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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1 - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1889
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
pages667
created20120824
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Minucius Felix.

Bei der feindseligen Stellung, welche das Heidenthum dem Christenthum gegenüber einnahm, wie wir sie eben gezeichnet haben, musste schon früh auf Seiten der Christen das Bedürfniss erwachen, die Gebildeten und die Regierung über das wahre Wesen ihrer Religion aufzuklären, ihnen wenigstens die Nichtigkeit der Anklagen und Vorurtheile zu zeigen; so entstanden die Vertheidigungsschriften, Apologien, die allerdings, nicht bloss Schutz-, sondern auch Trutzwaffen gebrauchend, mehr oder weniger auch Angriffsschriften wurden. Diese eigenthümliche Gattung des christlichen Schriftthums beginnt noch im Kreise der auf die canonischen Bücher unmittelbar folgenden Epistelliteratur mit dem Briefe an DiognetWenn seine Abfassung noch vor Justin zu setzen, wie die gewöhnliche Annahme ist. Diese ist neuerdings von Overbeck in dem Programm für die Rectoratsfeier der Universität Basel 1872 bestritten, welcher den Brief sogar für eine Fiction der nachconstantinischen Zeit hält – eine Ansicht, von der ich mich nicht habe überzeugen können., und bildet dann, zuerst in den ›Apologien‹ Justins des Märtyrers († 166) zur vollen Entwickelung gelangt, die Hauptliteratur der Christen im zweiten Jahrhundert. Mit dieser Gattung hebt auch die christlich-lateinische Literatur an, und sie ist in dem ersten Zeitalter derselben die eigentliche Vertreterin der christlichen Weltliteratur im Abendland, sowie wir diese auffassen; und um so mehr, als ihre Erzeugnisse sich an das ganze Publikum, die Heiden wie die Christen, wenden. Sie beherrscht diese Sturm- und Drangperiode, die auch in andern Gattungen der Literatur nicht selten den apologetischen Charakter aufweist; dieser ist da recht ein Kriterium des universalliterarischen Interesses.

26 An der Spitze der lateinischen Apologeten wie der christlichen lateinischen Schriftsteller überhaupt steht Minucius FelixM. Minucii Felicis Octavius ad fid. cod. regii et Bruxellensis red. E. de Muralt. Zürich 1836. (Prolegg.) – *M. Min. Fel. Octavius, Jul. Firmici Materni liber de errore profanarum religionum, rec. et commentar. crit. instr. C. Halm (Corpus scriptor. ecclesiastic. latinor. edit. consilio et impensis Academiae litterar. caesar. Vindobon. Vol. II.) Wien 1867. – M. Min. Fel. Octavius. Emend. et praefat. est Baehrens. Leipzig 1886. J. D. ab Hoven, Epistola historico-critica de vera aetate, dignitate et patria Min. Felicis, in seinen Campensia. Campis 1766. 4°. – A. Ebert, Tertullians Verhältniss zu Minucius Felix, nebst einem Anhang über Commodians Carmen apologeticum (1868). Im V. Bd. d. Abhandl. der philol. histor. Classe der k. sächs. Ges. der Wissenschaften. – P. de Félice, Etude sur l'Octavius de Min. Fel. (Thèse de Montauban). Blois 1880. – Schwenke, Ueber die Zeit des Min. Felix, in: Jahrb. f. protest. Theologie Bd. IX. – Kühn, Der Octavius des Min. Felix, eine heidnisch-philos. Auffassung vom Christenthum. Leipzig (Dissert.) 1882. mit seinem Dialog Octavius. Von diesem Autor wissen wir kaum mehr, als wir aus seinem Buche selber erfahren. Hieronymus nennt ihn einen ausgezeichneten Sachwalter des römischen ForumDe vir. illustr. c. 58.; dass er Jurist war und in Rom lebte, gibt Minucius selbst in seiner Schrift zu erkennen, ebenso dass er erst in spätern Jahren zum Christenthum übertrat, gegen das er früher selbst alle Vorurtheile der Heiden theilte.Octav. c. 28. So wenig sich auch die Lebenszeit des Minucius mit Sicherheit genauer feststellen lässt, so habe ich doch allen Grund zu glauben, dass er im Anfang der Regierung des Commodus seinen ›Octavius‹ verfasst hat.Dass der ›Octavius‹ von Tertullian in seinem ›Apologeticum‹ benutzt worden ist, glaube ich in meiner Abhandlung erwiesen zu haben. Von dieser, heute von den meisten Gelehrten getheilten Ansicht hat mich auch die weitläufige Dissertation Wilhelms De M. Felicis Octavio et Tertulliani Apologetico (Breslauer philol. Abhandl. Bd. 2), welche für eine beiden Werken zu Grunde liegende, verloren gegangene latein. Apologie plädirt, nicht bekehren können, ebensowenig die Abhandlung von Massebieau: L'Apologétique de Tertullien et l'Octavius de Minucius Félix, in der Revue de l'histoire des réligions. T. XV, p. 316 ff. Zu ihrer Charakteristik mag hier genügen, dass der Verf. einerseits M. Felix als einen blossen Plagiator hinstellt, andererseits bezweifelt, dass er die Composition seines Werks dem Cicero's De nat. deor. entlehnt habe. Mit letzterm trifft er allerdings den Hauptpunkt meiner Beweisführung, der als solcher häufig auch von denen, die mir nachfolgten, verkannt worden ist. Gibt man ihn zu, so ist meines Erachtens von vornherein die Sache des Tertullian verloren. – Das Apologeticum ist aber gegen Ende des 2. Jahrhunderts verfasst. Ferner kommt für die Abfassungszeit des Octavius in Betracht die Art, wie des Fronto im ›Octavius‹ gedacht wird (c. 9 u. 31), sie setzt diesen, der etwa 168 starb, zwar keineswegs als noch lebend voraus (denn das noster c. 9 soll ihn nur als Heiden bezeichnen, wie das tuus c. 31 zeigt), wohl aber als eine allgemein bekannte Persönlichkeit von grosser Autorität; diese Voraussetzung konnte aber wohl nicht leicht längere Zeit nach seinem Tode statthaben. Nun zeigt weiter der ›Octavius‹ nicht bloss in stofflicher Beziehung, sondern auch in der Art der apologetischen Behandlung, dem Tone des Vortrags, eine solche Verwandtschaft mit der ›Supplicatio pro Christianis‹ des Athenagoras, dass er in einem und demselben Zeitraum mit ihr geschrieben scheint. Sie ist aber 177 verfasst (s. Otto's Ausg. Prolegg. LXXIV). Es ist mir sogar nicht unwahrscheinlich, dass M. Felix den Athenagoras benutzt hat (s. Lösche, Min. Felix' Verhältniss zu Athenagoras in: Jahrb. f. protest. Theologie Bd. VIII): so würden wir auf den Anfang oder die Mitte der achtziger Jahre des 2. Jahrhunderts geführt.

27 Dieses Werkchen führt in sehr würdiger Weise die christlich-lateinische Literatur ein. Es übertrifft nicht bloss in formeller Beziehung durch Kunst der Anlage und Anmuth der Darstellung alle andern Apologien, die griechischen so gut als die lateinischen, sondern zeichnet sich auch inhaltlich vor den meisten durch eine grössere Objectivität der Betrachtung und eine freiere Unbefangenheit des Urtheils aus, wie sie nur in einem Geiste reifen konnten, der auf der Höhe der Bildung seiner Zeit stand. Ein Zug reiner Humanität geht durch das ganze Buch, der ihm das Interesse aller Zeiten sichert; und doch trägt es ein echt römisches Gepräge, sodass hierdurch sogleich dieses erste Werk der christlich-lateinischen Literatur der griechischen gegenüber vollkommen originell erscheint, und einen ausgesprochen nationalliterarischen Charakter hat. Es erscheint nicht ohne Bedeutung, dass Minucius Jurist war, er vertritt den Kreis jener ausgezeichneten Rechtsgelehrten, in denen die philosophische Bildung Griechenlands mit dem starken sittlichen Bewusstsein des alten Rom sich vereinte, um die Frucht einer humanen Gesinnung zu erzeugen, die ihrer Zeit vorauseilte. Sie allein hatten sich auch damals noch ein feineres Gefühl für Formschönheit bewahrt. Das Christenthum aber hatte bei Minucius keineswegs einen Bruch mit jener heidnisch humanen Bildung bewirkt – wie er denn auch als Christ seinem Berufe nicht entsagt hatteOctav. c. 2: sane ad vindemiam feriae iudiciariam curam relaxaverant. – vielmehr erhob es dieselbe nur auf eine höhere Stufe und eine festere Grundlage, während es selbst in seiner Schrift, aller dogmatischen 28 Formen entkleidet, nur als die Religion reiner und geläuterter Menschlichkeit erscheint. Konnte es also einen bessern Anwalt vor dem Forum der Gebildeten des lateinischen Abendlandes finden? – Auch in Composition und Stil schliesst sich die Schrift unmittelbar an die heidnische Literatur an, und tritt in keinerlei Gegensatz zu derselben.

Ihre Anlage ist nämlich die folgende. Im Eingang erzählt der Verfasser, wie er bei Gelegenheit eines Besuchs seines innigsten Freundes Octavius, der noch vor ihm Christ geworden war, in Rom mit diesem nach Ostia einen Ausflug gemacht habe. Als sie dort aber eines Morgens zugleich mit einem andern seiner Freunde, Caecilius, welcher noch Heide war, am Meeresstrande lustwandeln, kommen sie an einem Bild des Serapis vorüber und Caecilius unterlässt nicht, es zu verehren. Octavius, indignirt hierüber, macht dem Minucius Vorwürfe, einen Mann, mit dem er den intimsten Umgang habe, in einer solchen Blindheit des unwissenden Volks zu lassen. Den Heiden wurmt diese Rede. Er macht den Vorschlag, mit Octavius zu disputiren. Minucius soll der Schiedsrichter sein. Diesen in ihrer Mitte, lassen sie sich zu dem Zwecke auf dem Hafendamme nieder. Caecilius, der angegriffene, der sich rechtfertigen will, warum er dem Volksglauben treu geblieben, und das Christenthum nicht angenommen, redet zuerst (c. 5 ff.), indem er die Skepsis, welcher damals die grosse Mehrzahl der Gebildeten huldigte, vertretend, die Unmöglichkeit der Erkenntniss der Wahrheit behauptet, die göttliche Vorsehung und Weltregierung aber auch vom epikureischen Standpunkt der Weltschöpfung, den er zu dem seinigen macht, leugnet; da die Wissenschaft also zu keinem, oder nur negativem Resultate gelange, bleibt er bei dem Glauben der Väter, dem Rom seine Grösse verdanke; wie sollten die unwissenden Christen die Erkenntniss der Wahrheit besitzen! Die Unsittlichkeit dieser Geheimsecte, ihren Atheismus, sowie die Absurdität ihrer Lehren darzulegen, bildet dann den Hauptgegenstand seiner Rede (c. 8 ff.). Diese widerlegt danach ausführlich Octavius in einer Replik, die über noch einmal so lang ist (c. 16–38), Punkt für Punkt, dem Gegner Schritt für Schritt folgend. Nachdem aber Octavius geendet, erklärt der Heide selbst sich für besiegt.

Diese Composition des ›Octavius‹ ist, wie ich in meiner Abhandlung nachgewiesen, der von Cicero's Werk 29 De natura deorum, jedoch mit Selbständigkeit und Gewandtheit nachgebildet, sodass schon die Anlage des Ganzen den Sieg des Christenthums erleichtert, das hier in der Person des Octavius die Rolle spielt, welche dort der Stoicismus.S. Ebert, a. a. O. S. 331. Diese Hinweisung auf die Verwandtschaft des letztern mit dem Christenthum, die dem heidnischen Leser nicht entgehen konnte – denn wer sich für solche Religionsfragen interessirte, dem konnte Cicero's Buch nicht unbekannt geblieben sein –, eine Hinweisung, noch wesentlich verstärkt durch die eingestreuten Reminiscenzen aus Seneca's Schriften, die es nicht zweifelhaft lassen, dass der christliche Verfasser selbst der stoischen Philosophie gehuldigt hatte, musste nicht wenig dem beabsichtigten Zweck, die wahrhaft Gebildeten für das Christenthum zu gewinnen, förderlich sein. Das Christenthum erschien dadurch schon von vornherein im Lichte einer philosophischen Religion, deren Schwerpunkt in praktischer Sittlichkeit ruhte. Und eben diese Bedeutung des sittlichen Moments in der christlichen Speculation, so entsprechend der specifisch römischen Fortbildung der griechischen Philosophie, war es ja, was den Sieg des Christenthums im Abendland auch bei den Gebildeten entschied, und ihm dort den fruchtbarsten Boden für die Entwickelung einer neuen, christlichen Gedankenwelt bereitete, sodass von hier, und nicht von dem Orient aus, die Weiterbewegung der Kultur erfolgte.

Durch diese Anlage des Buchs erhielt zugleich die Darstellung den Charakter einer toleranten Objectivität, wenn es auch auf beiden Seiten an heftigen Ausfällen nicht mangelt; die beiden Gegner sind aber keine Feinde, sie fechten gleichsam auf dem Boden der Gesellschaft: beide sind ja befreundet mit dem dritten, Minucius, der, diligenter in utroque genere vivendi versatus, die Toleranz vertritt, weshalb auch der Heide ihn als Schiedsrichter anerkennt.

Die Ausführung im einzelnen entspricht der Anlage des Ganzen. Der Glaube an die Vorsehung ist hier die Voraussetzung des Monotheismus des Christenthums, und mit dem Monotheismus scheint dasselbe fast identificirt.S. c. 18, namentlich die Stelle: Deo, qui solus est, Dei vocabulum totum est. Quem si patrem dixero, carnalem opineris etc. Im Wesen einer solchen weltregierenden Gottheit ist die Einheit gefordert, der Polytheismus widerspricht ihr: daher auch die 30 unwillkürliche Anerkennung des Monotheismus von Seiten der Heiden in der Ausdrucksweise des Volks, womit auch die Aussprüche ihrer Dichter und Philosophen übereinstimmen. Der Monotheismus erscheint so als die den Menschen angeborene Religion. Der Polytheismus aber wird in euhemeristischer Weise erklärt: die Götter waren Menschen. Dass aber eine solche Täuschung möglich war, ist das Werk der Dämonen, der von Gott entfremdeten unreinen Geister (c. 26). Von ihnen gehen die Sprüche der Seher und der Orakel aus, in denen Wahrheit mit Lüge gemischt ist; sie lenken die Auspicien und Augurien; sie geben den Götterbildern, unter denen sie sich verbergen, den Anschein der gegenwärtigen Gottheit. Sie hassen die Christen, die über sie Macht haben. Und sie sind es, die in diesem Hass den Sinn und die Herzen der Heiden gegen die Christen eingenommen haben. Sie selbst haben die abscheulichen Verleumdungen gegen die Sittlichkeit der Christen und ihres Kultus ausgestreut, wie die einem Eselskopf, den Genitalien des Priesters, einem Gekreuzigten und dem Kreuze dargebrachte Verehrung, wie den Kindermord bei der Einweihung, die Unzucht und Blutschande bei den gemeinschaftlichen Mahlen – Verleumdungen, welche die Heiden nur deshalb glauben können, weil sich dergleichen Schandthaten unter ihnen selber finden. – Diese Verleumdungen wurden aber um so leichter geglaubt (wie des Caecilius Rede zeigte c. 10), weil man von einem Kultus, sowie man einen solchen zu denken gewohnt war, bei den Christen gar nichts entdeckte: kein Gebäude im Stile eines Tempels, keine Opfer, kein Götterbild; alles das fehlte doch den andern Geheimdiensten, und wenigstens die beiden ersten Erfordernisse selbst den Juden nicht. So erschienen sie als Atheisten. Diese Anklage widerlegt dann der Verfasser durch den Mund des Octavius, indem er die Idealität des christlichen Monotheismus darlegt, die einen ebenso ideellen Gottesdienst fordert, im Geist und im Herzen (c. 32). Dies macht den Uebergang zu der Rechtfertigung solcher Lehren, die, zum Theil den Kern des christlichen Glaubens bildend, den Heiden jener Zeit gerade am absurdesten erschienen; am wenigsten war dies noch bei der hier zuerst erwähnten, an sich betrachtet, der Fall, dem Untergang der Welt durch Feuer, denn auch die Stoiker lehrten ihn ja; am meisten aber bei der zweiten, der Auferstehung des Menschen; und mit der Annahme dieser Lehre erschien dann 31 auch die erste vollkommen ungereimt, und nicht minder die dritte, das Weltgericht, die ewige Belohnung der Guten und die ewige Strafe der Bösen. Wenn aber die Christen jene, die Heiden diese erwartet, so ist ein solcher Unterschied des zukünftigen Loses – nach Verdienst und Qualität dem Einzelnen von Gott vorausbestimmt, insofern er es voraussehen kann – nicht bloss, wie Minucius ausführt (c. 35), durch die Gotteserkenntniss, sondern auch durch die höhere Moral und den sittlichern Wandel der Christen gerechtfertigt. Das Böse zu denken, ist schon bei ihnen Sünde. Wie aber in dem Besitze der Gotteserkenntniss, des höchsten Gutes, und in der Hoffnung auf die ewige Zukunft, die Christen auch in diesem irdischen Leben schon die wahrhaft Glücklichen sind trotz aller Armuth, Verfolgungen und Entsagung, zeigt unser Verfasser zum Schluss (c. 36 ff.) mit einer wahren von Herzen kommenden Beredsamkeit.

Dies ist der Inhalt der Apologie, welche, wie man leicht sieht, an die gebildeten Heiden überhaupt gerichtet ist, wenn auch ihrem Vertreter allerdings die Vorurtheile des grossen Haufens mit beigelegt werden, die jene auch häufig genug in der That theilen mochten, ohne über ihren Unsinn sich Gedanken zu machen. Nicht bloss die feine Kunst der Composition, deren Interesse noch die Vergleichung mit dem antiken Vorbild erhöhte, sondern auch der Stil musste diesem Publikum die Schrift in einer Zeit doppelt empfehlen, die so arm an literarischen Leistungen war, welche an eine grosse Vergangenheit erinnerten. Im Stil reiht sich Minucius noch an die bessern Schriftsteller der silbernen Latinität. Wie vortheilhaft unterscheidet sich der seinige von dem eines Fronto, Gellius, Apuleius! Hier ist nichts von der gespreizten Alterthümelei des ersten, von der schwerfälligen Unklarheit des andern, und wenig von des dritten Künstelei und Manierirtheit. Im allgemeinen hat die Darstellung eine für jene Zeit merkwürdige Eleganz. Geistvoll und lebendig schreitet sie rasch vorwärts mit leichter Beweglichkeit. Ohne Leidenschaftlichkeit, ist sie doch überall voll Wärme, die an einzelnen Stellen zu einer schönen Flamme der Begeisterung sich entzündet. Der Stil hat den Charakter der Subjectivität, aber diese ist hier vollkommen berechtigt: der Verfasser hat das nächste persönliche Interesse an dem Gegenstand, und es ist ein Interesse des Herzens, das Gemüth spricht hier mit, und 32 mitunter in einer Weise bereits, die den Genius der christlichen Literatur ankündigt. Andererseits hält sich die Subjectivität des Stils doch in den nothwendigen Schranken der Formschönheit und Correctheit, die ein harmonisch gebildeter, durch das Studium der Klassiker erzogener Geist nicht geringschätzt und willkürlich überspringt, wenn er sich auch Freiheiten gestattet, namentlich im Gebrauch des Wortschatzes, den schon die silberne Latinität mit Recht viel weiter erschlossen hatte. Aber auch hierin zeigt Minucius einen weit bessern Geschmack und eine weit grössere Enthaltsamkeit als jene drei andern Schriftsteller der Zeit der Antonine.

So erscheint in diesem Erstlingswerk die christlich-lateinische Literatur in formeller Beziehung nicht in irgend welchem Gegensatz zu der heidnischen, vielmehr kleidet sie ihren Inhalt in die gewählteste und geschmackvollste Form und Ausdrucksweise, sowie sie jenes Zeitalter nur bieten konnte. Sie nimmt dafür keine besondere Freiheit in Anspruch. Sie bewahrt zugleich in diesem Buch nicht bloss den römisch-nationalen Charakter, den weder orientalisch-semitischer, noch griechischer Einfluss trübt, sondern es tritt derselbe hier sogar noch ausdrucksvoller, als in andern, heidnischen Werken derselben Epoche hervor: es ist die Eigenart römischer Popularphilosophie, in welcher die Speculation nur im Dienste der Ethik erscheint, die diesem ältesten christlich-lateinischen Werke ein so echt römisches Gepräge gibt.

 

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