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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Sechstes Kapitel.

»Auch zwei holde Damen erfreuen
meinen einsamen Pfad.«

     Thomson.

 

Nach dem Essen war es noch hell genug für die jungen Leute, um durch den Garten zu streifen, Frau Merton fürchtete die Abendfeuchtigkeit und blieb deßhalb im Hause. Sie war so ruhig und fand sich so behaglich, daß Lady Vargrave, wie Frau Leslie gesagt hatte, nicht im Geringsten durch sie gestört wurde; außerdem sprach sie von Eveline, und dieser Stoff war Lady Vargrave der angenehmste, welche Eveline eben so liebte, als sie stolz auf dieselbe war.

»Das ist wahrlich sehr hübsch, die Ansicht des Meeres ist reizend,« sagte Caroline; »zeichnen Sie?«

»Ja, ein wenig.«

»Nach der Natur?«

»Ja.«

»In chinesischer Tusche?«

»Ja, und in Wasserfarben.«

»Wie? Wer kann Sie dieß in diesem kleinen Dorf, oder vielmehr in dieser Grafschaft gelehrt haben, die noch den ersten Stand der Menschen zu zeigen scheint?«

»Wir zogen nicht nach Brook-Green, bevor ich beinahe 15 Jahre alt war. Meine theure Mutter wollte zwar unsere Villa in Fulham verlassen, zog aber wegen meiner nicht fort, so lange noch Lehrer mir von Nutzen sein konnten. Da ich wußte, daß hier dieser Ort ihr angenehm war, habe ich mich doppelt angestrengt.«

»So kannte sie also diesen Ort zuvor?«

»Ja, sie war hier vor vielen Jahren gewesen und kaufte das Landgut nach dem Tode meines armen Vaters (ich nenne immer den verstorbenen Lord Vargrave meinen Vater). Sie pflegte einmal jährlich regelmäßig ohne mich hieherzukommen und wenn sie zurückkehrte, dachte ich immer, sie sei noch einmal so schwermüthig als vorher.«

»Worin besteht der Zauber dieses Orts für Lady Vargrave?« fragte Caroline mit einigem Interesse.

»Ich weiß nicht; wenn er nicht in der großen Stille oder in einer Ideenverbindung von Jugendereignissen besteht.«

»Wer ist Ihr nächster Nachbar?«

»Herr Aubrey, der Pfarrer. Unglücklicherweise ist er auf kurze Zeit verreist. Sie können sich nicht vorstellen, wie gütig und angenehm er ist, der liebenswürdigste alte Mann in der Welt; gerade so wie ihn Bernhardin de Saint Pierre hätte beschreiben mögen.«

»Sicherlich angenehm, aber langweilig, wie gute Pfarrer gewöhnlich sind.«

»Langweilig? Nicht im geringsten; heiter sogar bis zum Muthwillen und doch sehr gelehrt. Er ist hinsichtlich der Bücher sehr freundlich gegen mich gewesen; ich habe viel von ihm gelernt.«

»Gewiß ist er ein bewunderungswürdiger Kritiker über Predigten.«

»Herr Aubrey ist nicht streng,« sagte Eveline mit Ernst; »er liebt zum Beispiel sehr die italienische Literatur; wir haben den Dante zusammen gelesen.«

»O Schade, daß er alt ist – Sie sagten doch, er sei alt. Vielleicht hat er einen Sohn, das Bild seines Ahnen?«

»O nein,« sagte Eveline unschuldig lachend; »Herr Aubrey war nie verheirathet.«

»Wo wohnt der alte Herr?«

»Gehen Sie etwas auf diesem Wege, dort können Sie das Dach seines Hauses, dicht bei der Kirche, sehen.«

»Ich sehe es, es ist tant soit peu triste, die Kirche so in der Nähe zu sehen.«

»Meinen Sie? Sie haben sie nicht gesehen; es ist die hübscheste Kirche der Grafschaft; und der kleine Kirchhof so ruhig, so eingeschlossen; ich fühle mich gebessert, so oft ich über ihn schreite. Einige Orte hauchen gleichsam Religion.«

»Sie sind poetisch, meine kleine Freundin.«

Eveline, welche Poesie in ihrer Natur besaß, so daß dieselbe bisweilen in ihrer einfachen Sprache hervorbrach, erröthete und schämte sich beinahe. »Meine Mutter liebt diesen Spaziergang,« sagte Eveline, um sich zu entschuldigen; »sie bringt dort oft Stunden lang allein zu; so glaube ich denn auch, der Ort sei hübscher wie andere. Es scheint kein Dunkel auf ihm zu ruhen; wenn ich sterbe, möchte ich hier begraben werden.«

Caroline lachte leicht hin. »Der Wunsch ist sonderbar, vielleicht sind Sie in der Liebe getäuscht worden?«

»Ich? Sie spotten über mich!«

»Sie erinnern sich nicht Herrn Camerons, Ihres würdigen Vaters, wie ich glaube?«

»Nein, ich glaube er starb, ehe ich geboren wurde.«

»Cameron ist ein schottischer Name, zu welchem Stamm der Camerons gehören Sie?«

»Ich weiß nicht,« sagte Eveline etwas verlegen; »ich weiß wirklich nichts von der Familie meines Vaters oder meiner Mutter. Sonderbarerweise haben wir auch, wie ich glaube, keine Verwandten. Wenn ich großjährig bin, werde ich den Namen Templeton annehmen.«

»So, der Name geht mit dem Vermögen, ich verstehe. Theure Eveline, wie reich werden Sie sein; ich möchte so reich sein!«

»Und ich möchte arm sein,« sagte Eveline mit verändertem Tone und verändertem Ausdruck der Gesichtszüge.

»Sonderbares Mädchen, was wollen Sie damit sagen?«

Eveline gab keine Antwort, und Caroline durchforschte sie mit neugierigen Blicken.

»Dergleichen Begriffe finden sich allein bei Lebendigen, die so allein und abgeschieden von aller Welt leben. Theure Eveline, wie werden Sie sich sehnen, mehr vom Leben zu sehen.«

»Nicht im geringsten, ich möchte diesen Ort gar nicht verlassen, ich möchte hier leben und sterben.«

»Sie werden andere Gedanken hegen, wenn Sie erst Lady Vargrave sind – warum sehen Sie so ernst aus, können Sie Lord Vargrave nicht leiden?«

»Welch eine Frage,« sagte Eveline, indem sie ihren Kopf fortwandte und sich zum Lachen zwang.

»Es ist einerlei, ob Sie ihn lieben oder nicht; er befindet sich in glänzender Stellung; er besitzt Rang, Ruf und hohes Amt; er braucht nichts wie Geld, und das werden Sie ihm geben. Ich Arme! Ich habe keine so glänzenden Aussichten. Ich habe kein Vermögen und ich besorge, mein Gesicht wird mir nie einen Titel, eine Opernloge und ein Haus in Grosvenor-Square verschaffen. Ich möchte die zukünftige Lady Vargrave sein.«

»Ich möchte es Ihnen wünschen,« sagte Eveline mit großer Naivetät; »Sie würden für Lord Vargrave besser wie ich passen.«

Caroline lachte.

»Weßhalb glauben Sie dieß?«

»Seine Weise zu denken gleicht der Ihrigen; er sagt niemals ein Wort, womit ich sympathisiren kann.«

»Ein hübsches Compliment für mich! Verlassen Sie sich darauf, meine Theure, Sie werden mit mir sympathisiren, wenn Sie eben so viel von der großen Welt gesehen haben. Ist aber Lord Vargrave nicht zu alt?«

»Ich habe an sein Alter nicht gedacht; wirklich sieht er auch jünger aus, wie er ist.«

»In er hübsch?«

»Er ist, was man hübsch nennen kann, Sie würden wenigstens der Meinung sein.«

»Gut, wenn er hieher kommt, will ich mein Möglichstes thun, Lord Vargrave Ihnen abwendig zu machen; deßhalb seien Sie auf Ihrer Hut.«

»In dem Fall würde ich Ihnen dankbar sein, ich würde ihn sehr gern haben, wenn er sich in Sie verlieben sollte.«

»Ich besorge, dazu ist keine Aussicht vorhanden.«

»Wie kömmt es aber,« fragte Eveline etwas stockend nach einer Pause, »daß Sie mehr von der Welt gesehen haben als ich.«

»Mein Onkel, Sir John Merton, ist Parlamentsglied »Parlamentsmitglied«. Anm.d.Hrsg. für die Grafschaft, meine Großmutter von väterlicher Seite – Lady Elisabeth, die Drekony-Castle besitzt, das sie so eben verlassen hat, um ihren Wittwensitz zu beziehen – geht fast in jeder Saison nach London, und ich habe drei bei ihr zugebracht. Sie ist eine liebenswürdige alte Frau – durchaus die grande Dame. Es thut mir leid, daß sie dieß Jahr in Cornwall bleibt; sie ist kränk lich gewesen; die Aerzte verbieten ihr das späte Aufbleiben in London; aber auch auf dem Lande leben wir sehr munter. Mein Onkel wohnt in der Nähe, und obgleich er Wittwer, hat er sein Haus immer voll Gäste, sobald er sich in Merton-Park befindet; auch der Papa ist reich, sehr gastfrei und beliebt; ich hoffe, er wird einst Bischof werden und nicht ein bloßer Landpfarrer bleiben. So habe ich in der einen oder andern Weise ehrgeizig zu sein gelernt; meine Familie von väterlicher Seite besitzt Ehrgeiz. Aber ach! ich habe keine Karten wie Sie. Jung, schön und eine Erbin! Welche Aussichten! Sie sollten Ihre Mutter veranlassen, Sie mit nach London zu nehmen.«

»Nach London! Meine Mutter würde schon bei dem Gedanken unglücklich; Sie kennen uns nicht.«

»Ich kann den Gedanken nicht vermeiden, Miß Eveline« sagte Caroline mit schlauem Lächeln, »daß Sie hinsichtlich der Vorzüge Vargrave's nicht so blind, und hinsichtlich Londons nicht allein wegen der niedlichen Denkungsweise so gleichgültig sind, die Sie so artig und unschuldig aussprechen. Wird die Wahrheit bekannt, so ist sicherlich hier neben dem alten Pfarrer auch ein hübscher junger, welcher die Flöte spielt und in weißen Glacehandschuhen sentimentale Predigten hält.«

Eveline lachte so munter, daß Carolinens Argwohn verschwand. Beide setzten ihren Spaziergang und ihr Gespräch fort, bis die Nacht einbrach, und sie in's Haus gingen; Eveline zeigte hierauf Carolinen ihre Zeichnungen, welche die junge Dame, die ein vortreffliches Urtheil hinsichtlich der Ausführung besaß, in Erstaunen setzten. Evelinens Spiel auf dem Pianoforte setzte sie noch mehr in Erstaunen; aber Caroline tröstete sich in dieser Hinsicht, denn ihre Stimme war kräftiger und sie sang französische Lieder mit weit größerem Ausdruck. Caroline zeigte Talent in Allem, was sie unternahm, aber Eveline besaß ungeachtet ihrer Einfalt einen höheren Geist, obgleich sich dieser kaum noch entwickelt hatte; sie besaß schnelle Auffassung, Gefühl, Empfänglichkeit und Einbildungskraft. Der Unterschied zwischen Talent und Genie liegt eher im Herzen wie im Kopfe.

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