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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 88
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Siebentes Kapitel.

Jegliches Ding erhalte den Platz, der ihm
   eigen beschieden.

      Horaz.

 

Maltravers und die Advokaten konnten nur einen kleinen Theil des Reichthums, worauf Richard Templeton so stolz gewesen war, aus dem Bankerot retten. Der Titel war erloschen, das Vermögen verschwunden. So höhnt das Geschick unsern Ehrgeiz nach unserem Tode! Mittlerweile war Herr Douce mit beträchtlichem Raube nach Amerika geflohen. Die Bank hatte beinahe eine Million Schulden; das Ankaufsgeld für Lisle-Court, welches Herr Douce mit so großer Gier in seine Klauen zu bekommen gesucht hatte, genügte nicht, den Bankerot abzuwehren; ein großer Theil desselben genügte aber, ihm selbst eine behagliche Lage zu verschaffen. Wie untergeordnet in Verstand, List und Scharfsinn war Douce gegen Vargrave, und dennoch hatte ihn Douce wie ein Kind geprellt! Mit Recht sagte der pfiffige kleine Philosoph Frankreichs: On peut être plus fin qu'un autre, mais pas plus fin que tous les autres. Man kann vielleicht scharfsinniger sein als ein anderer, aber man kann nicht scharfsinniger sein als alle anderen. (La Rochefoucauld). Anm.d.Hrsg.

Maltravers traf Legard in Dover und erzählte ihm den Verlust von Evelinens Vermögen. Maltravers liebte und achtete ihn noch mehr, als er sah, daß der Verlust des Reichthums, weit entfernt, seine Neigung zu ändern, seine Hoffnung zu mehren schien. Beide trennten sich, und Legard reiste nach Paris.

Hatte aber Maltravers während dieser Zeit Alice vergessen? Er war keine zwölf Stunden in London gewesen, als er einem langen und aufrichtigen Briefe alle seine Gedanken, seine Hoffnungen, seine Bewunderung und seine tiefe Dankbarkeit anvertraute. Wiederum flehte er sie mit feierlichem Ernst an, seine Hand anzunehmen und am Altare den Bericht zu bestätigen, welcher Eveline gegeben worden war. Er erklärte aufrichtig, daß die Erschütterung, welche sein anfänglicher Glaube an Lord Vargrave's Lüge verursacht hatte, ein leidenschaftlicher Entschluß, jede Spur einer Liebe zu vertilgen, welche damals mit Verbrechen und Schauder verknüpft schien – ein Entschluß, der so nahe auf die Entdeckung von Alicens ausdauernder Treue und Liebe folgte – daß Alles dieß das Bild Evelinens von dem Throne entfernt hatte, welchen es bis dahin in seinen Wünschen und Gedanken einnahm; er erklärte aufrichtig, daß er jetzt überzeugt sei, Eveline werde sich über seinen Verlust bald durch einen Andern trösten, mit dem sie glücklicher, als mit ihm leben könne; aufrichtig und feierlich erklärte er endlich, daß seine Bewerbung um Eveline niemals erneut werden könne, selbst wenn Alice ihn zurückweise, selbst wenn Alice nicht mehr lebe. Dann würde die Erinnerung an Alice jede lebendige Hoffnung vertreten!

Ihre Antwort kam an und durchdrang sein Herz. Sie war so demüthig, so dankbar, so zärtlich. Ohne daß sie es selbst wußte, färbte die Liebe jedes ihrer Worte; allein es war eine kummervolle, gekränkte, niedergedrückte und zertretene Liebe, eine Liebe, die durch Tiefe und Reinheit einen besonderen Stolz erlangte. Sein Antrag ward zurückgewiesen.

Monate verschwanden; Maltravers vertraute der Zeit. Der Pfarrer war nach Brook-Green zurückgekehrt; seine Briefe nährten Ernst's Hoffnungen und beruhigten ihn hinsichtlich seiner Zweifel. Je mehr Zeit ihm zum Nachsinnen übrig blieb, desto schwächer wurden die blendenden und regenbogenartigen Farben, womit Eveline umringt und umkleidet war, desto glänzender ward der Lichtkreis, welcher seine Jugendliche umgab. Je mehr er über Alicens vergangene Geschichte und die Schönheit ihrer treuen Anhänglichkeit nachdachte, desto mehr ward er von Erstaunen und Bewunderung erfüllt, desto eifriger wurden seine Wünsche, sich die Hand einer Dame zu sichern, welcher die Natur so reichlich alle Gaben gespendet hatte, wodurch ein Weib zum Engel und Stern des Lebens wird.

Monate gingen vorüber; die Nachrichten, welche Maltravers aus Paris erhielt, bestätigten alle seine Erwartungen. Legards Bewerbung hatte seine eigene ersetzt.

Damals begann Maltravers zu überlegen, in wie weit das Vermögen der Eveline und ihres zukünftigen Gatten jede Besorgniß über ihr weiteres Loos entfernen würde. Das Glück ist sehr unbestimmt in seinem Maß. Das Geld, das elastischste aller Dinge, reicht nicht aus, oder ist zu viel im Verhältniß zur Ausdehnung unserer Bedürfnisse und Wünsche. Bei allen guten Eigenschaften Legards war er von Charakter sorglos und verschwenderisch, Eveline aber vielleicht zu unerfahren und sanft, um jene Neigungen zu bessern. Maltravers erfuhr, daß Legards Einkommen von solcher Art war, daß es eine gewisse Sparsamkeit erheischte, und er besorgte, daß Legard, wie sehr er sich auch gebessert haben mochte, nicht genug Selbstverläugnung besaß, sich dazu zu zwingen.

Nach langer Ueberlegung entschloß er sich, im Geheimen zu den Trümmern von Evelinens Vermögen eine solche Summe hinzuzufügen, welche für sie und ihre Kinder gehörig versichert, jede Gefahr verhindern müßte, die aus der möglichen Unvorsichtigkeit ihres Gatten entstehen könnte, und welche sie zugleich gegen Verlegenheiten schützen würde, durch die der häusliche Frieden am meisten gestört werden könnte. Es war ihm möglich, dieß großmüthige Geschenk in der Art zu geben, als ob es zu den Trümmern von Evelinens eigenem Reichthum und zu der Verkaufssumme der Häuser in C*** gehörte, deren Eigenthum in Douce's Bankerot nicht mehr verschlungen worden war. Sollte ferner Alice jemals seine Frau werden, so würde ihr Wittthum, welches zu dem auf dem Landhause von Fulham gehörigen Eigenthum versichert war, auch Eveline anheimfallen. Maltravers konnte niemals etwas annehmen, was Alice einem Andern verdankte. Arme Alice! Er verschmähete den bescheidenen Reichthum, von dem sie einst selbstgefällig geglaubt hatte, daß er sein werden könnte.

Lord Doltimore reist im Orient; Lady Doltimore, weniger zu Abenteuern geneigt, hat ihren Wohnsitz in Rom aufgeschlagen. Sie ist mager geworden und hegt Liebhaberei an Antiquitäten und Schminke. Ihre Stimmung ist ungeheuer heiter – eine nicht ungewöhnliche Folge des Opiums.

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