Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > August Kopisch >

Allerlei Geister

August Kopisch: Allerlei Geister - Kapitel 5
Quellenangabe
typemisc
booktitleAllerlei Geister
authorAugust Kopisch
editorLeo Greiner
firstpub1848
year1913
publisherMartin Mörikes Verlag
addressMünchen
titleAllerlei Geister
created20050724
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Die Notglocke

        Wer zerrt so unablässig an dem bestäubten Strang?
Was soll der Glocke Läuten, sie hallt, sie gellt so bang. –
Wer großes Unrecht leidet, soll hier in seiner Not
Anläuten diese Glocke, nach unsers Herrn Gebot.
Viel Jahre hat geruht sie, die Spinne spann sie ein,
Nun wird sie arg geläutet, wer mag in Nöten sein?

Schon eilt der gute König Johann, von Alter schwer,
Herbei und Ritter und Richter versammeln sich umher.
Sie eilen schnell zum Saale, sie sitzen zu Gericht:
Noch harren sie des Klägers; der König aber spricht:
»Tut auf, tut auf die Pforte! Seht, wer es möge sein!«
Auftut man, harrt und harret, kein Kläger tritt herein. –

O Herr, umsonst versammelt hast du die ganze Schar
Der Ritter und der Herren, es fügt sich wunderbar:
Schau selber, großer König, es steht kein Mensch dahier,
Es zerrt ein Gaul am Strange, ein armes altes Tier,
Es zerrt an einer Ranke, die an dem Strang sich hält,
Davon wird diese Glocke so hin und her geschellt.

Der Gaul ist freigelassen, weil er nun alt und matt,
Und zupft an solchen Ranken, weil er kein Futter hat.
Sonst war das Tier gewaltig im Streit und im Turnier,
Ihr Herren aber habt euch umsonst versammelt hier! –
Man sieht sich an und lachet, der König aber spricht:
»Still, nicht umsonst: wir sitzen noch ernstlich zu Gericht!

Du, Herold, führ den Kläger, wie sich geziemt, herein;
Hat Gott ihn stumm geschaffen, ich will sein Sprecher sein.
Des Tieres Hunger zerret an dieser Glocke Strang,
Anklagend seinen Herren, dem es gedient so lang,
So treu in Krieg und Frieden: nun da es nimmer kann,
Entläßt es unverpfleget der harte Rittersmann!

Drum, edle Ratsversammlung, vernimm die Mahnung mein:
Er soll es wohl zu pflegen hinfort gehalten sein;
Und tut ers nicht, so soll ihm kein Wesen dienen mehr,
Man räum ihm Höf und Burgen von allem Leben leer.« –
Als solches ernst gesprochen der königliche Greis,
Zustimmte, tief betroffen, der ganze Ritterkreis.

Das edle Kampfroß wurde dem Ritter heimgesandt,
Auch ward ihm durch die Boten des Herrn Befehl bekannt.
Aufstand Johann der König, aufstand der Richter Zahl,
Als dies Gericht gehalten zu Atri in dem Saal.
Von allen die da lachten nun lachte keiner mehr:
Sie gingen schweigend hinter dem großen König her.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.