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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 87
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Sechstes Kapitel.

Wir werden lächeln, sehn wir bald uns wieder.

      Shakespeare.

 

Die Unterredung mit Eveline war lang und peinlich; Maltravers war es vorbehalten, ihr die Nachricht vom plötzlichen Tode des Lord Vargrave zu verkündigen, welche bei ihr einen unaussprechlichen Schrecken erweckte; diese Nachricht, welche er ihr zuerst mittheilte, entfernte viele Zurückhaltung und ertödtete viele Aufregung in den weiteren Berichten.

Vargrave's Tod erlöste auch Maltravers aus einer ängstlichen Verlegenheit; er besorgte nicht länger, daß Alice in den Augen Evelinens erniedrigt werden würde. Von nun an blieb das Geheimniß, nach welchem die irrende Alice Darvil mit der fleckenlosen Lady Vargrave ein und dieselbe Person war, in vollkommener Sicherheit, nur der Frau Leslie und Aubrey bekannt. Nach dem Lauf der Natur mußte alle Möglichkeit der Entdeckung mit Beiden bald ersterben; sollte Cleveland beargwohnen, was übrigens höchst wahrscheinlich war, daß Maltravers zu seiner ersten Geliebten zurückgekehrt sei, so wußte er, daß er sich auf die unverletzliche Verschwiegenheit seines ältesten Freundes verlassen konnte.

Den Bericht, welchen Vargrave Evelinen von seiner jugendlichen, aber nach demselben auch schuldlosen Leidenschaft zu Alice gegeben hatte, bestätigte er durch sein Schweigen; er gab zu, daß die Erinnerung an ihre Tugenden und die Kenntniß ihres Kummers und ihrer unauslöschlichen Eigenschaften ihn von einer Ehe mit ihrer angeblichen Tochter zurückschaudern ließ. Er setzte sie alsdann in Erstaunen durch die Erzählung der Art und Weise, wie ihre wirkliche Abstammung von ihm entdeckt worden war, eine Mittheilung, hinsichtlich welcher der Bankier die Eröffnung Alice anheimgestellt hatte, sobald sie (Eveline) das achtzehnte Jahr erreicht haben würde. Alsdann berichtete er einfach, aber mit männlicher und nicht unterdrückter Rührung die Freude der Alice, als sie ihn wieder sah, die Ausdauer und Glut ihrer Liebe, ihren plötzlich veränderten Entschluß, sobald sie erfuhr, daß sie in ihrem nie vergessenen Geliebten den kürzlichen Bewerber um ihr Adoptivkind erblickte.

»Und jetzt,« sagte Maltravers am Schluß, »ist unser beiderseitiger Pfad derselbe. Unsere erste Pflicht betrifft Alice. Die Entdeckung, welche ich über Ihre wirkliche Abstammung machte, vermindert nicht die Ansprüche, die Alice auf mich besitzt, nicht die dankbare Liebe, zu welcher Sie verpflichtet sind. Ja, Eveline; wir bleiben nichts desto weniger für immer getrennt. Als ich aber die absichtliche Falschheit vernahm, die der unglückliche, jetzt zu seiner letzten Rechenschaft gezogene Mann, dem Ihre Geburt bekannt war, mir auferlegte, indem er bei der Schlechtigkeit seiner eigenen Seele dachte, die bloße Wahrheit würde nicht genügen, die Vernichtung unseres Verlöbnisses zu sichern – als ich auch erfuhr, daß Sie durch Ueberraschung bewogen wären, seine Hand anzunehmen, da zitterte ich über Ihre Vereinigung mit einem so falschen und niedrigen Menschen; ich kam hieher mit dem Entschluß, seine Pläne zu vereiteln, und um Sie vor einer Verbindung zu retten, deren Beweggründe ich vorhersah, und zu der Sie vielleicht mein eigener Brief und mein eigener Rücktritt gedrängt hatte. Neue Schurkereien von Seiten dieses ruchlosen Mannes kamen mir zu Ohren; allein er ist todt; lassen Sie uns sein Andenken schonen. Was Sie betrifft, so halten Sie mich noch stets für Ihren Freund, für mehr als Ihren Bruder, lassen Sie mich hoffen, daß ich keinen Dorn in Ihre Brust gepflanzt habe, und daß Ihre Neigung vor dem kalten Worte der Freundschaft nicht zurückschaudert.«

»Unter allen Wundern, die Sie mir berichteten,« erwiderte Eveline, sobald sie wieder der Worte mächtig war; »wird mir der größte Kummer dadurch geboten, daß ich keinen rechtlichen Anspruch besitze, ihr, die ich als meine Mutter verehre, die Liebe einer Tochter zu ertheilen. Oh, jetzt erkenne ich, weßhalb ich ihre Liebe für abgemessen und lau hielt! Und habe ich ihre Freude, Sie wieder zu sehen, vernichtet? Sie werden eilen, sie zu trösten und sie zu beruhigen! Sie liebt Sie noch stets; sie wird endlich glücklich sein. Dieser Gedanke gleicht mir Alles aus.«

In Evelinens kunstlosem Benehmen lag so viel Wärme und Einfalt, es war so offenbar, daß ihre Liebe zu ihm nicht von der heißen Natur war, welche im ersten Augenblick jeden andern Gedanken, ihn für immer zu verlieren, hätte verdrängen müssen, daß deren Maßstab Maltravers sogleich klar vor Augen lag, und daß er plötzlich erblickte, seine eigene Liebe habe ihn über den wahren Charakter der ihrigen verblendet. Er war ein Mensch, ein scharfer Schmerz drang durch seine Brust. Er schwieg einige Augenblicke, dann begann er wieder, indem er sich zwang, seine Augen während er sprach, fest auf die ihrigen zu heften.

»Und jetzt Eveline – darf ich Sie noch so nennen? habe ich mich der Pflicht gegen einen Andern zu entledigen. Sie werden geliebt« – er lächelte, aber sein Lächeln war schwermüthig – »von einem jüngeren und passenderen Freier, als ich. Er unterdrückte diese Liebe aus edlen und großmüthigen Beweggründen; er überließ Sie einem Nebenbuhler. Darf er jetzt, wo der Nebenbuhler entfernt ist, sich die Kühnheit nehmen, Ihnen sein Benehmen und seine Beweggründe darzulegen? Georg Legard –«

Maltravers schwieg; die Wange, worauf er blickte, war mit sanftem Roth gefärbt, die Augen niedergeschlagen, das Halstuch hob sich leicht. Maltravers unterdrückte einen Seufzer und fuhr fort zu reden. Er erzählte, wie er Legard in Dover getroffen habe, ging leicht über den Vorfall in Venedig hinweg, und verweilte mit großmüthiger Beredsamkeit bei dem Edelmuthe, womit jener seine Dankbarkeit geäußert hatte. Evelinens Auge funkelte; ein Lächeln fuhr plötzlich über die rosigen Lippen und verschwand wieder; die größte und am wenigsten selbstsüchtige Besorgniß des Maltravers war entschwunden. Kein eitler Zweifel blieb zurück, daß ein zu großer Kummer Evelinens noch vorhanden sei, womit er sein Gewissen in Erfüllung seiner größten und aus der Jugendzeit ihm überlieferten Pflichten hätte einschläfern können.

»Leben Sie wohl,« sagte er, als er aufstand um fortzugehen; »ich will nach London zurückkehren und bei den Bemühungen helfen, Ihr Vermögen aus diesem allgemeinen Schiffbruch zu retten. Das Leben ruft uns zu seinen Sorgen und Geschäften zurück; leben Sie wohl, Eveline! Aubrey wird, wie ich hoffe, bei Ihnen bleiben.«

»Halt! Darf ich nicht zu meiner – zu ihr – ja, lassen Sie mich sie noch so nennen – zu meiner Mutter zurückkehren?«

»Eveline,« sagte Maltravers in sehr leiser Stimme; »ersparen Sie mir, ersparen Sie ihr diesen Kummer! Sind wir jetzt schon geeignet, sie zu –;« er schwieg. Eveline begriff ihn, verbarg ihr Gesicht mit den Händen und brach in Thränen aus.

Als Maltravers das Zimmer verließ, begegnete ihm Aubrey, der ihn bei Seite nahm und sagte, Lord Doltimore habe ihn so eben benachrichtigt; er werde von Paris abreisen; er habe einen mehr als zarten Wink gegeben, daß er wünsche, Miß Cameron möge sein Haus verlassen. In dieser Verlegenheit gedachte Maltravers der Frau von Ventadour.

Kein Haus in Paris bot eine wünschenswerthere Zuflucht, kein Freund zeigte größeren Eifer, kein Beschützer würde gütiger, kein Rathgeber aufrichtiger sein. Er eilte deßhalb zu jener Dame, gab ihr einen kurzen Bericht von Vargrave's plötzlichem Tode, bemerkte, daß Evelinens Rückkehr in ein abgelegenes englisches Dorf eine zu strenge Prüfung für einen schon gebrochenen Muth sein müßte, und erklärte offen, daß die Wohlfahrt der Eveline ihm eben so sehr wie früher am Herzen liege.

Bei diesem ersten Wink bestellte Valerie, welche für Eveline ihrer selbst willen herzliche Theilnahme fühlte, sogleich ihren Wagen und fuhr zur Lady Doltimore. Seine Lordschaft war nicht zu Hause; Mylady fand sich nicht wohl, war auf ihrem Zimmer und konnte Niemand sprechen. Eveline ließ vergeblich um eine Unterredung bitten; zuletzt begnügte sie sich mit einem liebevollen Abschiedsbillet und begleitete Aubrey zur Wohnung ihrer neuen Wirthin. Maltravers war wenigstens darüber vergnügt, daß er sie bei einer Dame wußte, welche sicherlich ihre Neigung gewinnen und ihre Stimmung besänftigen würde, und trat darauf seine einsame Reise nach England an.

Möchten verdächtige Umstände den Tod Lord Vargrave's begleitet haben oder nicht, sicherlich wurden dieselben damals durch kein Zeugniß bestätigt und kein Gerücht war auch in dieser Hinsicht verbreitet. Seine kürzliche Krankheit, seine vermuthliche Geisteserschütterung über den Verlust des Vermögens, das er mit der Hand der Miß Cameron erwartet hatte, bei der zugleich eingetroffenen Nachricht über die Niederlage seiner Partei, womit, wie man glaubte, sein Ehrgeiz unauflöslich verflochten war – Alles dieß schien genügende Erklärung hinsichtlich des traurigen Ereignisses zu bieten.

De Montaigne, welcher lange Zeit, obgleich nicht genau, mit dem Verstorbenen bekannt gewesen war, übernahm die nothwendigen Anordnungen und beaufsichtigte das Leichenbegängniß. Howard kehrte nach der Ceremonie wieder nach London zurück, und in Paris werden eben so wie im Grabe alle Dinge vergessen!

Aber in de Montaigne's Brust weilte noch eine furchtbare Besorgniß. Sobald er von Maltravers die von dem Wahnsinnigen gegen Vargrave vorgebrachte Beschuldigung vernommen hatte, erinnerte er sich jenes Tages, wie Cesarini seinen Schwager zu morden suchte, indem er ihn offenbar in seinem Anfall für einen Andern hielt und des finsteren, listigen und trotzigen Charakters, den sein Wahnsinn seitdem immer gezeigt hatte. Von Howard hatte er erfahren, daß die äußere Thür offen stand, als Lord Vargrave bei Maltravers war. Das Billet an der Thür, der Name Vargrave's, mußte Castruccio's Augen, als er die Treppe hinabging, auffallen; der Diener war ausgeschickt und Niemand im Zimmer; Cesarini konnte sich in's Schlafzimmer geschlichen und im Dunkel der Nacht bei dem tiefen und hülflosen Schlaf seines Opfers die That vollbracht haben. Was bedurfte er der Waffen? Die erstickenden Kissen konnten Sprache und Leben nehmen. Die Flucht war so leicht; er brauchte nur in's Vorzimmer zu gehen, die Thür zu entriegeln, in den Hof sich zu begeben und dem Portier ein Zeichen zu geben, welchen ohne ihn zu sehen, den Cordon ziehen und ihm einen unbemerkten Ausgang gewähren konnte. Alles das war so möglich und wahrscheinlich!

De Montaigne unterließ jetzt jede Nachforschung hinsichtlich des Unglücklichen; er zitterte bei dem Gedanken, ihn zu entdecken, seinen furchtbaren Argwohn zu bestätigen und in dem Bruder seiner Frau einen Mörder zu schauen! Es war ihm aber nicht beschieden, um Cesarini lange Zeit Besorgnisse zu hegen; es war nicht sein Schicksal, jemals seinen Verdacht in Gewißheit zu verwandeln.

Wenige Tage nach Lord Vargrave's Begräbniß ward ein Leichnam aus der Seine gezogen. Einige Papiere in den Taschen, mit wilden und unzusammenhängenden Versen bekritzelt, gaben eine Spur, die Verwandten des Todten zu entdecken; in der auf der Morgue ausgestellten, gebleichten und veränderten Leiche erkannte de Montaigne das Letzte, welches von Castruccio Cesarini übrig geblieben war. Er war gestorben und hatte kein Andenken hinterlassen.

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