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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1 - Kapitel 30
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1889
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
pages667
created20120824
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Drittes Buch.
Von Augustins Tod bis auf die Zeit Karls des Grossen.

In Folge der Assimilation der antiken ästhetischen Bildung von Seiten des Christenthums hatte in der vorigen Periode die lateinische Literatur desselben – allerdings nicht ohne den Einfluss der christlich-griechischen – in der Poesie wie in der Prosa eigenthümliche Formen zum Ausdruck der christlichen Gedanken- und Gemüthswelt entwickelt, welche massgebende Muster für die Folgezeit wurden. In der in Hexameter poetisch eingekleideten biblischen Geschichte trat dem römisch-nationalen mythischen und historischen Epos eines Virgil und Lucan ein christliches gegenüber, wie in der die wichtigsten dogmatischen Fragen ergreifenden didaktischen Dichtung des Prudentius ein Seitenstück zu der philosophischen des Lucretius erschien; die schildernde und die novellistisch erzählende Poesie findet sich in den Dichtungen Paulins auf den heiligen Felix; das Epigramm wird mannichfach gepflegt; auch fehlt nicht die Epistel, noch die Satire, die sich schon des apologetischen Gewandes entkleidet; eine christliche Lyrik von mannichfaltigem Charakter erscheint in der Hymnendichtung, theils volksthümlich liederhaft, theils an die Horazische Ode erinnernd mit dem Schmuck kunstvoller Metrik, theils durch die Verschmelzung des epischen mit dem lyrischen Element in dem neuen Stil der Romanze – in der That kein geringer Reichthum poetischer Gattungen und Arten, von denen manche, wie die zuletzt genannte episch-lyrische Species oder die in der Psychomachie des Prudentius zuerst so vollkommen durchgeführte allegorische Didaktik, einen hohen Grad von Originalität beanspruchen dürfen. Auch in der Prosa, deren Behandlung doch entschieden vorwiegt, sahen wir fast alle Felder mit mehr oder weniger Erfolg angebaut: so die Kanzelberedsamkeit, die hier an die Stelle der des Forum tritt, nach ihren verschiedensten 358 Aufgaben, der Erklärung der Bibel und des Dogmas, der moralischen Lehre und des allgemein bildenden Unterrichts, sowie als panegyrische Leichenrede und als, auch in das politische Gebiet hinübergreifende Strafpredigt; so ferner die speculative Untersuchung, in der Form der Abhandlung wie des Dialogs, und nicht minder die moralisirende populär-philosophische Didaktik; die Polemik zur Vertheidigung wie zum Angriff; die Epistolographie in allen Gestalten; die Geschichte als Weltchronik und Weltgeschichte, Kirchengeschichte, Literargeschichte, Lebensbeschreibung und Selbstbiographie, woran sich denn die in das Feld der Poesie hinüber wuchernde Legende reiht; auch die bedeutendste philosophische Betrachtung der Geschichte fand sich.

Zu einer solchen Blüthe hatte aber die christlich-lateinische Literatur nur dadurch gelangen können, dass einerseits unter dem Einfluss der hellenisch-römischen sowie der morgenländischen Kultur, welche beide ja das Römerreich in sich vereinigte, eine Fülle neuer Ideen in der christlichen Gesellschaft sich entwickelten, während zugleich der Kampf mit widerstrebenden Bildungselementen und die sittliche Gefahr, die er mit sich brachte, zu einer ausserordentlichen Vertiefung des Gemüthslebens führten, und dass andererseits das antike Bewusstsein immer noch ein so lebendiges und kräftiges blieb, um nach der Seite seiner formalen Bildung bei den Christen nicht bloss Anerkennung, sondern Nacheiferung zu erwirken. Diese Bedingungen der literarischen Blüthe der lateinischen Christenheit schwanden nun nach dem Tode Augustins allmählich immer mehr. Demgemäss lassen sich in dieser Periode zwei Epochen unterscheiden. In der ersten, welche etwa ein Jahrhundert umfasst, zeigt sich noch eine grössere literarische Bewegung; neue bedeutende Ideen werden zwar nicht producirt – und um so weniger, als die Macht der Autorität und die hierarchische Tendenz in der Kirche immer stärker werden –, aber die der vorausgehenden Periode, vornehmlich die Ideen des Augustin, die sich jetzt zu allgemeiner Anerkennung immer mehr Bahn brechen, namentlich im Kampf mit dem Pelagianismus, wirken noch lebendig und schöpferisch anregend in diesem Zeitalter der Epigonen fort, während zugleich der im Morgenland entbrannte Streit über die doppelte Natur Christi auch das Abendland bewegt. Auch das antik-römische Bewusstsein, von dem die hellenische formal-ästhetische Bildung ein 359 integrirender Bestandtheil geworden war, behauptet sich noch immer bis auf einen gewissen Grad und freilich in immer engeren Kreisen, so schwer auch die Angriffe sind, die es bereits erfährt. Denn schon überfluthen die Germanen das ganze Reich, wo sie sich theils in mehr friedlicher vertragsmässiger Weise, wie die Gothen, theils als reine Eroberer gewaltsam festsetzen, wie namentlich die Vandalen. In Afrika erleidet durch diese die römische Kultur schon jetzt einen tödtlichen Stoss, denn schwere Verfolgung traf ihre Träger, den römischen Klerus und Adel, die ihrer Reichthümer beraubt und durch Hinrichtung, Flucht und Verbannung decimirt wurden; aber auch in den den Gothen unterworfenen Gebieten erhält sich im geheimen ein fortdauernder Kriegszustand zwischen der germanischen und romanischen Bevölkerung, da nicht allein das Barbarenthum, sondern auch der Arianismus eine unübersteigliche Kluft zwischen beiden schuf.

Diese Unsicherheit der öffentlichen Verhältnisse, der materielle wie der moralische Druck, der allein schon in der Anwesenheit des fremden Elementes lag, mussten dem Fortschreiten der Kultur und speciell der Literatur bei der romanischen Bevölkerung sehr hinderlich sein. Aber andererseits lebte auch nach der Absetzung des letzten weströmischen Augustus die Idee des römischen Weltreichs in Italien, Gallien und Spanien fort, nur dass man sich die Herrschaft in dem byzantinischen Kaiser nunmehr concentrirt dachte. In ihren Gedanken waren die Romanen noch immer das herrschende Volk. Die Idee der ewigen Weltherrschaft Roms – bis zur Wiederkehr Christi – war ja von der Kirche und ihren Lehrern adoptirt und geweiht. Der Stolz der Romanen in den höhern Ständen den mehr oder weniger uncivilisirten ketzerischen Barbaren gegenüber war noch ungebrochen; auf dem Boden der Gesellschaft wenigstens waren die Besiegten die Sieger. Und die Germanen erkannten, ihre eigene hohe Kultursendung damit gerade offenbarend, dies willig an: sie zeigten, namentlich die Gothen, die höchste Achtung vor der alten Weltkultur, deren Träger dieser morsche römische Staat war, welcher an sich selbst noch bei alledem ihnen nicht weniger imponirte. So liessen die Gothen in ihren Reichen die römische Verfassung so weit als möglich fortbestehen, den Romanen blieb ihr Recht, und mit geringen Veränderungen ihre städtische Verfassung und Verwaltung. Zwei Staaten wie zwei Völker vereinte gleichsam bei den Ost und den Westgothen 360 dasselbe Reich, dessen einziger thatsächlicher Herrscher aber der deutsche König war, während sein ideeller noch lange Zeit der römische Kaiser blieb; die Germanen durch eigene Gesetze, Sprache, Glauben und Sitten von den Romanen geschieden, welchen selbst eheliche Verbindungen mit ihnen Herkommen und Gesetz noch verboten. Und unter den einflussreichsten Beamten in dem Rathe des Königs selbst waren Romanen. Zugleich bestanden in dieser ersten Epoche unserer Periode, die wir bis in das vierte Decennium des sechsten Jahrhunderts rechnen, in den Reichen der Ost- und Westgothen, d. h. in Italien, Südgallien und Spanien, also gerade in den Theilen des Abendlandes, wo, abgesehen von Afrika, am meisten die antike Kultur ihre Stätte gefunden, und zugleich die neue christlich-lateinische Literatur gepflegt worden war, die alten überlieferten Bildungsanstalten fort; ja es blieb ihnen noch, in Italien wenigstens, die Staatsunterstützung. Die römische Eloquenz wurde auch von den gothischen Königen, die selbst mehr oder weniger sich romanisirten, sehr hoch geschätzt; Rhetoren und Grammatikern ward noch immer manche Gunst zu Theil, wie sie denn auch nicht verschmähten, allen Gewalthabern zu schmeicheln, selbst wenn sie Barbaren waren.

Ganz anders gestalten sich die Verhältnisse mit dem Beginne der zweiten Epoche in einer für die antike Kultur durchaus verderblichen Weise. Italien, ihre Heimath im Abendland, wird bald nach des grossen Theoderich Tode durch einen wechselvollen zwanzigjährigen Krieg (535–554) zwischen Ostrom und den Gothen von den Alpen bis Sicilien verwüstet; es litt um so mehr, als die romanische Bevölkerung insgeheim oder offen für Byzanz Partei nahm, und so die Rache der Gothen herausforderte, Byzanz selbst aber mit viel härtern Steuern, als die Gothen, das diesen entrissene Land bedrückte. Italien sank auf die Stufe einer blossen Provinz des oströmischen Reichs herab, um doch schon fünfzehn Jahre später zum grössten Theil wieder die Beute eines andern und noch dazu viel rohern germanischen Stammes, der Langobarden, zu werden. Jetzt erst wurden die einst die Herrscher der Welt gewesen zu Knechten der Barbaren, welche als die rücksichtslosesten Eroberer mit dem Lande verfuhren: wenn auch Rom selbst mit Ravenna und den wichtigsten Seestädten unter byzantinischer Botmässigkeit oder Oberhoheit noch blieb. Die materiellen Verluste, die das 361 Land trafen, waren dadurch nur um so grösser, da also der Krieg zwischen den Langobarden und Byzanz fast gar nicht aufhörte. Das Papstthum allein erhielt noch die Erinnerung an die alte Weltstellung Italiens und Roms fort.Diese Wendung der Dinge kündigt schon Prosper Aquitanus um 430 in den merkwürdigen Versen seiner Dichtung ›De ingratis‹ an (v. 51 ff.): Sedes Roma Petri, quae pastoralis honoris | Facta caput mundo quidquid non possidet armis | Religione tenet. – Gallien aber befand sich seit der Mitte der dreissiger Jahre des sechsten Jahrhunderts fast ganz in den Händen der Franken, welche, nachdem sie nördlich der Loire schon 486 der römischen Herrschaft ein Ende gemacht hatten, das Land südlich dieses Flusses seit dem ersten Decennium des sechsten Jahrhunderts den Westgothen, und den Südosten den Burgundern entrissen, deren Reich sie 534 mit dem ihrigen ganz verbanden: zwei Jahre später wird ihre Herrschaft in Gallien sogar von Ostrom anerkannt. Obgleich nun zwar dieser Wechsel der germanischen Herrschaft in Südgallien die thatsächlichen politischen Verhältnisse wenig berührte, vielmehr diese fast ganz dieselben blieben, und auch daraus keine materiellen Nachtheile den Romanen erwuchsen, so musste doch das antikrömische Bewusstsein jetzt auch hier vollkommen zerstört werden, soweit es nicht in der katholischen Kirche eine Zuflucht fand: denn das ideelle Verhältniss dieser fränkischen Eroberer war zu den Romanen ein anderes, als das der Westgothen, die nur als Foederati Roms das Land sich angeeignet hatten, das ihnen zum Theil selbst ganz freiwillig abgetreten war. Dem Romanenthum gewährte hier aber mit dem grössten Erfolg die katholische Kirche eine Stütze, da sie es gerade gewesen, die den Sieg den Franken wesentlich erleichtert: diese waren von Anfang an ihre Söhne geworden; mit ihnen hatte sie gegen die arianischen Westgothen und Burgunder schon lange ein geheimes Bündniss gepflogen, sodass die Franken den andern germanischen Nationen Galliens gegenüber fast dieselbe Rolle, als Byzanz in Italien und Afrika, spielten. Vom religiösen, christlichen Standpunkt aus wurden sie von den Romanen Südgalliens als Befreier begrüsst, die, vom nationalen betrachtet, die Barbarenherrschaft nur noch fester begründeten und noch demüthigender und offenbarer machten. Auf dem neutralen Gebiet der katholischen Kirche, das an und für sich über die nationalen Gegensätze sich erhob, in der That aber 362 in Folge der Assimilation hellenisch-römischer Kulturelemente dem Romanismus besonders angehörte, konnte dieser die Herrschaft behaupten, um von hier aus auch auf das Staatsleben die wichtigsten Einflüsse auszuüben. Und so sehen wir denn, wie schon zur Zeit der Westgothenherrschaft in Gallien vornehme Romanen, die früher Staatsmänner waren, Bischofssitze einnehmen, die dann unter den Franken zum Theil geradezu eine Domäne bestimmter senatorischer Geschlechter werden. – Auch in Spanien, wo zunächst die Verhältnisse der frühern Epoche fortbestehen, nur dass zeitweise, wie unter König Leovigild, der Katholicismus die heftigste Verfolgung erfährt, findet in diesem doch der Romanismus seine Hauptstütze; ja der Einfluss des katholischen Priesterthums auf den Staat wird, als Leovigilds Sohn Reccared (586) zur orthodoxen Kirche übertritt und seinem Beispiel die Gothen folgen, ein höchst bedeutender, sodass die Romanisirung der Westgothen viel rascher als die anderer Germanen erfolgt.

Der Process der Verschmelzung der Nationalitäten unter der Einwirkung der katholischen Kirche, aus welchem die neuen Völker des Abendlandes hervorgehen sollten, löst überall das antik-römische Bewusstsein vollends auf, nachdem dasselbe nicht nur in politischer Beziehung durch die Germanen gebrochen, sondern auch in moralischer durch das immer tiefer eindringende Christenthum zerstört worden war. Beides geht ja Hand in Hand und steht in Wechselwirkung. Nun traten auch die geistlichen, insbesondere die Klosterschulen mehr und mehr an die Stelle der aus dem Alterthum überlieferten Profanschulen, die bis auf spärliche Reste in dieser zweiten Epoche verschwinden. Die antike Bildung muss sich durchaus unter die Fittige der Kirche flüchten, die ihr in der That, namentlich in manchen Klöstern, ein rettendes Asyl schenkt; aber wird auch dort die Literatur des Alterthums zu einem guten Theil geborgen, ja durch neue Abschriften vermehrt, so wird doch die antike Wissenschaft nur noch in einer kirchlich modificirten Form, wie durch die Schule, so durch encyclopädische Werke, in grössern Kreisen verbreitet. In dieser Gestalt war sie ihnen jetzt auch allein ansprechend und verständlich: so allein liess sie sich für die nächsten Jahre conserviren, wie sich Früchte eingemacht nur durch einen fremden Zusatz erhalten, der freilich die Eigenthümlichkeit ihres Geschmackes wesentlich verändert.

363 Die Literatur ist in dieser Epoche, zumal vom siebenten Jahrhundert an, gar spärlich vertreten, wenn auch manches verloren gegangen sein mag, das aber gewiss auch dieses Schicksal verdiente. Nicht bloss war in den Ländern, in welchen die christlich-lateinische Literatur bisher gepflegt wurde, jetzt die Bildung im allgemeinen zu sehr gesunken, sondern es fehlten auch alle äussern begünstigenden Einflüsse, vielmehr machten sich fast nur die nachtheiligsten geltend. Die katholische Kirche war in dogmatischer Hinsicht zu einem Abschluss gelangt: praktische Interessen bewegten sie nur, ihre äussere Stellung feindlichen Mächten, wie dem Arianismus der Langobarden, früher auch der Westgothen, sowie Byzanz gegenüber zu behaupten, oder ihr Gebiet über die heidnischen Barbaren auszudehnen; andererseits dann in politischer Beziehung die unaufhörlichen innern Kämpfe und Fehden in Italien und Gallien, wozu seit dem Anfang des achten Jahrhunderts in Spanien der Einfall der Araber kam, der dieses Land bald fast ganz dem Christenthum entriss. Die Literatur dieser Epoche würde noch ärmer sein, ja die Continuität ihrer Entwickelung unterbrochen erscheinen, wenn nicht dagegen auch ganz neue Gebiete das Christenthum sich erobert hätte, aus deren Bevölkerung selbst wieder bald begeisterte Apostel desselben hervorgingen, die mit jugendlich frischem Enthusiasmus auch der durch die Kirche überlieferten antiken Bildung sich bemächtigten und sie zu verarbeiten und weiter zu verbreiten sich gedrängt fühlten. Ich meine die Iren und Angelsachsen. Nachdem seit den dreissiger Jahren des fünften Jahrhunderts der heil. Patricius das Christenthum in Irland eingeführt, bedeckte sich das Land rasch mit Klöstern, wo gerade auch die höchsten Klassen, der Adel und die Druiden, der christlichen Askese und Weisheit zugleich mit aller Begeisterung sich widmeten, wie ja schon die Druiden in ihrem Berufe die Pflege der nationalen Wissenschaft mit der des Kultus vereint hatten. Diese irischen Mönche brachten dann, namentlich seit dem Ende des sechsten Jahrhunderts, die Begeisterung für die Askese und nicht minder die gelehrte Bildung nach dem Continent, Gallien, Germanien und selbst Oberitalien, wieder zurück, indem sie hier Klöster gründeten, wie Luxeuil, Bobbio; St. Gallen u. a., welche für die nächsten Jahrhunderte die wichtigsten Stätten der Kultur wurden. Um dieselbe Zeit begann durch Benedictiner Italiens, welche direct von dem Papst 364 gesandt wurden, die Bekehrung der Angelsachsen, an welcher sich dann auch die Iren betheiligten, die auch zu ihnen ihren asketischen und wissenschaftlichen Eifer trugen. Aber auch mit Italien blieb die junge angelsächsische Kirche in stetem, regem Verkehr, was sie vor der Einseitigkeit der irischen schützte. So kam es, dass, als seit dem letzten Drittheil des siebenten Jahrhunderts die angelsächsischen Mönche dem Beispiel ihrer Lehrer, der irischen folgend, auch deren Missionsthätigkeit aufnahmen, sie die ihrer Meister bald verdunkelten. Auch die kirchliche wissenschaftliche Bildung, die sie zum Theil von ihnen empfangen, trug bei den Angelsachsen eine weit reichere Frucht: sie sind es, die zuletzt noch in den dunkelsten Zeiten die christlich lateinische Weltliteratur in bedeutenderer Weise fortsetzen und lebendig erhalten, um sie dem karolingischen Zeitalter später zu überliefern, und sie sind es zugleich, die zuerst unter den neuen Völkern des romanisch-germanischen Abendlandes, welche an der Stelle der Römer die Träger der Weltkultur dort werden, eine Nationalliteratur hervorbringen.

So zeigt sich recht, wie diese Periode der christlich-lateinischen Literatur eine Uebergangsperiode in der Geschichte der Weltliteratur selbst ist, und aus diesem Gesichtspunkt hat namentlich die zweite Epoche kein geringes historisches Interesse. Ein neuer, ihr eigenthümlicher Zug, der unmittelbar mit ihrem allgemeinen Charakter zusammenhängt, und schon am Schluss der ersten Epoche dieser Periode sich ankündigt, besteht darin, dass das germanische und keltische Volkselement auf die christlich-lateinische Literatur einwirken, theils stofflich, theils durch die Autoren, die entweder jenen Nationalitäten angehören oder unter ihrem Einflusse stehen. Hierdurch erhielt diese Literatur der Epigonen ein neues frisches Lebenselement. Eine andere Eigenthümlichkeit dieser zweiten Epoche unserer Periode, die nicht minder im innigen Zusammenhang mit ihrem allgemeinen Charakter steht, beruht, um mich kurz auszudrücken, in der Popularisirung der christlich-lateinischen Literatur, d. h. allerdings nur einzelner ihrer Zweige, die einer solchen besonders fähig waren, indem sie durch mündliche Rede sich überliefern liessen, so der Hymne, der Predigt und der Legende.Ozanam, La civilisation au cinquième siècle; Derselbe, La civilisation chrétienne chez les Francs. Oeuvres 2e éd. Paris 1855. Tom. I et II, IV. – Dahn, Die Könige der Germanen. Bd. I–VI. München 1861 ff. 365

 

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