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Allerlei Schnick-Schnack

Georg Bötticher: Allerlei Schnick-Schnack - Kapitel 82
Quellenangabe
typepoem
booktitleAllerlei Schnick-Schnack
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAllerlei Schnick-Schnack
created20050321
sendergerd.bouillon
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Auf der Höhe.

Der Kunstmaler Meschuggi saß stöhnend über ein Zeichenbrett gebeugt und zog mit der Feder unheimlich-rastlos Linien. Es war nachgerade kaum mehr durchzukommen mit all den Aufträgen! Seitdem er voriges Jahr mit der Ausübung der sogenannten »unnützen Kunst« endgültig gebrochen und sich dem Einzigartigen, der »angewandten Kunst« in die Arme geworfen hatte, war ihm das Glück, d. h. die Bestellungen, nur so zugeflogen. Den Grund zu dieser Umwandlung seiner Anschauungen und damit seines Schicksals hatte eigentlich der Auftrag einer vielverbreiteten Wochenschrift gelegt, die eine Zeichnung für den Umschlag ihrer Hefte bei ihm bestellte. Nachdem Meschuggi eine Anzahl figurenreicher Entwürfe, die ebensoviel Ideen wie Verzeichnungen enthielten, als unverwendbar zurückerhalten hatte, schuf er endlich in genialer Eingebung als einzigen Schmuck des Titelblattes eine 8, die angenommen und ausgeführt ward und das ungeheuerste Aufsehen erregte. Es war eine 8, wie sie noch nie dagewesen, wie deren eine solche gesehen zu haben, sich die ältesten Leute nicht erinnern konnten. Und dennoch! Wie sie nun einmal da und durch die Versicherung besagter Wochenschrift als 8 deklariert war, wunderte man sich allgemein, daß man nicht längst auf diese 8 gefallen war. Es wiederholt sich eben immer von neuem die Geschichte mit dem Columbus-Ei.

Von da an war Meschuggis Ruhm begründet. Die Druckereien rissen sich um Kompositionen von seiner Hand, vorausgesetzt, daß diese mit seinem Monogramm versehen. In allen Blättern fand man Meschuggische Kopf- oder Schlußleisten, Initialen und Exlibris, Vorsatzpapier- und Buchdeckenentwürfe und eine bekannte Zeitschrift durfte sich rühmen, daß ihr der Künstler »bei der Wahl der Farbe des Umschlagpapiers ihrer Monatshefte mit Rat und Tat beigestanden habe.« Zwei Alphabete seiner Komposition, von solcher Originalität. daß nur der Eingeweihte sie zu entziffern vermochte, festigten seinen Ruhm vollends, und nachdem sich binnen kurzem das Schaffen Meschuggis von dem graphischen auf alle anderen Gebiete des Kunstgewerbes ausdehnte, ward er zum völligen Regenerator desselben und als solcher von den Gewerbtreibenden aller Art förmlich in seinem Atelier belagert. Es gab jetzt faktisch kaum einen gewerblichen Artikel, der nur irgend mit der Kunst in Bezug zu bringen war, über den er nicht seine Ansicht – natürlich gegen gutes Honorar – hätte abgeben müssen. Die Arbeitslast, die ihm daraus erwuchs, war kaum mehr zu bewältigen. Deshalb stöhnte der Künstler mit Recht, als er über das Brett gebeugt unheimlich-rastlos Linien zog. Da war Briefpapier für Trauerfälle zu komponieren: schwarz mit Silberrändern, auf das man mit weißer Tinte schrieb. Da galt es eine neue Art Couverts zu kreieren: fünfeckig, um die ewige, abgedroschene Viereckform einmal gründlich zu beseitigen. Zwingen für Schirme und Stöcke waren zu entwerfen: Meschuggin schwebte etwas mit goldenen Kettchen vor, da man längst ja die triviale Sitte, sie am Griffe zu halten, aufgegeben. Ferner: Stickereien für Tüllschleier. Meschuggi hatte die originelle Idee, die Tätowierung der Wilden nachzuahmen, was dem verschleierten Gesicht einen ganz eigenartigen, noch nie dagewesenen Effekt verleihen mußte. Da gab es neue Kolorits für Stiefel und eine noch nie gesehene Nüance für Strohhüte zu erdenken.

Eigentlich war beinah jeder Gegenstand von ihm ganz neu zu schaffen, da die alte Form meist nichts taugte, ja im Laufe der Zeit ganz unsinnig geworden war. So existierte, seiner Ansicht nach, noch keine vernünftige Form von Streichholzschachteln. Auch über Zahnstocher hatte Meschuggi von allen Vorhandenem merkwürdig abweichende Ansichten. Die Fabrikanten waren ja willens, dem genialen Fluge seiner Phantasie Folge zu leisten; doch bei dem Publikum fand er häufig noch den Widerstand, den Borniertheit stets dem Neuen entgegensetzt. Auch veranlaßte die Beschränktheit mancher Besteller allerlei verdrießliche Mißverständnisse Ein Agent, der ihn mit der Anfertigung von Entwürfen zu allen möglichen Artikeln gequält, hatte seine Komposition eines Briefpapiers von etwas länglichem Format als »Hosenträgermuster« einer Fabrik verkauft, die damit sogar – ein Beweis für den Blödsinn des Publikums – große Erfolge erzielte! Ein Schlipsfabrikant, der ihn fast fußfällig um einen Entwurf gebeten, hatte den ihm endlich abgerungenen, der in drei originell gestellten Punkten bestand, derartig mißverstanden, daß er die drei Punkte als »Kleckse« wegließ und nur das Monogramm des Künstlers als Muster vervielfältigte – ohne daß es Käufer und Verkäufer aufgefallen war!

Doch das waren schließlich Kleinigkeiten. Im ganzen durfte er mit seinen Erfolgen mehr als zufrieden sein. Sein Name gehörte zu den meistgenannten und entschieden gefeiertsten der ganzen deutschen Künstlerschaft und selbst im Auslande fingen sie an, mit hohem Respekte seiner Erwähnung zu thun.

So! Der letzte Strich an der Komposition – ein neues Blatt in seinen Ruhmeskranz – war getan. Meschuggi konnte sich nicht enthalten – er war ja allein – das Blatt mit einigem Stolze zu betrachten. Es stellte den Dichter Petrarka sitzend dar, in seinem Schoße ein Gefäß haltend, neben ihm Laura mit einem ähnlichen Gefäß in den Händen – die Komposition eines Tintenfasses, in Guttaperchastoff auszuführen. Petrarka hielt die Sandbüchse. Wenn man Laura drückte, so trat Tinte in ihr Gefäß – eine sinnige Anspielung an die Quelle von Petrarkas unsterblichen Poesieen . . .

Meschuggi schnitt das Blatt ab, rollte es zusammen und verschloß es in einem der großen Wandschränke. Dann stülpte er seinen Kalabreser auf, warf noch einen Rundblick über all die umherstehenden Kartons und Bretter – denn er pflegte grundsätzlich Kompositionen während seiner Abwesenheit nie frei stehen zu lassen – und verließ dann, da er nichts als den großen verschmierten Papierbogen bemerkte, auf dem er die Pinsel zu proben pflegte, beruhigt und in gehobener Stimmung sein Atelier.

In seiner »Stammkneipe« fand er's heute besonders angenehm. Nicht nur, daß eine ganze Anzahl jüngerer Künstler zugegen, die sein Eintreten höchst schmeichelhaft jubelnd begrüßten, sondern es brachten auch gerade heute fünf oder sechs Blätter sein Bild mit eingehender Würdigung seiner Verdienste, wobei er in dem einen sogar als »Vater des jungen Stils« gefeiert ward. Die Blätter gingen an seinem Stammtische natürlich von Hand zu Hand, unzählige Male ward auf ihn angestoßen und er leben gelassen. Kurz, es war ein so fideler Abend, daß der Gefeierte nach schwerer Sitzung erst am frühen Morgen heimkehrte und durch sein Atelier schwankend und dieses unverschlossen lassend sofort in sein Schlafzimmer schoß, wo er sich hastig entkleidete und sogleich in tiefen Schlaf verfiel . . .

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als er erwachte und auf seine Uhr blickend gewahrte, daß es bereits auf Elf ging und sich schnell in die Kleider warf. Im Atelier fand er auf dem Tische einen Brief von unbekannter Hand. Briefe wurden ihm sonst nur durch den Kasten vor der Tür übermittelt – er mußte also gestern Nacht sein Atelier nicht verschlossen haben. Mißtrauisch sah er sich um, es schien aber nichts zu fehlen, nur den Schmierbogen mit den Farbenstrichen sah er nicht. Er öffnete den Brief, der einige Kassenscheine enthielt, und las:

»Teuerster Meister!

Sie schliefen noch, als ich kam, und ich wagte natürlich nicht, Ihren kostbaren Schlaf zu stören. Das geniale Tapetenmuster aber, auf Ihrer Staffelei, habe ich – verzeihen Sie die Kühnheit – gleich mitgenommen und erlaube mir, Ihnen dafür inliegend 300 Mark in Kassenscheinen zu überreichen, mit der Bitte, mir noch einen dazu passenden Fries zu entwerfen.

Hochachtungsvoll
C. Keller, Tapetenfabrikant.
       
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