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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Viertes Kapitel.

Mein edler Herr, die würd'gen Freunde
Verlassen Euch.
– – – – – – – – – – –
Er führt es aus, die Thür steht offen.

      Shakespeare.

 

Lumley fuhr in sein Hotel, als er Lady Doltimore's Haus verlassen hatte; sein Sekretär hatte ihm noch andere Briefe überbracht, mit deren Inhalt er sich noch nicht bekannt gemacht hatte; allein er sah aus der Ueberschrift, daß die Mittheilungen von der größten Wichtigkeit waren. Jedoch nicht einmal in der Einsamkeit seines eigenen Zimmers konnte er seine Gedanken von dem Ruin aller seiner Glücksumstände wegwenden; nicht allein Evelinens Eigenthum, sondern seine eigenen Ansprüche darauf (das ganze Kapital war Herrn Douce übergeben worden) waren verloren, seine großen Plane hatten gänzlich Schiffbruch gelitten; er hatte Maltravers einen Triumph bereitet! Er knirschte in unmächtiger Wuth mit den Zähnen und stöhnte laut, als er mit hastigen, ungleichen Schritten durch das Zimmer ging. Zuletzt blieb er stehen und murmelte vor sich hin:

.»Ha, die Spinne arbeitet fort, selbst wenn ihre Kraft, frische Gewebe zu bilden, erschöpft ist; sie lauert wartend und drängt sich in die Gewebe Anderer ein. Braves Insekt, du bist ein Muster! So lange ich noch Athem in meinem Körper habe, soll die Welt mit all' ihrem Kreuz und Leiden, das Schicksal mit all' seiner Bosheit nichts gegen mich vermögen! Welcher Mann ging jemals eher zu Grunde, als bis er zur Memme wurde und seine Seele dem Teufel der Verzweiflung verkaufte? Ich habe nur ein Mädchen und ein Vermögen verloren, aber ich habe hart darum gekämpft; das ist einiger Trost! Was ist mir jetzt noch verblieben?«

Der erste Brief, den Lumley öffnete, war von Lord Saxingham; derselbe erfüllte ihn mit Schrecken. Die vorliegende Frage war förmlich und plötzlich im Kabinet gegen Vargrave und seine Manöver entschieden worden. Einige hastige Ausdrücke von Lord Saxingham waren sogleich vom Premierminister aufgegriffen und eine eher angedeutete, als erklärte Niederlegung des Ministeriums ganz bestimmt angenommen worden. Lord Saxinghams und Lumley's Anhänger in der Regierung wurden sämmtlich entlassen; im Augenblick, wo Lord Saxingham schrieb, war der Premierminister beim Könige.

»Verflucht sei ihre Thorheit! Die Marionetten, die Tölpel!« rief Lumley aus, indem er den Brief mit der Hand zerknitterte. »Im Augenblick, wo ich sie verlasse, rennen sie mit dem Kopf gegen die Mauer – sie seien verflucht – sei ich selbst verflucht! Verflucht sei Jeder, der auf Sand baut. Mir bleibt nichts übrig, als Verbannung oder Selbstmord. Halt! Was ist das?«

Sein Auge fiel auf die wohlbekannte Handschrift des Premierministers. Er riß den Umschlag auf, ungeduldig, das Schlimmste zu erfahren. Sein Auge funkelte, als er las. Der Brief war sehr höflich, voller Complimente und in einer Weise verfaßt, sich um seine Gunst zu bewerben. Der Minister war ein gewandter Mann, eine Partei lieber zu vermehren, als sie zu reinigen. Saxingham und seine Freunde waren einfältige, unfähige Leute, welche ihre Zeit überlebt hatten; aber Lord Vargrave, in der Blüthe des Lebens, beweglich, geschickt, kräftig, bitter, unbedenklich in der Wahl der Mittel – Vargrave war von anderer Art – Vargrave war zu fürchten, und deßhalb wo möglich beizuhalten. Seine Kraft, Schaden anzurichten, war ohne Zweifel durch seine baldige Vermählung mit einer so reichen Dame noch gesteigert. Der Minister kannte seinen Mann. In Ausdrücken affektirten Bedauerns erwähnte er den Verlust, welchen die Regierung an den Diensten des Lord Saxingham erleiden würde &c.; er war erfreut, daß Lord Vargrave's Abwesenheit von London ihn verhindert habe, sich voreilig durch falsche Bedenklichkeiten hinsichtlich der Ehre dem Austritte der Minister anzuschließen, welchen sein Urtheil nothwendig mißbilligen müsse. Er behandelte die streitige Frage mit der zartesten Gewandtheit, gestand die Zweckmäßigkeit von Lord Vargrave's früherem Widerstand zu, behauptete aber, die Maßregel, wenn auch nicht weise, sei jetzt unvermeidlich. Er schwieg gänzlich über die Gerechtigkeit der Maßregel, deren Annahme er vorschlug, bemerkte aber sehr viel über deren Nützlichkeit. Er schloß damit, daß er Vargrave in den herzlichsten und schmeichelhaftesten Ausdrücken denselben Sitz im Kabinet antrug, den Lord Saxingham aufgegeben hatte, und fügte zu der Entschuldigung, jenes Amt sei zu gering für die Verdienste Seiner Lordschaft, ein bestimmtes und deutlich ausgedrücktes Versprechen des glänzenden Vicekönigthums in Indien hinzu, welches durch die Rückkehr des gegenwärtigen Generalgouverneurs im nächsten Jahre erledigt sein würde.

So grundsatzlos Vargrave auch war, so beurtheilen wir ihn vielleicht nicht zu mild, wenn wir erklären, daß er vor jener Niederträchtigkeit, welche er sehr im Sinn hatte, zurückgeschaudert wäre, wenn er Evelinens Hand und Vermögen wirklich erlangt hätte. Mit Kälte dasselbe Amt einzunehmen, das sein frühester Beschützer und nächster Verwandter allein durch ihn verloren hatte – durch den Verrath seiner eigenen Partei sich Nutzen zu erwerben – auf immer in den Augen seiner alten Freunde verurtheilt und von der Geschichte als ein feiler Abtrünniger gebrandmarkt der Nachwelt – überliefert zu werden; vor Alle dem hätte Vargrave schaudern müssen, hätte er nur einen Punkt von ehrlichem Boden erblickt, worauf er seinen Fuß hätte stellen können.

Aber jetzt schlossen sich die Fluten des Abgrundes über seinem Haupte; er hatte nach einem Strohhalm gegriffen; um so mehr willigte er ein, sich von dem Schiffe eines Feindes aufnehmen zu lassen! Aller Einwurf, alle Bedenklichkeit verschwand plötzlich. Das barbarische Gold von Ormus und Indien schimmerte vor den gierigen Augen des pfenniglosen Abenteurers! Kein Tag war jetzt zu verlieren. Wie glücklich, daß man ihm den Vorschlag schriftlich gemacht hatte, bevor das Mißlingen aller seiner Ehepläne bekannt war. Zu glücklich, Paris zu verlassen, wollte er morgen abreisen und in Person die Unterhandlung schließen.

Vargrave blickte auf die Uhr, es war kaum nach elf; welche Revolutionen geschehen in Augenblicken! In Zeit einer Stunde hatte er eine Frau und ein großes Vermögen verloren, die Politik seines ganzen Lebens gewechselt, einen Sitz im Kabinet erhalten und berechnete schon, wie viel er als Generalgouverneur von Indien in fünf Jahren zurücklegen könne! Allein es war erst elf Uhr; er hatte Herrn Howards Besuch bis auf zwölf verschoben, und er wünschte sehnlichst ihn zu sehen, um all das Londoner Geschwätz über die kürzlichen Ereignisse zu erfahren. Armer Herr Douce! Vargrave hatte sein Dasein vergessen. Er schellte hastig. Es dauerte einige Zeit, bis der Diener eintrat. Schnell und stets bei der Hand zu sein verlangte Lord Vargrave unbedingt von seinen Bedienten, und da er den besten Preis für diese Artikel zahlte, so war er stets sicher, dieselben zu erhalten.

»Wo zum Teufel sind Sie gewesen? Dieß ist das drittemal, daß ich schellte. Sie hätten im Vorzimmer sein müssen!«

»Ich bitte Eure Lordschaft um Verzeihung; ich half aber Herrn Maltravers' Bedienten einen Schlüssel suchen, welchen er im Hofe fallen ließ.«

»Was, ist Herr Maltravers in diesem Hotel?«

»Ja, Mylord, seine Zimmer liegen gerade über den unsrigen.«

»Hm! Hat Herr Howard hier eine Wohnung gemiethet?«

»Nein, Mylord! Er hat hier zurückgelassen, daß er zu seiner Tante Lady Jane gegangen ist.«

»Ah, Lady Jane wohnt in Paris, Rue Chaussee d' Antin; wissen Sie das Haus? Gehen Sie sogleich, und zwar selbst, verlassen Sie sich auf keinen Boten. Bitten Sie Herrn Howard, mit Ihnen zurückzukehren; ich muß ihn sogleich sprechen.«

»Ja, Mylord.«

Der Diener ging. Lumley befand sich in einer Stimmung, worin die Einsamkeit ihm unerträglich war. Er war im höchsten Grade aufgeregt; natürliche Gewissensbisse über das Verfahren, zu dem er sich fest entschlossen hatte, erweckten in ihm den Wunsch, seinen Gedanken zu entfliehen. Maltravers also befand sich unter demselben Dache! Er hatte ihm eine Unterredung auf den nächsten Tag versprochen; am nächsten Tage aber hoffte er schon nach London unterwegs zu sein. Weßhalb sollte er die Unterredung heute Nacht nicht halten? Konnte Maltravers ein feindliches Zusammentreffen im Sinn haben? Unmöglich! Von welcher Art auch seine Ursachen zur Klage sein mochten, sie waren von zu zarter und geheimer Art für Sekundanten, Kugeln und Zeitungsartikel! Er konnte sich sicher fühlen, daß er nicht durch eine Bestellung zum bois de Boulogne aufgehalten wurde; allein es war durchaus er forderlich für seine Ehre (!!!), daß er den Mann nicht zu meiden scheine, den er betrogen und dem er geschadet hatte. Er wollte jetzt zu ihm hinaufgehen; eine neue Aufregung würde seine Gedanken zerstreuen.

Diesem Entschluß gemäß verließ Vargrave das Zimmer und war im Begriff, die äußere Thür zu verschließen; als er sich erinnerte, sein Diener würde vielleicht Howard nicht treffen; der Sekretär könnte noch vor der festgesetzten Zeit ankommen, es würde ebenso zweckmäßig sein, die Thür offen zu lassen. Er hielt deßhalb an und schrieb auf ein Stück Papier:

»Theurer Howard!

»Schicken Sie sogleich in den obern Stock, wenn Sie ankommen; ich werde dort bei Herrn Maltravers sein.

Vargrave

Alsdann befestigte er das Billet mit einer Oblate an die Thür, die er offen ließ, so daß der Schein der Lampe auf der obersten Stufe der Treppe hell und voll auf dasselbe schien.

Die Stimme Vargrave's in der kleinen, mit Stein gepflasterten Antichambre, welcher sich bei dem Bedienten erkundigte, ob Herr Maltravers zu Hause sei, hatte Cesarini stutzig gemacht und ihn in seiner Antwort unterbrochen. Er sowohl, wie Jeder erkannte die scharfe, helle Stimme; ein Jeder blickte den Anderen an.

»Ich will ihn nicht sehen,« sagte Maltravers, indem er hastig auf die Thür ging; »Sie sind nicht geeignet, ihm zu –«

»Ihm begegnen? Nein!« sagte Cesarini mit einem verstohlenen und Unheil verkündenden Blick, den ein in seiner Krankheit gewandter Mann verstanden haben würde, den aber Maltravers nicht einmal bemerkte; »ich will mich in Ihr Schlafzimmer zurückziehen, meine Augen sind schwer, ich möchte schlafen.«

Bei den Worten öffnete er die innere Thür und hatte sie kaum wieder verschlossen, als Vargrave eintrat.

»Ihr Bedienter sagte, Sie wären beschäftigt; ich glaubte jedoch, daß Sie einen alten Freund wohl sehen könnten.« Bei den Worten setzte sich Vargrave mit großer Gemüthsruhe.

Maltravers verriegelte die Thür, welche Beide von Cesarini trennte; die Männer, deren Charakter und Leben einen so starken Gegensatz boten, waren jetzt allein.

»Sie wünschen eine Unterredung und eine Erklärung; ich fürchte mich vor keiner von Beiden; lassen Sie mich Ihrer Untersuchung und Ihren Klagen zuvorkommen. Ich betrog Sie wissentlich und absichtlich, das ist wahr; die List ist im Kriege und in der Liebe erlaubt; der Preis war ungeheuer; ich glaubte, meine Laufbahn sei davon abhängig; ich konnte der Versuchung nicht widerstehen; ich wußte, daß Sie zuletzt erfahren müßten, Eveline sei nicht Ihre Tochter, daß die erste Unterredung zwischen Ihnen und Lady Vargrave mich verrathen würde; allein es war der Mühe werth, einen coup de main zu versuchen. Sie haben mich überwunden und gesiegt; es sei! Ich wünsche Ihnen Glück; Sie sind ziemlich reich und der Verlust von Evelinens Vermögen wird Sie nicht quälen wie mich.«

»Lord Vargrave, es ist ärmliche Ziererei, die schwarze Lüge, die Sie erdachten, den furchtbaren Fluch, den Sie mir aufbürdeten, so leicht zu behandeln. Ihr Anblick ist mir peinlich; er erregt mir Leidenschaften, die ich zu unterdrücken wünsche. Je eher diese Unterredung beendigt ist, desto besser. Ich habe Ihnen noch ein Verbrechen vorzuwerfen; es ist vielleicht nicht größer als dasjenige, was Sie so ruhig eingestehen; allein die Folgen waren verhängnißvoller – Sie verstehen mich?«

»Nein.«

»Führen Sie mich nicht in Versuchung; lügen Sie nicht,« sagte Maltravers noch immer mit ruhiger Stimme, obgleich seine von Natur starken Leidenschaften seinen ganzen Körper erschütterten. »Ihren Schlichen verdanke ich die Verbannung so mancher Jahre, die sonst besser zugebracht worden wären; jenen Schlichen verdankt Cesarini seinen Wahnsinn und Florence Lascelles ihr frühes Grab. Ha! Sie sind blaß, Ihre Zunge erstarrt in Ihrem Munde! Glauben Sie, daß solche Verbrechen für immer ungestraft bleiben? Glauben Sie; daß die Donnerschläge Gottes nicht gerecht sind?«

»Herr!« sagte Vargrave, indem er aufsprang; »ich weiß nicht was Sie beargwohnen; mich kümmert nicht, was Sie glauben! Aber den Menschen bin ich verantwortlich; und diese Rechenschaft will ich ablegen. Sie drohten mir in Gegenwart meines Mündels, Sie sprachen von Feigheit und gab einen Wink von Gefahr. Von welcher Art auch meine Laster sein mögen, Mangel an Muth gehört nicht darunter. Beharren Sie bei Ihren Drohungen, ich bin bereit, denselben zu trotzen.«

»Vor einem Jahre, vielleicht noch vor einem Monate,« erwiderte Maltravers, »würde ich die Gerechtigkeit für meine eigene sterbliche Hand mir angemaßt haben; ja, wäre es um Evelinens willen noch heute Nacht nöthig gewesen, Ihr Leben oder meines auf's Spiel zu setzen, ich würde es gethan haben; ich würde Alles um ihretwillen gewagt haben! Allein das ist vorbei; von mir haben Sie nichts zu besorgen. Der Beweis Ihrer früheren Schuld und deren furchtbarer Ausgang würde schon allein genügen, mich vor der feierlichen Verantwortlichkeit menschlicher Rache zu warnen! Großer Gott, welche Hand dürfte es wagen, einen so verhärteten, so mit Verbrechen befleckten, so unbußfertigen, reuelosen und unvorbereiteten Sünder zu dem Richterstuhl des Allgerechten zu entsenden? Gehen Sie, Unglücklicher! Mag Ihnen das Leben noch lange bleiben! Erwachen Sie aus Ihrem Treiben in dieser Welt, bevor Ihre Füße die unwiderrufliche Grenze zur nächsten überschreiten.«

»Ich kam nicht hierher, um auf Predigten und auf das Geschwätz der Pietistenconventikel zu hören,« sagte Vargrave, indem er vergeblich eine stolze Miene anzunehmen sich anstrengte, welche sein Gewissensbisse bezeugendes Antlitz in furchtbarer Weise Lügen strafte. »Nicht ich, sondern diese schlechte Welt ist zu tadeln; wenn Handlungen, die sich nach strenger Moral nicht rechtfertigen lassen und deren Ausgang ich als Prophet nicht vorhersehen konnte, für meinen Erfolg im Leben nothwendig waren. Ich bin dasselbe gewesen, was andere Männer waren, die mit dem Glücke kämpfen, um reich und groß zu werden. Der Ehrgeiz muß schlechte Leitern gebrauchen.«

»O,« sagte Maltravers mit ernstem Ton, ungeachtet seines Abscheus vor dem Verbrechen durch die Reue gerührt, welche dieser elende Versuch der Selbstvertheidigung zu bezeichnen schien. »O lassen Sie sich warnen, so lange es noch Zeit ist; hüllen Sie sich nicht in diese elenden Trugschlüsse; blicken Sie auf Ihre vergangene Laufbahn; bedenken Sie, welche Höhe Sie erreicht haben würden, wenn Ihr Ehrgeiz bei diesen seltenen Gaben und Kräften den geraden Weg anstatt des krummen gewählt hätte; halten Sie an! Noch manche Jahre bieten Ihnen vielleicht nach dem Laufe der Natur genügende Zeit, um Ihre Schritte wieder zurückzuthun, um bei Tausenden das Unrecht zu sühnen, was Sie Wenigen zugefügt haben. Ich weiß nicht, weßhalb ich so mit Ihnen rede; allein Etwas von göttlicherem Ursprung als Unwillen drängt mich – Etwas verkündet mir, daß Sie am Rande eines Abgrundes stehen!«

Lord Vargrave wechselte die Farbe und schwieg einige Augenblicke; alsdann erhob er sein Haupt mit schwachem Lächeln und sagte: »Maltravers, Sie sind ein falscher Prophet. In diesem Augenblick hat mich mein Pfad, so krumm er auch sein mag, weithin zu dem Gipfel meiner stolzesten Hoffnungen geführt; der gerade Pfad würde mich am Fuße der Berge gelassen haben! Sie selbst sind mir ein Warnungszeichen bei dem Verfahren, welches Sie anrathen. Stellen wir uns Beide in Gegensatz; Sie schlugen den geraden Weg, ich den krummen ein; Sie sind mir überlegen an Vermögen; Sie stehen im Genius unendlich weit über mir; Sie sind geboren, zu befehlen und nicht, sich zu schmiegen – welchen Stand aber nehmen wir jetzt Beide in der Blüthe unseres Lebens ein? Sie besitzen einen unfruchtbaren, nutzlosen Ruhm und sind ohne Rang, ohne Macht, beinahe ohne Hoffnung der Macht; ich – aber Sie kennen noch nicht meine neue Würde – ich bin im Kabinet von Englands Ministerium; ein ungeheures Vermögen öffnet sich meinem Blicke; die stolzeste Stellung ist nicht zu hoch für meinen wohlbegründeten Ehrgeiz. Sie haben ein großes Trugbild zu Ihrem Zweck gemacht und sind ohne Ziel, so bald es Ihrem Griff entgeht. Ich schwinge mich wie ein Eichhorn von Entwurf zu Entwurf, einerlei, ob der eine zerbricht, ein anderer ist zur Hand; einige Menschen würden sich in Verzweiflung vor einer Stunde den Hals abgeschnitten haben, weil sie den Preis einer siebenjährigen Jagd, Schönheit und Reichthum verloren; ich eröffne einen Brief und finde Erfolg in einem andern Plan, der mich den ersten aufgeben läßt! Bah! Ein Jeder treibe sein Handwerk, Maltravers! Ihnen werde Ehre, Schwermuth und, wenn es Ihnen gefällig ist, auch Reue zu Theil, mir das vorwärtsdrängende rauschende Leben; niemals ein Rückblick in die Vergangenheit; niemals das Abwägen der Stufen, auf denen ich in die Zukunft schreite. Lassen Sie uns nicht einander beneiden; wären Sie nicht Diogenes, so möchten Sie Alexander sein. Adieu! Unsere Unterredung ist vorüber. Wollen Sie vergessen und vergeben, und mir noch einmal die Hand drücken? Sie ziehen Ihre Hand zurück. Sie blicken finster. Gut; vielleicht haben Sie Recht. Treffen wir uns wieder – –«

»So sind wir einander gänzlich fremd.«

»Keine zu rasch gefaßten Vorsätze! Sie kehren vielleicht zur Politik zurück, und brauchen wohl noch einmal ein Amt. Ich hege jetzt die Denkungsweise Ihrer Partei und, ha! ha! der arme Lumley Ferrers könnte Sie zu einem Lord der Schatzkammer machen. Glauben Sie mir, auf krummen Wegen kann man bequem reisen und bezahlt wenig Chausseegeld. Leben Sie wohl!«

Als Maltravers in's Zimmer trat, wohin Cesarini sich zurückgezogen hatte, fand er diesen entflohen; sein Diener sagte, der Herr sei bald nach Lord Vargrave's Ankunft fortgegangen. Ernst machte sich bittere Vorwürfe, weil er vernachlässigt habe, die in das Vorzimmer führende Thür ebenfalls zu verschließen; es war jedoch nicht unwahrscheinlich, daß Cesarini am Morgen zurückkehren würde.

Der Bote, welcher den Brief an de Montaigne besorgt hatte, brachte die Nachricht zurück, Letzterer sei auf seinem Landhause und werde am nächsten Morgen in Paris erwartet. Maltravers hoffte ihn vor seiner Abreise noch zu sehen; mittlerweile warf er sich auf's Bett; die von ihm erduldeten Mühen und Aufregungen hatten, ungeachtet der noch jetzt ihn erdrückenden Beängstigung, die Ausdauer seines eisernen Körpers erschöpft und er fiel in tiefen Schlaf.

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