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Allerlei Schnick-Schnack

Georg Bötticher: Allerlei Schnick-Schnack - Kapitel 81
Quellenangabe
typepoem
booktitleAllerlei Schnick-Schnack
authorGeorg Bötticher
yearca. 1900
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleAllerlei Schnick-Schnack
created20050321
sendergerd.bouillon
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Humoresken.

Glitschrigs Wandlungen.

Au dem laugen, von etwa achtzehn bis zwanzig Mitgliedern umsessenen Tische der »Sumpfhühner« ging es heute außergewöhnlich lebhaft zu. Schauspieler Brüller hatte die Neuigkeit mitgebracht, daß die Entscheidung in dem großen Wettbewerbe – Stadttheaterbau – einem Abendblatte zufolge heute erfolgt sei. Danach – denn er hatte die Notiz nicht selbst gelesen, sondern nur von einem Kollegen übernommen – wäre der erste Preis und die Ausführung einem Münchner Architekten zugesprochen worden.

Die Mitteilung wirkte elektrisierend. Alle Architekten, Bildhauer und Maler des Vereins, ebenso die »Gaukler« und Schriftsteller waren an der seit Monaten erörterten Angelegenheit begreiflicherweise interessiert, weshalb das endliche Ergebnis eine Flut von Ausrufen hervorrief, die vor allem die Enttäuschung und Entrüstung darüber bekundeten, daß ein Auswärtiger den Preis davon getragen. Baumeister Glitschrig, das Haupt und sozusagen: die Seele der »Sumpfhühner,« der eben noch eine an ihm ganz ungewohnte Milde gegen »Wettbewerbe« bekundet, erklärte auf die Sensationsnachricht Brüllers hin unter furchtbarem Bearbeiten der Tischplatte mittels Faust und Flasche und mit einer für größere Lokale geeigneten Stimme, daß ihm überhaupt dies ganze »Aalstechen nach dem Genie« höchst widerwärtig sei – eine Behauptung, die er seit einem früheren Durchfall bei einem großen Wettbewerbe bei jeder derartigen Gelegenheit hinauszuschmettern pflegte und die also des Reizes der Neuheit, für die Anwesenden wenigstens, entbehrte. Nichtsdestoweniger entfesselte sie – heute wie allemal – das herzliche, zustimmende Gelächter des Mimen Brüller, ein Gelächter, so natürlich und naiv-bewundernd, daß es ihm auf der Bühne entschieden einen Hervorruf eingetragen haben würde, und selbst hier, wo man gegen diese Leistung hätte abgehärtet sein können, ansteckend wirkte und allgemeinste Heiterkeitsstimmung wachrief. Nur die Maler und Bildhauer blieben stumm, betreten darüber, daß ihnen die Aufträge entgangen, die sie bei dem Siege eines Einheimischen wohl als sicher betrachten durften. Genremaler Gusche, der keinerlei Interesse an dem Wettbewerbe nahm, aber darauf brannte, ein humoristisches Selbsterlebnis zu erzählen – worin er Meisterschaft besaß – hatte schon dreimal angefangen: »In Leitomischl, wo ich voriges Jahr –,« aber die Worte waren in dem Tumulte über das Wettbewerbsergebnis verhallt, mit der einzigen Wirkung, daß ihm Glitschrig, der Geschichten schlecht erzählte und daher alles Geschichtenerzählen nicht leiden konnte, einige mißbilligende Blicke zugeschleudert.

Das Bühnenlachen Brüllers aber hatte das Lachen des Dr. Kürzel erweckt, ein merkwürdig blechernes, wie von einer Maschine erzeugtes Lachen, das nun in regelmäßigen Intervallen durch das Lokal schmetterte und vor der Hand alle anderen Äußerungen übertäubte. Inzwischen waren von einigen die Abendzeitungen durchstöbert worden, aber ohne daß man der sensationellen Notiz habhaft geworden wäre. Infolgedessen sank die Mitteilung des Mimen mit einmal erheblich im Werte. Es wurden Zweifel laut, die schließlich die Richtigkeit der ganzen Meldung überhaupt in Frage stellten. Die Bildhauer und Maler lebten sichtlich auf, Glitschrig stellte das Bearbeiten der Tischplatte ein und die Unterhaltung bekam einen ruhigeren Fluß, in dem nun das Erzähler-Schifflein des Genremalers mühlos einsteuern konnte und auch alsbald mit all dem Behagen, das die Detailmalerei gewährt, dahinplätscherte – zum Ergötzen der ganzen Gesellschaft, Glitschrig natürlich ausgenommen der nicht ruhte und rastete, bis er an Stelle der »ewigen Anekdoten, die jedes vernünftige Gespräch verhindern,« den Buren- und Engländer-Krieg aufs Tapet gebracht und sich in den Besitz des Wortes gesetzt hatte, den er von da an siegreich behauptete.

Er donnerte – es war gerade die Epoche der Burensiege – gegen die »schnöde Krämerpolitik John Bulls,« die er schon in den vorhergehenden Sitzungen grell beleuchtet hatte, heute aber mit so beißendem Hohn übergoß, daß er den Widerspruch seines Antipoden, des Kriegsmalers Strobel weckte, wodurch er nur immer gereizter wurde, bis er schließlich die Buren als »Bahnbrecher der Kultur« feierte, was von den meisten als zu weitgehend bestritten und von ihm leidenschaftlich verteidigt ward.

Ein Extrablatt, das um 10 Uhr noch ausgerufen und sofort herein geholt wurde und einen ersten größeren Erfolg der Engländer – den Entsatz Ladysmiths – meldete, veranlaßte Glitschrig, nachdem er einige Minuten tiefsinnig vor sich hingestiert, zu der überraschenden Bemerkung, daß es allerdings lächerlich sein würde, »die Großartigkeit der britischen Weltpolitik« zu leugnen, und daß sich, ihr gegenüber, ein Völkchen wie die Buren, »auf die Dauer einfach zu fügen haben werde.« Ein Anspruch, der um so verblüffender wirkte, weil Glitschrig noch wenige Minuten vorher die »Superiorität der Burenrasse über diese elenden Beefeaters« und zwar »in jeder Hinsicht« wütend verfochten hatte – »in jeder Hinsicht« mit Bezug auf den Kriegsmaler Strobel, der bescheidene Zweifel zu äußern gewagt, ob die Buren was von Pastellmalerei verstünden!

Die allgemeine Verblüfftheit und das darauf folgende Gelächter, die Witze und die Sticheleien über seinen plötzlichen Gesinnungswechsel nahm Glitschrig mit schöner Seelenruhe entgegen. Er hohnlächelte etwas von »elender Konsequenzmeierei« und fügte mit einem verächtlichen Blicke auf Strobel und die lautesten Schreier und mit erhobener Stimme hinzu, daß »er es seinerseits mit Bismarck halte, der immer hinzugelernt und sich nie gescheut habe, eine als irrig erkannte Meinung aufzugeben, resp. eine früher bekämpfte zu acceptieren!«

Während des Streitens noch, gegen ½11 Uhr erschien ein Depeschenbote, der ein Telegramm für Glitschrig überbrachte. Dieser öffnete es einigermaßen erregt, hatte es aber kaum überflogen, als sich seine Augen erstaunlich weiteten, er auf einen Stuhl sprang und ein dreimaliges donnerndes Hurra! Hurra! Hurra!! ausstieß, das alle Gespräche verstummen und von allen Seiten erstaunte »Nanu? Was giebt's denn? Was ist denn los?« erschallen ließ.

Glitschrig richtete sich in seiner ganzen Hoheit auf, warf mit der ihm eigenen unnachahmlichen Bewegung das vollgelockte Haupt in den Nacken, streifte Manschetten und Ärmel an seinen wohlgeformten Armen zurück und las dann mit triumphierend-vibrierender Stimme:

»Soeben nach dreistündiger Sitzung Ihr Projekt mit dem ersten Preise gekrönt und zur Ausführung bestimmt. Herzlichen Glückwunsch!

Die Jury des Theater-Wettbewerbs.«

Eine gute Weile saß die Gesellschaft wie erstarrt . . . Kam doch diese Eröffnung aus dem Munde, der das »Aalstechen nach dem Genie« zu so hundert Malen donnernd gebrandmarkt hatte!

Dann aber brach ein Jubel sondergleichen los! Das Lachen, Jauchzen, Händeschütteln und Gratulieren wollte kein Ende nehmen. Glitschrig aber schmetterte dem Kellner zu: »Sechs Flaschen Schultze in Eis! Und was an Sekt heut Abend noch bestellt wird – geht auf meine Rechnung, hören Sie, Friedrich!« Dann erbat er sich's Wort und hielt eine flammende Rede. Sie gipfelte natürlich in der »segensreichen Einrichtung der sogenannten Wettbewerbe, die es allein ermögliche, daß das Tüchtige – ohne Ansehen der Person – zur Geltung gelange!« Er führte das aufs Unwiderleglichste aus und trank am Schlusse seinem Widersacher Strobel zu, dem er, nicht ohne Rührung sagte: »Ich weiß, wir sind in vielem gegensätzlich. Hierin aber stimmen wir. Nicht?«

Und in dieser gehobenen Stimmung ließ er nun auch einige Anekdoten Gusches, die dieser zu erzählen die Gelegenheit wahrnahm, mit bewundernswürdiger Geduld über sich ergehen. Erst als der Dr. Kürzel, der schon lange betrunken war, angeregt durch ein fabelhaftes Erlebnis Gusches, einen noch viel fabelhafteren Vorfall mitteilte, der ihm in Köln passiert war und wonach einem Fahrgast der Pferdebahn, der sich während der Fahrt unvorsichtig weit hinausgebeugt, von dem entgegenkommende Bahnwagen der Kopf glatt abgeschnitten worden wäre – erst da brach die alte, künstlich zurückgedämmte Oppositionslust Glitschrigs aufs neue hervor und freilich gleich in ihrer vollen Stärke. Er schmetterte dem Dr. Kürzel ein: »Blödsinn! Halten Sie uns für Kinder?!« zu. »Den Kopf ab? Lächerlich! Wahnsinnig!«

Dr. Kürzel aber brüllte gereizt: »Der Kopp ab! Der Kopp ab!« – denn er war ein Kölner und verfiel bei Affekten in Dialekt.

Ein schallendes Hohngelächter Glitschrigs, in das so ziemlich alle einstimmten, antwortete ihm. Aber Dr. Kürzel schrie nur immer hartnäckiger: »Der Kopp ab! Der Kopp ab!« und bekräftigte es durch Faustschläge auf die Tischplatte, daß die Gläser tanzten, leere Flaschen umkippten und, Teller und Gläser zertrümmernd, über und unter den Tisch rollten, während Glitschrig auf jedes »Kopp ab« sein »Wahnsinn! Blödsinn!« brüllte.

Ein Höllenspektakel! – der durch die Verlesung eines neuen Extrablattes, das eben eingelaufen und wonach wieder die Buren einen Erfolg errungen, auf Minuten wohl unterbrochen ward, dann aber mit beinah noch elementarerer Gewalt losbrach, als Glitschrig, sein Glas schwenkend, begeistert ausrief: »Famose Kerle doch, diese Buren! Alle Hochachtung!« Dazwischen knallten die Champagnerpfropfen und bei jedem Knall brüllte der Dr. Kürzel: »Der Kopp ab!« und murmelte Glitschrig fast mechanisch: »Wahnsinn! Blödsinn!«

Noch nach Verlauf einer halben Stunde war aus dem Reservatzimmer der »Sumpfhühner« das: »Der Kopp ab!« zu vernehmen. Aber sie sangen es jetzt vierstimmig als Kanon und augenscheinlich – bis auf die Klangwirkung – in schönster Harmonie . . .

Glitschrig und der Dr. Kürzel hielten einander zärtlich umschlungen, während der Heldenvater Brüller in der Stellung des Lieblingsjüngers des Herrn auf dem Bilde des Leonardo an der Brust Gusches ruhte, Strobel und der dicke Bildhauer Feistl einen Serpentintanz vorführten und die anderen schliefen oder fanatisch applaudierten.

Eine schwindelerregende Anzahl leerer Sektflaschen zeugte ebenso sehr von der Genußfähigkeit der »Sumpfhühner,« wie von der Wertschätzung, die der Baumeister Glitschrig wenigstens diesem Wettbewerbsergebnisse beilegte. Ob Glitschrig übrigens auf dieser Sitzung mit einer Parteinahme für oder wider die Buren hervorging, ist nicht zu ermitteln gewesen.

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