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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Fünftes Kapitel

Noch einmal, o ihr Lorbeeren, seid gegrüßt,
Noch einmal auch ihr Myrten.

      Milton.

 

Während Maltravers durch die Enthüllungen des Pfarrers noch bewegt und aufgeregt war, vor dem er sich natürlich als die Person des geheimnißvollen Butler enthüllt hatte, wandte Aubrey seine Augen zum Fenster und sah die Gestalt der Lady Vargrave, welche langsam auf das Haus zukam.

»Wollen Sie sich,« sagte er, »in das innere Zimmer entfernen; sie kömmt. Sie sind noch nicht vorbereitet, ihr zu begegnen! Wäre es wohl auch gut?«

»Ja, ich bin vorbereitet, wir müssen allein sein. Ich will sie hier erwarten.«

»Aber …«

»Nein, ich flehe Sie an!«

Der Pfarrer, ohne ein Wort zu sagen, entfernte sich ins innere Zimmer, und Maltravers erwartete, in den Lehnstuhl sinkend, athemlos, den Eintritt der Lady Vargrave. Er vernahm den leichten Schritt vor dem Hause; die Thür, welche von außen auf das altmodische Besuchzimmer ging, ward leise geöffnet und Lady Vargrave war im Zimmer. Bei der Stellung, die Ernst eingenommen hatte, konnte Alice nur den Umriß von der Gestalt Ernsts sehen; das Tageslicht fiel nur schwach durch das Fenster. Als Lady Vargrave in dem gewöhnlich gebrauchten Lehnstuhl des Pfarrers Jemand sitzen sah, mußte sie glauben, es sei Aubrey.

»Lassen Sie sich durch mich nicht stören,« sprach die sanfte, leise Stimme, deren Musik so viele Jahre lang für Maltravers stumm gewesen war; »ich habe einen Brief aus Frankreich von einer Fremden erhalten; er setzt mich so sehr in Unruhe – wegen Evelinens.«

Dann nahm Lady Vargrave, als beabsichtige sie einen längeren Besuch, wie gewöhnlich ihren Hut ab und legte denselben auf den Tisch. Ueberrascht, daß der Pfarrer nicht antwortete und nicht vortrat, um sie zu bewillkommen, kam sie näher. Maltravers erhob sich, und Beide standen einander gegenüber. Wie lieblich war noch Alice! Lieblicher sogar, als er sie noch im Gedächtniß hatte! Diese so göttlichblauen, so taubengleichen und sanften Augen, mit geistigem und unergründlichem Geheimniß in ihrer hellen Tiefe, waren wieder auf ihn geheftet. Alice schien in Stein verwandelt; sie bewegte sich nicht, sie redete nicht, sie athmete kaum; sie blickte gleichsam durch Zauber gefesselt, als ob ihre Sinne, als ob das Leben selbst sie verlassen habe.

»Alice,« murmelte Maltravers, »endlich sehen wir uns wieder.«

Seine Stimme gab Gedächtniß, Bewußtsein und Jugend ihr plötzlich zurück; sie stieß einen lauten Schrei unaussprechlicher Freude und des Entzückens aus; sie sprang auf ihn zu; Zurückhaltung, Furcht, Zeit, Wechsel – Alles war vergessen; sie warf sich in seine Arme und drückte ihn wieder und immer wieder an ihr Herz. Der treue Hund, welcher seinen Herrn wiederfindet, drückt seine Entzückung nicht ungezähmter und wilder aus. In dem Uebermaße ihres Entzückens lag etwas Furchtbares; sie küßte seine Hände und seine Kleider; zuletzt, als sie Worte fand, legte sie ihr Haupt an seine Brust und sagte leidenschaftlich:

»Ich bin dir treu gewesen! Ich bin dir treu gewesen! Sonst würde mich diese Stunde getödtet haben.«

Dann blickte sie ihm ins Gesicht, als sei sie durch sein Schweigen erschreckt; als seine brennenden Thränen ihr auf die Wangen rollten, wiederholte sie mit heftiger Eile:

»Ich bin treu geblieben – glauben Sie mir nicht?«

»Ich glaube Ihnen, edle, unvergleichliche Alice! Warum waren Sie mir so lange verloren? Warum beschämt Ihre Liebe meine eigene!«

Bei diesen Worten schien Alice aus ihrer ersten Vergessenheit Alles dessen, was seit ihrer Trennung sich ereignet hatte, zu erwachen. Sie erröthete und wand sich sanft und verschämt aus seiner Umarmung.

»Ach« sagte sie in veränderten und gedemüthigten Tönen »Sie liebten eine Andere! Vielleicht haben Sie keine Liebe für mich übrig! Ist dieß der Fall? Nein, nein, diese Augen sagen mir; daß Sie mich noch lieben!«

Sie umarmte ihn wieder, als sei der Glaube an ihn ihr Himmel und ein Zweifel ihr Tod. Als dann zog sie ihn mit beiden Händen sanft zum Lichte und blickte ihn zärtlich und stolz an, als wolle sie Zug für Zug das Antlitz untersuchen, welches ihren sanften Gedanken gleichsam dasselbe gewesen war, was Sonnenlicht den Blumen – »verändert,« murmelte sie vor sich hin, »aber stets derselbe; stets schön und göttlich!« Sie hielt an, ein plötzlicher Gedanke kam ihr durch den Sinn; seine Kleider waren abgetragen und durch die Reise beschmutzt; und jenes stolze Haupt, gesunken und niedergedrückt, ragte nicht länger mit stolzem Trotze über die übrigen Söhne der Menschen empor. »Sie sind nicht reich!« rief sie eifrig; »sagen Sie, daß Sie nicht reich sind; ich bin für Beide reich genug; all mein Eigenthum ist das Ihrige – ich habe Sie wegen des Reichthums nicht verrathen; es ist keine Schande damit verbunden. Wir werden glücklich sein. Du bist zu deiner armen Alice zurückgekehrt! Du wußtest, wie sie dich liebte.«

In Alicens Wesen, ihrer wilden Freude, lag Etwas, was von ihrem gewöhnlichen Wesen so verschieden war, daß Niemand, welcher sie als ruhig, nachdenklich und unterwürfig gesehen hatte, in ihr dasselbe Wesen erkannt haben würde. Alles, was die Gesellschaft und deren Wesen sie gelehrt hatten, war entschwunden, und die Natur nahm noch einmal ihr schönstes Kind in Anspruch.

Sogar die Jahre schienen von ihrer Stirn zu entschwinden; und sie schien kaum älter als zu jener Zeit, wo sie mit ihrem Geliebten beim Mondlicht an den Veilchenbeeten stand. Plötzlich schwand ihre Farbe und das Lächeln ihrer von Grübchen umringten Lippen; ein trauriger und feierlicher Anblick folgte auf den Ausdruck leidenschaftlicher Freude.

»Komm« sagte sie flüsternd; »komm und folge mir;« indem sie seine Hände umschloß, zog sie ihn zur Thür hin. Schweigend und erstaunt folgte er ihr über den Rasenplatz durch das moosbewachsene Thor auf den einsamen Kirchhof; mit geräuschlosem, dahingleitendem Schritt eilte sie so blaß, still und athemlos dahin, daß man sogar um Mittag sich beinah hätte einbilden können, die schöne Gestalt gehöre der Erde nicht an. Sie stand still, wo der Eibenbaum seinen düsteren Schatten warf; der kleine, von den übrigen getrennte Grabhügel ohne Grabstein befand sich vor ihnen. Sie zeigte auf denselben, fiel auf ihre Knie und murmelte: »Still, dort schläft dein Kind!« Sie bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen, und ihre Gestalt zitierte krampfhaft.

Neben ihr und vor dem Grabe kniete Maltravers. Dort verschwand, auch der letzte Rest seines stoischen Stolzes; dort vergaß er selbst Eveline; dort erflehte er vom Himmel Verzeihung für sich selbst und Segnung für die, welche er verführt hatte. Dort schwur er feierlich, die ihm noch bleibenden Jahre dem Schutze der treuen und kinderlosen Mutter zu weihen.

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