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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Siebentes Kapitel.

Empfindest Du das feierliche Flüstern,
Den Eindruck dieser schönen Landschaft,
Der Dein junges Herz bewältigt, daß Du
Enger Dich an mich schmiegst?

      F. Hemans, Waldspaziergang und Hymne.

 

Caroline und Eveline wurden, wie natürlich, die besten Freundinnen. Kottenkamp lässt in seiner Übersetzung das Motto des siebenten Kapitels und den ersten Satz fort und zieht den Rest mit dem sechsten Kapitel zusammen. Das Kapitel wurde rekonstruiert, indem die genannten Teile aus der Übersetzung von Gustav Pfizer (Metzler sche Verlagshandlung, Stuttgart, 1858, Teil 1, S. 36) eingefügt wurden. Anm.d.Hrsg. Beide junge Damen zeigten keine Charakterverwandtschaft; allein sie waren durch Zufall zusammengeworfen und die Freundschaft war dadurch Beiden aufgezwungen. Eveline, ohne Argwohn und sanguinisch, war natürlicherweise zur Bewunderung geneigt; für Caroline war ihre Unerfahrenheit eine glänzende und anzustaunende neue Erfahrung. Bisweilen stutzte Eveline bei der eigennützigen Gedankenrichtung der Miß Merton; allein Caroline hatte eine Darstellungsweise in ihrer Gewalt, als sei es ihr nicht Ernst mit dem, was sie sage – als überlasse sie sich allein ihrer Neigung zur Ironie; auch besaß sie eine gewisse Art von Sentimentalität, wie sie Leute, die sich in der Welt umgetrieben haben, oder junge Damen, welche in ihren Hoffnungen getäuscht sind, da sie sich noch als Mädchen anstatt Frauen vorfinden, sich leicht anzueignen pflegen. So abgetreten diese Art von Sentimentalität auch sein mochte hielt die arme Eveline sie für schön und für höchst gefühlvoll. Ferner war Caroline geschickt, unterhaltend, herzlich, mit all der oberflächlichen Ueberlegenheit, die ein Mädchen von 23 Jahren, welches mit London bekannt ist, sehr leicht einem Landmädchen von 17 Jahren gegenüber zeigen kann. Andererseits war sie gütig und liebevoll gegen Eveline. Die Tochter des Geistlichen empfand sehr wohl, daß sie nicht immer, nicht einmal hinsichtlich der Mode der reichen Erbin überlegen sein könne.

Eines Abends, als Frau Leslie und Frau Merton unter dem bedeckten Gange der Hütte ohne ihre Wirthin saßen, die allein in das Dorf gegangen war, während die beiden jungen Mädchen im vertraulichen Gespräch auf dem Rasenplatze umherwandelten, fragte Frau Leslie etwas abgebrochen: »Ist nicht Eveline ein entzückendes Geschöpf? Wie unbewußt ist sie ihrer Schönheit, wie einfach und doch wie natürlich begabt.«

»Ich habe noch Niemand gesehen, der mich so interessirt,« erwiderte Frau Merton, indem sie ihre Pelerine ablegte. »Sie ist außerordentlich hübsch.«

»Ich bin ihretwegen sehr besorgt,« begann Frau Leslie auf's Neue mit nachdenklicher Miene, »Sie kennen den Wunsch des verstorbenen Lord Vargrave, daß sie den gegenwärtigen Lord heirathet, sobald sie das Alter von achtzehn Jahren erreicht hat. Ihr fehlen nur noch neun oder zehn Monate bis zu der Zeit; sie ist noch nicht im Stand über sich zu entscheiden; und Lady Vargrave, die beste aller Frauen, ist selbst noch in der Welt zu unerfahren, um einer so jungen Dame unter so besonderen Umständen und von so glänzender Aussicht eine Führerin zu sein. Lady Vargrave ist im Herzen noch ein Kind, und wird dieß bleiben sogar noch in meinem Alter.«

»Allerdings,« sagte Frau Merton; »sind Sie nicht besorgt, daß die Mädchen sich erkälten? Der Thau fällt und das Gras muß naß sein.«

»Ich dachte,« fuhr Frau Leslie fort, ohne den letzten Theil der Antwort der Frau Merton zu beachten, »daß es sehr gütig von Ihnen sein würde, wenn Sie Eveline auf einige Monate in Ihr Haus einlüden. Sicherlich ist dasselbe nicht wie London, allein zu Ihnen kommen Viele aus der großen Welt, die Gesellschaft dort ist gewählt und zu Zeiten sogar glänzend; Eveline wird dort junge Leute ihres Alters treffen, und junge Leute bilden sich gegenseitig nach einander aus.«

»Ich selbst,« sagte Frau Merton, »möchte sie gerne einladen, ich will Caroline um Rath fragen.«

»Caroline wird sicherlich entzückt sein, die Schwierigkeit liegt bei Eveline selbst.«

»Sie sehen mich in Erstaunen; sie muß hier bis zum Tode gelangweilt sein.«

»Wird sie aber ihre Mutter verlassen wollen?«

»Nun, Caroline verläßt mich oft,« sagte Frau Merton.

Frau Leslie schwieg; Eveline und ihre neue Freundin schlossen sich der Mutter und Tochter an.

»Ich habe versucht, Evelinen zu überreden, daß sie uns einen Besuch abstattet,« sagte Caroline. »es wäre so hübsch, wenn sie uns begleitete. Sind wir ihr noch zu fremd, so reist ja auch die liebe Großmutter mit uns. Sicherlich können wir es ihr behaglich machen.«

»Wie sonderbar,« sagte Frau Merton, »wir sprachen gerade über dieselbe Sache. Meine theure Miß Cameron, wir würden sehr glücklich sein, Sie auf einige Zeit bei uns zu sehen.«

»Auch ich würde sehr glücklich sein, Sie zu besuchen, wenn Mama ebenfalls mitreisen würde.«

Bei den Worten zeigte der gerade aufgehende Mond die Gestalt der Lady Vargrave, welche langsam auf das Haus zukam. In dem Mondlicht schienen ihre Züge noch blässer wie gewöhnlich, ihre leichte und zarte Gestalt, als sie mit geräuschlosen Schritten dahinglitt, schien gleichsam ätherisch und überirdisch.

Eveline wandte sich um und erblickte sie; ihr Herz machte ihr Vorwürfe. Ihre Mutter, welche dieß theure Haus so liebte – hätte diese muntere Fremde dieselbe ihr weniger anziehend gemacht – ihr, die gesagt hatte, sie möchte in deren unscheinbarem Bereich leben und sterben. Plötzlich verließ Eveline ihre neue Freundin, eilte zu ihrer Mutter und umschlang sie mit ihrem Arm.

»Sie sind blaß, Sie haben sich zu sehr ermüdet. Wo sind Sie gewesen? Weßhalb haben Sie mich nicht mitgenommen?«

Lady Vargrave drückte liebevoll Evelinens Hand mit den Worten: »Du erweisest mir zu viel Sorgfalt, ich bin für dich eine langweilige Gefährtin; es freute mich, dich so glücklich bei einer Andern zu sehen, die sich besser für deinen muntern Geist eignet.

»Ich brauche keine Gefährtin, als meine Mutter. Habe ich nicht auch den Sultan?« fügte Eveline hinzu, indem sie die Thräne, welche aus ihren Augen drang, hinweglächelte.

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