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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Zweites Kapitel.

In ihrer Jugend
Liegt eine schnelle Sprache sonder Worte,
Die Männer rührt.

    Maas für Maas.

 

Abt. Glücklich im Privatleben.
Udr.            Ebenfalls in Versammlungen.

    Komödie der Irrthümer.
     Shakespeare.

 

Wie Maltravers bemerkte, war Legard seit Kurzem wenig zur Lady Doltimore oder in dieselbe Gesellschaft wie Eveline gekommen. Mit der Heftigkeit eines heißen und leidenschaftlichen Charakters überließ er sich der eifersüchtigen Wuth und dem Gram, der ihn verzehrte; er sah vom ersten Augenblick zu deutlich ein, daß Maltravers Eveline anbetete; er glaubte ferner, wegen ihres vertrauten, herzlichen Benehmens gegen denselben, wegen der unbegrenzten Verehrung, womit sie seine Gaben und Eigenschaften zu betrachten schien, daß die Liebe gegenseitig werden könne. Er wurde düster und beinah finster; er vermied Eveline; er unterließ es, den Kampfplatz gegen seinen Nebenbuhler zu betreten. Vielleicht konnte die intellektuelle Ueberlegenheit des Maltravers, die außerordentlich brillante Conversation, welche er in seiner Heiterkeit zu führen vermochte, die befehlende Würde seines Benehmens, vielleicht sogar sein gereifter Ruhm und sein Alter, die Hoffnung niederhalten und die Eitelkeit eines Mannes verwunden, der selbst als das Orakel eines Gesellschaftskreises zu gelten gewohnt war.

Diese Beweggründe hatten ohne Zweifel Einfluß auf Legard geübt, so daß derselbe sich von Evelinens Gesellschaft zurückzog; allein noch ein Umstand mit edelmüthigeren Beweggründen verbunden, bestimmte hauptsächlich sein Verfahren. Maltravers ritt einst, bald nach seiner ersten Unterredung mit Eveline, in dem entlegeneren Theile des bois de Boulogne spazieren, als er Legard ebenfalls allein und zu Pferde antraf; der Letztere hatte, als er seines Onkels Vermögen ererbte, Sorge getragen, seine Schuld an Maltravers zu bezahlen; er hatte einen kurzen, aber gefühlvollen und dankbaren Brief hinzugefügt, den er Maltravers nach Paris sandte, welcher demselben gefiel und ihn rührte.

Seit jener Zeit hatte er Gefallen an dem jungen Manne gefunden, und jetzt suchte er, da er ihn in Paris traf, bis zu einem gewissen Grade Legards genauere Bekanntschaft. Maltravers befand sich in jener glücklichen Stimmung, worin wir Freunde mit aller Welt zu sein wünschen. Allerdings ärgerte das stolze Benehmen des Maltravers, welches oft sogar seinen Tugenden einen unliebenswürdigen Anstrich gab, mochte er dies auch selbst nicht ahnen, jenen jungen Mann, welcher wohl empfand, daß er gegen ihn eine Verbindlichkeit der Ehre und des Lebens eingegangen sei, die niemals erlöschen könne. Gerade dadurch aber ward das Gefühl dieser Verpflichtung Legard unerträglicher; es wurde ihm um so mehr der Wunsch erweckt, sich der Verpflichtung zu entledigen.

An jenem Tage aber lag so viel Herzlichkeit im Grüße von Maltravers, und er drängte Legard so freundschaftlich, seinem Ritte sich anzuschließen, daß des jungen Mannes Herz besänftigt wurde; Beide ritten zusammen und unterhielten sich vertraut über solche Gegenstände, die ihnen gemeinschaftlich waren. Zuletzt kam das Gespräch auf Lord und Lady Doltimore; von diesen kam Maltravers, dessen Seele voll von einem Gedanken erfüllt war, in indirekter Weise auf Eveline.

»Haben Sie jemals Lady Vargrave gesehen?«

»Niemals,« erwiderte Legard, indem seine Augen eine andere Richtung wie die von Maltravers nahmen, »Lady Doltimore sagt aber, sie sei so schön wie Eveline, wenn das möglich ist, und noch ebenso jugendlich in Form »Gestalt«. s.o. Anm.d.Hrsg. und Gesichtszügen, so daß sie eher wie ihre Schwester, als wie ihre Mutter aussieht!«

»Wie gern möcht ich sie kennen lernen,« sagte Maltravers mit plötzlichem Nachdruck.

Legard wechselte den Gegenstand. Er sprach vom Karneval, von Bällen, Maskeraden, Opern, herrschenden Schönheiten.

»Ach!« sagte Maltravers mit leisem Seufzer; »die Tage jener blendenden Vergnügungen sind noch die Ihrigen, für mich sind sie vertrocknet.«

Maltravers dachte hierbei Nichts, allein die Bemerkung verletzte Legard. Er glaubte, darin sei ein Spott auf das kindische Wesen seiner Seele, oder die Leichtfertigkeit seines Treibens enthalten; seine Wange erröthete bei der Antwort:

»Wie ich besorge, wollen Sie nicht auf den Unterschied der Jahre, sondern der Geistesgaben anspielen; Sie sollten jedoch bedenken, daß nicht alle Menschen über Ihre Hülfsquellen verfügen; alle Männer können nicht auf Genie Anspruch machen!«

»Mein theurer Legard,« sagte Maltravers freundlich. »glauben Sie nicht, daß ich eine solche Anspielung, beinahe anmaßend und impertinent, beabsichtigte. Glauben Sie mir, ich beneide Sie aufrichtig und mit Bedauern, denn ich habe alle diese Eigenschaften des Genusses abgenutzt. Wahrlich, ich beneide Sie! Besäße ich noch jene Eigenschaften, so dürfte ich hoffen, mich zu einer größeren Verwandtschaft mit der Schönheit und Jugend umzubilden.«

Maltravers schwieg einen Augenblick und begann dann mit ernstem Lächeln:

»Legard, ich hoffe, Sie werden weiser sein, wie ich; Sie werden die Rosen pflücken, so lange noch der Mai blüht; Sie werden nicht bis zum sechsunddreißigsten Jahre als ein getäuschter und einsamer Mann, voll Sehnsucht nach häuslichem Glück leben, bis Sie zuletzt, wenn Sie Ihr Ideal finden, erschrocken zurückfahren und zugleich entdecken, daß Sie zwar keine Bestrebung zur Liebe, aber manche Anmuth verloren haben, wodurch die Liebe errungen wird.«

In diesen Worten lag so viel ernste und tiefe Empfindung, daß sie Legards Mitgefühl sogleich erregten. Ein unwiderstehlicher Antrieb reizte ihn, das Schlimmste zu erfahren.

»Maltravers,« sprach er in schnellem Ton, »nur ein eitles Compliment würde Ihnen erklären, daß Sie Eigenschaften besitzen, welche wahrscheinlich Ihre Liebe zu einer nicht vergeblichen machen; vielleicht ist es nicht zart von mir, daß ich eine allgemeine Bemerkung anwende, aber dennoch muß ich glauben, Ihr Geheimniß entdeckt zu haben – Sie sind nicht unempfindlich gegen die Reize der Miß Cameron!«

»Legard,« sagte Maltravers – seine Zuneigung zu Eveline war so stark, daß sie alle seine natürliche Kälte und Zurückhaltung verscheuchte – »ich erkläre Ihnen deutlich und offen, daß die letzte Hoffnung, die ich für das Leben habe, in meiner Liebe zu Eveline Cameron besteht. Ich hege keinen Gedanken, keinen Ehrgeiz, kein Gefühl, welches nicht ihr geweiht wäre. Sollte meine Liebe nicht erwidert werden, so werde ich mich vielleicht bemühen, den Schlag auszuhalten; ich mische mich vielleicht wieder mit der Welt; ich scheine vielleicht mich um die Zwecke Anderer zu bekümmern; allein mein Herz würde gebrochen bleiben! Sprechen wir nicht mehr davon; Sie haben mir mein Geheimniß durch Ueberraschung genommen, vielleicht mochte dasselbe auch sonst verrathen werden. Erfahren Sie von mir, wie übernatürlich stark, wie verhängnißvoll die Liebe wird, wenn man sie bis auf den Tag verschiebt, an welchem sie sich bei der unwiderstehlichen Steigerung der Gefühle in Granit eingräbt.«

Maltravers spornte sein Pferd, als ob er sich über seine eigene Schwäche ärgere, und Beide ritten, ohne miteinander zu reden, einige Zeit schnell neben einander hin. Dies Schweigen ward von Legard benutzt, um Alles, was er gehört und gesehen hatte, zu überdenken und sich seiner Verpflichtung gegen Maltravers zu erinnern; bevor das Schweigen gebrochen wurde, beschloß der junge Mann auf edle Weise nicht allein nicht als Nebenbuhler von Maltravers aufzutreten, sondern sogar jede Hoffnung und jede Erwartung, die er so zärtlich genährt hatte, aufzugeben, sich von Evelinens Gesellschaft fern zu halten, und mit Treue und Festigkeit jene Handlung der Großmuth zu vergelten, welcher er die Erhaltung seines Lebens und die Rettung seiner Ehre verdankte.

Diesem Beschluß gemäß, enthielt er sich nächster Zeit aller Besuche von Orten, wo Eveline glänzte; brachte sie der Zufall zusammen, so war sein Benehmen blöde und abgebrochen »verlegen und schroff«. Anm.d.Hrsg.. Sie erstaunte; vielleicht ärgerte sie sich; vielleicht grämte sie sich; Maltravers hatte sicherlich in seiner Bemerkung Recht, daß ihr Wesen die in der Merton-Pfarrei gezeigte Munterkeit verloren habe. Jedoch mag noch bezweifelt werden, ob Eveline von Legard genug gesehen hatte, und ob ihre Phantasie und Romantik von dem Zauber des Genius, welcher dieselben in der beredten Huldigung des Maltravers aufregte, noch frei genug waren, so daß sie selbst die gleichgültige Schwermuth, welche über sie kam mit der Abwesenheit ihres jüngeren Liebhabers in Verbindung setzen konnte. Bei sehr jungen Mädchen, denen sowohl die Welt, als die Selbstkennt niß neu sind, verkündigen manche unbestimmte und ungewisse Gefühle die Dämmerung der Liebe. Schatten folgt auf Schatten und Licht auf Licht, bevor die Sonne hervorbricht und die Erde in ihren Strahlen erwacht.

Eines Abends, als Legard sich in eine Gesellschaft beim ***schen Gesandten hatte führen lassen, sah er, als er an der Thür stand, in geringer Entfernung, Maltravers sich mit Eveline unterhalten. Er wandte sich unter dem Gefühl peinlicher Eifersucht ab; als er leidend da stand, beschloß er, wie Maltravers vor ihm, von dem Orte zu fliehen, der ihm noch vor Kurzem ein Elysium schien! Er wollte Eveline nicht wiedersehen, bis die unwiderrufliche Scheidewand errichtet und sie die Gemahlin des Maltravers war. In der ersten Hitze seines Entschlusses wandte er sich zu einigen jungen Leuten, die neben ihm standen, von denen der Eine in Kurzem nach Wien reisen wollte. Er machte heiter den Vorschlag, sich ihm anzuschließen, und begann über die Reise, die Stadt, die glänzende und stolze Gesellschaft mit jener Munterkeit zu sprechen, welche allein die erzwungene gute Laune eines leidenden Herzens offenbaren kann, als Eveline, deren Unterredung mit Maltravers beendet war, dicht bei ihm vorüberging. Sie lehnte sich auf Lady Doltimore's Arm, und das bewundernde Gemurmel der Gesellschaft veranlaßte Legard, sich plötzlich umzuwenden.

»Sie tanzen nicht heute Abend, Oberst Legard,« sagte Caroline, indem sie Eveline anblickte.»Je mehr die Zeit für die Bälle heranrückt, desto träger werden Sie.«

Legard murmelte eine verwirrte Antwort, deren eine Hälfte munter schien und die andere nicht hörbar war.

»Nicht so träg wie Sie glauben,« sagte einer aus der Gesellschaft. »Legard hat eine Reise vor, die, wie ich hoffe, genügen wird, seinen Charakter in Ihren Augen wieder höher zu stellen. Die Reise ist lang, und noch schlimmer, sehr kalt, nach Wien.«

»Wien? Wollen Sie nach Wien reisen?« rief Caroline aus.

»Ja,« sagte Legard, »ich hasse Paris, jeder Ort ist besser als diese verhaßte Stadt.« Bei den Worten ging er fort.

Evelinens Augen folgten ihm traurig und ernst; sie blieb einige Augenblicke zerstreut und still.

Mittlerweile sagte Caroline, indem sie sich zu Lord Devonport wandte (derselbe, welcher die Reise nach Wien vorgeschlagen hatte): »Es ist grausam von Ihnen, daß Sie nach Wien reisen, und doppelt grausam, Lord Doltimore seinen besten Freund und Paris den besten Tänzer zu entziehen.«

»Lady Doltimore, Legard machte mir freiwillig den Antrag; glauben Sie mir, ich habe nicht die Künste der Ueberredung angewandt. Die Hauptsache besteht darin, daß wir von Madame ***, der Schönheit Oestreichs sprachen, die eben so stolz und uneinnehmbar wie Ehrenbreitstein sei. Legards Eitelkeit ward erregt; als ein anerkannter Herzeneroberer, hat er die Absicht hinzureisen, um zu versuchen, was der schönste Engländer seiner Zeit ausrichten kann.«

Caroline lachte und Andere, die ihre Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, folgten auf Lord Devonport. Erst als die Damen auf den Wagen im Shawlzimmer warteten, bemerkte Lady Doltimore die Blässe und nachdenkliche Stirn Evelinens.

»Sind Sie ermüdet oder unwohl?« fragte sie.

»Nein,« antwortete Eveline mit erzwungenem Lächeln; in demselben Augenblick trat Maltravers zu ihnen mit der Nachricht, daß der Wagen erst nach einigen Minuten vorfahren könne. Caroline amüsirte sich mittlerweile mit scharfer Kritik über die Kleidung und den Charakter ihrer verschiedenen Freunde und Freundinnen. Caroline war komisch streng in ihrem Urtheil über Andere geworden.

»Welch ein Turban! Frau A*** handelt klug, daß sie scharlachroth trägt, die Farbe überstrahlt ihr Gesicht wie die Sonne das Feuer. Herr Maltravers, bemerken Sie Lady B*** mit dem sehr jungen Herrn. Nach all ihrer Erfahrung im Angeln ist es doch sonderbar, daß sie nur kleine Fische fängt. Sagen Sie mir, weßhalb ist die Ehe zwischen Lady C. D*** und Herrn F*** abgebrochen? Ist es wahr, daß er so tief in Schulden steckt? Ist er ein so arger Verschwender? Man sagt, sie sei gebrochnen Herzens.«

»Lady Doltimore,« sagte Maltravers lächelnd; »in Klatschereien weiß ich noch schlecht Bescheid; der arme F*** ist, wie ich glaube, nicht schlimmer wie Andere. Was wissen wir, wer daran schuld ist, daß ein Verlöbniß abgebrochen wird. Lady C.D*** mit gebrochenem Herzen! Welche Idee! Heut zu Tage findet sich keine Liebe in Verlöbnissen der Art; die Kette, welche leichtfertige Naturen verknüpft, ist nur der Faden des Spinnwebs. Modische Herrn und Damen! Ihre Liebe und ihre Ehe

               blüht und welkt
Ein Hauch vernichtet sie, wie sie ein
     Hauch erschuf.

Bilden Sie sich doch nicht ein, daß ein Herz, welches lang daran gewöhnt ist, nur in guter Gesellschaft zu schlagen, jemals gebrochen werden kann; ein solches wird kaum berührt!«

Eveline horchte aufmerksam zu und schien betroffen; sie seufzte und sagte in sehr leiser Stimme gleichsam zu sich selbst: »So ist es, wie konnte ich etwas anderes glauben.«

In den nächstfolgenden Tagen war Eveline unwohl und verließ ihr Zimmer nicht. Maltravers war in Verzweiflung. Die von ihm übersandten Blumen, Bücher und Musik, seine sorgfältigen Erkundigungen, seine mit Gefühl und Achtung verfaßten Billette, mit dem unaussprechlichen Zauber berührt, welchen tiefes Gefühl und hoher Geist dem kleinsten Gepräge ihrer Münze einhaucht: Alles dieses rührte Evelinen merklich, vielleicht setzte sie dieß Alles mit Legards Gleichgültigkeit und scheinbarer Laune in Gegensatz. Vielleicht gewann Maltravers durch diesen Gegensatz mehr, wie durch alle seine glänzenden Eigenschaften. Mittlerweile reiste Legard nach Wien, ohne Besuche, ohne Botschaft und ohne Lebewohl; er wußte allerdings nichts von Evelinens Krankheit.

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