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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Siebentes Kapitel.

Glaubt Ihr, daß den Entschluß ich fassen kann
Bei blumenreicher Zärtlichkeit?

     Shakespeare.

 

Beide befanden sich nach Dover unterwegs. Maltravers lehnte sich in die Ecke des Wagens mit niedergedrücktem Hut zurück; obgleich der Morgen noch zu dunkel war, als daß der Pfarrer mehr als seine Umrisse hätte sehen können. Ein Meilenstein nach dem andern glitt vorüber und keiner der Reisenden brach das Schweigen. Es war ein kalter, rauher Morgen, und der Nebel erhob sich düster über die kahlen Hecken und öde aussehenden Felder. Finster und selbstanklagend war das Forschen von Maltravers in allen Falten seines Gewissens und in den befleckten Seiten der Vergangenheit.

Die blasse und einsam lebende Mutter, an dem Grabe ihres Kindes trauernd, erhob sich wieder vor seinen Blicken und schien ihm schweigend Rechenschaft für das Herz abzuverlangen, das er öde gemacht, und für die Jugend, über welche seine Liebe die Freudenlosigkeit des Alters gebracht hatte. Mit dem Bild der Alice, wie sie fern, allein, sowohl auf ihren Wanderungen als Bettlerin und ausgestoßen, wie auch in ihrem hohlen Glücke lebte, worin die Behaglichkeit ihres Körpers den Schmerz ihres Herzens größere Muße gewährte – mit jenem reinen, trauernden und von Anfang bis zu Ende treuen Bilde verglich er seine eigene wilde und verschwendete Jugend, wie er zur Phantasie und Leidenschaft, nur um Aufregung zu erlangen, sich wandte. Er setzte mit ihrer geduldigen Ergebung seine anmaßende Empörung gegen seine Prüfungen in Gegensatz, deren Bitterkeit sein stolzer Geist übertrieben hatte; er verglich damit seine Verachtung gegen die Bestrebungen und Zwecke Anderer. die stolze Trägheit seines späteren Lebens und die Vergessenheit der Pflichten, zu deren Erfüllung ihn die Vorsehung befähigt hatte. Seine Seele, einst so rauh von dem ihm theuren Piedestal hinabgestürzt, von welchem sie so lange auf die Menschen herabgeblickt und sich gesagt hatte, ich bin weiser und besser wie ihr, ward jetzt für ihre eigenen Schwächen zu empfindlich; seine tiefe Sehnsucht nach Tugend ließ sich deutlicher unter den Trümmern und im Schweigen seines Stolzes vernehmen.

Von der Betrachtung der Vergangenheit riß er sich los, um die Zukunft zu überschauen. Alice hatte seine Hand ausgeschlagen; Alice selbst hatte seine Vereinigung mit einer Andern gut geheißen und gesegnet! Die so heiß geliebte Eveline konnte noch sein werden; kein Gesetz, vor dessen Verletzung sogar in Gedanken die Natur erbebt und schaudernd zurückschreckt, verbot ihm wiederum Ansprüche auf jene Hand zu erheben, sie Vargrave zu entreißen, wieder um sie zu freien und sie zu gewinnen! Hieß aber Maltravers einen solchen Gedanken willkommen? Erweisen wir ihm Gerechtigkeit, er that es nicht.

Er empfand, daß Alicens Entschluß in der ersten Stunde gekränkter Neigung nicht als der endliche zu betrachten sei; selbst wenn dieß der Fall wäre, so empfand er um so tiefer, daß ihre Liebe, welche so mancher Prüfung widerstand, niemals von ihr selbst besiegt werden konnte. Sollte er ihren Seelenadel zum Fluch machen? Sollte er sagen, du bist für deine Generation verwelkt, und ich übergebe dich wieder der Einsamkeit um Jener willen, die du als Kind gepflegt hast?

Erschrocken fuhr er bei dem Gedanken an diesen neuen und letzten Schlag, der jenen gebrochenen Muth treffen würde, auf. Auch dann erhoben sich allmählig neue und gleich geheiligte Hindernisse zwischen Eveline und ihm. Wenn Templeton sich aus dem Grabe erheben könnte, mit welchem Zorn, mit welchem gerechten Widerwillen würde er dann in dem Verführer seiner Frau (obgleich nur Frau dem Namen nach) den Freier seines Kindes erkannt haben!

Diese Gedanken drangen in schneller und furchtbarer Gewalt auf Maltravers ein, und dienten dazu, seine Ehre und Gewissen zu kräftigen. Er fühlte, daß sein Band mit Alice von solcher Art war, daß er dadurch von der getrennt wurde, welche Alice gleichsam als Mutter betrachtet hatte, obgleich kein Schatten einer Verwandtschaft zwischen Eveline und ihm nach dem Gesetz vorhanden war. Der Schauder, die Pein der Scham, waren allerdings verschwunden, aber dennoch flüsterte ihm eine Stimme wie früher zu: Eveline ist auf immer für dich verloren! Ihr Bild war schon in den kürzlichen Stürmen und Zuckungen seiner Seele so erschüttert, daß er diesen Gedanken der Idee, Alice zu opfern, vorzuziehen schien. Wäre das nur Alles! Eveline könnte ihn ja noch lieben; die der Alice erwiesene Gerechtigkeit könnte ihr Unglück bewirken!

Er fuhr aus seiner Träumerei mit heftiger Bewegung auf und seufzte hörbar. Der Pfarrer wandte sich um, um an ihn einige Worte der Ueberraschung und Frage zu richten; allein die Worte wurden nicht gehört, und er bemerkte bei dem vorrückenden Tageslicht, die Züge des Maltravers seien die eines Mannes, welcher in einen vorherrschenden und unwiderstehlichen Gedanken gänzlich versunken und davon fortgerissen sei. Deßhalb war er so verständig, seinen Gefährten in Ruhe zu lassen und kehrte zu seinen eigenen ängstlichen Gedanken, die ihn gänzlich in Anspruch nahmen, zurück.

Die Reisenden ruhten nicht eher, als bis sie nach Dover kamen. Das Postschiff fuhr erst am nächsten Morgen ab, und Aubrey, welcher sehr ermüdet war, ging zu Bett. Maltravers sah auf die Uhr über dem Kamingesims; es war neun. Er hatte keine Hoffnung zum Schlaf; seine Aussicht auf die langsam hinschleichende Nacht war die einer kummervollen Ungewißheit und eines quälenden Selbstgespräches. Als er sich rastlos auf seinem Sitze umwandte, trat der Kellner ein, um ihm zu sagen, es sei ein Herr im Hause, welcher bei seiner Ankunft ihn unten gesehen habe, und welcher ihn dringend um eine Unterredung ersuche. Bevor Maltravers antworten konnte; trat der Herr selbst ein; es war Legard.

»Ich bitte Sie um Verzeihung,« sagte der Letztere im Tone großer Aufregung; »mir war sehr viel daran gelegen, Sie auf einige Augenblicke zu sprechen; ich bin so eben erst nach England zurückgekehrt; alle Orte sind mir gleich verhaßt; ich lese in den Zeitungen eine – eine Ankündigung; welche – welche mir den größten – ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ist es wahr? Lesen Sie diesen Paragraphen.«

Legard legte den Courier vor Maltravers hin. Die Stelle war folgende:

»Man flüstert sich zu, Lord Vargrave, der sich jetzt in Paris befindet, werde in wenigen Tagen sich mit der schönen und reichen Miß Cameron verheirathen, mit welcher er lange Zeit verlobt war. Sogleich nach der Verheirathung wird Seine Lordschaft zu seinen amtlichen Pflichten zurückkehren.«

»Ist es möglich!« rief Legard aus, indem er den Blicken des Maltravers folgte, »waren Sie nicht der Liebhaber, der angenommene, glückliche Liebhaber der Miß Cameron? Reden Sie, sagen Sie es mir, ich flehe Sie an, daß ich wegen Ihrer, der Sie mir mein Leben retteten und meine Ehre einlösten, und nicht wegen jenes kalten Intriguanten auf alle meine Hoffnungen irdischen Glückes verzichtete und den Traum aufgab, das Herz und die Hand des einzigen Weibes zu gewinnen, welches ich jemals liebte!«

Ein düsterer Schatten kam über die Züge des Maltravers. Er blickte ernst und lange in das aufgeregte Antlitz Legards und sagte nach einer Pause: »Also auch Sie liebten Eveline. Ich wußte es nie und errieth es nie; wenn ich es einst beargwohnte, so war es nur für einen Augenblick und –«

»Ja,« unterbrach ihn Legard leidenschaftlich; »der Himmel ist mein Zeuge, wie heiß und wahr ich liebte! Noch jetzt liebe ich Eveline Cameron! Als Sie mir aber Ihre Neigung und Ihre Hoffnung gestanden, empfand ich, daß ich Ihnen Alles verdanke; ich empfand, daß ich niemals Ihr Nebenbuhler werden dürfe. Ich verließ sogleich Paris. Was ich litt, will ich Ihnen nicht sagen; ich fand jedoch einigen Trost in dem Gedanken, daß ich wie ein Mann gehandelt habe, welcher gegen Sie eine nie zu tilgende, oder nie zu bezahlende Schuld eingegangen ist. Ich reiste von Ort zu Ort, ein jeder war mir gleich verhaßt und langweilig; zuletzt, ich weiß kaum weßhalb, kehrte ich nach England zurück. Ich bin heute angekommen; und jetzt sagen Sie mir, ist es wahr?«

»Wie ich glaube, ist es wahr,« sagte Maltravers mit hohler Stimme, »daß Eveline in diesem Augenblick mit Lord Vargrave verlobt ist. Ich halte es ebenfalls für wahr, daß dieses, auf falschen Eindrücken begründete Verlöbniß, niemals seine Erfüllung erlangt. Mit dieser Hoffnung und mit diesem Glauben bin ich nach Paris unterwegs.«

»Und sie wird noch die Ihrige werden,« sagte Legard, indem er sein Gesicht wegwandte; »das kann ich ertragen; mögen Sie glücklich sein!«

»Bleiben Sie, Legard,« sagte Maltravers mit gefühlvoller Stimme; »lassen Sie uns einander besser verstehen; Sie haben auf Ihre Leidenschaft aus Ehrgefühl verzichtet (Maltravers schwieg nachdenklich) – dies war edel von Ihnen und mehr als gerecht hinsichtlich meiner. Ich danke Ihnen und achte Sie. Aber Legard, lag noch sonst Etwas im Wesen und im Benehmen der Eveline Cameron, das Sie zu der Vermuthung führen konnte, sie würde Ihre Leidenschaft erwidern? Allerdings wäre ich nicht blind genug gewesen, im Fall wir Beide als Nebenbuhler unter gleichen Bedingungen aufgetreten wären, um die Vortheile Ihrer Jugend und Ihres Aeußeren nicht zu erkennen; ich glaubte jedoch, die Neigung der Eveline sei bereits mein gewesen, bevor wir uns in Paris trafen.«

»Vielleicht war es so,« sagte Legard finster, »auch geziemt es mir nicht zu sagen, daß ein so reines und edles Herz, wie das der Eveline, Sie oder mich habe täuschen können; dennoch hatte ich, während Sie sich entfernt hielten, geglaubt und gehofft, daß die Parteilichkeit, womit Eveline Sie betrachtete, eher die der Bewunderung wie der Liebe sei; daß Sie eher ihre Einbildungskraft geblendet, wie ihre Liebe gewonnen hätten. Ich hoffte, daß ich ihre Liebe gewinnen würde, schon gewonnen habe! Doch still davon. Ich gebe dies Ziel für immer auf – nur eines, Maltravers –erweisen Sie mir Gerechtigkeit. Sie sind ein stolzer Mann, und Ihr Stolz hat mich ungeachtet meiner Dankbarkeit oft verletzt. Sein Sie gelinder gegen mich wie bisher; bedenken Sie, daß ich einiger Selbstbeherrschung fähig bin, mag ich auch meine Irrthümer und meine Thorheiten haben. Aufrichtig wünsche ich Ihnen, daß Evelinens Liebe Ihnen jenes Glück darbieten möge, welches dieselbe mir gereicht haben würde.«

Dieß war ein neuer Sieg über den Stolz des Maltravers – seine neue Demüthigung. Er hatte mit kalter Verachtung auf diesen Mann geblickt, weil er sich über den großen Haufen nicht zu erheben vorgab; und dieser Mann kam ihm in demselben Opfer zuvor, welches er selbst beabsichtigte.

»Legard,« sagte Maltravers, und eine leichte Röthe kam über seine Wangen, »Sie ertheilen mir einen gerechten Tadel. Ich erkenne meinen Fehler an und bitte Sie, denselben zu vergeben. Von diesem Abend an werde ich es für eine Ehre halten, Sie meinen Freund zu nennen; von diesem Abend an wird Georg Legard niemals finden, daß ich ihn durch Anmaßung oder Härte verletze.«

Legard drückte die ihm dargereichte Hand mit Wärme, gab aber keine Antwort; sein Herz war voll und er wagte es nicht, etwas zu sagen.

»Sie glauben also,« begann Maltravers mit nachdenklicherem Tone aufs Neue; »Sie glauben also, daß Eveline Sie geliebt haben würde, hätte meine Bewerbung nicht die Ihrige durchkreuzt? Sie glauben auch – verzeihen Sie mir, theurer Legard – daß Sie genug Charakterfestigkeit und Bestimmtheit hinsichtlich Ihrer Zwecke erlangen können, wie dieß ein so schönes, junges, unerfahrenes, von tausend Versuchungen umringtes Mädchen in ihrem Führer und Beschützer bedürfen wird?«

»Beurtheilen Sie mich nicht nach dem, was ich war. Ich fühle, daß Eveline noch schlimmere Fehler, als die meinigen, gebessert haben könnte; daß ihre Liebe leichtere und alltäglichere Charaktere zu erheben vermocht hätte. Sie wissen nicht, welche Wunder die Liebe wirkt. Was bleibt mir aber jetzt noch übrig? Was sonst, als die leichtfertigen und ärmlichen Beschäftigungen, welche meine Gedanken zerstreuen und mir Vergessenheit bringen können? Aber verzeihen Sie mir, ich besitze kein Recht Ihnen in dieser Weise meine Gefühle aufzudrängen.«

»Lassen Sie den Muth nicht sinken, Legard,« sagte Maltravers freundlich; »vielleicht ist Ihnen ein besseres Glück vorbehalten, als Sie glauben. Jetzt kann ich Ihnen nicht mehr sagen. Wollen Sie noch einige Tage in Dover bleiben? Innerhalb einer Woche werden Sie von mir hören. Ich will keine Hoffnungen erwecken, die ich vielleicht nicht verwirklichen kann. Jedoch ist es, wie Sie glauben – nun, auf mich wird wirklich wenig ankommen; blicken Sie mich nicht so forschend an,« fügte Maltravers mit einem schwermüthigen Lächeln hinzu; »lassen Sie uns jetzt über diesen Gegenstand nichts mehr reden, Also Sie bleiben in Dover?«

»Ja, aber –«

»Kein Aber, Legard; die Sache ist abgemacht.«

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