Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Bulwer-Lytton >

Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 68
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel

Es schien der keusche Lorbeer und die Eiche
Und alle Bäume die so schön belaubt.
Es schien das Land, des Himmels Bogen
Sie alle hauchten Phantasie und Liebe.

      Fairfar's Tasso.

 

Eveline bemerkte in de Montaigne's Villa zum erstenmal aus den Blicken und dem Benehmen von Maltravers, daß sie von ihm geliebt wurde. Es war ihr nicht länger möglich, über seine Liebe im Unklaren zu sein. Früher hatte er den Vortheil seiner Jahre und seiner Erfahrung geltend gemacht; er pflegte zu warnen, zu ermahnen, zu streiten und sogar zu tadeln; früher hatte sich so viel scheinbarer Eigensinn, kalte Zurückhaltung, plötzlicher und mürrischer Stolz in seinem Wesen gezeigt; jetzt aber wurde der ganze Mann verändert; der Mentor war im Liebhaber aufgegangen. Er lebte von ihrem Hauche. Ihr geringster Wunsch schien ihm zum Gesetz geworden zu sein; keine Kälte veränderte jemals die tiefe Hingebung seines Wesens; seine ängstliche, blöde »scheue«. Anm.d.Hrsg und wachsame Sanftmuth ersetzte all seine stattliche Selbstbeherrschung. Eveline sah, daß sie geliebt wurde; dann blickte sie auch in ihr eigen Herz.

Früher habe ich in diesem Werke gesagt, Eveline sei sanft gewesen, so sanft, daß sie beinahe hingebend war; ihre Empfänglichkeit ließ sie vor dem Gedanken schaudern, daß sie Kummer einem Andern erweckte; sie verehrte Maltravers so durchaus und empfand so viel Dank für eine Liebe, welche ihrem Stolz schmeicheln und sie in ihrer Selbstachtung erheben mußte, daß sie die Zurückweisung seiner Bewerbung für eine Unmöglichkeit hielt.

»Liebe ich ihn, wie ich ihn lieben sollte?« fragte sie sich selbst, und ihr Herz gab keine verständliche Antwort. »Ja, es muß der Fall sein. In seiner Gegenwart empfinde ich solch ruhigen, solch beredten Zauber; sein Lob entzückt mich, seine Achtung ist mein höchster Ehrgeiz, und dennoch –« sie seufzte und dachte an Legard; »aber der liebte mich nicht!« Sie wandte sich ruhelos von dem Bilde hinweg, »er denkt nur an die Welt und an Vergnügen; Maltravers hat Recht. Die verzogenen Kinder der Gesellschaft können nicht lieben – weßhalb sollte ich an ihn denken?« Sie dachte aber doch an ihn und der Gedanke trübte ihre Augen und minderte ihre Heiterkeit.

Auf dem Landhause befanden sich keine anderen Gäste, als Maltravers, Eveline, Lord und Lady Doltimore. Eveline ward durch die anmuthige Lebhaftigkeit Theresens sehr eingenommen, obgleich dieselbe nicht mehr so groß war, als vor dem Unglück ihres Bruders; die Kinder, welche jetzt aufgewachsen waren, bildeten eine liebenswürdige und gebildete Familie; de Montaigne selbst war angenehm und einnehmend; Eveline horchte nachdenklich auf das Lob der Teresa über ihren Gatten, ungeachtet seines nüchternen Wesens und seiner Vorliebe für philosophisches Gespräch; sie horchte gern auf deren Bericht über das Glück ihrer Ehe, ungeachtet der Ungleichheit der Jahre; Eveline begann die Wahrheit ihrer frühesten Vision der Romantik in Frage zu stellen.

Caroline betrachtete die unzweideutige Anhängigkeit des Maltravers mit derselben Gleichgültigkeit, womit sie die Bewerbung Legards früher angesehen hatte; es galt ihr gleich, welche Hand Eveline und sie selbst von den Plänen Vargrave's befreite; Vargrave aber nahm beinahe alle ihre Gedanken in Anspruch. Die Zeitungen hatten seine Krankheit, einmal sogar seine Lebensgefahr berichtet. Er befand sich jetzt auf dem Wege der Besserung, konnte aber sein Zimmer noch nicht verlassen; er hoffte, bald in Paris zu sein, und ließ sein offenbares Vergnügen bei einer Bemerkung durchblicken, daß er in der Morning-Post gelesen habe, Legard sei nach Wien abgereist. Jedoch er war entfernt, allein und schlecht gewartet. Obgleich Carolinens schuldige Liebe durch Vargrave's eisige Selbstsucht, durch Abwesenheit und Selbstvorwürfe sehr vermindert war, so hegte sie das Herz eines Weibes, und Vargrave war der einzige Mann, der es jemals gerührt hatte. Sie fühlte für ihn und grämte sich schweigend; sie wagte nicht, ihr Mitgefühl laut zu äußern, denn Doltimore hatte schon Beweise einer argwöhnischen und eifersüchtigen Stimmung gegeben.

Auch Eveline ward durch den Bericht von der Krankheit ihres Vormundes gerührt. Wie ich früher sagte, war ihre kindliche Neigung zurückgekehrt, sobald er aufhörte, ihr Liebhaber zu sein. Sie erlaubte sich sogar, an ihn zu schreiben, und ein Ton schwermüthiger Entmuthigung, welcher seine Antwort durchdrang, erweckte bei ihr eine Art Selbstvorwurf. Er berichtete ihr in jenem Briefe, daß er ihr über den Ankauf eines Gutes, den Wünschen ihres Stiefvaters gemäß, viel zu sagen habe; er werde deßhalb nach Paris eilen, sogar bevor der Arzt es ihm erlaube. Vargrave überging die Erwähnung, von welcher Art das anzukaufende Gut war. Die letzten Berichte in den Zeitungen über des Ministers Gesundheit waren aber so günstig gewesen, daß man seine Ankunft täglich erwartete; sowohl Caroline wie Eveline fühlten sich erleichtert.

Maltravers vertraute de Montaigne seine Liebe, und sowohl der Franzose wie Teresa billigten und ermuthigten dieselbe. Eveline entzückte Beide, denn sie hatten dasjenige Alter überschritten, worin sie es sich als möglich hätten denken können, daß der Mann, den sie einst beinahe noch als Knaben kannten, durch die Jahre vom lebhaften Gefühl und von der Jugend der Eveline getrennt sei. Sie konnten nicht glauben, daß die von ihm erweckten Gefühle, kälter wie jene, die ihn beseelten, sein würden.

Eines Tages war Maltravers auf einem einsamen Spaziergange mehrere Stunden entfernt gewesen und de Montaigne von Paris noch nicht zurückgekehrt, das er beinahe täglich besuchte. Es war schon spät und der Abend nahe, als Maltravers bei seiner Rückkehr in den Garten durch ein Thor trat, welches vor einem ausgedehnten Wege lag. Er sah Eveline. Teresa und zwei ihrer Kinder, die auf einer Art Terrasse, beinahe dicht vor ihm, spazieren gingen. Er schloß sich ihnen an; auf die eine oder andere Weise traf es sich bald, daß Teresa und er selbst hinter den Uebrigen etwas zurückblieben, so daß diese sie nicht vernehmen konnten.

»Ah, Herr Maltravers,« sagte die erstere, »wir vermissen den sanften Himmel Italiens und die schönen Färbungen von Como.«

»Was mich betrifft, so vermisse ich die Jugend, welche dem Grase Schönheit und der Blume Glanz ertheilt.«

»Nein, wir sind glücklicher, glauben Sie mir das, oder ich wenigstens würde es sein, wenn – ich darf aber nicht an meinen armen Bruder denken – ach, wenn seine Schuld Sie einer Geliebten beraubte, welche Ihnen werth war, so wird auch seine Schwester in dem Gedanken Trost finden, daß dieser Verlust zuletzt ausgeglichen wird. Haben Sie noch stets Bedenklichkeiten?«

»Jeder hat dergleichen, welcher aufrichtig liebt. Wie jung ist sie, wie liebenswürdig und leichterer Herzen, sowie schönerer Formen als der meinigen werth! Geben Sie mir die Jahre zurück, welche seit unserem Aufenthalt in Como vorüber sind; alsdann darf ich hoffen.«

»Und dieß sagen Sie mir, die ich ein solches Glück mit einem älteren Manne genossen habe, welcher bei unserer Verheirathung zehn Jahre älter wie Sie war.«

»Aber Sie, Teresa, sind von solchem Charakter, daß Sie das Leben nur in dem heitersten Lichte betrachten.«

»Sie ärgern mich durch dergleichen Einfälle; Sie wenden sich vor meinem Glücke hinweg, dessen Besitz Sie allein zu fordern brauchen.«

»Erwecken Sie mir keine zu hohe Hoffnungen,« rief Maltravers in großer Aufregung aus; »ich habe den ganzen Tag hindurch mir Lehren gegeben. Wenn ich betrogen würde!«

»Glauben Sie mir, das werden Sie nicht; sehen Sie doch, wie sie sich umwendet, um nach Ihnen zu sehen. Eveline liebt Sie, wie Sie es verdienen. Diese Verschiedenheit der Jahre, welche Sie so sehr beklagen, wirkt nur darauf hin, daß ihre Anhänglichkeit tiefer und stärker wird.«

Maltravers schwieg und Teresa wandte sich zu ihm, über sein Schweigen erstaunt. Wie heiter weilte sein Herz in seinen Blicken! keine Wolke lag auf seiner Stirn; kein Zweifel mehr schien in seinen funkelnden Augen. Er war ein Mensch und überließ sich dem Entzücken, daß er sich für geliebt hielt. Er drückte Teresa's Hand mit Schweigen, verließ sie plötzlich und schloß sich Evelinen an. Frau von Montaigne begriff Alles, was in ihm vorging; als sie folgte, gelang es ihr bald, ihre Kinder von Eveline zu entfernen; sie kehrte mit denselben unter dem geflüsterten Vorwande, nachzusehen, ob de Montaigne angekommen sei, zum Hause zurück. Eveline und Maltravers setzten den Spaziergang fort, indem sie zuerst nicht bemerkten, daß die Uebrigen der Gesellschaft etwas weiter entfernt waren.

Die Sonne war untergegangen; sie befanden sich jetzt in demjenigen Theile des Gartens, welcher im Gegensatz zu dem übrigen in englischer Weise angelegt war. Der Spaziergang wand sich schlangengleich unter immergrünen, unregelmäßig gepflanzten Gewächsen. Die Aussicht war abgeschlossen, mit Ausnahme einer Oeffnung in den Bäumen, durch welche man in der Entfernung den Thurm einer Kirche erblickte, über welchem schwach und schön der Abendstern lächelte.

»Dieß erinnert mich an die Heimath,« sagte Eveline sanft.

»Und später wird es mich an Sie erinnern,« sagte Maltravers mit flüsternden Tönen. Während er dieß sagte, heftete er auf sie seine Augen. Niemals war sein Blick so aufrichtig gegen sein Herz gewesen; noch nie hatte seine Stimme so unverhüllt das tiefe und leidenschaftliche Gefühl ausgesprochen, welches in ihm entsprungen war, um, wie er damals glaubte, entweder sein letztes Glück oder den äußersten Schmerz seines Lebens zu bilden. In dem Augenblick verkündete ihm eine Art Instinkt, daß sie allein waren; wer hat nämlich nicht in den wenigen und merkwürdigen Stunden des Lebens, wenn die lang unterdrückte Liebe die Quelle überströmt und den ganzen Leib und Geist zu durchdringen scheint, ein eigenthümliches Gefühl gehegt, daß ein Zauber um uns und in uns eine schärfere Auffassung besitzt wie das Geistesvermögen selbst? Sind wir in solcher Stunde mit Derjenigen, die wir lieben, allein, so scheint die übrige Welt zu verschwinden – unsere Füße scheinen den Boden des Feenlandes zu betreten, unsere Lippen dessen Luft zu athmen.

Sie waren allein. Weßhalb zitterte Eveline? Woher empfand sie, daß eine Krise ihres Daseins nahe sei?

»Miß Cameron – Eveline,« sagte Maltravers, nachdem sie einige Augenblicke schweigend neben einander hergegangen waren, »hören Sie mich an, und mag alsdann Ihre Vernunft ebenso wie Ihr Herz mir Erwiderung geben. Vom ersten Augenblick an, wo wir uns gesehen, wurden Sie mir theuer. Ja, als Sie noch ein Kind waren, verkündete Ihr sanftes Wesen und Ihr Muth, was Sie einst erwachsen sein würden – auch da schon hinterließen Sie meinem Gedächtniß einen entzückenden und geheimnißvollen Schatten, welcher das Licht vorherverkündete, das Ihr Bild jetzt heiligt und einhüllt! Wir trafen uns wieder, und die Anziehung, welche mich vor Jahren zu Ihnen hinzog, wurde plötzlich erneut. Ich liebe Sie mehr, als ich mit Worten erklären kann! Ihr zukünftiges Schicksal, Ihr Wohl und Ihr Glück enthalten und verkörpern alle Hoffnungen, die mir im Leben geblieben sind! Allein unsere Jahre sind verschieden, Eveline. Ich habe Kummer gekannt; die Täuschung und Erfahrung, welche mich von der gewöhnlichen Welt trennte, hat mir mehr geraubt, wie die Zeit selbst. Jene nahmen mir Empfänglichkeit für das gewöhnliche Spielzeug und das Vergnügen unseres Geschlechtes. Süße Eveline, möge es Ihr Geschick sein, daß Sie dieselbe stets bewahren! Für mich ist die Zeit bereits angebrochen, welche der Prediger als das Loos des Alters vorhersagte, wann Sonne und Mond sich verdunkeln, und wann ich nur in Ihnen und durch Sie Vergnügen empfinde. Urtheilen Sie, ob solch ein Wesen lieben kann! Urtheilen Sie, ob ein solches Geständniß Sie nicht empört und erstarrt, ob es Ihnen nicht eine düstere und freudelose Zukunft darbietet, ob es möglich ist, daß Sie Ihr Loos mit dem meinigen vereinigen können! Antworten Sie mir nicht aus Freundschaft oder Mitleid; die Liebe, welche ich für Sie empfinde, kann allein eine Erwiderung durch Liebe und solches Denken erhalten, welches die Liebe allein in ihrer bleibenden Gewalt, in ihrem gefunden Vertrauen, in ihrer prophetischen Vorsicht gewährt! Ich kann auf Sie ohne Murren verzichten, könnte aber mit Ihnen nicht leben und je denken müssen, daß Sie eine Sorge empfänden, die ich nicht zu besänftigen vermöchte, wenn Sie auch manches Glück fühlen mögen, das ich nicht theilen kann. Das Schicksal bietet mir kein so finsteres und furchtbares Gesicht – nicht Ihr Verlust – Ihre Gleichgiltigkeit – Ihre Abneigung, sondern Ihre Entdeckung, wenn Sie Einbildung oder Freundschaft für Neigung, ein bloßes Gefühl für Liebe gehalten haben würden. Eveline, ich habe Ihnen Alles vertraut, mein ganzes wildes Herz, welches für jetzt und immer Ihr Eigenthum ist. Mein Geschick liegt in Ihrer Hand!«

Eveline schwieg. Maltravers nahm ihre Hand; ihre Thränen fielen heiß und schnell auf dieselbe hinab. Beunruhigt und ängstlich zog er sie zu sich hin und blickte ihr in's Gesicht.

»Sie fürchten mich zu verletzen,« sagte er mit blassen Lippen und zitternder Stimme; »reden Sie, ich kann Alles ertragen.«

»Nein,« sagte Eveline mit stockender Stimme; »das fürchte ich nicht – aber ich verdiene Sie nicht.«

»Sie lieben mich also, Theuerste!« rief Maltravers wild, indem er sie an seine Brust schloß.

Der Mond erhob sich in dem Augenblick; der winterliche Rasen und die dunklen Bäume wurden in dem plötzlichen Lichte gebadet. Die Zeit – das Licht – für Alle so lieblich, sogar für Einsame und Kummervolle – wie göttlich war es in solcher Gesellschaft! – in solchem überfluthenden und unaussprechlichen Ge fühl des Segens! Zum erstenmal drückte Maltravers auf jene bescheidene und erröthende Wange den Kuß der Liebe und Hoffnung als das Siegel einer Verbindung, von der er träumte, sogar das Grab könne dieselbe nicht trennen.

 << Kapitel 67  Kapitel 69 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.