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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1 - Kapitel 31
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1889
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
pages667
created20120824
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Erstes Kapitel.

Prosper.

Indem wir nun zur Betrachtung der literarischen Erscheinungen dieser Periode und zunächst ihrer ersten Epoche übergehen, können wir in derselben, im allgemeinen wenigstens, die Poesie und die Prosa sondern, zumal die Fälle selten sind, wo ein Autor in beiden zugleich eine literarhistorische Bedeutung erlangte. Wir beginnen mit der Dichtung, die sich zwar in der Regel nur auf den bereits im vorigen Zeitraum eröffneten Bahnen bewegt, aber dennoch einzelne recht originelle Werke aufzuweisen hat. An der Spitze der Poeten steht der Zeit nach ein Autor, der noch mehr in Prosa geschrieben hat, dessen Prosawerke aber bis auf eins für uns hier ohne Interesse sind, und der, so prosaisch auch seine Natur war, doch in seinen poetischen Producten allein eine gewisse Originalität zeigt. Es ist der Aquitanier Prosper.*Sancti Prosperi Aquitani opera omnia ad mss. codd., nec non ad editt. antiquiores et castigatiores emendata etc. Paris 1711. fol. (herausgegeben von Le Brun und Mangeaut). – *S. Prosperi Aquitani De gratia Dei et libero arbitrio hominis et praedestinatione sanctorum opera omnia. Edition. emendatiss. et variis lectionibus praecipue ex codd. mss. Catican. curavit P. F. F. (Petrus Francisc. Fogginius). Rom 1758. Danach Venedig 1786. – – Wiggers, a. a. O. (s. oben S. 316, Anm. 4). – Holder-Egger, Untersuchungen über einige annalistische Quellen zur Geschichte des 5. und 6. Jahrhunderts, in: Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde, Bd. I (1876), S. 54 ff. – Haucks Art. Prosper in der Real-Encycl. f. prot. Theol. Bd. 12 (1883), S. 300 ff. In ihm reicht diese Periode der vorausgehenden wahrhaft die Hand. Er, der eifrigste Anhänger und Schüler des Augustin – d. h. durchaus durch seine Schriften gebildetPersönlich kannte er ihn nicht. S. den Eingang seiner Epist. ad Augustinum. –, setzte dessen Kampf gegen den Pelagianismus mit wahrer Leidenschaft fort, indem er denselben auch in jener vermittelnden Ansicht über das Verhältniss der Gnade zu dem freien Willen, welche in Südgallien damals aufkam, noch aufsuchte und hierbei namentlich gegen den dort so einflussreichen Cassian, der, wie oben bemerkt, in einer seiner Conlationen jene Ansicht entwickelt hatte, sich 366 wandte. Von Prospers Leben haben wir gar wenige sichere Daten; und nur solche, die mit seiner literarischen Thätigkeit unmittelbar zusammenhängen. Er war ein gelehrter Laie, der offenbar mit vielem Erfolg die noch immer hervorragenden Schulen seiner Heimath besucht hatte.So nennt ihn auch Gennadius De vir. ill. c. 84: sermone scholasticus. Nach der Provincia und, wie es scheint, nach Massilien übergesiedelt, macht er um das Jahr 429 durch ein Schreiben Augustin zuerst mit dem dort sich entwickelnden Semipelagianismus bekannt und veranlasst ihn zu den Schriften De praedestinatione sanctorum und De dono perseverantiae, welche seine Lehre erläutern sollten. Prosper selbst tritt dann bald darauf wider die Gegner des Augustinismus mit einer Reihe von Werken in die Schranken, von welchen eines der ersten, wenn nicht das erste selbst, seine Dichtung De ingratis ist, die noch bei Lebzeiten des Augustin, zwischen 429 und 430, verfasst wurde. Von seinen Streitschriften in Prosa aber ist am bedeutendsten das ein paar Jahre danach direct gegen Cassian gerichtete Buch De gratia dei et libero arbitrio, welches eben deshalb später den Zusatz contra Collatorem erhielt, wonach es häufig auch allein citirt wird. Ausserdem heben wir unter seinen Werken als beachtenswerth noch die folgenden hervor: einmal, eine Sammlung von fast 400 Sätzen aus den Schriften seines Meisters (Sententiarum ex operibus Augustini delibatarum liber), gleichsam als eine Summe der Theologie desselben, ein Buch, literargeschichtlich schon deshalb merkwürdig, weil es im Abendland das erste einer Art war, die im Mittelalter noch so wichtige Werke als das des Petrus Lombardus zeitigen sollte; dann aber gab diese Sammlung zur Abfassung eines Buchs Epigramme dem Prosper die Veranlassung; endlich schrieb er auch eine Weltchronik im Anschluss an die des Hieronymus, auf welche ich später zurückkomme. Er starb wahrscheinlich im Jahre 463Da die Chronik in ihrer letzten Edition (s. darüber weiter unten) mit dem Jahre 455 schliesst, so lässt sich wohl annehmen, dass der Verfasser dies Jahr nicht lange überlebte, weil er sie sonst wohl fortgesetzt haben würde: nun gedenkt Marcellinus Comes in seiner Chronik des Prosper unter dem Jahre 463 (s. Ronc. p. 295); der Schluss liegt hiernach nahe, dass dies sein Todesjahr gewesen. – Dieser in der ersten Auflage ausgesprochenen Vermuthung bin ich trotz des Widerspruchs Holder-Eggers noch immer, da ich seine Behauptung, dass Marcellinus die aus Gennadius entnommenen literarhistorischen Notizen ganz willkürlich unterbringe, für unannehmbar halte, so lange sie nicht gründlich bewiesen ist., nachdem er, 367 wie es sehr glaublich ist, seit dem 5. Decennium zu Rom im Dienste Papst Leo's gelebt.S. Holder-Egger, a. a. O. S. 58 u. 63 ff.

Das Gedicht De ingratis, welches etwas über 1000 Hexameter umfasst, ist, wie der Autor in einer kurzen Praefatio von fünf Distichen schon andeutet, gegen die Semipelagianer Südgalliens gerichtet, in welchen er den Pelagianismus selbst wieder auferstanden sah; daher der Titel: ingrati bedeutet hier doppelsinnig nicht bloss die Undankbaren, sondern die Verächter der Gnade.In den Ausgaben lautet, offenbar auf Grund der Handschriften, der Titel oft: ›Περὶ ἀχαρίστων id est de ingratis‹; vielleicht hatte Prosper ursprünglich nur den griechischen Titel dem Werke gegeben, nach Art des Prudentius (Peristephanon); aber die Uebersetzung des griechischen Ausdrucks zeigte er schon v. 3 f. der Praef., wo es heisst: Adversum ingratos – – Centenis decies versibus excolui. Die Dichtung ist in vier ›Partes‹ getheilt, von welchen Theilen der erste eine kurze Entwickelungsgeschichte des Pelagianismus gibt, seine Verdammung durch die Kirche des Abendlandes wie sein Wiederaufleben zeigt, und in einer perfiden Weise dann den Semipelagianismus mit dem Pelagianismus identificirt, indem der Dichter die Anhänger des letztern redend einführt, und sie entweder auch die Verurtheilung der andern, der Semipelagianer, oder die Wiederaufnahme in den Schooss der Kirche als eine Forderung der Gerechtigkeit verlangen lässt. In den drei folgenden Theilen der Dichtung wird nun die semipelagianische Lehre, ihr Unterschied und ihre Verwandtschaft mit der des Pelagius selbst dargestellt und sie zu widerlegen versucht. Da der Inhalt des Werks ein rein dogmatischer ist, verzichte ich um so lieber auf eine weitere Analyse, je widerwärtiger uns heute der Geist religiöser Intoleranz berührt, der, wie stets, im brüderlichen Verein mit der servilsten Unterordnung unter AutoritätenIm ersten Theile führt er sie ins Feld, wo sich denn auch ein begeistertes Lob Augustins findet, v. 103 ff. hier in einer zum Theil gegen den gesunden Menschenverstand selbst gerichteten Polemik erscheint. Ebenso unpoetisch als der Inhalt ist im allgemeinen die Ausführung: das Ganze erscheint nur als eine für jene Zeit geschickte Versification einer theologischen Streitschrift, die allerdings in einer energischen, die Freiheit und den Wortschatz 368 des poetischen Stils Latiums hier und da mit Erfolg benutzenden Sprache geschrieben ist. Aber von einer dichterischen Auffassung des Stoffes keine Spur: kaum dass sich ein paar ausgeführte Bilder finden. So steht dies polemisch-didaktische Gedicht gegen die des Prudentius weit zurück.

Wenn der Inhalt dieser Dichtung Prospers schon in der Hauptsache Augustinischen Schriften entlehnt ist, die zum Theil selbst wörtlich benutzt sind, so ist dies in noch höherem Grade der Fall in dem Epigrammaton liber, welches um das Jahr 450Auf die Zeit des Eutychianischen Streites weist nämlich Epigramm 64 (65) hin, namentlich v. 9 f.:
        Hinc verbum carni insertum carnemque receptans
        Nec se confundit corpore, nec geminat.
im Anschluss an Prospers Sammlung von Sentenzen aus Augustins Werken verfasst ist, indem eine Anzahl derselben in der Form von Distichen versificirt sind. Es sind einige über 100 EpigrammeDie Zählung ist verschieden, weil einzelne Epigramme in zwei oder mehrere getheilt sich auch finden., welche das Buch enthält. Auch diese Gedichte erheben sich nicht über die bloss technische Sphäre einer mehr oder weniger geschickten Versification.Wir haben noch drei andere Epigramme des Prosper, von welchen das eigenthümlichste, das Epitaphium Nestorianae et Pelagianae haereseon, nicht ohne Pointen ist.

 

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