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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1 - Kapitel 27
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1889
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
pages667
created20120824
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Sechzehntes Kapitel.

Orosius. – Paulinus von Mailand.

Der dritte der oben gedachten Historiker, welcher auch nicht lange nach den beiden eben behandelten auftritt, und zwar mit dem ersten merkwürdigen Versuch einer Universalgeschichte im engsten Anschluss an die Civitas dei des Augustin, ist OrosiusPauli Orosii historiarum adversum paganos l. VII, accedit eiusdem liber apologeticus. Rec. Zangemeister. Wien 1887. (Corp. script. eccl. Vol. V.) – – Mörner, De Orosii vita eiusque histor. l. VII. Berlin 1844., der durch das ganze Mittelalter und selbst bis in die neuere Zeit noch das höchste Ansehen genoss und von ausserordentlicher Wirkung war. In Orosius erscheint nun wieder eine andere Provinz des Abendlandes vertreten, er war ein Spanier, Presbyter in Lusitanien. Um 414 kam er als Jüngling auf einer Reise durch Fügung des Himmels, wie er meintS. Commonitor. – Das heisst, er hatte ursprünglich nicht die Absicht, Augustin auf der Reise aufzusuchen. Ob dieselbe eine Flucht vor den Barbaren war, wie man auf Grund von Hist. l. III, c. 20, annimmt, muss sehr dahingestellt bleiben., zu Augustin nach Afrika, den er über manche dogmatische Fragen, welche der in Spanien damals noch immer fortwuchernde Priscillianismus angeregt, namentlich auch über den Ursprung der Seele um Rath fragte. Auf sein deshalb an Augustin gerichtetes Commonitorium antwortete dieser in seinem Buche Contra Priscillianistas et Origenistas. Aber um den Orosius noch besser zum Kampfe gegen die Irrlehrer seiner Heimath auszurüsten, sandte ihn Augustin zu Hieronymus. Diesen unterstützte er dann in Palästina in seinem Streit mit den Pelagianern, bei welcher Gelegenheit er auch einen Liber apologeticus contra Pelagium de arbitrii libertate schrieb. 416 kam er nach Afrika zurück, in der Absicht, sich von da in seine Heimath wieder zu begeben; aber er gelangte nur bis Minorca: die Kriegsunruhen Spaniens damals veranlassten ihn zur Umkehr nach Afrika, wo er denn, einer Aufforderung Augustins folgend, sein historisches Werk in den Jahren 417–418 verfasste.Dass es nicht schon vor der Reise nach Palästina begonnen wurde, wie Mörner annimmt, zeigt die Angabe in der Widmung an Augustin, dass derselbe ihn zu der Arbeit aufgefordert hätte (praeceperas), maxime cum reverentiam tuam perficiendo adversum hos ipsos paganos undecimo libro insistentem (quorum iam decem orientes radii, mox ut de specula ecclesiasticae claritatis elati sunt, toto orbe fulserunt) levi opusculo occupari non oporteret; Augustin war also mit dem elften Buche der Civitas dei beschäftigt, und zehn waren schon publicirt, als Orosius die Aufforderung erhielt, oder mindestens übernahm: während dagegen zur Zeit der Abreise des letztern nach Palästina höchstens fünf Bücher von Augustin vollendet waren, wie dessen Epist. 169, § 1 und § 13 mit einander verglichen, klar erweist. Dazu kommt die Rolle, welche die Zahl Sieben in dem Werke des Orosius spielt, selbst in der Eintheilung desselben, und die Bedeutung dieser Zahl wird von Augustin im elften Buche (c. 31) erörtert. Es lässt sich auch an sich schwer denken, dass, wenn Orosius seine Arbeit alsbald nach seiner ersten Ankunft in Afrika begonnen hätte, er sie durch eine weite Reise unterbrochen haben würde, und Augustin ihn noch eben dazu veranlasst haben sollte. – Für 418 aber, als das Jahr der Beendigung, sprechen die von Orosius selbst gegebenen Data (s. sie bei Mörner, S. 82). Einen Irrthum in diesen anzunehmen, liegt kein stichhaltiger Grund vor, ein solcher ist am wenigsten bei der ganzen Art der Abfassung des Werks der, dass er seine Geschichte in der Hauptsache mit dem Jahre 417 abschliesst, sodass nur der Satz: ›Itaque nunc cottidie apud Hispanias geri bella‹ etc. auf das Jahr 418 zu beziehen wäre, denn keinesfalls hörten diese Kämpfe vor diesem Jahre auf. Die von Mörner aus l. VII, c. 41 angezogene Stelle ›nunc per biennium‹ fällt dagegen nicht ins Gewicht, da es eine ganz allgemeine Zeitangabe ist, die der Tendenz der Stelle entsprechend eher zu kurz als zu weit gefasst ist, auch ja nicht von Anfang des Jahres an gerechnet zu sein braucht. Weiteres ist uns über sein Leben nicht bekannt.

338 Das Werk des Orosius sollte zunächst eine Ergänzung zu der Civitas dei, und zwar dem dritten Buche derselben bilden die, wahrscheinlich auf Anregung des christlichen Publikums, Augustin wünschte und selbst auszuführen keine Zeit hatte. In jenem Buche aber will Augustin, wie wir oben S. 227 sahen, zeigen, wie die Römer und ihr Reich vor dem Christenthum von materiellen Uebeln, namentlich denen, welche der Krieg im Gefolge führt, nicht weniger heimgesucht wurden, als nachher, und speciell zu seiner Zeit; dass also solche Leiden nicht die Einführung des Christenthums und die Aufhebung des heidnischen Kultus verschuldet habe. Augustin musste aber selbstverständlich dort nur auf die Anführung einer Anzahl der wichtigsten historischen Thatsachen bei seinem Nachweis sich beschränken. Er wünschte nun diesen in einem besonderen Werke, durch die ganze Geschichte fortlaufend, in compendiöser Form durchgeführtIn der Widmung des Buchs an Augustin heisst es: praeceperas ergo, ut ex omnibus, qui haberi ad praesens possunt, historiarum atque annalium fastis quaecumque aut bellis gravia, aut corrupta morbis, aut fame tristia, aut terrarum motibus terribilia, aut inundationibus aquarum insolita, aut eruptionibus ignium metuenda, aut ictibus fulminum plagisque grandinum saeva, vel etiam parricidiis flagitiisque misera, per transacta retro saecula repperissem, ordinato breviter votuminis textu explicarem., und um so mehr, als gerade jener 339 Vorwurf gegen das Christenthum es gewesen war, der ihm zu der Abfassung seiner Civitas dei (s. S. 223) überhaupt die Anregung gegeben hatte. Indem Orosius aber den Wunsch des Augustin erfüllte, machte er in seinen Historiarum adversum paganos libri VII den ersten Versuch einer christlichen Weltgeschichte, und damit einer Weltgeschichte im vollen Sinne, d. h. einer Geschichte der Menschheit überhaupt, wenn auch im Umriss nur und einer sehr einseitigen Tendenz folgend. Sulpicius Severus' Chronik war keineswegs ein solcher Versuch, wie Ampère, dies Werk ganz falsch beurtheilend, annahm. Severus steht vielmehr noch ganz, so wunderlich es klingt, auf dem engen Boden, der der antiken Geschichtschreibung gewöhnlich ist, dem nationalen. Er gibt die Geschichte der Christen, als deren Vorfahren er die Juden ansieht, als wie die einer Nation; war doch die Verehrung derselben Götter auch bei den Römern ein Merkmal staatlicher, nationaler Einigung. Was die antike Historiographie aber angeht, so bleibt sie der nationalen Tendenz durchaus treu, auch wo sie noch so weit über das Gebiet der Geschichte der eigenen Nation hinübergeht. Am meisten zeigt noch den Charakter einer Universalgeschichte das Werk des Herodot; das des Trogus Pompeius aber, das für die lateinische Literatur und speciell Orosius allein hier besonders in Betracht kommt, enthielt, soweit es ausgeführt war, nur eine Vorgeschichte des römischen Reiches, des Weltreichs κατ' ἐξοχὴν für den Römer. Es ist eine reine Geschichte von Eroberungen, die auch deshalb mit dem ersten wahren ErobererDer nach Trogus' Ansicht zuerst seinem Reiche auch einverleibte, was er eingenommen. S. Justinus l. l, c. 1., Ninus, eröffnet wird; Eroberungen, die zuletzt fast alle den Römern zufallen.

Was dem Werke des Orosius den neuen Charakter einer christlichen Weltgeschichte gibt, ist die die ganze Darstellung beherrschende Idee, dass alles, was geschieht, die ganze Geschichte der Menschen von dem einzigen Gotte, der sie geschaffen, geordnet und gelenkt wird, von welchem jede Gewalt 340 (potestas) und alle Reiche (regna) ausgehen: durch diesen Gedanken, in welchem Orosius dem Augustin nur folgt, den aber schon der älteste lateinische Apologet, Minucius FelixOctav. c. 25, § 12. Et tamen ante eos (sc. Romanos) Deo dispensante diu regna tenuerunt Assyrii, Medi, Persae, Graeci etiam et Aegyptii. ausgesprochen, wird die Weltgeschichte erst zu einem einheitlichen Organismus, wie sie ihn bei den Heiden nie gewinnen konnte, da eine jede der heidnischen Nationen gerade ihren Nationalgottheiten ihre Macht und Herrschaft zu verdanken glaubte; und diese Ansicht war es ja, welche noch jenem Vorwurfe der Heiden gegen das Christenthum zu Grunde lag, den Orosius durch sein Werk widerlegen sollte. So hängt die dasselbe beherrschende Idee mit seiner apologetischen Tendenz unmittelbar zusammen. Gott hat aber, nach Orosius und seinen Vorgängern, in den verschiedenen Hauptepochen allemal einem Reiche, dem grössten, die ganze Macht der übrigen untergeordnet.Quod si potestates a Deo sunt, quanto magis regna, a quibus reliquae potestates progrediuntur; si autem regna diversa, quanto aequius regnum aliquod maximum, cui reliquorum regnorum potestas universa subicitur etc. l. II, c. 1. Eigentlich sind es nur zwei solcher Reiche, denen die Weltherrschaft gehörte, meint Orosius in Uebereinstimmung mit AugustinCiv. dei, l. XVIII, c. 2: Sed inter plurima regna terrarum duo regna cernimus longe ceteris provenisse clariora, Assyriorum primum, deinde Romanorum, ut temporibus, ita locis inter se ordinata atque distincta. Nam quo modo illud prius, hoc posterius: eo modo illud in Oriente, hoc in Occidente surrexit; denique in illius fine huius initium confestim fuit. Regna cetera ceterosque reges velut adpendices istorum dixerim. Wenn auch Augustin diese Stelle später niedergeschrieben hat, als Orosius die ersten Kapitel seines zweiten Buches, so spricht doch das Abhängigkeitsverhältniss dieses von jenem sehr dafür, dass er auch hier nur einer Eingebung des Augustin folgt, wenn er sie auch selbständig ausführt und begründet., ein älteres und ein jüngeres, das eine im Orient, das andere im Occident, das letztere der Erbe von jenem, Babylon und Rom. Eine geheimnissvolle Jahrzahlencorrespondenz zeigt sich in der Geschichte beider und erweist ihr Verhältniss zu einander als ein von Gott geordnetes, das nicht der Menschen oder des Zufalls Werk ist. So ging in demselben Jahre das Reich des Ninus auf die Meder über, als Procas zu herrschen begann, alle Geschichten des Alterthums beginnen aber 341 mit Ninus, wie alle Roms mit Procas. So liegt zwischen dem ersten Jahre des Ninus und der Neubegründung (instaurari) Babylons durch die Semiramis ein Zeitraum von 64 Jahren, und ein gleicher zwischen dem Regierungsanfang des Procas und der Erbauung Roms; so sind es fast 1164 Jahre von der Neubegründung Babylons bis zu seiner Eroberung durch die Meder, und ebenso viele von Roms Erbauung bis zu seiner Einnahme durch Alarich. Zu einer und derselben Zeit, sagt ferner Orosius, wurde Babylon von Cyrus unterworfen, wo Rom von seinen Königen sich befreite, jenes fiel, dieses erhob sich; jenes hinterliess damals gleichsam, sterbend, seine Erbschaft, dieses, zum Manne heranreifend (pubescens), erkannte sich als Erben, die Weltherrschaft (imperium) des Orients ging unter, die des Occidents entsprang. Rom trat aber, als minderjährig, die Erbschaft nicht sogleich an, deshalb folgte ein Interregnum gleichsam, während dem zwei Reiche nach einander kürzere Zeit noch die Weltherrschaft führen als Vormund Roms (tutor curatorque), dazu durch die Macht der Zeit, nicht durch das Recht der Erbschaft zugelassen. Es sind Macedonien und Carthago. So werden es denn, mit Einrechnung dieser, vier Weltmonarchien, den vier Weltgegenden entsprechendS. für die ganze vorausgehende Erörterung Oros. lib. II, c. 1–3; und vgl. VII, c. 2.; und so verbindet Orosius die Augustinsche Ansicht von zwei Weltmonarchien mit der auf die Erklärung des Traums von Nebucadnezar in dem Propheten Daniel, cap. 2, sich gründenden von vier, die namentlich in dem Commentar des Hieronymus zu jener Stelle ihre Stütze fandDass aber Hieronymus diese Erklärung nicht zuerst, oder allein fand, wie Büdinger (Sybels Hist. Zeitschr. Bd. 7, p. 113) meint, zeigt schon der Umstand, dass wir derselben auch bei Sulp. Severus, Chron. l. II, c. 3, begegnen; und Augustin, wo er derselben in seiner Civit. dei gedenkt (l. XX, c 23), sagt nichts weniger, als dass sie ein Werk des Hieronymus sei, wenn er bemerkt: Quatuor illa regna exposuerunt quidam etc. An Orosius aber denkt Augustin hier nicht, da seine Erklärung ja abweicht.: nur nennt der letztere statt Carthagos die Meder und Perser.

Diese Ansicht von den vier Weltmonarchien, die dann das ganze Mittelalter festhielt, hat auch gewiss bei Orosius ganz wesentlich die Vertheilung des Stoffs in die sieben Bücher bedingt, deren Anzahl allerdings ein anderes Princip, seine Zahlenmystik, bestimmte. Das erste Buch, welches nach einer kurzen 342 Beschreibung des Erdkreises, als des Schauplatzes der Geschichte, mit der Sündfluth beginnt, ist der Periode der ersten Weltmonarchie gewidmet, indem es die für Orosius wichtigsten Ereignisse in chronologischer Reihenfolge auf Grund der Chronik des Eusebius-Hieronymus bis zur Erbauung Roms erzählt, mit welcher das zweite Buch beginnt. In diesem wird die Geschichte Roms bis auf die Eroberung durch die Gallier, die zu einer Vergleichung mit der durch Alarich Orosius nach dem Vorgange des Augustin auffordert, geführt, und zugleich die Geschichte des persischen Reiches seit Cyrus und die der Griechen bis auf die Schlacht von Cunaxa erzählt. Hier bereitet sich also gleichsam die Weltherrschaft Macedoniens vor. Ihrer Periode ist dann das dritte Buch vornehmlich gewidmet, das mit den Kriegen der Lacedämonier gegen die Perser unter Artaxerxes, die gleichsam das Vorspiel der Eroberungen Alexanders sind, beginnt, dann diese und die Geschichte der Diadochen bis auf Lysimachus' Untergang behandelt, sowie die gleichzeitige römische Geschichte. Das vierte Buch eröffnet der Krieg Roms mit Pyrrhus, und es geht bis zur Zerstörung Carthagos, indem dessen Kämpfe mit Rom und seine frühere Geschichte erzählt werden: dies Buch hat also die dritte Weltmonarchie, Carthago, zum Gegenstand. Vom fünften Buche an spielt nun Rom, das jetzt unbestritten die Weltherrschaft hat, allein noch die Hauptrolle. In diesem Buch folgt seine Geschichte bis zum Sklavenkrieg, im sechsten (wo zuerst die Kriege gegen Mithridates behandelt werden) bis auf Augustus und die Geburt Christi, im siebenten endlich bis auf des Autors Zeit. So sieht man, ist die Eintheilung im Sinne der leitenden Idee des Verfassers im allgemeinen wohl motivirt, nur nicht die Abtrennung des sechsten von dem fünften Buche, die überhaupt vielleicht nur, um die Siebenzahl der Bücher herauszubringen, stattgefunden hat.Die Art der Abtheilung des 5. vom 6. Buche wurde wohl durch die Absicht bestimmt, in beiden einen ungefähr gleich grossen Zeitraum zu behandeln, einige siebzig Jahre, indem eben die Zeit von Carthagos Zerstörung bis Christi Geburt halbirt wurde.

Was nun aber die Auswahl des Stoffes im einzelnen und die Art der Darstellung angeht, so war hierfür durchaus die apologetische Tendenz des Buches, abgesehen von seinem compendiösen Charakter, der eine Einschränkung nach beiden 343 Rücksichten auferlegte, massgebend. Indem es Orosius zunächst darauf ankommt, die Leiden der Menschheit in der Vergangenheit zu zeigen, um nachzuweisen, dass sie seit dem Christenthum und namentlich in der Gegenwart weniger hart sind, so sind es vor allem Kriege – oder, wie er meint, genauer ihr Elend –, die den Gegenstand der Erzählung bilden, und hierin kommt ihm denn jene echt römische Auffassung der Universalgeschichte als einer Geschichte der Eroberungen, wie sie Trogus Pompeius zeigt, recht entgegen, und so wird dieser Historiker und sein Abbreviator Iustin einer seiner Hauptführer; ebenso wird deshalb von Orosius, wie von diesem, die innere Geschichte durchaus vernachlässigt, ausser wo sie von Parteikämpfen und Bürgerkriegen berichtet, oder andere Unglücksfälle und Beispiele sittlicher Entartung darbietet. Hiermit hängt denn wieder zusammen die Aeusserlichkeit und das Fragmentarische, mitunter Anekdotenhafte der Behandlung, der Mangel eines pragmatischen Strebens (ausser wo dies wieder der apologetischen Tendenz dient), den Zusammenhang der Thatsachen und ihre Motive zu entdecken und darzulegen; woran die compendiarische Natur des Werkes und die Eile, mit der es offenbar, wie manche Flüchtigkeit zeigt, geschrieben ist, auch einen, wenn auch kleineren, Theil der Schuld tragen mögen: hatte es doch etwas von dem Charakter einer Flugschrift. – Auch die Uebertreibungen und Verdrehungen der Thatsachen, wo sie sich bei Orosius finden, erscheinen als Folge der apologetischen Tendenz des Werkes, mit der ein unparteiischer Standpunkt sich schwer vertrug; nicht minder aber verdankt es ihr andererseits die subjective Wärme und die Lebendigkeit, die es wenigstens im Gegensatz zu der Trockenheit der heidnisch-lateinischen Breviarien auszeichnet, und die namentlich durch die häufigen Hin- und Seitenblicke auf die Gegenwart bewirkt wird. Der durch die Art der Quellenbenutzung, welche sich oft nur auf ein hastiges Excerpiren beschränkt, etwas buntscheckige Stil – denn diese Quellen waren ausser den schon erwähnten vornehmlich Livius und Eutrop, aber auch Caesar, Tacitus, SuetonDas Genauere siehe in der gründlichen Untersuchung Mörners und in dem zweiten Index der Ausgabe Zangemeisters. – erhält in den eingestreuten Betrachtungen ein christlich-rhetorisches Kolorit, das selbst ausgeführte Bilder nicht verschmähtS. z. B. l. VI, c. 12., und sich 344 auch gern mit poetischen Citaten, namentlich aus Virgil schmückt, worin Orosius nur dem Beispiel seines Meisters Augustinus folgt. Schwerfälligkeit, ja Unklarheit der Construction ist nicht selten. Die Subjectivität des Orosius zeigt sich aber noch in anderer, als der angedeuteten Weise. Seine Heimath, Hispanien, wird in seiner Geschichte besonders berücksichtigt; und sein Hass gegen den Arianismus und gegen die Barbaren machen ihn selbst ganz parteiisch, wie sich beides zugleich in seiner Verfolgung Stilicho's zeigt. Die Darstellung der Geschichte seiner eigenen Zeit, d. h. seit Theodosius, die er in den letzten zehn Kapiteln des siebenten Buches erzählt, leidet namentlich hierunter: es fehlte auch ihm für die Geschichtschreibung nicht bloss der kritische Sinn, sondern auch die Integrität des Charakters.


Um dieselbe Zeit als Orosius' Werk, mindestens nicht viel früherS. Schönemann, l. l. II, p. 598., wurde, auch auf Anregung des Augustin, das Leben des Ambrosius von einem Mailänder Geistlichen PaulinusIn den Ausgaben des Ambrosius, namentlich auch in Gilberts Ausgabe und in der Ballerini's T. VI, p. 885 ff. (s. S. 143, Anm.) geschrieben, welcher von Ambrosius als Secretär gebraucht wordenS. die Vita Ambros. selbst, c. 42. und nach dessen Tod zu Augustin gekommen war. Er nahm sich die Vita Martini des Severus zum MusterSelbst Anklänge im Ausdruck finden sich. S. übrigens auch den Eingang der Schrift., so wenig er auch die Eleganz seines Stiles erreichte. Auch er bestrebt sich der Kürze, um die Leser zu gewinnen und zu fesselnBezeichnend für die Epoche ist der Satz: c. 1 – – breviter strictimque describam, ut lectoris animum etsi sermo offenderit, brevitas tamen ad legendum provocet. Vgl. auch c. 19, wo er aus demselben Grunde ein wichtiges Document weglässt, was ganz an das Verfahren Rufins erinnert.: woraus zugleich hervorgeht, dass er auch an das Publikum der Namenchristen denkt. Auch er hat in seiner Vita zunächst eine erbauliche Tendenz: er will ›die Gnade des heiligen Geistes‹, wie sie an seinem Helden sich offenbarte, zeigen.S. c. 1 und 2. Dies ist bei der Beurtheilung des Büchleins wohl festzuhalten, das in chronologischer Folge die von des Autors Gesichtspunkte aus wichtigen Ereignisse aus dem Leben des 345 Heiligen kurz verzeichnet, unter welchen denn neben vielen in der That wichtigen – sei es für die Geschichte der Zeit oder die Charakteristik des Ambrosius – auch alle die Mirakel sich finden, die an und durch den Heiligen geschahen und in denen eben die besondere Begnadigung desselben vor allem sich kundgeben sollte. Abgesehen von einzelnen merkwürdigen Zufällen, die in dem Leben grosser Männer eher bemerkt, als sonst, ihren Biographien stets einen besonderen anekdotischen Reiz verliehen haben, sind diese Wundergeschichten ohne alles Interesse, ausser dem einen, dass sie hier – bei einem Manne von so grosser geschichtlicher Bedeutung – recht zeigen, mit welcher Lust man damals diesem Wunderglauben fröhnte, und wie dadurch aller Sinn für wahre menschliche Grösse sich verlor.

 

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