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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Siebentes Kapitel.

Königin. Wo schauen Sie hin?
Hamlet. Auf ihn – sehen Sie, wie blaß
   er starrt.

      Shakespeare.

 

Vielleicht glichen die wenigen Minuten allen Kummer und alle Sorgen früherer Jahre bei Maltravers aus, als Beide langsam neben einander wandelten; Charaktere, wie der seine, empfinden Freude weit lebhafter wie Kummer. Vielleicht drückte seine Entzückung, die Aufregung leidenschaftlicher und froher Gedanken, die er aussprach, als er zuletzt Worte fand, solche Gefühle aus, wie sie die junge Eveline nicht begreifen konnte, und welche sie über die neue von ihr eingegangene Verantwortlichkeit weniger entzückten wie erschreckten. Allein eine so ehrliche, großmüthige und heftige Liebe blendete, verwirrte und riß ihre ganze Seele fort. Gewiß empfand sie in jener Stunde keinen Kummer und hegte keinen andern Gedanken, als daß ein Mann, in welchem sie schon lang etwas Edleres, als man es gewöhnlich findet, erkannt hatte, durch ein Wort und einen Blick von ihr beglückt wurde! Ein solcher Gedanke ist der kostbarste Sieg des Weibes! Ein so durchaus uneigennütziges, nachgiebiges und sanftes Mädchen konnte bei der von ihr erweckten Entzückung nicht unempfindlich bleiben

»Ach!« sagte Maltravers, als er wieder und wieder die Hand drückte, die er für immer gewonnen zu haben glaubte, »jetzt wenigstens habe ich erkannt, wie schön das Leben ist! Dafür bin ich aufbewahrt worden, und die wachende Welt ist glänzender als alle meine Träume!«

Er schwieg plötzlich. In dem Augenblick standen sie wieder auf der Terrasse, wo er sich Teresa zuerst angeschlossen hatte, und blickten auf den Wald, welcher durch ein schwaches und niedriges Mahlwerk von dem Orte, wo sie standen, getrennt war. Maltravers schwieg plötzlich, denn seine Blicke begegneten einer furchtbaren und unheilvollen Gestalt, welche in sein früheres Schicksal und seine frühere Pein verflochten war. Die Gestalt stand auf einem Haufen Brennholz auf der anderen Seite des Zaunes und schien von dort beinahe riesenhaft groß. Sie blickte auf das Paar mit Augen von beinahe übernatürlichem Glanz, und eine Stimme, welche Maltravers nur zu wohl kannte, kreischte laut: »Liebe! was, du liebst wieder? Wo sind die Todten? Ha, ha! Wo sind die Todten?«

Eveline fuhr auf bei den Worten, sah die Gestalt und klammerte sich in sprachlosem Entsetzen an Maltravers. Dieser stand an dem Ort wie festgewurzelt.

»Unglücklicher Mann,« sagte er zuletzt besänftigend, »wie kamen Sie hierher? Fliehen Sie nicht, Sie sind bei Freunden.«

»Bei Freunden,« rief der Verrückte mit höhnischem Lachen; »ich kenne dich, Ernst Maltravers, ich kenne dich; du aber hast mich nicht in Dunkelheit und Hölle, zu höhnenden Teufeln eingeschlossen! Freunde! Keine Freunde sollen jetzt mich fangen! Ich bin frei! Luft und Woge sind nicht freier!« Der Verrückte lachte mit furchtbarer Lust. »Sie ist schön!« fuhr er fort, indem er plötzlich seine Wuth hemmte, mit veränderter Stimme; »aber nicht so schön, wie die Todte. Treuloser! Sie liebte dich! Wehe dir, Maltravers, Treuloser! Wehe über dich Reue und Schande!«

»Fürchten Sie sich nicht, Eveline,« flüsterte Maltravers sanft., indem er vortrat; »bleiben Sie muthig. Niemand soll Sie kränken.« Eveline, obgleich sehr blaß und von Kopf bis zu Fuß zitternd, blieb bei Besinnung.

Maltravers ging auf den Verrückten zu, sobald aber der schnelle Blick desselben die Bewegung bemerkt hatte, wandte er sich mit der Besorgniß, welche jener furchtbaren Krankheit eigen ist – der Besorgniß, die Freiheit zu verlieren mit lautem Geheul zum Walde und entfloh. Maltravers sprang über den Zaun und verfolgte ihn einige Zeit lang vergeblich; das dichte Buschholz des Waldes entzog bald jede Spur des Flüchtlings seinen Blicken.

Athemlos und erschöpft kehrte Maltravers zum Orte zurück, wo er Eveline verlassen hatte, er erreichte denselben und sah, wie Teresa mit ihrem Gemahl demselben näher kamen. Teresa's heiteres Lachen schallte hell und musikalisch durch die scharfe Luft; der Schall erweckte des Maltravers Bestürzung, er eilte zu Eveline mit den Worten: »Ich bitte, sagen Sie Madame de Montaigne nichts von dem, was wir sahen, ich will Ihnen nachher den Grund sagen.«

Eveline, zu sehr bestürzt, um ein Wort hervorbringen zu können, nickte ihre Bejahung; sie schlossen sich den de Montaigne's an, und Maltravers nahm den Franzosen bei Seite. Bevor er ihm aber ein Wort sagen konnte, redete ihn dieser an: »Still, erschrecken Sie nicht meine Frau, sie weiß nichts; ich aber habe soeben in Paris gehört, daß er entwischt ist. Sie wissen, wen ich meine.«

»Ja, er ist hier in der Nähe, schicken Sie Leute fort, um nach ihm zu suchen; ich habe ihn gesehen; noch einmal habe ich Castruccio Cesarini gesehen.«

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