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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Drittes Kapitel.

Ein lieblich Land ……

Der Träume, die vor halbgeschloss'nen
   Augen schweben.
Mit heitren Schlössern, zwischen Wolken
   glänzend

Im klaren sommerlichen Himmel.

      Thomson.

 

Täglich, ja stündlich steigerte sich Evelinens Einfluß auf Maltravers. Welch ein Nichts ist eines Mannes Stolz! Wie thöricht ist seine Weisheit! Ein Mädchen, ein bloßes Kind, welche kaum ihr eigenes Herz, so schön es auch war, kannte, deren tieferes Gefühl in der süßen Knospe kaum sich zu entfalten begann, besiegte diesen stolzen, weisen Mann! Wie du aber, – unser allgemeiner Lehrer, Shakespeare. – uns erklärt hast, als du nach den Winken deiner eigenen Erfahrung sprachst,

Wird Niemand je so fest gefangen
Wie Weise, die zu Thoren werden: Thorheit
In Weisheit ausgebrütet, ja besitzt
Für Weisheit den Verhaftsbefehl.

Mich däucht, Maltravers, daß du jetzt, seitdem du dich einer gefährlichen Leidenschaft hingabst, welche dich den Schwächsten gleich stellte, welche alle deine schöne Philosophie des Stoicismus über den Haufen warf, und dich zum Gärtner des Rosengartens machte, für immer alles Recht zum Stolze, alles Vorrecht, den großen Haufen zu verachten, verloren hast. Du warft aber stolz auf deine Schwäche! Noch schärfer muß die Lehre sein, welche dir zuletzt zeigt, daß der Stolz die Engel für immer zum Falle verurtheilt hat.

Welch ein Irrthum liegt in dem Glauben, daß die Leidenschaften während der Jugend am stärksten sind. Die Leidenschaften sind durchaus nicht stärker, nur die Herrschaft über dieselben ist schwächer. Sie werden leichter erregt, sind heftiger und fallen mehr in die Augen, besitzen aber weniger innere Kraft, weniger Dauerhaftigkeit, weniger scharfe und concentrirte Gewalt, wie im späteren Leben. In der Jugend folgt Leidenschaft auf Leidenschaft; eine bricht über die Andere hin, wie Wogen an einem Felsen, bis das Herz durch Erschöpfung zur Ruhe gelangt. In der Mannheit rinnt die große Fluth ruhiger, aber tiefer; ihre Heiterkeit ist nur der Beweis der Macht und des Schreckens ihres Ausbruches, wenn der Wind bläst und der Sturm sich erhebt.

Eines, jungen Mannes Ehrgeiz ist nur Eitelkeit; er hat kein bestimmtes Ziel und spielt mit tausenderlei Spielzeug. Wie es sich mit einer Leidenschaft verhält, so verhält es sich mit allen. In der Jugend bewegt Liebe stets die Schwingen, hat aber, wie Vögel im April, noch nicht ihr Nest gebaut. Auf der so langen Laufbahn des Sommers und der Hoffnung folgt die Neuheit des Morgen auf die Täuschung des Heute; die Sonne, die sich um Mittag erhebt, trocknet die heißen Thränen. Sind wir aber an jene Zeit des Lebens gelangt, worin das Licht uns entschwindet, worin die letzte Rose verwelkt, so empfinden wir, daß der Verlust nicht wieder ausgeglichen werden kann, daß Frost und Dunkel uns bedroht; dann wird die Liebe zum Schatz, den wir mit der Sorgfalt des Geizhalses überwachen und hegen. Unsere zuletzt geborene Liebe ist unser Liebling und unser Götze, das zarteste Pfand der Vergangenheit, unsere theuerste Hoffnung für die Zukunft. Eine gewisse Schwermuth, die sich mit der Freude beim Besitze mischt, erhöht nur ihren Reiz. Wir empfinden, daß wir für Alles, was kommt, von ihr abhängig sind. Unsere anderen Barken, unsere schönen Luftboote, unsere stattlichen und reichbeladenen Schiffe des Stolzes sind von der grausamen Woge verschlungen worden. Auf dieß letzte Schiff laden wir unser All; diesem gebrechlichen Bau vertrauen wir uns selbst. Der Stern, welcher es leitet, ist unser Leiter, und im Sturm, welcher droht, scheuen wir unsern eigenen Untergang!

Maltravers schrak noch immer vor dem Bekenntniß zurück , welches auf seinen Lippen zitterte, er befolgte noch immer das Verfahren, das er sich vorgeschrieben hatte. Sollte jemals Eveline (wie er dieß in seinem Brief an Cleveland merken ließ) später die Entdeckung machen, daß sie sich nicht für einander eigneten! Die Möglichkeit eines solchen Unglücks machte Eindruck auf sein Urtheil; die Furcht vor demselben erstarrte sein Herz! Bei all seinem Stolz lag in Maltravers eine gewisse Demuth, welche vielleicht eine Ursache seiner Zurückhaltung bildete. Er wußte, welch ein herrlicher Besitz in der Jugend, in ihren sanguinischen Hoffnungen, in ihrem elastischen Geist und ihren unerschöpflichen Hülfsquellen liegt. Was galt dem Auge eines Weibes, was die Mannheit ihm ertheilt hatte – die große, aber theuer erkaufte Erfahrung, die dürre Weisheit, die auf Täuschung der Hoffnungen begründete Philosophie? Liebe zu ihm beruhte vielleicht nur auf dem eitlen Glanz des Namens und des Ruhms, und die Liebe konnte verschwinden, sobald Gewohnheit die Täuschung trübte. Männer von starken Neigungen sind eifersüchtig auf ihren eigenen Genius. Sie wissen, wie derselbe von dem Charakter des häuslichen Lebens durchaus verschieden ist; sie fürchten, daß man sie wegen einer Eigenschaft, nicht wegen ihrer selbst liebt.

Von solcher Art waren seine Selbstgespräche, so erhoben sich neue Befürchtungen, als der Pfad seinen Hoffnungen geebnet war; so erschuf die Liebe, wie es stets der Fall ist, während ihres brennenden, wachen Zustandes

Den Schmerz, die Todespein, den Zweifel!

Maltravers entschloß sich jetzt fest zu der von ihm gefaßten Absicht; er wollte sich selbst und Eveline sorgfältig erforschen, er wollte jeden Strohhalm, den der Wind ihm zuwehte, in die Wagschale legen; er wollte den Schatz nicht erstreben, wenn er nicht zugleich die Sicherheit empfand, daß sein Schrein den Edelstein zu bewahren vermöge. Dies war nicht allein ein kluger, sondern auch ein großmüthiger und gerechter Entschluß. Es war ein solcher, wie wir ihn sämmtlich fassen sollten, wenn die Hitze der Leidenschaften ihn möglich macht. Wir besitzen kein Recht, Jahre für Momente zu opfern, die Perle zu schmelzen, welche nur Werth für einen einzigen Trank besitzt! Kann aber Maltravers bei dieser weisen Vorsicht beharren? Man muß die Wahrheit sagen, es war vielleicht das erstemal im Leben, daß Maltravers sich wirklich verliebt hatte.

Wie der Leser sich erinnern wird, war er in die stolze Florence nicht verliebt gewesen. Bewunderung. Dankbarkeit, die Liebe des Kopfes, nicht die des Gefühles hatte die Kette gebildet, welche ihn an die enthusiastische, mit begabter Schönheit sich offenbarende Correspondentin fesselte; die düsteren mit ihrem Schicksale verknüpften Umstände hatten tiefe Furchen in seinem Gedächtniß zurückgelassen. Zeit und Wechsel hatten die Wunden verwischt und das Licht der Schönheit war ihm noch einmal auf dem Antlitz Evelinens aufgegangen. Valerie von Ventadour war nur die Grille eines herumschwärmenden Herzens gewesen, worin das Bewußtsein noch nicht auf den Antrieb gefolgt war. Alice, die süße Alice! Sie hatte er allerdings in der ersten Blüte der Jugend mit der Romantik eines Knaben geliebt. Er hatte sie tief und zärtlich geliebt, war aber vielleicht nie in sie verliebt gewesen; er hatte ihren Verlust jahrelang betrauert; unmerkbar hatte derselbe seinen Charakter verändert und ein schwermüthiges Dunkel über alle Farben seines Lebens ergossen. Allein Sie, deren Ideenkreis so beschränkt war, die noch nicht ihre Hülle zu irgend einer Art der Erkenntniß, wie die zum Schmetterling werdende Puppe, durchbrochen hatte – wie mußte dies Bauermädchen gegen seine verschwenderisch begabte Natur zurückstehen, welche die breite Ebene des Lebens betrat. Beide hatten nichts gemein, wie Jugend und Liebe. Es war ein Traum, der über dem jungen Dichter im Morgenzwielicht schwebte, aber, wie es bei allen Gebilden des Knabenalters von je der Fall war, das Herz nicht ausgedehnt und die Leidenschaften nicht verbraucht zurückließ! Lange Jahre waren seitdem verschwunden; ein Reiz, welcher Maltravers so plötzlich zu Eveline zog, ohne daß er sich Rechenschaft davon geben konnte, lag in einem unbestimmten, unerklärlichen Etwas, welches ihn an Alice erinnerte. In ihren Zügen fand sich keine Aehnlichkeit; zu Zeiten jedoch lag in Evelinens Stimme eine gewisse Eigenthümlichkeit, ein Zug, ein Wesen, welches ihn über den Abgrund der Zeit zur Poesie und Alice zurückführte.

In der Jugend Beider, der Abwesenden wie der Gegenwärtigen, fand sich Aehnlichkeit – Aehnlichkeit in ihrer Einfalt und Anmuth. Vielleicht besaß Alice in ihrem Charakter mehr wirkliche Tiefe, mehr Glut des Gefühls, mehr Erhabenheit der Empfindung wie Eveline. Jedoch die Hälfte ihrer edelsten Eigenschaften war bei ihrer ursprünglichen Unwissenheit verschlossen und unbekannt geblieben. Aber Eveline, an Rang ihm gleichstehend, ausgebildet, so lange das Ziel der Bewerbung und seiner Forschungen, hatte so viel Vortheile vor dem armen Bauermädchen voraus. Oft aber schien das arme Bauermädchen aus ihrem schönen Antlitz ihm zuzulächeln. In Eveline liebte er wiederum Alice.

Sie trafen sich jetzt täglich; ihr Verkehr ward vertrauter wie zuvor; ihre Seelen wurden stündlich entwickelter und klarer für einander. Maltravers vermied es noch, von der Liebe zu reden; Beide waren Freunde und nichts mehr; ihre Freundschaft aber von solcher Art, wie die Ungleichheit der Jahre und die Erfahrung es zuließ. An jener jungen und unschuldigen Natur, an ihrer Rechtlichkeit, ihrer Begeisterung, ihrer frommen und heiteren Bestrebung fand Maltravers Frische in der Wüste, wie der an der Quelle weilende Kameeltreiber. Ohne daß er es ahnete, ward sein Herz wieder für seinen Nebenmenschen erwärmt. Was die Harfe Davids dem Ohre Sauls, war dem seinigen die sanfte Stimme, welche Erinnerung einschläferte und Hoffnung in dem einsamen Mann erweckte.

Was war die Wirkung von Maltravers Gegenwart auf Eveline? Vielleicht eine solche, welche uns am meisten schmeichelt und am meisten täuscht. Sie träumte nie davon, ihn mit Andern zu vergleichen; vor ihren Gedanken ragte er erhaben und allein unter seinem ganzen Geschlecht hervor. Es mag paradox scheinen, doch bewunderte und verehrte sie ihn zu sehr, um ihn lieben zu können. Ihr Vergnügen an seiner Gesellschaft war aber so offenbar und unzweideutig, ihre Rücksicht auf seine Meinung so auffallend – sie hegte Mitgefühl an so mancher von seinen Bestrebungen, sie besaß so sehr die Blindheit der Nachsicht für seine Fehler, die er nicht zu verbergen suchte, daß auch mißtrauische Männer aus so manchen Symptomen die günstigsten Hoffnungen sich würden gebildet haben.

Seit Legards Abreise hatten die Vergnügungen von Paris für Eveline den Reiz verloren, und mehr wie jemals konnte sie die Gesellschaft ihres Freundes schätzen. Er verlor so allmählig seine frühere Furcht; sie könne sich eine zu starke Anhänglichkeit zur großen Welt bilden; da nichts mehr in die Augen fiel, wie Evelinens Gleichgültigkeit gegen den sie umringenden Schwarm der Schmeichler und Freier, so fürchtete Maltravers auch nicht länger einen Nebenbuhler. Er begann die Ueberzeugung zu empfinden, daß Beide die Probe durchgemacht hätten, und daß er um Liebe bitten dürfe, ohne einen Zweifel an deren Unveränderlichkeit und Wahrheit zu hegen.

Um diese Zeit wurden Beide mit den Doltimore's auf ein Landgut de Montaigne's geladen; dort beschloß Maltravers sein Schicksal zu erfahren.

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