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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1 - Kapitel 29
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1889
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
pages667
created20120824
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Achtzehntes Kapitel.

Cassianus.

Noch ist aus dem Ende dieser Periode ein Prosaiker zu erwähnen, der von einer ausserordentlichen Wirkung war und mit den Schriften, auf welchen diese beruht, an die asketischen des Rufin und Severus wie des Hieronymus selbst unmittelbar sich anschliesst. Ich meine Ioannes CassianusIoannis Cassiani Conlationes XXIV et de octo principalium vitiorum remediis. – De Institutis coenobiorum libri XII. De Incarnatione Domini. Rec. Petschenig (Prolegg.). Wien 1886 u. 1888. (Corp. script. eccl. lat. Vol. XIII u. XVII.) – Wiggers, De I. Cassiano Massiliensi, qui Semipelagianismi auctor vulgo perhibetur, comment. 3 Dissert. Rostock 1824 f. 4°., den Verfasser der Bücher De institutis coenobiorum und der Conlationes patrum. Wenn auch diese beiden Werke zunächst für die Mönche selbst bestimmt waren, zu ihrer Unterweisung, Erbauung und Unterhaltung, wie sie denn als ein wahres, bereits von dem heiligen Benedict empfohlenes Handbuch des Kloster- und Eremitenlebens durch das ganze Mittelalter hochgeschätzt wurden, so verdienen sie doch auch in einer allgemeinen Geschichte der Literatur, ganz abgesehen von jener weit tragenden indirecten Bedeutung, aufgeführt zu werden, insofern sie, zumal bei der Art ihrer Abfassung, damals von dem grössten Interesse für die Kreise der Vollchristen überhaupt sein mussten, welche ja das asketische Leben als das Ideal betrachteten. –Welches das Vaterland des Cassianus war, der wahrscheinlich in den sechziger Jahren des vierten Jahrhunderts geboren wurde, ist ungewissDass die Angabe des Gennadius De vir. ill. c. 64: ›Cassianus natione Scytha‹ auf einem nicht schwer erklärlichen Irrthum beruht, ist schon von andern nachgewiesen; s. darüber Wiggers, a. a. O. p. 7.; nicht unwahrscheinlich aber dünkt mir, dass er, wie auch Ampère meint, aus Südgallien stammte, dem er ohnehin in seiner Eigenschaft als Schriftsteller angehört.Auch Petschenig, Prolegg. p. II. ff., entscheidet sich dafür. Früher aber kam er in ein Kloster zu Bethlehem, wo er seine erste religiöse Bildung empfing.S. namentlich De inst. coenob. III, c. 4 init. So ist als Mönch selbst dieser Lehrer des Mönchthums aufgewachsen. Die Sehnsucht, das Vaterland 349 desselben kennen zu lernen, wo noch immer die Ideale des asketischen Lebens sich fanden, trieb den Jüngling aber (um 390)Nach Petschenig, l. l. p. VI ff., nicht lange vor 385. zugleich mit seinem Freunde Germanus zu einer Reise nach Aegypten, wo er in der Gesellschaft der von ihm als Heilige verehrten Mönche und Anachoreten, sie durch das ganze Land aufsuchend, erst sieben und dann, nachdem er in Bethlehem die Erlaubniss seiner Obern eingeholt, noch drei Jahre verweilte. Darauf aber begab er sich nach Constantinopel, wo er der Schüler des Chrysostomus und von ihm zum Diakon geweiht wurde. Nach der Verbannung desselben ging er in seinem Interesse nach Rom 405. Zehn Jahre später finden wir ihn als Presbyter in Massilien, bei welcher Stadt er zwei Klöster, eins für Männer und ein anderes für Frauen, nach den Vorbildern des Morgenlandes gründete. Durch dies Beispiel, wie durch seine Schriften, die er jetzt erst zu verfassen begann, hat er nicht wenig zur Verbreitung der Klöster im Abendland, namentlich in Gallien und Spanien, beigetragen. Nach den schon erwähnten Werken schrieb er noch die sieben Bücher De incarnatione Domini um 430 gegen Nestorius, deren Vollendung er nicht lange überlebt zu haben scheint.Aus der Art, wie Gennadias sich ausdrückt, zu schliessen, welcher nach der Erwähnung dieses Werkes sagt: ›et in his scribendis apud Massiliam et vivendi finem fecit Theodosio et Valentiniano regnantibus‹. Er starb in so grossem Ansehen, dass er als Heiliger bis auf die Gegenwart, zumal in Marseille, verehrt wurde.

Die beiden oben zuerst aufgeführten Werke des Cassianus, die allein hier für uns in Betracht kommen, stehen in dem innigsten Zusammenhang, indem der Verfasser auch im ersten nicht selten auf das zweite, beabsichtigte, schon verweist. Jenes sollte mit dem Titel De institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis libri duodecim bezeichnet werden, statt des herkömmlichen oben gegebenen kürzern, da dieser vollere Titel offenbar der ist, den Cassian selbst dem Werke beigelegtSo sagt er im Eingang der Praefatio der zehn ersten Conlationen: Debitum quod beatissimo papae Castori in ›eorum voluminum‹ praefatione promissum est, ›quae de institutis coenobiorum et de octo principalium vitiorum remediis duodecim libellis digesta sunt‹. Allerdings aber kürzte Cassian selbst schon beim Citiren des Werkes den weitläufigen Titel in der angegebenen Weise. S. Praef. der zweiten Abtheilung der Conlationen., und er allein auch den vollen Inhalt bezeichnet. 350 Auf den Wunsch des Bischofs von Apta Iulia im Narbonensischen Gallien, Castor, der Cassians Kenntniss von den Klöstern des Morgenlandes, Palästinas und Aegyptens, im Interesse eines neubegründeten eigenen verwerthen wollte, verfasste er dies Werk, in dessen vier ersten Büchern er die ›Einrichtungen‹ und ›Regeln‹ jener Klöster, in den acht übrigen die Hauptfehler die das Mönchs- und Einsiedlerleben bedrohten, nach ihrem Ursprung, Ursachen und Heilmitteln gemäss der Ueberlieferung zu behandeln übernahm.S. die Praefatio und vgl. den uns erhaltenen Brief Castors an Cassian. So bildet den Gegenstand des ersten nur sehr kleinen Buches die äussere Ausrüstung des Mönches das Kostüm, den des zweiten die in Aegypten vorgeschriebenen nächtlichen Gebete und Psalmen, wobei über den Vortrag der letztern manches geschichtlich merkwürdige sich findet; im dritten Buche wird dagegen von dem canonischen Modus der täglichen Gebete und Psalmen, wie er in Palästina und Mesopotamien herkömmlich war, in Aegypten aber fehlte, wobei namentlich auch die Wahl der Gebetstunden motivirt wird, gehandelt, im vierten aber von der Aufnahme, Prüfung und Lebensweise der der Welt Absagenden, vornehmlich von den unbedingten Pflichten der Demuth, des Gehorsams und der Armuth, wofür denn als mustergültige Beispiele Züge aus dem Leben der Heiligen der Wüste, wie des damals so gefeierten Asketen JohannesDessen Leben auch in der Historia eremitica so ausführlich behandelt wird. S. oben S. 327., angeführt und erzählt werden.

Nachdem am Schlusse dieses Buches in einer Recapitulation die Stufenleiter, welche den Mönch zur Vollkommenheit führt, kurz bezeichnet istDie Stelle erscheint mir von so allgemeinem Interesse und Bedeutung, um sie hier mitzutheilen: Audi ergo paucis ordinem, per quem ascendere perfectionem summam sine ullo labore ac difficultate praevaleas. Principium nostrae salutis ac sapientiae secundum Scripturas timor Domini est (Proverb. 1). De timore Domini nascitur conpunctio salutaris. De conpunctione cordis procedit abrenuntiatio, id est nuditas et contemptus omnium facultatum. De nuditate humititas procreatur. De humilitate mortificatio voluntatum generatur. Mortificatione voluntatum exstirpantur atque marcescunt universa vitia. Expulsione vitiorum virtutes fruticant atque succrescunt. Pullulatione virtutum puritas cordis adquiritur. Puritato cordis Apostolicae caritatis perfectio possidetur. L. IV, c. 43., was bei der keineswegs systematisch strengen Darstellung um so nöthiger war, so geht nun der 351 Verfasser zur Betrachtung der acht Laster über, mit denen der Mönch zu ›kämpfen‹ hat, indem einem jeden derselben eins der folgenden Bücher gewidmet ist. Sie sind: L. V gastrimargia, oder concupiscentia gulae, Schlemmerei, L. VI fornicatio, Unzucht, L. VII philargyria, Geldliebe, L. VIII ira, Zorn, L. IX tristitia, Niedergeschlagenheit, L. X acediataedium sive anxietas cordis –, Verdrossenheit, L. XI cenodoxia, Eitelkeit, L. XII superbia, Hoffart. Sie sind offenbar nach der Schwierigkeit ihrer Ueberwindung geordnet, indem die gröbern Laster den Anfang machen, die leichter zu bekämpfen sind, da die äussere Zucht des Mönchthums dabei zu Hülfe kommt. Zugleich sind die drei ersten solche, deren Besiegung eine Voraussetzung selbst des asketischen Lebens ist, während die letzten dagegen sich in und mit ihm entwickeln können. So ergreift die acedia vorzugsweise und am schlimmsten die Einsiedler und die Wandermönche (vagi) in dem Eremus, und namentlich um Mittag, weshalb man sie auch den Mittagsteufel (meridianus daemon) nannte. Von dieser Seelenkrankheit gibt unser Verfasser l. X, c. 2 eine anschauliche Schilderung. Arbeitsamkeit ist ihr Hauptheilmittel; und Cassian nimmt hierbei die Gelegenheit, den Fleiss der Mönche Aegyptens zu rühmen (l. l. c. 22), die nicht bloss ihren eigenen Unterhalt selbst beschaffen, sondern auch von ihren Arbeiten andere mit Lebensmitteln unterstützen.Der Beschäftigung mit Abschreiben von Büchern habe ich nur einmal als Ausnahme bei einem aus Italien gekommenen Mönche hier erwähnt gefunden, 1. T, c. 39; er verstand eben, wie er selbst sagt, nichts anderes. Welch ein gefährlicher Feind auch des Mönchthums die Eitelkeit ist, dies vielgestaltige, mannichfaltige und subtile Laster, das oft nicht einmal durch die Besiegung überwunden wird, sondern in veränderter Gestalt sich wieder erhebend, unter dem Schein der Tugend den Sieger zu vernichten strebt (l. XI, c. 2) – da jener Sieg selbst wieder Eitelkeit zu erzeugen vermag –, wird im elften Buche ausführlich und interessant genug dargelegt. Als das schlimmste Laster aber wird die superbia bezeichnet, das, obgleich dem Ursprung nach das erste, zuletzt noch auf dem Kampfplatz erscheint, und zumeist die Vollkommenen versucht. Es hebt, im Unterschied von den andern Lastern, als deren Urquell alle Tugenden zugleich auf, nicht bloss sein Gegentheil, die Demuth (l. XII, c. 3). Mit seiner Betrachtung schliesst denn dies erste Werk, das in einem 352 leicht fliessenden, wenn auch nicht überall correcten Ausdruck seine Aufgabe in populärer, praktischer, allgemein verständlicher Weise behandelt, ohne in die Tiefe hinabzusteigen, oder auch andererseits allzu sehr in die Weite zu schweifen.

Das folgende Werk der 24 Conlationes patrumVielleicht war ursprünglich der Titel ›summorum‹ patrum, denn die Sammlung der ersten 10 bezeichnet wenigstens also Cassian in der Praefatio derselben. bildet nun eine Fortsetzung, beziehungsweise Ergänzung gleichsam des ersten, in welcher allerdings höhere Ziele verfolgt werden, aber die Darstellung auch unter dem Fehler der Weitschweifigkeit oft sehr leidet. Diese Conlationes sind aber Unterhaltungen, welche mit den angesehensten Anachoreten Aegyptens Cassian im Verein mit seinem Freunde Germanus, der für beide gewöhnlich das Wort führt, gehabt haben will; doch dienen die kurzen Reden der Freunde, die sich hier nur belehren lassen, bloss dazu, die Uebergänge in dem Vortrage des ›Vaters‹, der sie fragend oder befragt unterrichtet, zu vermitteln. Diese 24 Conlationen sind in drei Abtheilungen verfasst und herausgegeben worden, indem eine jede mit einer besonderen Widmung oder Vorrede erschien; die ersten zehn sind noch auf die Aufforderung des Castor bald nach der Vollendung des ersten Werkes um 419 geschrieben, aber erst nach dem Tode jenes Bischofs veröffentlicht, die folgenden sieben um 428, die sieben letzten nicht lange danach.S. für die Zeitbestimmung Wiggers, a. a. O. S. 25 f. – Auf die sieben der letzten Abtheilung wird schon in der Praefatio der zweiten als ›emittendae‹ hingewiesen. Ueber die Aufgabe und das Verhältniss dieses Werks zu dem vorigen spricht sich der Verfasser in der Vorrede zu den ersten zehn Conlationen selbst aus, wenn er sagt, die Schwierigkeit des neuen Unternehmens sei um ebenso viel grösser, als die Anachoresis über die Klöster, und die Contemplation Gottes über das thätige Leben der Mönchsvereinigungen sich erhebe, und hernach fortfährt, dass er von dem in dem frühern Werke behandelten äussern und sichtbaren Kultus der Mönche zu der unsichtbaren Haltung (habitus) des innern Menschen, von den canonischen Gebeten zu dem ewigen übergehen wolle, damit, wer durch die Lesung des ersten Werkes die Unterdrückung der fleischlichen Laster erreichte, jetzt auf Grund der Unterweisungen der Väter durch die Anschauung einer schon 353 göttlichen Reinheit lerne, was auf dem Gipfel der Vollkommenheit zu beobachten sei. Es soll also durch diese Conlationen, die speciell zur Lectüre der Mönche und Einsiedler bestimmt waren, der Weg zum Ideal des asketischen Lebens gewiesen werden, indem die wichtigsten dahin einschlagenden Fragen von den Heiligen der Wüste discutirt werden, und zwar sowohl auf Grund ihres speculativen Nachdenkens als ihrer Lebenserfahrung, sodass sowohl philosophische Erörterungen als auch praktisch moralische Lehren, nicht selten durch legendarische Erzählungen als Beispiele illustrirt, gegeben werden. Es ist gleichsam eine hohe Schule des Mönchthums. So handelt sogleich Conl. I De monachi destinatione vel fine, Conl. XIX De fine coenobitae et heremitae, wo der eine Stand mit dem andern verglichen wird, Conl. III De tribus abrenuntiationibus – die Voraussetzung des Mönchthums, den irdischen Gütern, Leidenschaften und der gegenwärtigen Welt zu entsagen, Conl. XI De perfectione, Conl. XV De charismatibus divinis (worin sich manche Wundererzählungen finden), Conl. XIV De spiritali scientia, worunter speciell das höhere Verständniss der Bibel begriffen wird, von der (c. 8) eine vierfache Auslegung, die historische, tropologische, allegorische, anagogische angenommen wird; so hat Conl. IX das Gebet zum Gegenstand, worin sein Wesen, die verschiedenen Arten desselben u. s. w. untersucht werden; so wird in Conl. V von den acht Hauptlastern wieder gehandelt, aber die innere Beziehung derselben zu einander dargelegt.Als besonders interessant in Betreff der äussern Geschichte des Mönchswesens mag hier noch die Conl. XVIII hervorgehoben werden: ›De tribus generibus monachorum‹; es sind die Coenobiten (die Mönche κατ' ἐξοχὴν), die Anachoreten, die Sarabaïten – die sich keiner Klosterdisciplin unterwerfen, s. darüber c. 7. – Auch noch eine neue Abart der Einsiedler (s. c. 8) wird hier behandelt, daher in manchen Ausgaben der Zusatz: ›et quarto nuper exorto‹ der Ueberschrift der Conlatio. Der Verfasser bewegt sich also in diesem Werk in einer höhern Sphäre als in dem vorigen; der speculative Geist, der es erfüllt, zeigt, wie die berühmten Einsiedler Aegyptens den in Alexandrien noch immer gepflegten christlich-philosophischen Studien nicht untreu geworden waren. Cassian war nicht umsonst ihr Schiller gewesen. Er opponirt in diesem Werke, namentlich der Conl. XIII De protectione dei, was hier so viel als gratia dei ist, gegen Augustins Ansicht von der 354 Erbsünde und Gnadenauswahl. Wie er hierdurch zu einem der ersten Vertreter des Semipelagianismus wurde, der namentlich in Gallien viel Anklang fand, so gab er, was uns hier mehr interessirt, durch den speculativen Charakter vieler seiner Conlationen dem Mönchthum eine Hinweisung auf eine höhere geistige Ausbildung und wissenschaftliche Studien, wodurch die Klöster in der Folgezeit auch zu einer Zufluchtsstätte der Wissenschaft und Literatur im Abendland wurden. 355

 


 

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