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Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1

Adolf Ebert: Allgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1 - Kapitel 11
Quellenangabe
typetractate
booktitleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
authorAdolf Ebert
year1971
firstpub1889
publisherAkademische Druck- u. Verlagsanstalt
addressGraz
titleAllgemeine Geschichte der Literatur des Mittelalters im Abendlande, Band 1
pages667
created20120824
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweites Buch.
Von der Zeit Constantins bis zum Tode des Augustinus.

Mit dem Siege Constantins über Licinius war auch der Sieg des Christenthums über das Heidenthum entschieden; nicht als ob in dem einen Heere nur Christen, in dem andern nur Heiden gefochten hätten, oder als ob auch nur der siegreiche Augustus selbst sich zum Christenthum schon bekannt hätte, nein, keineswegs: aber das Princip religiöser Toleranz, und zwar nach der christlichen Auffassung des Begriffs der Religion, war zum definitiven Siege gelangt. Die Politik der Wiederherstellung der Allmacht der heidnischen Staatsreligion war besiegt, und jenes neue Princip, dessen Vertreter Constantin geblieben, wurde die Norm für das Verhältniss der Religion zu dem Staate. Der alte heidnische römische Staatskultus – denn hier war in dem Kultus die Religion schon lange ganz aufgegangen – wurde darum noch nicht aufgehoben: seine Ceremonien, seine Opfer, seine Haruspicien dauerten fort, nicht minder die Immunitäten und Privilegien seiner Priester; aber niemand war mehr genöthigt ihn anzuerkennen, und der Leiter des Staats, blieb er auch Pontifex maximus, kümmerte sich um ihn nicht. Constantins Interesse wandte sich vielmehr allein dem Christenthume zu, dessen Priestern er dieselben Vorrechte als den heidnischen verliehen; seine Kirche unterstützte er fortwährend durch reiche Schenkungen, auch auf Kosten des Heidenthums. Das Aufblühen des Christenthums überall zu begünstigen, war sein eifrigstes Streben. Nicht zwar zu der Staatsreligion, an der Stelle der heidnischen, wohl aber zu einer neben der alten erhob er es. Dies führte er in der That durch, indem er an die Spitze des nicäischen Concils sich stellte. Durch dasselbe erhielt die katholische Kirche ihren Abschluss. Das auf Grund des hier unter der Aegide des Kaisers beschlossenen Glaubenbekenntnisses basirte 106 Christenthum wurde das officielle, legitime, so mild der Kaiser persönlich auch den Häretikern und namentlich dem Arianismus gegenüber gesinnt sein mochte, und so schonend er in vielen Fällen auch verfuhr. Hand in Hand aber mit dem Siege des Christenthums in seinem Kampfe mit dem heidnischen Staate war auch die Erhebung des Episcopats, die monarchische Entwickelung des christlichen Gemeinwesens gegangen, das dadurch eine Festigkeit und eine Macht erhielt, welche diesen nunmehr anerkannten ›Staat im Staate‹ zu einem festen Stützpfeiler für die wankende Respublica machen konnten. Das monarchische Princip erhielt von dieser Seite eine sehr wesentliche Verstärkung, die der Kaiser, der als christlicher Pontifex maximus sich gerirte, so unmittelbar sich zueignete. Aber auch mittelbar und ideell wurde die kaiserliche Macht durch das Christenthum nicht wenig gefördert: nach dessen Anschauung von der himmlischen Monarchie musste die Stellung des Kaisers in der irdischen eine nothwendige und religiös geheiligte erscheinen. Constantin hatte den römischen Staat und das Christenthum miteinander versöhnt, indem er die katholische Kirche zur Staatsreligion des Monotheismus machte, ohne darum die alte des Polytheismus, welche von den Vorfahren überliefert war, aufzuheben – wenn auch der kaiserliche Monotheist dieser Superstition mit den Jahren immer abholder wurde –; beide Staatskulte aber waren der kaiserlichen Gewalt dienstbar, die er in seinen Händen allein vereinigte. In ihm, dem unumschränkten geheiligten Herrscher, der gleich einer neutralen Spitze über allen Unterschieden und Gegensätzen sich erhebend, das Staatsgebäude krönte, war die Einheit des Reichs noch einmal in umfassendster und entschiedenster Weise repräsentirt.

Aber mit seinem Tode (337) zerbrach diese Einheit, an ihre Stelle trat äusserer wie innerer Zwiespalt. Das Reich ward unter die Söhne getheilt, die, dem Bekenntniss, aber nicht der Gesinnung nach Christen, unter einander in Hader und selbst Krieg geriethen: so fiel Constantin II. im Bruderkriege mit Constans, der nun (340) den ganzen Westen unter seinem Scepter vereinigte, während Constantius den Orient beherrschte. Beide Brüder, confessionell getrennt, der eine mit dem Abendland dem nicäischen Glaubensbekenntniss treu, der andere mit dem Morgenland einem Semiarianismus huldigend, waren nur in der fanatischen Gesinnung gegen das Heidenthum einig. Die 107 Herrschaft der Toleranz war zu Ende. Während man vergeblich eine Aussöhnung der dogmatischen Gegensätze im Christenthum suchte, erklärten beide Kaiser zugleich sich gegen das Heidenthum: die ›Superstition‹ sollte aufhören und der ›Wahnsinn der Opfer‹ abgeschafft sein. Als dann Constantius nach dem Tode seines Bruders und der Ueberwindung des Usurpators Magnentius Alleinherrscher geworden (353), wurde sogar bei Todesstrafe das Opfern und die Verehrung der Götterbilder verboten, sodass wenigstens im Orient, dem diese Verordnungen zunächst galten und wo dieselben bei der grössern Menge der Christen auch stricter durchgeführt werden konnten, das Heidenthum bereits in der früher von dem Christenthum eingenommenen Lage sich befand, und schon vom Staat direct verfolgt wurde.Siehe Cod. Theodos. X, 2 ff.

Dies Verhältniss änderte sich vollkommen ein Decennium später mit der Thronbesteigung Julians (361). Der Dogmatismus des Christenthums jener Zeit, welcher die Intoleranz und den Fanatismus im Gefolge hatte, rief eine Reaction zu Gunsten des Heidenthums hervor, indem er Julian, dessen reichen Geist eine engherzig strenge christliche Erziehung vergeblich zu fesseln gesucht hatte, dem Christenthum selbst ganz entfremdete; ja er liess dies ihm im gehässigten Lichte erscheinen, und um so eher, je weniger es eine sittliche Wirkung auf den Charakter des ebenso fanatischen als abergläubischen Constantius hervorgebracht hatte, dessen Tyrannei auf Julian selbst so schwer gelastet. Julian eröffnete von neuem die Tempel und stellte die umgestürzten Altäre wieder her, gab ihnen die entzogenen Güter und ihren Priestern die Privilegien zurück, während er dem christlichen Klerus seine Immunitäten und Getreidespenden nahm. Schon hiermit wurde dem Christenthum der Charakter der Staatsreligion entzogen, und dieser zugleich dem Heidenthum zurückgegeben. Aber Julian erinnerte sich auch seines mit dem Kaiserthum noch verbundenen Amtes als Pontifex maximus: er wirkte selbst bei den Opfern, nicht bloss in seinem Palaste, sondern bei feierlichen Gelegenheiten auch öffentlich mit, um dem herabgewürdigten Kultus eine neue Weihe zu geben. Ja er ging noch weiter; er gedachte ihm auch ein frisches Leben einzuhauchen, merkwürdig genug durch eine Assimilation christlicher Elemente, die er indessen selbst fast 108 nur ganz äusserlich auffasste, was recht zeigt, wie verborgen ihm der Geist des Christenthums geblieben war. So verlangte er von den heidnischen Priestern, deren Ansehen er durch Etikettenvorschriften zu erhöhen bemüht war, die eigene Beobachtung des Decorums; Errichtung von Fremdenherbergen mit Staatsunterstützung, um dem Proselytismus der Christen unter den Armen und Hülfsbedürftigen entgegen zu wirken; neuplatonische Reden der Priester im Tempel, die Mythen allegorisch auszulegen, und eine höhere Ausbildung und Pflege der heiligen Hymnik – während er andererseits die Darbringung blutiger Opfer nicht abschaffte, vielmehr bis zur Lächerlichkeit übertrieb. Das Christenthum aber, das direct zu verfolgen er zu staatsklug und auch zu human war, gedachte er durch zwei Mittel allmählich aufzureiben, deren Wirkung aber für seinen Zweck eine allzu langsame sein musste. Während er nämlich das Heidenthum wieder zur Staatsreligion machte, proclamirte er allgemeine Religionsfreiheit, die wie allen heidnischen Kulten, so auch allen Secten der Christen zu gute kommen sollte, sodass alle verbannten Kleriker die Erlaubniss zur Rückkehr und selbst Zurückerstattung ihres confiscirten Vermögens erhielten. So wurde allerdings die Fackel der Zwietracht in die Kirche und viele einzelne Gemeinden geworfen; aber Julian erreichte nicht einmal den Vortheil des Divide el impera, da gegen ihn die bittersten confessionellen Gegner gleichzeitig Front machten. Dann verbot er den christlichen Grammatikern und Rhetoren zu dociren, wenn sie nicht zum heidnischen Kultus überträten. Die heidnische Literatur und Wissenschaft sollte den Christen entzogen werden, indem er wohl annahm, dass sie bei heidnischen Lehrern nicht, oder viel weniger studiren würden. Er gedachte sie so von einer höhern Geistesbildung auszuschliessen, und die Assimilation der hellenisch-römischen Kultur von Seiten des Christenthums, wie sie seit diesem Jahrhundert immer bedeutender sich entwickelte und die Macht des Christenthums in dem Weltreiche erst wahrhaft ermöglichte und sicherte, zu erschweren, wenn nicht ganz zu hindern. Julian aber sah in dem Christenthum, das er nur in der engherzigsten exclusiven Form kennen gelernt, den blossen Feind des Hellenismus, welchen selbst er vor jeder Berührung mit jenem zu schützen suchte; denn sein Hellenismus, den er mit dem Polytheismus identificirte, zeigte dieselbe einseitige Ausschliesslichkeit.

109 Die Bemühungen Julians blieben um so mehr vergebliche, als er nur ein paar Jahre regierte; er starb schon 363: sie zeigten nur in den Mitteln, deren er zur Restauration des Polytheismus sich bediente, sowie in der geringen Unterstützung, welche diese bei den Heiden selber fand, dessen gänzliche innere Ohnmacht; es trat klar zu Tage: das Heidenthum hatte sich überlebt. Glücklicherweise erfolgte nach Julians Tod vielleicht eben deshalb kein Rückschlag in das entgegengesetzte Extrem der Politik des Constantius; vielmehr kehrte der ohne Rücksicht auf seinen Glauben von dem Heer erwählte neue Imperator, Jovian, ein so gläubiger Christ er auch war, und obgleich er selbstverständlich der Kirche alles, was sie durch Julian verloren, wieder gab, doch zu der Politik Constantins zurück, der religiösen Toleranz, denn auch den Heiden wurde die Ausübung ihrer Kulte gelassen. Diese colendi libera facultas wurde auch nach Jovians baldigem Tode von Valentinian I., der ihm im Abendland folgte (364–375), aufrecht gehalten, obgleich derselbe als standhafter Christ von Julians Verfolgungen selbst gelitten hatte. Ja, Valentinian, sonst eine despotische Natur, gab auch den Arianern gegenüber seine tolerante Gesinnung kund. Er liebte zugleich die klassischen Studien, und die Philosophen standen bei ihm in Ansehen und Gunst, wie er denn auch zum Lehrer seines Sohnes Gratian einen Auson erkor. Dieser Fürst, der, kaum zum Jüngling herangereift, den Thron im Occident bestieg, hob zwar unter dem Einfluss der orthodoxen Geistlichkeit des nicäischen Bekenntnisses alsbald nach seinem Regierungsantritt die seit Julian von Seiten des Staats den häretischen Christen gewährte Toleranz auf, indem er ihre Kirchen ihnen entzog und alle ihre religiösen Zusammenkünfte streng verbot; aber dem Heidenthum gegenüber blieb er bis zum Jahr 382 der Politik seines Vaters getreu.

Dies Jahr erst bildet einen Wendepunkt. Von hier ab beginnt ein neues aggressives Vorgehen der christlichen Staatsgewalt gegen den heidnischen Kultus. Zunächst wurde ihm allerdings nur alle Beziehung zu dem Staat und alle Begünstigung desselben, die er aus dem Schiffbruch seiner einstigen Omnipotenz noch gerettet hatte, genommen. Durch ein Gesetz wurden alle Grundstücke der Tempel confiscirt, den Priestern und Vestalinnen die Staatsgehalte und Privilegien entzogen, ja die Annahme von Vermächtnissen von Immobilien verboten. 110 Zugleich liess Gratian in demselben Jahre den Altar der Victoria, auf dem die Senatoren vor Beginn jeder Sitzung Weihrauch zu opfern pflegten, aus der Curie Roms entfernen, wo dieses uralte Heiligthum seit August stand, zwar schon einmal von Constantius entfernt, aber von Julian restituirt worden war – ein deutliches Zeichen, dass jetzt die Politik jenes Sohnes Constantins zurückkehrte; und, um noch offener die Aufhebung der alten Staatsreligion zu beurkunden, lehnte Gratian die Würde des Pontifex maximus ab, indem er den nach dem Herkommen ihm überreichten Ornat desselben zurückwies. Vergeblich reclamirte dagegen die heidnische Majorität des Senats, an ihrer Spitze einer der letzten Vertreter der alten rhetorischen Bildung, Symmachus, bei Gratian, und als dieser bald darauf starb, bei seinem Nachfolger, dem jungen Valentinian II. Die ›Relation‹, die Symmachus dem letztern zum Zweck die Zurücknahme jener Verordnungen zu erlangen einreichte, fand auch von christlichen Autoren eine bedeutende Erwiderung, sodass dieser letzte officielle Protest des Heidenthums, der freilich nur in dem Stil einer elegischen Supplik erscheint, auch für die christlich-lateinische Literatur, wie wir sehen werden, von besonderem Interesse wurde. Im übrigen aber blieben im Abendland unter Valentinians II. Regierung, mindestens bis auf die letzten Jahre derselben, die Heiden unbehelligt, ganz im Gegensatz zum Orient, wo Theodosius herrschte; ja unter dem Usurpator Eugen, der aber nur ein paar Jahre regierte, wurde ihnen selbst noch einmal das von Gratian Entzogene zurückgegeben.

Als aber Theodosius Eugen besiegt hatte (394), wurden nicht bloss dessen Verordnungen hinfällig, sondern es ward jetzt auch das System directer Verfolgung, ja Vertilgung des Heidenthums, welches die die religiöse Einheit des Reichs anstrebende Politik des Theodosius schon längere Zeit mit Erfolg im Orient durchgeführt hatte, auch auf das Abendland ausgedehnt. Jetzt erst wurde auch dort das schon früher ergangene, und nun neu verschärfte Verbot des Tempelbesuchs sowie der Opfer und der Verehrung der Götterbilder, selbst ausserhalb der Tempel, zu Haus und im Freien, soviel als möglich ausgeführt: sodass allmählich das Heidenthum auch auf dem Lande, bei den Pagani, kaum eine Zuflucht noch finden konnte, zumal an der Verfolgung desselben jetzt auch der christliche Pöbel sich nicht selten betheiligte, und namentlich die verlassenen Tempel 111 plünderte. Am meisten behauptete sich noch in Rom selbst der alte nationale Kultus, wenn auch nur im geheimen, und die dort auch der Zahl nach noch am Anfang des fünften Jahrhunderts nicht unbedeutende heidnische Partei fand an nicht wenigen senatorischen Familien, die die Macht Roms von der alten Staatsreligion nicht getrennt sich denken konnten, eine starke Stütze, sodass sie zu Zeiten selbst sich noch geltend machen konnte. Es kommt hierbei wohl in Betracht, dass zwar die Ausübung des heidnischen Kultus, nicht aber der religiöse Glaube des Individuums verfolgt und bestraft wurde. Aber auch dies änderte sich mit der Zeit: durch ein kaiserliches Edict v. J. 416 wurden die Heiden von den Stellen in der Verwaltung, Justiz und dem Heere ausgeschlossen.Cod. Theod. XVI, 10, 11. So mussten jetzt alle Heiden, die eine Laufbahn im Staate machen wollten, wenigstens Namenchristen werden.Lasaulx, Der Untergang des Hellenismus und die Einziehung seiner Tempelgüter durch die christlichen Kaiser. München 1854. – Richter, Das weströmische Reich unter den Kaisern Gratian, Valentinian II. und Maximus. Berlin 1865. – F. Chr. Baur, Die christliche Kirche vom Anfang des 4. bis zum Ende des 6. Jahrhunderts. 2. Ausgabe. Tübingen 1863. – Schultze, Geschichte des Untergangs des griechisch-römischen Heidenthums. Bd. I. Staat und Kirche im Kampfe mit dem Heidenthum. Jena 1887.

 

Dies waren die äussern Verhältnisse, unter denen in dieser bedeutenden Epoche der weltgeschichtliche, so äusserst wichtige Process der Assimilation der hellenisch-römischen Bildung von Seiten des Christenthums im Abendland sich vollzog. An diesem Process nimmt die christlich-lateinische Literatur den bedeutendsten Antheil, indem sie ihn aufs wirksamste vermittelte und auch die reichste Frucht von ihm davon trug; aus ihr, den Werken wie dem Leben der Autoren, lernen wir ihn also auch auf das eindringlichste und vielseitigste kennen. Um so weniger kann es meine Absicht sein, in dieser Einleitung vorgreifend ihn darzulegen. Es kann dies nur im Zusammenhang mit der Geschichte der Literatur selbst geschehen. Nur einige allgemeine Bemerkungen seien vorausgeschickt.

Je bedeutender die Stellung wurde, die das Christenthum in dem römischen Staate einnahm, um so weniger konnte es gegen die heidnische Bildung ferner sich abwehrend verhalten, da ja das auf sie begründete Staatswesen dasselbe blieb; der 112 Staat als solcher christianisirte sich nicht, wie allein schon die Erhaltung der Sklaverei recht zeigt. Das Streben nach äusserer Macht und politischem Einfluss, das die Kirche in dem Episcopat entwickelte, konnte seine Ziele nur erreichen, indem die Geistlichkeit im Vollbesitz der überlieferten Bildung war. Am meisten aber mussten jenen Process die Zeiten der religiösen Toleranz fördern, der Gleichstellung des alten Staatskultus und der christlichen Kirche, namentlich die zwei Decennien von Jovians Regierung an bis 382, wie denn auch gerade während dieser Zeit das Christenthum am schnellsten und weitesten sich ausbreitete; in dem ungestörten geselligen Verkehr musste ein steter unwillkürlicher Austausch christlicher und heidnischer Bildung stattfinden. Der Monotheismus, dem die Masse der Gebildeten huldigte, war das neutrale Gebiet gleichsam, auf dem dieser Austausch am leichtesten sich vollzog; der Monotheismus bahnte überall dem Christenthum den Weg. Freilich führte er ihm auch eine Menge Namenchristen zu, religiös Indifferente, die nur die Vortheile der begünstigten Staatsreligion des Monotheismus zur Annahme derselben bestimmten, und die selbst durch den Eintritt in den geistlichen Stand nur ehrgeizige Zwecke verfolgten. Aber gerade in diesen Namenchristen, deren Zahl die Zeiten der Verfolgung des Heidenthums nur mehren konnten, blieb die heidnische Bildung um so unversehrter, kaum mit einem christlichen Firniss bedeckt. Um so wirksamer also war dieses Element eben durch sie vertreten, das denn durch die von der Masse getragene Macht der Sitten und Gewohnheiten, die mit der unwiderstehlichen Schwerkraft der Trägheit wirkte, eine bedeutende Verstärkung erhielt. – Dass das Christenthum selbst unter diesem Process der Assimilation des Hellenismus in Bezug auf Dogma, Kultus und Sittlichkeit wesentliche Einbusse erfuhr an seiner Reinheit und Wahrheit, ist bekannt, aber um diesen Preis allein konnte es zur Weltreligion damals werden; keine geringere Schädigung litt andererseits die klassische Bildung, aber nur mit einem solchen Opfer war es möglich wenigstens einen Theil derselben für das nächste Jahrtausend des Mittelalters zu retten: erst durch den Humanismus und die Reformation sollten beide, das Christenthum wie die antike Bildung, in ihrer Integrität und Reinheit wiedergeboren werden.


113 Ganz im Einklang mit dieser allgemeinen Kulturbewegung in welcher die christliche Ideenwelt sich der heidnischen Bildungsformen bemächtigte, steht die Erscheinung, dass in dieser Periode der christlich-lateinischen Literatur der Sinn für Formschönheit, die Werthschätzung der Form an sich in weit stärkerer Weise als dies früher der Fall war, hervortritt, dass von den beiden in der vorigen Periode von uns markirten Richtungen der Literatur diejenige, an deren Spitze Minucius steht, und die zuletzt noch in Lactanz einen so bedeutenden Vertreter fand, jetzt zur herrschenden wird. Und im Zusammenhang hiermit erhält die Poesie eine ausgedehntere Pflege und nimmt eine höhere, zum Theil ganz selbständige Entwickelung, die für die Folgezeit von der grössten Bedeutung wurde. Die mit Schönheitssinn und Talent der Darstellung begabten christlichen Autoren folgten nur dem von Lactanz gegebenen Beispiel: denn, wie dieser, suchten sie dem neuen Inhalt der christlichen Gedankenwelt und der heiligen Geschichte einen der überlieferten ästhetischen Bildung adäquaten Ausdruck zu geben, indem sie sich die klassischen Muster der heidnischen Vorfahren in formeller Beziehung zum Vorbild nahmen; und sie thaten dies, ebenso wie Lactanz, sowohl zur eigenen innern Befriedigung, als zu dem Zweck, auch dem heidnischen Publikum zu genügen, ja dies durch die Reize der Form für jenen ihm fremdartigen, namentlich durch die Einmischung orientalischer Weltanschauung selbst nicht selten geradezu abstossenden Inhalt zu gewinnen. Die christliche Literatur sollte in Bezug auf Formschönheit der heidnischen ebenbürtig werden, und sie auch als Bildungsmittel verdrängen und ersetzen: gründete sich doch selbst der ganze Schulunterricht in der Hauptsache, der Grammatik, auf die Literatur; und die Poesie, und vor allem das Nationalepos Virgils, das ja auch die Mythen des Hellenismus in sich schloss, nahm darin die erste Stelle ein. 114

 

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