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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1 - Kapitel 41
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1889
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
pages667
created20120824
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Elftes Kapitel.

Dichter Afrikas. Luxorius.

Auch in dem den Vandalen unterworfenen Afrika blühte noch Ende des fünften Jahrhunderts und in den ersten Decennien des sechsten, namentlich unter den für die römische Kultur sehr empfänglichen Königen Thrasamund (496–523) und Hilderich (523–530)Auch aus der Zeit Hunerichs (477–484) finden sich einige Epigramme, so bei Riese, Anthologia latina Vol. I. No. 387, und bei Bährens, Poetae latini minores Vol. IV, No. 541; und, wie es scheint, auch aus der Zeit Gelimers, s. Riese l. l. No. 341 f., Bährens l. l. No. 495 f., eine Profanpoesie von heidnisch-antikem Geiste, obschon die Dichter, was damals beinahe selbstverständlich, Christen, wäre es auch nur Namenchristen, waren; als ihr Vorläufer erscheint Dracontius, der unter dem Vorgänger des Thrasamund, Gunthamund blühte.S. oben S. 384. Ihre Hervorbringungen, die uns in einer, wahrscheinlich von einem derselben zusammengestellten Anthologie erhalten wurdenIn dem Cod. Salmasianus in: Riese l. l. I, p. 21 ff., No. 7 ff. Vgl. über den Compilator der Anthologie Riese, ebenda Praef. XXV; er (wie auch Schubert) nimmt Luxorius oder einen Freund desselben an, Bährens dagegen (l. l. p. 30) den jugendlichen Octavianus. Die Zeit der Abfassung der Anthologie setzt Schubert (s. unten S. 430, Anm. 4) p. 17 ff. in die Jahre 532–534. Selbstverständlich enthält die Anthologie nicht bloss Gedichte jener Zeit und Afrikas., sind auch vornehmlich Gelegenheitspoesien, oder epigrammatische Spielereien für eine nicht immer sehr saubere Gesellschaft. So haben wir von einem Florentinus ein Loblied auf König Thrasamund zu seinem Jahresfeste (in 39 Hexam.)Riese l. l. No. 376, Bährens l. l. No. 530., worin namentlich der Reichthum und die Pracht des Königs, der Glanz und Ruhm Carthagos, zugleich aber auch der ›Tochter‹ dieser Stadt, der zweiten Residenz Aliana, welche der König besonders liebte und sie wiederherstellend mit herrlichen Bauten zierte, gepriesen wird. Die prächtigen Thermen, die Thrasamund dort in einem Jahre anlegte, werden in fünf EpigrammenRiese l. l. No. 210 ff., Bährens l. l. No. 389 ff. eines vir clariss. Flavius Felix gefeiert, welche vielleicht, wenigstens zum Theil, an Ort und Stelle selbst eingeschrieben waren; die Armuth an 430 Witz des auch materiell armen Poeten offenbart sich recht in den Wiederholungen derselben Pointen, wie: dass die Strahlen des Tags sich hier verdoppelnRiese No. 211, Bährens No. 390, v. 2 und Riese No. 213, Bährens No. 392, v. 12., und dass Hitze und Kälte sich hier unschädlich die Hand reichen, da die Thermen kalte und warme Bäder zugleich boten. Drei der Epigramme sind in Distichen, zwei in Hexametern, von welchen das letzte die dreifache Spielerei eines Acrostichon, Mesostichon und Telestichon zeigt.        Tranquillo nymfae deCurrite fluminis ortV
        Hic proba flagranti sVccedite numina FoebO.

Und so geht es noch zehn Verse weiter; es ergibt sich: Thrasamundus cunta innovat vota serenans.
Von demselben Autor haben wir ein Bittschreiben in Distichen (40 V.)Riese No. 254, Bährens No. 421., an einen ›Primiscriniarius‹ Victorinianus, den er anfleht, sein ›Numen‹ zu sein, und, wie einst die Bekümmerten in Phöbus' Tempeln Trost fanden, so ein ›besserer Apollo‹ seinen Kummer zu zerstreuen; er bitte um kein hohes Staatsamt, sondern nur um eine geistliche Pfründe, um sich aus seinem Ruin zu erheben. So wurde das Clericat schon zu einer Zuflucht für heruntergekommene viri clarissimi, woran es freilich im Vandalenreiche nicht fehlen konnte.

Wohl der fruchtbarste unter diesen Dichtern, der vielleicht die Anthologie selbst edirte, wie sie denn von ihm ein ganzes Buch Jugendgedichte enthält, ist Luxorius.Schubert, Quaestiones de anthologia codicis Salmasiani. Pars I. De Luxorio. Weimar 1875. (Dissert.) Ebenso behandelt speciell Luxorius Klapp, Quaestiones De Anthologiae latinae carminibus nonnullis. 1875 (Programm der höhern Bürgerschule von Wandsbeck). Er war ein Grammatiker, von demselben Stande und derselben Armuth als Felix. Er blühte unter Hilderich und Gelimer. Die Jugendgedichte, die er seinem Freunde, dem Grammatiker Faustus, gewidmet hat, und gleichsam unter dessen Schutz stellt, sind Epigramme (89), grossentheils in der Weise des Martial, und die meisten, wie bei diesem, in Distichen oder Hendecasyllaben verfasst.Unter den andern Metren sind die asclepiadeischen Verse noch am häufigsten. Grösstentheils sind sie auch satirischer Natur, doch ebenso arm an WitzNicht ohne Humor ist Riese No. 296, Bähr No. 450., als an Schmutz reich. Selbst die 431 kulturgeschichtliche Ausbeute ist eine verhältnissmässig geringe. Unter den nicht satirischen Epigrammen, die überhaupt am ansprechendsten sind, sind ein paar für uns besonders beachtenswerth. Eins davon, ein Epitaphion in HexameternRiese No. 345, Bährens No. 499. auf ein im vierten Jahre gestorbenes Töchterchen des Oagees (Euagees), eines Bruders des Hoamer, Vetters des HilderichS. über ihn Dahn, l. l. I, S. 165., ist ganz im christlichen Geiste verfasst, der hier einen so wahren, gemüthvollen, ja zarten Ausdruck findet, dass er über das Christenthum des Verfassers selbst mir keinen Zweifel lässtEs genügt schon die zwei Verse zu citiren:
        Huius puram animam stellantis regia caeli
        Possidet et iustis inter videt esse catervis.
, der ohnehin kaum zu begründen wäre: denn in der heidnischen Dichtersprache ist ein solcher nimmer zu suchen. Es ist dies eins seiner besten Gedichte. Ein anderes sei im Hinblick auf die Spruchpoesie des Mittelalters hervorgehoben, es enthält die Sprüche der sieben Weisen, je in einem Distichon von Hexametern.Riese No. 351, Bährens No. 505. Das erste Distichon ist merkwürdig durch den durchgeführten Reim (indem ich Riese's Text folge):
        Solon, praecipuis fertur qui natus Athenis,
        Finem prolixae dixit te cernere vitae.
– Noch ein einzelnes EpigrammRiese No. 203, Bährens No. 382. auf ein Audienzzimmer des Hilderich, sowie ein EpithalamiumRiese No. 18, Bährens Nr. 208. zur Hochzeit des Fridus finden sich im Codex Salmasianus unter des Luxorius Namen. Das Epithalamium ist ein Virgilischer Cento in der Art wie das des Ausonius, auch mit gleicher Obscönität.

Auch die Fabrikation rein christlicher Centonen war nach dem Vorgange der ProbaS. oben S. 125 f. weiter gepflegt wordenSo einer Ad gratiam Domini, wahrscheinlich von einem Pomponius, in der eigenthümlichen Form eines Hirtengesprächs (von Meliboeus und Tityrus wie in der ersten Ecloge Virgils), s. darüber Bursian in den Sitzungsber. der Münchener Akad. d. Wissensch. phil.-hist. Cl. 1878, Bd. II, und ein anderer De Verbi incarnatione, beide in Poet. christ. minores, Pars I, p. 609 ff. Vgl. dazu S. 560 ff., und so finden sich solche auch zugleich mit heidnischen von denselben Autoren verfasst, wie in dem erwähnten Codex von einem Mavortius zwei Virgilische, wovon der eineRiese No. 10, Bährens No. 200. das Urtheil des 432 Paris, der andereRiese No. 16, Bährens No. 206, auch in den Poet. christ. min. l. l. p. 621 ff. die ›Kirche‹, d. h. hier den Gottesdienst zum Thema hat. In dem letztern wird eine Predigt gegeben, worin die Sendung Christi, seine Passion, Höllenfahrt, Auferstehung, Himmelfahrt kurz erzählt, und auf seine Wiederkehr zum jüngsten Gericht hingewiesen wird; zum Schluss wird der Genuss des Abendmahls geschildert.Angehängt ist ein Nachwort in sechs Versen, welches der Verfasser improvisirte, als er nach seiner Recitation des Cento mit dem Rufe ›Maro iunior‹ geehrt war. – Ein rhetorisches Pendant zu diesen Centonen bilden in gewisser Weise die Variationen über ein Virgilisches Thema, wie wir ein solches Gedicht von einem Freunde des Luxorius, dem Grammatiker Coronatus, in demselben Codex erhalten haben.Riese No. 223, Bährens Nr. 190. Ein anderes dieser Art ist Riese No. 255, Bährens No. 188. Auch begegnen wir dort noch einigen ihrem Inhalt nach christlichen Epigrammen, worunter die des Grammatikers Calbulus, der auch wahrscheinlich ein Afrikaner, als Inschriften eines von ihm gestifteten Baptisteriums von allgemeinerem Interesse sind.Riese No. 378, Bährens No. 532. S. ausserdem Riese No. 91 ff., Bährens No. 279 ff. und Riese No. 379, Bährens No. 533 (Verse auf das heilige Kreuz).

 

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