die Regierung Hunerichs und speciell ihr letztes Jahr ins Auge – denn wenn die aus Victor Vit. angezogene Hungersnoth noch unter Hunerich eintrat, lässt sich dieselbe nach der Darstellung dieses Autors nicht früher als 484 (vgl. oben S. 457) setzen –; ich selbst wies in der ersten Auflage auch auf die Zeit des Nachfolgers Hunerichs, Gunthamund (484–496) als möglich anzunehmen hin; die treffliche Untersuchung Jungmanns im Rhein. Mus. 1877 macht aber auch mir jetzt die Annahme des Beginns der Regierung Hilderichs 523 in hohem Grade wahrscheinlich. Von seinen Werken gehören hierher seine drei Bücher Mythologien (Mythologiarum) und seine Virgiliana Continentia.Ausserdem ist noch von ihm erhalten die grammatische Schrift: ›Expositio sermonum antiquorum‹. In seiner Virg. Contin. gedenkt Fulgentius noch eines liber physiologus (›quem nuper edidimus de medicinalibus causis et de septenario ac de novenario numero, omnem arithmeticae artis digessimus rationem‹), worin er u. a. die Mystik der Siebenzahl erklärt hätte. – Auf die Abfassung von Gedichten und Satiren spielt er in seiner Mythologie an. – Auch gehört ihm, wenn nicht alles trügt, wie Reifferscheid und Jungmann (Quaest. Fulg.) nachgewiesen, ein ›Liber absque litteris de aetatibus mundi et hominis‹ an, eine grammatische Spielerei, indem in jedem Abschnitte der Reihe nach ein Buchstabe des Alphabets fehlt; es sind aber nur 14 erhalten. Zum Inhalt ist die Weltgeschichte, zuerst die biblische, dann die der Heiden genommen. Da es dem Verfasser auf den Inhalt offenbar gar nicht ankam, hat das Buch kein allgemein literargeschichtliches Interesse.

478 Die an einen Presbyter Catus gerichtete Mythologie wird durch einen Traum eingeleitet; der Verfasser erinnert dabei selbst an Cicero's Somnium Scipionis. Er erzählt, wie er, längere Zeit auf seiner ländlichen Villa in Folge häufiger kriegerischer Einfälle eingeschlossen, endlich nachdem die Ankunft des KönigsSed quia nunquam est malum immortale mortalibus, tandem domini regis felicitas adventantis velut solis crepusculum mundo tenebris dehiscentibus pavores extersit. Jungmann, Die Zeit des Fulgentius, nimmt an, dass hiermit die Thronbesteigung Hilderichs gemeint sei, welcher Toleranz gegen die Katholiken zeigte und die Mauren besiegte. die lange vermisste Sicherheit wieder gewährt, die Villa habe verlassen und die Fluren durchwandeln können. Im Schatten eines Baumes hingelagert, ruft er, durch den Gesang der Vögel zum Dichten verlockt, in einem Liede die Musen. Sie erscheinenEs ist an dieser Stelle offenbar ter ternae viragines, wie schon Barth verbesserte, zu lesen.; die ihm befreundete Kalliope begrüsst ihn zärtlich, und er tritt mit ihr in eine Unterhaltung ein, worin er ihr Auskunft über die Tendenz des mythologischen Werkes, mit dem er sich trägt, gibt. Er will nicht die Mythen als solche erzählen, vielmehr ihre unter eitler Hülle verborgene Wahrheit offenbaren, ihre mystische Bedeutung erkennen.Mutatas itaque vanitates manifestare cupimus, non manifesta mutando fuscamus – – – quid mysticum in his sapere debeat cerebrum, agnoscamus. Kalliope sieht ein, dass es sich nicht um das Spiel der Dichtung handele, Philosophia und Urania müssten vielmehr bei diesem Werke ihm beistehen; doch möge ihm auch seine Satira zur Erholung nicht fehlen. – Die Scene verändert sich. Der Verfasser ruht in seinem Schlafgemach: da hat er eine neue Vision. Kalliope erscheint wieder, ihr voraus ein muthwilliges neckisches Jüngferchen – es ist offenbar die Satira gemeint – und der Muse zu Seiten die beiden verheissenen Helferinnen, 479 von welchen die eine pomphaft geschmückt, Urania, die andere, eine Matrone von schneeweissem Haar und gefurchtem Antlitz, die Philosophie ist. Ihre Unterweisung zu empfangen, sagt Kalliope, solle der Autor nun Sinn und Ohren öffnen. Und sie fährt fort: ›Jetzt wollen wir also zuerst von der Natur der Götter künden, woraus eine so grosse Pest böser Leichtgläubigkeit thörichten Geistern erwachsen ist.‹ Hierauf wird denn zunächst, offenbar noch von Kalliope, nach dem Lacedämonier Diophantus ein Geschichtchen erzählt, das den Ursprung der Bilderverehrung überhaupt erweisen soll – die heidnische Religion ist also auch Fulgentius nur Idolatrie. Dann wird des Saturn gedacht, dessen abgeschnittene, in das Meer geworfene Virilia die Venus erzeugten. ›Hören wir, heisst es da weiter, was hiervon die Philosophie denkt‹ – worauf diese die Erklärung gibt. Von da an aber wird durch das ganze Werk der allegorischen Gestalten der Einleitung gar nicht wieder gedacht, auf welche der Autor nicht einmal am Schlusse des Ganzen mehr zurückkommt: er spricht offenbar hernach im eignen Namen weiter. Das unüberlegte willkürliche Verfahren, das sich hierin kundgibt, findet sich auch in der ganzen Gruppirung des Stoffes wieder, der fast alle Ordnung fehltWenn sich auch, wie Zink S. 23 richtig bemerkt, in manchen Fallen eine Ideenassociation wahrnehmen lässt, die erklärt, wie der Verfasser dazu kam, auf das nächst Folgende überzugehen. Dies Verfahren ist aber eben ein ganz subjectiv willkürliches., nachdem der Verfasser die vier Kinder des Saturn, Jupiter, Juno, Neptun und Pluto, behandelt hat, die ihm die vier Elemente bedeuten.

In seiner Darstellung aber verfährt er gewöhnlich so, dass er die Gottheiten und ihre Attribute oder die mythischen Erzählungen in aller Kürze erwähnt, gleichsam nur daran erinnernd, um dann die Erklärung folgen zu lassen, die ihm allein die Hauptsache ist, eine Erklärung, welche ganz in der Weise der Stoiker und der ihnen hierin folgenden Neuplatoniker, und, wie bei diesen, gewöhnlich mit Hülfe einer meist ganz unsinnigen EtymologieSo soll Ἀϑήνη = ἀϑάνατος παρϑένος sein, immortalis virgo, Ἡρακλῆς = ἡρώων κλέος. Alcaei nepos dicitur: ἀλκὴ enim graece praesumptio interpretatur; nam et Alcmenam matrem habet, quasi Almera, quod graece salsum dicitur – was denn auf das Salz seiner Weisheit gedeutet wird. gegeben wird, ja in der Regel wohl ihnen geradezu entstammt, sodass das ganze Werk den Eindruck einer 480 abbreviirten wilden Compilation stoisch-neuplatonischer Mythendeutung macht, welche vornehmlich aus den verschiedensten griechischen und römischen Scholiasten geschöpft ist. Fulgentius eigenthümlich sind nur einzelne christliche Zuthaten. So werden Stellen der Bibel hier und da einmal neben den Aussprüchen der alten Philosophen citirt, und die Moral der Allegorie erhält im Hinblick auf die Gegenwart eine christliche Färbung. Der Mythus von dem Urtheil des Paris (l. II, c. 1) wird z. B. dahin gedeutet, dass die drei Göttinnen das contemplative oder theoretische (Minerva), das active oder praktische (Juno), und das wollüstige Leben (Venus) bezeichnen, das contemplative aber ist das der Geistlichen und Mönche, wie früher der Philosophen, es wird in den Worten Davids (Psalm I, v. 1): Beatus vir qui non abiit in consilio impiorum, et in via peccatorum non stetit, et in cathedra pestilentiae non sedit, schon angezeigt. So wird ferner in der Erklärung des Mythus von Hercules und Omphale (l. II, c. 5) das Weib als die grösste Verlockung der Welt, und zwar zur Sünde, bezeichnet. Omphale ist die Wollust: ›denn ὀμφαλὸς heisst griechisch der Nabel. Die Wollust herrscht aber im Nabel bei den Weibern, wie die Bibel sagt‹.›Non est praecisus umbilicus tuus‹ (Ezech. XVI, 4), quasi diceret (sc. lex divina) – fährt Fulgentius fort – non est peccatum tuum amputatum. Nam et matrix illic catenata constringitur: unde et epomphalia eodem loco firmandis foetibus opponuntur.

Das zweite der oben genannten WerkeDessen voller Titel nach der Subscriptio lautet: Virgilianae continentiae secundum philosophos moralis expositio. des Fulgentius, welches, später abgefasst und viel kleiner, gewissermassen nur ein Appendix des ersten ist, ist der Versuch einer allegorischen Erklärung der Aeneis des Virgil, wie eine solche die homerischen Dichtungen bereits von den Stoikern erfahren hatten.Ein Versuch, worin Fulgentius zunächst den Spuren des Donatus, Servius und Macrobius folgt. S. darüber Gasquy, p. 19 ff. Es ist dies Werk an denselben Geistlichen gerichtet.Wie Jungmann, Quaest. Fulg. S. 18, sicher erwiesen. Nachdem Fulgentius kurz die mystische Bedeutung der einzelnen Eclogen sowie der Bücher der Georgica angezeigt hat, die weiter auszuführen in seiner Zeit ihm gefährlich dünkt, ruft er in fünf Hexametern die Musen des Virgil an, worauf der alte Sänger selbst ihm erscheint, um ihm auf seine Bitte den 481 geheimen Sinn seines Epos zu eröffnen, was Fulgentius indess nur in soweit verlangt, als es der Stufe des grammatischen Unterrichts entspricht.sed tantum illa quaerimus levia, quae mensualibus stipendiis grammatici distrahunt puerilibus auscultatibus. Virgil erklärt dann, dass er in den zwölf Büchern seiner Dichtung den Stand des menschlichen Lebens vollständig gezeigt habe. Dies weist er im Folgenden nach – nur hier und da durch Fragen und Bemerkungen seines mit gespannter Aufmerksamkeit zuhorchenden Schülers unterbrochen – indem er beim ersten und beim sechsten Buche (der Fahrt in die Unterwelt) länger verweilt, den Inhalt der übrigen nur kurz, der letzten bloss in Bausch und Bogen behandelt; ein eigentlicher Schluss fehlt ebenso wie bei dem andern Werke. Schon der erste Vers, und zwar in den Worten arma, vir, primus, bekundet in nuce die mystische Bedeutung des Ganzen, wie ja der Dichter auch in den ersten Versen das Thema seines Gedichts angibt. Durch jene drei Worte werden die drei Stufen des Menschenlebens: Haben, Regieren, Schmücken, oder Natur, Doctrin, Glück angezeigt: denn arma i. e. virtus bezieht sich auf die substantia corporalis, vir i. e. sapientia auf die subst. sensualis, primus i. e. princeps auf die subst. ornans. Der Schiffbruch, den Aeneas erleidet, bedeutet die Geburt, die unter Gefahren geschieht: von der Juno, welche die Göttin der Geburt ist, wird er ja hervorgerufen; sie sendet den Aeolus: Aeolus ist aber griechisch ›gleichsam Aeonolus‹, d. h. Weltuntergang u. s. w. So versinnbildlicht das erste Buch die Geburt des Menschen und die erste Kindheit. In diesem Stile ist die Erklärung gegeben, die nur bald mehr, bald weniger ins einzelne geht. So, indem Aeneas im sechsten Buch in den Tempel des Apollo tritt und den goldenen Zweig nimmt, erlangt er die Doctrin, die dieser bezeichnet, um so ausgerüstet in die Unterwelt, d. h. die Geheimnisse der Weisheit hinabzusteigen; vorher aber musste er den Misenus begraben, die eitle Ruhmsucht, denn so wird dieser Name etymologisch erklärt.Misio (ob μισέω?) enim graece obruo dicitur; αἶνος vero laus vocatur. Ergo nisi vanae laudis pompam obrueris, numquam secreta sapientiae penetrabis. – Man sieht, das Verfahren des Fulgentius ist in diesem Buche ganz analog dem in dem andern Werke; ebenso fehlt es auch hier nicht an christlichen Zuthaten, die seinen Zwischenbemerkungen 482 eingefügt sindSo p. 144, 146, 161., denn Virgil selbst erklärt sich noch ausdrücklich für einen Heiden.So sagt Virgil an einer Stelle p. 162: si inter tantas stoicas veritates etiam aliquid epicureum non disipuissem, paganus non essem. Beide Werke sind auch in demselben schwülstigen, affectirten und dabei über die Massen incorrecten Stile geschrieben, dessen Bombast namentlich in den Einleitungen hervortritt.

Diese Behandlungsweise der Mythen und des mythischen Epos musste aber in den christlichen Kreisen, welche die antike humanistische Bildung noch pflegten, um so mehr ansprechen, und für die Schulen der christlichen Grammatiker um so geeigneter scheinenWelchen Beifall die Virgiliana continentia im Mittelalter fand, bezeugt nicht bloss die Zahl der erhaltenen Handschriften, sondern auch die Werke des Sigebert von Gembloux, Johannes von Salisbury und Bernardus Silvestris. S. darüber Gasquy, p. 30 ff., als längst dieselbe Interpretationsweise, wie wir sahen, auf die Bibel angewandt worden war, und namentlich auf der Kanzel, während zugleich der christlichen Dichtung die Form der Allegorie von Anfang an specifisch eigenthümlich war. Nur auf diesem Wege liess sich die antike Mythologie für das Mittelalter retten, ja im Beginne der Renaissance erlebt sie ihre Auferstehung noch in diesem Gewande, wie das mythologische Werk des Boccaccio zeigt. – Was die besondere Art der Einkleidung aber, namentlich des ersten Werkes des Fulgentius angeht, so schliesst sich der Verfasser, der ein so wenig origineller Kopf war, auch darin an Vorbilder an, von welchen vornehmlich das Werk eines Landsmanns, das wohl schon den ersten Decennien des 5. Jahrhunderts angehörtIndem ich der Ansicht von Luc. Müller beipflichte, und als Zeitraum, in welchen die Abfassung von Capella's Werk zu setzen, 410–427 annehme., ihm den Weg gewiesen zu haben scheint, ein Werk, in dem auch die Mythologie nicht bloss mit Allegorie sich mischt, sondern selbst schon einen allegorischen Charakter annimmt; ich meine die unter dem Titel: ›Die Hochzeit der Philologie und des Mercur‹ herausgegebene Encyclopädie der sieben freien Künste von dem Neuplatoniker Martianus Capella.Mart. Minei Felicis Capellae De nuptiis Philologiae et Mercurii et de septem artibus liberalibus libri IX ad codd. mss. fidem cum notisVulcanii etc. et commentario perpetuo ed. U. F. Kopp. Frankfurt a. M. 1836. 4°. – *Mart. Capella Fr. Eyssenhardt recens. Leipzig 1866. – – Artikel von Jacobs in Ersch und Grubers Encyclop. 1. Sect. 15. Bd.

483 Obgleich Martianus kein Christ war und sein Werk daher nicht in den Bereich unserer Geschichte gehört, so will ich desselben hier doch in der Kürze gedenken, weil es von zu grossem Einfluss, und nicht bloss auf die wissenschaftliche, sondern auch auf die ästhetische Kultur des Mittelalters gewesen ist, und in letzterer Beziehung gerade durch seine Allegorien, die zugleich über das Heidenthum des Autors einen Schleier warfen. Sein Werk war im ältern Mittelalter lange Zeit eine Hauptgrundlage, oft die einzige, des gesammten Schulunterrichts. Es zerfällt in neun Bücher und ist in der Form der Menippischen Satire verfasst, doch wiegt die Prosa entschieden vor. Die beiden ersten Bücher sind ganz der mythisch-allegorischen Einkleidung gewidmet. Die Fabel, die der Autor seinem Sohne erzählt, ist kurz zusammengefasst die folgende. MercurHennes ist nach Plotin die intelligible Form, der λόγος, s. Zeller III, 2, S. 561. Daher die Vermählung der Philologie (φίλειν-λόγον) mit ihm. will sich vermählen. Nachdem er Sophia, Mantice, Psyche vergeblich zum Weib sich gewünscht, räth ihm Virtus, den Apollo zu befragen: dieser schlägt ihm (l. I, 22) die Philologia vor, die gelehrteste Jungfrau von uraltem Geschlechte, welche, vertraut mit dem Parnass, die Geheimnisse der Unterwelt wie den Willen des Jupiter kennt, die Tiefe des Meeres wie das Reich der Gestirne; sie ist mit einem Wort das encyclopädische Wissen. Mercur stimmt dem Vorschlag bei, über welchen Virtus ganz entzückt ist. Sie ziehen nun alle drei im Geleite der Musen unter der Musik der Sphären durch die Himmel in den Palast Jupiters, den sie neben seiner Gemahlin finden. Apollo trägt Mercurs Wunsch vor. Da Jupiter Bedenken hat, so räth Pallas ›die verheiratheten Götter und der Göttinnen Greisinnen‹ (et dearum grandaevas) zur Entscheidung der Sache zu berufen (l. I, 4). Die Versammlung der Götter, unter welchen sich auch manche rein allegorische Gestalten der spätern römischen Mythologie befinden, wie die Valitudo, Verisfructus, Celeritas, während Discordia und Seditio ausgeschlossen bleiben, wird nun geschildert. Sie entscheidet nach dem Vortrag Jupiters zu Gunsten des Mercur; nur soll die Braut zur Göttin erhoben werden, wie überhaupt ins künftige hochverdiente Sterbliche eine solche Erhöhung finden sollen. Die Philosophie soll dies 484 Consult des höchsten Senates, in eherne Tafeln eingegraben, der Welt publiciren.

Dies ist der Inhalt des ersten Buches. Im zweiten tritt uns nun die Braut entgegen, die ihre Besorgnisse über diese Vermählung mit einem Gotte hat, so heiss sie ihn auch liebt; aber sie erkennt aus den, ihren wie des Bräutigams Namen bildenden Zahlen nach weitläufiger Berechnung, dass diese Ehe ganz für sie passe. Sie wird dann von der Mutter Phronesis zur Hochzeit geschmückt, die den eigenen Gürtel ihr anlegt; die Musen feiern sie mit Gesängen; vier würdige Matronen, die vier Cardinaltugenden (l. II, 127), begrüssen sie, wie die drei Grazien, von denen die eine sie auf die Stirn, die andere auf den Mund, die dritte auf die Brust küsst, um ihren Blicken, ihrer Zunge, ihrem Herzen (animus) Anmuth zu verleihen. Athanasia erscheint dann, der Apotheosis Tochter, die Philologie in den Himmel zu geleiten. Vorher aber muss sie auf ihr Geheiss sich dessen entledigen, was ihre volle Brust anschwellt. Sie erbricht darauf mit grosser Anstrengung eine Menge Bücher, die von einigen Mädchen, Künsten und Wissenschaften, aufgelesen werdenl. II, 135. Der allegorische Stil scheut schon nicht die widerlichsten Geschmacklosigkeiten, ganz so wie dies auch im Mittelalter der Fall war., wobei ihnen auch die Musen Urania und Kalliope helfen. Nachdem die Braut noch den Becher der Unsterblichkeit, den ihr Apotheose kredenzt, ausgeleert, steigt sie in einer Sänfte den Himmel hinauf, wo sie zunächst der Juno Pronuba begegnet, der sie Opfer und Gebet darbringt. Diese übernimmt dann ihre Führung, indem sie mit den Regionen der Luft und ihren Bewohnern sie bekannt macht (l. II, 150 ff.). Nach Durchwanderung der Planetenkreise gelangt die Braut endlich in die Milchstrasse, wo sich der Palast Jupiters findet, der im Kreise der Götter das Brautpaar erwartet (l. II, 209). Zuerst erscheint Mercur und erhält seinen Platz neben Pallas, darauf die Braut, welche bescheiden bei den Musen sich niederlässt. Ihre Mutter verlangt aber nunmehr die Vorlesung der lex PoppaeaInsofern dieselbe die Entäusserung der Dos verbietet. und die Uebergabe der Hochzeitsgeschenke. Da erhebt sich Phoebus, um die einzelnen Mägde aus dem Hausgesinde seines Bruders vorzuführen, die eben zu jenen Geschenken gehören. Es sind dies die sieben freien Künste, die, eine nach der andern, in den sieben übrigen 485 Büchern auftreten, indem einer jeden eines gewidmet ist, und zwar in dieser Reihenfolge, wie sie später das Trivium und Quadrivium bildeten: 1. Grammatik, 2. Dialektik, 3. Rhetorik, 4. Geometrie, 5. Arithmetik, 6. Astronomie, 7. Harmonie (d. i. Musik). Nachdem allemal durch Schilderung des Aeussern – Gestalt und Ausdruck, wie Kleidung und Werkzeug, das sie bei sich führen, – ein symbolisch-allegorisches Bild von ihrem Wesen gegeben ist, tragen die Jungfrauen des Mercur selbst einen kurzen Inbegriff ihrer Wissenschaft kapitelweise ganz trocken vor, wobei von dem Autor nur compilatorisch und oft durchaus willkürlich verfahren wird, indem er bald mehr, bald weniger ausführlich ist, auch einzelne Partien völlig übergeht. Die Rahmenerzählung aber wird durch das ganze Werk festgehalten: es werden die Wissenschaften von dem Götterpublikum nicht bloss zum Reden aufgefordert, sondern auch diesem Einhalt gethan; auch versagen sich einzelne dieser göttlichen Zuhörer nicht, ihre Glossen nach dem Vortrage zu machen und selbst ihrer Langenweile einen mehr oder weniger lebhaften Ausdruck zu geben, wodurch es nicht an erheiternden Intermezzos fehlt. Wegen Kürze der Zeit werden zwei Wissenschaften, Medicin und Architektur, gar nicht mehr zugelassen. Der Abend ist schon gekommen, als nur noch die Harmonie zum Vortrag gelassen wird, die denn auch nach seiner Beendigung mit einem Schlummerlied die Braut in den Thalamus geleitet. Hiernach bleibt dem Autor nur noch übrig, mit einigen Versen von dem Leser sich zu verabschieden. – So ist die Composition des Werkes beschaffen, das gerade durch diese Anlage so sehr dem Mittelalter zusagen musste, in welchem sich so gern die ausschweifendste Phantasie mit dem trockensten Verstande vermählte.

 

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