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Allerlei Geister

August Kopisch: Allerlei Geister - Kapitel 4
Quellenangabe
typemisc
booktitleAllerlei Geister
authorAugust Kopisch
editorLeo Greiner
firstpub1848
year1913
publisherMartin Mörikes Verlag
addressMünchen
titleAllerlei Geister
created20050724
sendergerd.bouillon
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Lamissios Kampf mit der Amazonenkönigin

                Die Longobarden zogen   vom Wurgondaland:
Sie strebten durch die Wälder   zum schönen Isterstrand.
Erreicht war die OstraDer eigentliche Name der oberen Oder, verwandt mit dem des nahen Ostarichi (Österreich). Bei ihrem ehemaligen Ausfluß hieß sie Viadus oder Vitus nach dem Stamm und Stammgott der Vitungen; der Ausfluß ist jetzt versandet, aber der Name Vietziger See ist geblieben, ebenso der Ortsname Vietzig. – A. K. ,   da wehrten den Übergang
Die Schildjungfrauen   den wirbelreichen Strom entlang.

Lamissio bohrte das Auge   fern in die schimmernden Reihn,
Zu schauen ihre Köngin;   da kam ein lichter Schein:
Viel schöner als sein Traumbild   durchging sie die herrliche Schar,
Die, von den Rossen gesprungen,   ein Schmuck der grünen Ufer war.

Laß uns hinüber!   rief da König Agelmund:
Denn wenn darum wir kämpfen,   wird manches Haupt euch wund! –
Da sprach die schöne Köngin:   kommt her und kämpft!
Hier ward schon manchem Helden   der kecke Feuermut gedämpft.

Doch, wollt ihr Blut sparen,   schickt einen Mann daher,
Mit mir im Strom zu kämpfen,   mit Schwert oder Speer.
Besiegt er mich, so stehe   frei der Übergang!
Sie riefs indem sie kühn sich   ins wilde Wirbelwasser schwang.

Schon schwimmend rief sie weiter:   und sieg ich selbst, so kehrt! –
Es gilt! sprach der König,   den Spruch halt ich wert.
Wer der jungen Kämpen   will den Kampf bestehn?
Da sah man den Lamissio   vor fliegen mehr als gehn.

Hell in Waffen strahlend   sprang er in die Flut,
Zu kämpfen mit der Köngin,   zu prüfen Mut an Mut.
Da schlugen sie im Schwimmen   Schwert an Schwert,
Daß Funken ins Wasser fielen:   sie waren beid einander wert.

Lamissio hätte gerne   noch lebend sie gefahn
Und sich zum Weib genommen:   sie war so wohlgetan;
Doch wehrte sich die Köngin   und führte Schlag auf Schlag,
Der Strom entführte beide   hinab wo eine Sandbank lag.

Da standen sie empor nun,   und troffen Flut und Blut.
Hei, wie dort auf dem Sande   entbrannte der Schönen Wut!
Der Held vermied zu schlagen:   nach Minne rang sein Sinn;
Da fielen wie Hagel auf Hagel   die Schläge der schönen Königin.

Er rief ihr zu im Kampfe:   du bist zum Kampf zu fein;
Du solltest Friede geben   und meine Königin sein!
Was sollen wir uns schlagen   wund auf dem gelben Sand?
Laß uns vereint erobern   das golderfüllte Donauland!

Sie sprach: Ich hab verschworen   zu werden Mannes Weib.
Nun ficht! und laß uns schauen,   wes Seele verläßt den Leib.
Da schlug sie: doch entgegen   warf wieder er den Schild
Und warb von neuem um Liebe;   sie aber sprach zu ihm unmild:

Geh, wirb um meine Muhme   Kunigunde von Kynast!
Dort reite um die Mauer,   ob mehr des Glücks du hast
Als fünfzig andre Helden,   die sie dem Tod geweiht
Für ihres Vaters Seele   in seiner Totenschar Geleit. –

Der Kämpe sprach: Ich werbe   um deine Muhme nicht,
Von dir nur träumt ich immer! –   Sie aber sprach: nun ficht,
Und spare deiner Worte! –   Er wieder sprach geschwind:
Um dich zu werben komm ich!   Sie aber schlug das in den Wind.

Von neuem sprach der Hehre:   du bist im Streit so kühn:
Vor deiner Augen Blitzen   will mein Herz verglühn,
Wie soll ich mit dir fechten,   bezwingt dein Zauber mich? –
Die schöne Frau entgegnet:   Vor meinen Streichen schirme dich! –

Da schrie ihm nach vom Ufer   der Longobarden Drang:
Was zögerst du, Lamissio?   Wir harren auf Übergang!
Soll eine Frau hier hemmen   unsrer Völker Zug?
Wir finden der schönen Frauen   in allen Landen noch genug.

Dreimal nun kämpft er,   dreimal hemmt Sehnen ihn,
Das schöne Weib zu minnen. –   Als wiederum sie schrien,
Tanzt er den Waffenreigen,   bis er die Schöne faßt
Und hochgeschwungen hinträgt   die panzerschwere Minnelast.

Da sandten vom andern Ufer   die Jungfraun wilden Schrei,
Daß sich die Trotzendschöne   von seinem Arm befrei!
Und eh er von der Sandbank   die ringende Beute trug,
War sie den ringenden Armen   entschlüpft und stand und droht und schlug.

Sie schlug ihm vom Helm die Krone,   daß die Jungfraun schrien:
Gewonnen! ihr Longobarden   müßt zurückeziehn! –
Lamissio aber weilte   nachsinnend was er tu;
Da riefen die Longobarden   ihm wilde Zornesreden zu.

Die trafen ihn wie Pfeile!   Da ward sein Herz zu Stahl,
Nicht mehr der Minne denkend   schlug er Strahl auf Strahl
Aus der Königin Helme,   aus ihrem hallenden Schild.
Wohl flehte sie nun mit Blicken,   er aber war nun ihr unmild.

Sie blickte so bange,   weil Minne sie nun bezwang,
Als gleich den Wettern des Himmels   sein Schwertgewitter klang.
Ihr Schild fiel zerhauen,   ihr Helm zerschmettert brach
Und flog vom Haupte zu Boden:   sie aber sank seufzend nach.

Wie die gefällte Tanne   lag sie im Sand und schwieg.
Da schrien die Longobarden   mit hellem Rufe: Sieg!
Doch von dem andern Ufer   erscholl ein Klagelaut,
Als die kühnen Jungfraun   der Allerkühnsten Fall geschaut.

Da zitterte Lamissio   Mark, Bein und Herz:
Wieder entbrannt er in Liebe;   ihr Blick war Schmerz!
Nicht empfand sie die Wunde,   nein, nur der Minne Leid;
Nah war den nun sie liebte,   und doch entführt sie Tod so weit!

Ruhm hatte längst ihm   ihr strahlend Bild gebracht,
Oft seinen Traum erfüllet   mit ihrer Schönheit Macht:
Weshalb zum Kampf er eilte   und liebend mit ihr rang,
Bis seines Volkes Ruf ihn   zum herben Wetterschlage zwang.

Wie wunderbar doch Minne   in Menschenseelen ist,
Daß sie empfangne Wunden   verzeiht und vergißt,
Und die sie selbst geschlagen   ihr wehe tun allein!
So langte die Königin sterbend   nach seines Helmes blutgem Schein.

Lamissio hub und küßte,   die, schon des Todes Braut,
Küssend gebrochnen Auges   liebend nach ihm schaut.
O weh! sprach der Starke   und schlug sich an die Brust,
Nun ist dahin die Hehre,   des lichten Sonnenscheines Lust.

Indem kam geschwommen   der Longobarden Heer,
Zu Fuß und zu Roß, auch   die Jungfraun daher:
Vertrauend kamen in Tränen   sie die Tote zu schaun:
Bleich, entseelt ruhte   die schönste aller Jungfraun.

Sie flehten um die Leiche;   die Bitte ward gewährt:
Sie huben sie auf ein heilges   silberweißes Pferd,
Und führten sie zum Strande,   schwimmend neben hin,
Vom Schaun der schönen Jungfraun   entbrannte rasch der Krieger Sinn.

Nachstürmend ihnen   rief mancher Held:
Auf! raube jeder   die ihm gefällt! –
Der König aber wehrte:   Haltet den Vertrag!
Und ehrt die Göttin Ostra,   die uns ferner schirmen mag!

Da zogen sie gelaßner   am Ufer hinauf,
Und warfen Sühnungszweige   in der Strömung Lauf;
Denn Blut war geflossen   in der heilgen Ostra Flut,
Und Götter sind mächtig   zu strafen kecken Frevelmut.

Die Sonne ging zu Golde,   aus Tag ward Nacht,
Am Berge lagert das Heer sich,   Lamissio aber wacht,
Blickt zwiefach wund zu Tale   wo man die Königin trägt
Und ihr zum Leichenbrande   im Schein der Fackeln Tannen schlägt.

Er hört die Klagesänge   heraufschallen her;
Allein im Herzen klagt er   noch viel mehr:
Er sehnte nach wildrem Kampf sich   in großer Männerschlacht,
Und nicht vergebens: gewaltger   erschien der, als der Held gedacht.

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