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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 82
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Eilftes Buch.

Der Mensch ist erschaffen, Gutes zu thun.

      M. Antonin.

 

Erstes Kapitel.

Er knirschte mit den Zähnen

Im höchsten Grimm, vergeblich
   Rache drohend.

      Spencer.

 

Es ist Zeit, daß wir zu Lord Vargrave zurückkehren. Seine sanguinischsten Hoffnungen waren verwirklicht; Alles schien ihm zu gelingen. Die Hand der Miß Cameron war ihm zugesagt, und der Hochzeitstag festgesetzt; in weniger als einer Woche sollte dem zu Grunde gerichteten Pair eine glänzende Mitgift übertragen werden, die alle Hindernisse auf der Bahn seines Ehrgeizes entfernen würde. Herr Douce hatte ihm geschrieben, daß alle Urkunden, welche ihm die großen Güter vom Haupte des Hauses Maltravers übertragen sollten, beinahe vollständig ausgefertigt seien; am Hochzeitstage hoffte er ankündigen zu können, das glückliche Paar sei nach seiner fürstlichen Wohnung Lisle-Court abgereist.

Was die Politik betraf, so war der endliche Schluß auf seine Rückkehr verschoben; Briefe von Lord Saxingham aber kündigten ihm an, daß Alles ein günstiges Aussehen habe, der Hof und die Häupter der Aristokratie würden mit jedem Tage dem Premierminister abgeneigter und für eine Revolution im Kabinet mehr vorbereitet. Vargrave überschätzte vielleicht, wie die meisten Leute in der Noth, diejenigen Vortheile und diejenigen servilen Meinungen, die er sich in seinem neuen Charakter als Grundbesitzer und reicher Pair gewinnen würde. Er war nicht unempfindlich hinsichtlich der schweigenden Qual, welche Eveline zu dulden schien, auch nicht hinsichtlich des bitteren und finsteren Ausdrucks, welcher auf der Stirn der Lady Doltimore schwebte. All' das waren keine Wolken, die einen Sturm vorherverkündeten; nur leichte Schatten, welche kaum die Heiterkeit des günstigen Himmels verdunkelten. Er schien keines von Beiden zu bemerken, sondern das kommende Ereigniß als etwas ganz Natürliches aufzunehmen.

Gegen Eveline erwies er eine so sanfte, achtungsvolle und zarte Zuneigung, daß er ihr jede Gelegenheit, sei es zum Vertrauen, sei es zur Klage, abschnitt. Die arme Eveline! Ihre Munterkeit, ihre entzückende Leichtigkeit, ihre liebliche und kindliche Spielerei im Wesen war wirklich verschwunden. Blaß, mager, duldend und ohne Lächeln, war sie der Geist ihres früheren Selbst! Die Tage aber rollten dahin und der böse Tag rückte näher; sie schauderte, aber sie träumte von keinem Widerstand. Wie manche ähnliche Opfer ihres Alters und Geschlechtes sind schon vor dem Altar gestanden!

Eines Tages, am Morgen, begab sich Lord Vargrave zu Eveline; er hatte einen politischen Besuch in der Vorstadt Saint Germain abgestattet und durchwandelte jetzt langsam den ruhigeren und einsamen Theil des Tuillerie-Gartens; seine Hände waren auf seinem Rücken, nach alter, unveränderter Gewohnheit, gefaltet und seine Augen niedergeschlagen, als plötzlich ein Mann, der allein unter den Bäumen saß und seine Schritte mit ängstlichen, wilden Blicken einige Zeit lang überwacht hatte, aufstand und auf ihn zutrat. Lord Vargrave bemerkte nicht den sich Aufdrängenden, bis der Mann seine Hand auf seinen Arm legte und ausrief:

»Er ist es. Lumley Ferrers, wir treffen uns wieder!«

Lord Vargrave fuhr auf und wechselte die Farbe, als er jenen sich Aufdrängenden anblickte.

»Ferrers,« fuhr Cesarini fort (denn dieser war es), indem er seinen Arm bei diesen Worten fest um den Lord Vargrave's schlang; »Sie haben sich nicht geändert, Ihr Schritt ist leicht, Ihre Wange gesund; aber ah! Kaum werden Sie mich erkennen; ich habe, seit wir uns trennten, furchtbar gelitten! Warum bin ich so schwer heimgesucht worden? Weßhalb sind Sie frei ausgegangen? Der Himmel ist nicht gerecht!«

Castruccio befand sich in einem seiner lichten Zwischenräume; in dem ungewissen Blick und in der sonderbaren, unnatürlichen Stimme fand sich jedoch ein Ausdruck, welcher darlegte, auch der leiseste Windhauch vermöge die Lawine loszureißen. Lord Vargrave sah ängstlich um sich; Niemand befand sich in der Nähe. Er wußte aber, daß die vom Publikum mehr besuchten Theile des Gartens vollgedrängt waren, und er bemerkte durch die Bäume hin die in der Entfernung sich bewegenden Gestalten. Er war sicher, der Schall seiner Stimme könne ihm Hülfe in einem Augenblick herbeischaffen, und das Gefühl der Sicherheit kehrte ihm zurück.

»Mein armer Freund,« sagte er besänftigend, während er seinen Schritt beschleunigte, »es thut mir bis zum innersten Herzen leid, daß ich Sie in so schlimmen Umständen antreffe; denken Sie nicht zu viel an die Vergangenheit.«

»Es gibt keine Vergangenheit,« erwiderte Cesarini finster; »die Vergangenheit ist meine Gegenwart! Ich habe über Alles, was ich litt, in Dunkelheit und in Ketten gegrübelt und gegrübelt, und ein Licht ist in den Stunden mir aufgegangen, in denen man sagte, ich sei verrückt. Lumley Ferrers, nicht um meinetwillen haben Sie mich, Teufel, der Sie sind, zur niedrigsten Hölle geführt! Sie hatten einen Zweck, der sich allein auf Sie bezog, im Auge, um Florence von Maltravers zu trennen. Sie gebrauchten mich allein als Werkzeug. Was war ich Ihnen, daß Sie um meinethalben hätten sündigen sollen? – Antworten Sie mir die Wahrheit, wenn Ihre Lippen noch Wahrheit reden können!«

»Cesarini,« erwiderte Vargrave in den schmeichelndsten Tönen, »ein andermal wollen wir über die Vergangenheit reden. Glauben Sie mir, mein einziger Zweck war Ihr Glück, allerdings mit Haß gegen Ihren Nebenbuhler verbunden.«

»Lügner,« schrie Cesarini, indem er Vargrave's Arm mit der Kraft der einbrechenden Tollheit packte, während seine brennenden Augen auf die wechselnden Züge seines Versuchers geheftet waren. »Auch Sie liebten Florence, auch Sie suchten ihre Hand; Sie waren mein wirklicher Nebenbuhler!«

»Still, Freund!« sagte Vargrave, indem er den Griff des Wahnsinnigen abzuschütteln suchte und ernstlich unruhig wurde. »Wir nähern uns dem von Spaziergängern gefüllten Theile des Gartens; man wird uns beobachten.«

»Weßhalb sind die Menschen meine Feinde? Weßhalb ist meine eigene Schwester meine Verfolgerin geworden? Weßhalb hat sie mich der Folter und dem Gefängniß übergeben? Weßhalb sind Schlangen und Teufel meine Gefährten? Weßhalb brennt Feuer in meinem Gehirn und Herzen, und weßhalb sind Sie frei und genießen Sie Freiheit und Leben? Man wird uns beobachten? Was kümmern Sie sich um Beobachtung? Alle Menschen suchen nach mir

»Weßhalb denn sehen Sie sich so offen der Beobachtung aus? Weßhalb –«

»Hören Sie mich,« unterbrach ihn Cesarini; »als ich aus dem furchtbaren Gefängniß, in welches man mich geworfen hatte, entwischte; als ich die frische Luft athmete und über das Gras hüpfte; als ich an Leib und Seele wieder frei war, erklang plötzlich Musik aus einem Dorfe vor meinem Ohre; ich stand still, legte mich nieder und hielt den Athem an, um zu horchen. Die Musik schwieg, ich glaubte bei Florence gewesen zu sein und weinte bitterlich! Als ich wieder zu mir kam, kehrte mir das Gedächtniß bestimmt und klar zurück und ich vernahm eine Stimme, welche mir zurief: ›Räche sie und dich!‹ Von jener Stunde an ist die Stimme Tag und Nacht von mir wieder vernommen worden! Lumley Ferrers, ich höre sie jetzt! Sie spricht zu meinem Herzen, erhitzt mein Blut und kräftigt meine Hand. Auf wen soll die Rache fallen? Sprechen Sie!«

Lumley schritt schnell weiter; Beide waren jetzt außerhalb des Waldes; ein heiteres Gedränge lag vor ihnen. »Alles ist in Richtigkeit,« dachte der Engländer. Er wandte sich plötzlich und stolz zu Cesarini und bewegte seine Hand. »Fort, Verrückter!« rief er in lauter und fester Stimme; »fort mit dir, quäle mich nicht mehr, oder ich lasse dich verhaften!«

Cesarini hielt an, für den Augenblick bestürzt und eingeschüchtert, dann stürzte er mit finsterem Blick und dumpfem Schrei auf Vargrave. Das Auge und die Hand des Letzteren war wachsam und vorbereitet; er ergriff den aufgehobenen Arm des Wahnsinnigen und rief um Hülfe. Allein der Verrückte war jetzt in seiner vollen Wuth; er warf Vargrave mit einer Kraft zu Boden, auf welche der Pair nicht vorbereitet war, und Lumley hätte sich nie wieder von dem Orte lebendig erhoben, wenn nicht zwei in der Nähe sitzende Soldaten zu seiner Hülfe herbeigeeilt wären. Cesarini kniete schon auf seiner Brust; seine langen und knöcherigen Finger drückten auf die Kehle seines beabsichtigten Opfers. Als er fortgerissen ward, starrte er trotzig auf diejenigen, die ihn angepackt hatten; nach einem wüthenden, wenn auch nur einen Augenblick währenden Kampf entrang er sich ihren Händen. – Dann wandte er sich zu Vargrave, welcher sich mit einiger Anstrengung vom Boden erhoben hatte, und kreischte: »Ich werde dich doch noch kriegen,« entfloh durch die Bäume und verschwand.

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