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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 63
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Achtes Buch.

O Zeus, was hast du mir beschieden jetzt?
– – – – – – – – – – – –
Frevel – – – – – – – – – –
Als er den steilsten Abgrund beschritt,
Trieb zum Verderben.

      Soph. Oed. König.

 

Erstes Kapitel.

Die Jugend, Reiz und Weisheit ist
Ihr Erbe von Natur.
– – – – – – – – – –
                     Ehr' entspringt,
Wenn unsre Handlung nur sie uns erschließt;
Nicht wenn sie Ahnen reichen.

      Shakespeare.

Brief von Ernst Maltravers
an den ehrenwerthen Friedrich Cleveland.

Eveline ist frei – sie ist in Paris – ich habe sie gesehen – ich sehe sie täglich.

Wie wahr ist es, daß wir uns keine Philosophie der Gleichgültigkeit bilden können! Die Leidenschaften sind stärker als unsere Schlüsse. Wir müssen jene zu unsern Verbündeten machen, oder sie zerstören alle unsere Theorien von Selbstbeherrschung. So sind wir das Spielzeug des Schicksals, wir gehen von System zu System, von Plan zu Plan über, suchen vergeblich Leidenschaft und Kummer auszuschließen, vergessen, daß diese in uns geboren sind und kehren zur Seele, wie die Jahreszeiten zur Erde zurück!

Vor vielen Jahren, als ich zuerst ernstlich in meine eigene Natur und mein Wesen blickte – als ich zuerst zur Würde und feierlichen Verantwortlichkeit des menschlichen Lebens erwachte – hatte ich beschlossen, mein Selbst zu zähmen und zu beugen, damit es ein zu beherrschendes und zu messendes Ding würde. Ich trug in mir eine vernarbte, aber eine geheilte Wunde, das Bewußtsein des Unrechts, das ich einem auf mich stützenden Herzen erwiesen hatte; ich ward heimgesucht durch die düstere Erinnerung an meine verlorene Alice; ich schauderte vor neuer Liebe, die neuen Gram erzeugen müßte. In stolzen Egoismus gehüllt, wünschte ich meine Herrschaft nicht weiter auszudehnen, wie meine geistigen Fähigkeiten und Leidenschaften reichten. Ich wandte mich fort von der gierigen Jagd nach Glück, welche den Reichthum des Lebens jedem Wind auf dem Meere des Schicksals aussetzt; ich war mit der Hoffnung zufrieden, mein Leben allein, geehrt wenn auch nicht geliebt, zuzubringen.

Langsam und widerstrebend wich ich dem Zauber Florence's Lascelles. Die Stunde unseres Verlöbnisses war für mich die des Kummers und der Beunruhigung. Vergeblich suchte ich mich selbst zu täuschen; ich empfand, daß ich nicht liebte. Dann bildete ich mir ein; die Liebe sei nicht länger meiner Natur eigen; ich habe ihre Schätze vor meiner Zeit erschöpft, und mein Herz sei der Liebe unfähig geworden. Erst in der letzten Zeit, als die glorreiche Seele in allem ihrem Glanze um so mehr hervorbrach, je näher sie der Quelle kam, zu welcher sie heimkehren sollte – erst da empfand ich, welcher Zärtlichkeit sie würdig und ich fähig war. Sie starb und die Welt war mir verdunkelt! Kräftiges Handeln und Ehrgeiz, meine früheren Bestrebungen und Ziele wurden sämmtlich an ihrem Grabe geopfert; allein unter den Trümmern und im Dunkel, hielt mich meine Seele noch aufrecht.

Ich durfte nicht länger hoffen, aber ich konnte tragen; ich war entschlossen, nie zu unterliegen; niemals sollte die Welt von mir einen Seufzer vernehmen. Unter fremdartigen und fernen Scenen – unter Horden, denen selbst meine Sprache unbekannt war, in Wüsten und Wäldern, welche der Schritt des civilisirten Menschen mit seinem Kummer und seinen Träumen niemals betreten hatte – rang ich mit meiner Seele, wie einst der Patriarch mit dem Engel – der Engel ward zuletzt der Sieger!

Sie müssen mich nicht mißverstehen; Sie wissen, daß nicht allein der Tod Florence's diese furchtbare Revolution in mir hervorbrachte; allein jener Tod schien die Krone und die Krise eines tiefen Widerwillens gegen alle Dinge, die ich nicht für schön und edel gehalten hatte. Ihre Liebe war eine solche, welche die Entwürfe und Bestrebungen der Mannheit begleitete und denselben eine größere Würde ertheilte – eine Liebe, welche die Menschwerdung des Ehrgeizes selbst war; somit auch schienen alle üblen Täuschungen, welche zum Ehrgeiz gehören, sich um mein Herz zu drängen, wie Geier durch Leichen zu einem Fest eingeladen werden.

Zuletzt auch verschwand dieß; der barbarische Zustand gab mich dem civilisirten zurück. Ich kehrte zu Meinesgleichen heim, nicht mehr in der Absicht, ein Betheiligter, sondern nur ein Zuschauer auf dem unruhigen Kampfplatz zu sein; ich legte noch einmal mein Haupt unter dem Dache meiner Väter nieder; hatte ich keinen klaren und bestimmten Zweck, so hoffte ich wenigstens unter meinen alten Bäumen Betrachtung und Ruhe zu finden.

Kaum hatte ich mich in den ersten Stunden meiner Ankunft jenem Traume überlassen, als ein reizendes Gesicht und eine süße Stimme, die einst zuvor tiefe und niemals verwischte Eindrücke in meinem Herzen zurückgelassen hatte, alle meine Philosophie in die Winde zerstreute; ich sah Eveline! Wenn es in Wirklichkeit ein Gefühl wie augenblickliche Liebe gibt, so war es dasjenige, welches ich für sie empfand; ich lebte in ihrer Gegenwart und vergaß die Zukunft, oder vielmehr, ich lebte in der Vergangenheit, in den Hainen meiner Frühlingszeit des Lebens und der Hoffnung! Meine Liebe für dieß junge Herz war eine Wiedergeburt der Jugend!

Erst in reiferen Jahren erkennen wir, wie lieblich unsere Jugendjahre waren! Welche Tiefe der Weisheit liegt in dem griechischen Mythus, welcher Hebe als den Preis des Heroen angab, der sein ganzes Leben hindurch Mühen ertragen hatte, und dem Sättigung an allen Resultaten der Erfahrung Liebe zu allem Hoffnungsvollen und Neuen eingeflößt hatte! Dieß bezaubernde Kind, diese entzückende Eveline, dieser Strahl noch nie geträumten Sonnenscheins, schmolz lächelnd alle meine Eispaläste hinweg. Ich liebte, Cleveland, ich liebte heißer, wilder und leidenschaftlicher.

Plötzlich aber vernahm ich, daß sie an einen Andern verlobt sei, und empfand, es gezieme mir nicht, die Verbindung in Frage zu stellen und deren Vernichtung zu suchen. Ich wäre unwürdig gewesen, Eveline zu lieben, hätte ich nicht die Ehre mehr geliebt. Ich floh ehrlich und entschlossen aus ihrer Gegenwart; ich suchte eine verbotene Leidenschaft zu besiegen; ich glaubte, daß ich keine Erwiderung der Neigung gewonnen habe; ich glaubte nach gewissen Ausdrücken, die ich Eveline gegen eine Andere äußern hörte, ihr Herz sei ebenso wie ihre Hand an Vargrave gegeben; ich kam hieher; Sie wissen wie streng und entschlossen ich eine Schwäche auszurotten mich bestrebte, welche sogar ohne alle Hoffnung schien! Wenn ich litt, so verrieth ich es nicht.

Plötzlich erschien Eveline wiederum vor meinen Blicken und zugleich erfuhr ich, sie sei frei! Welche Entzückung des Augenblicks! O hätten Sie ihr strahlendes Antlitz, ihr bezauberndes Lächeln, als wir uns wieder trafen, gesehen! Ihre offenherzige Unschuld verbarg nicht die Freude, mich wieder zu erblicken. Welche Hoffnung brach auf mich ein! Ich glaube, daß sie mich ungeachtet des Unterschieds unserer Jahre liebt, daß ich zuletzt in dieser Liebe erfahren werde, welch ein Glück das Leben bietet!

Eveline besitzt die Einfachheit, die Zärtlichkeit von Alice mit der feinen Ausbildung sogar von Florence, nicht den Genius, den kühnen Geist, den beinahe furchtbaren Glanz jenes unglücklichen Wesens, allein einen eben so reinen Geschmack hinsichtlich des Schönen, eine ebenso empfängliche Seele für das Erhabene! In Evelinens Gegenwart empfinde ich das Gefühl des Friedens, der Sicherheit, der Heimath! Glücklich, dreimal glücklich ist der, welcher sie an seine Brust drücken wird!

Neuerdings hat sie einen neuen Reiz in meinen Augen erlangt; eine gewisse Nachdenklichkeit und Zerstreuung folgte auf ihre gewohnte Heiterkeit. Die Liebe ist nachdenklich, nicht wahr, Cleveland? Wie oft stelle ich mir diese Frage! Und dennoch gibt es inmitten meiner Hoffnung manche Stunde, worin ich zittere und niedergeschlagen bin! Wie kann dieser unschuldige und heitere Geist mit All dem Sympathie fühlen, was der meinige ertragen und erkannt hat? Wie kann ich glauben, selbst wenn ihre Einbildungskraft durch die Gaukelei meines Namens verblendet ist, daß ich ihr Herz zur tiefen und wirklichen Liebe, deren dasselbe fähig ist, und welche die Jugend erregt, erweckt habe?

Treffe ich sie in ihrem Hause; oder unter der ruhigen, aber glänzenden Gesellschaft, welche sich um Frau von Ventadour oder um die de Montaigne's sammelt, bei denen sie besonders in Gunst steht – wenn wir uns unterhalten – wenn ich bei ihr sitze und ihre sanften Augen den meinigen begegnen: Dann empfinde ich nicht die Ungleichheit der Jahre; mein Herz spricht zu dem ihrigen und das ist noch jung. Aber in der heiteren und gedrängteren Gesellschaft wohin mich ihre Gegenwart lockt, wenn ich ihre feenhafte Form »Gestalt«. Anm.d.Hrsg. von denjenigen umringt erblicke, welche noch nicht die Vergnügungen überlebten »ausgelebt haben«. Anm.d.Hrsg., die Eveline natürlich verblenden und einnehmen, so fühle ich wirklich, daß mein Geschmack, meine Gewohnheiten und Bestrebungen einem andern Alter des Lebens angehören, und ich frage mich ängstlich, ob meine Natur und meine Jahre von der Art sind, daß sie dadurch glücklich werden kann. Dann erkenne ich wirklich den weiten Zwischenraum, den die Zeit und die Prüfung zwischen einem der Welt überdrüssigen Manne und einer Dame bildet, für welche die große Welt noch neu ist.

Sollte sie später entdecken, daß die Jugend nur die Jugend zu lieben vermag, so würde die Reue meine bitterste Qual sein. Ich erkenne, wie tief ich sie liebe, denn ich erkenne, wie unermeßlich theurer mir ihr Glück ist als das meinige! Somit will ich noch eine Weile warten, ich will untersuchen und überwachen, daß ich mich nicht täusche. Bis jetzt glaube ich noch keine Nebenbuhler, die ich zu fürchten brauche, zu haben. Von den jüngsten und muntersten Männern umringt, wendet sie sich stets und mit offenbarem Vergnügen zu mir, den sie ihren Freund nennt, hin. Sie gibt sogar die am meisten von ihr geliebten Vergnügungen auf, um sie mit einer Gesellschaft zu vertauschen, worin wir mehr uns mit Behaglichkeit unterhalten können.

Sie erinnern sich vielleicht des jungen Legard? Er ist hier, und bevor ich Eveline traf, war er oft in Lady Doltimore's Haus. Ich kann hinsichtlich seiner überlegenen Vortheile der Jugend und Gestalt nicht verblendet sein; auch liegt etwas Auffallendes und Einnehmendes in dem sanften und doch männlichen Freimuth seines Wesens; dennoch scheue ich ihn nicht als Rival – allerdings ist er seit Kurzem nicht oft in der Gesellschaft von Eveline gewesen; auch glaube ich wegen der Leichtfertigkeit seiner Bestrebungen nicht, daß er seine Seele so gebildet hat, um Eveline schätzen zu können, oder daß er diejenigen Eigenschaften besitzt, wodurch er ihrer werth werden müßte. Ungeachtet seiner Schwächen zeigt aber der junge Mann eine gewisse Güte, ein Etwas, welches mich gewinnt, und Sie werden erstaunen, zu erfahren, daß er mir, der ich gewöhnlich so zurückhaltend bin, das Geständniß meiner Anhänglichkeit und Hoffnung durch Ueberraschung abgewonnen hat.

Eveline erzählt mir oft von ihrer Mutter und beschreibt sie mit so glänzenden Farben, daß ich das größte Interesse an einer Dame fühle, welche mitgewirkt hat, eine so schöne und reine Seele zu bilden. Können Sie erfahren, wer Lady Vargrave war? Es schwebt offenbar ein Geheimniß über ihrer Geburt und Verwandtschaft und nach Allem, was ich höre, ist dieß wegen ihres niedern Standes.

Wie Sie wissen, ist mein Familienstolz, dessen man mich anklagt, von besonderer Art. Ich bin nicht stolz auf die Länge eines vermodernden Stammbaumes, sondern auf einige historische Felder in meinem Wappenschild, auf einiges Blut von Gelehrten und Helden, das in meinen Adern rollt; dies ist eine verwandte Art Stolz mit dem, den ein Engländer empfinden kann, daß er zu einem Lande gehört, welches Shakespeare und Bacon hervorbrachte. Wie ich hoffe, habe ich nie den gemeinen Stolz empfunden, welcher niedrige Geburt an Andern verachtet; ich kümmere mich nicht im geringsten, ob mein Freund oder meine Frau von einem König oder einem Bauern abstammt. Nur ich selbst, nicht meine Verbindungen können meinen Stamm schänden; deßhalb, tragen Sie kein Bedenken, mir Nachricht zu geben; sollten Sie irgend etwas über Lady Vargrave's Familie erfahren, dieselbe mag noch so niedrig sein.

Gestern Abend hielt ich eine Unterhaltung mit Eveline, welche mich entzückte. Zufällig sprachen wir von Lord Vargrave; sie eröffnete mir mit entzückender Aufrichtigkeit die Lage, worin sie sich zu ihm befand, sowie die gewissenhaften und edlen Bedenklichkeiten, die sie über den Besitz eines Vermögens empfand, hinsichtlich dessen ihr Wohlthäter und Stiefvater offenbar die Absicht hegte, sie solle dasselbe mit seinem nächsten Verwandten theilen. An diesen Bedenklichkeiten nahm ich von ganzem Herzen Theil; sollte ich Eveline heirathen, so wird mein erstes Verfahren dieselben in Wirksamkeit setzen, indem ich Vargrave, soweit das Gesetz es erlaubt, das Einkommen ausschließlich überlasse, wenigstens bis Evelinens Kinder ein Recht besitzen, es in Anspruch zu nehmen, ein Recht, welches nicht während ihres eigenen, und wahrscheinlich auch deßhalb nicht während Vargrave's Leben in Anspruch genommen werden wird.

Ich gestehe, daß dies kein Opfer sein würde; denn ich bin stolz genug, vor dem Gedanken zurückzuschrecken, daß ich dem Weibe, welches ich liebe, ein Vermögen verdanken mußte. Jene Art von Stolz ertheilte Kälte und Zurückhaltung meinem Verhältniß zu Florence; was das Uebrige betrifft; so wird mein Einkommen; durch die Einfachheit meines Lebens in den letzten Jahren sehr vermehrt, für Eveline und mich vollkommen genügen, Thor, der ich bin! Ich rechne schon auf Ehe, während ich noch so viele Ursache zu Zweifeln hinsichtlich der Liebe habe. Allein mein Herz schlägt – mein Herz ist gleichsam zur Sonnenuhr geworden, welche Rechenschaft über die Zeit gibt. Nach dessen Bewegungen berechne ich die Augenblicke – in einer Stunde werde ich sie sehen!

Oh, niemals hätte ich in den wildesten Visionen meiner Jugend mir eingebildet, daß ich jemals lieben würde, wie jetzt! Adieu, mein ältester, mein liebster Freund! Wenn ich endlich glücklich sein werde, so wird Ihnen wohl eine Freude durch das Gefühl geboten, daß ich zuletzt Ihre Erwartungen hinsichtlich meiner Jugend erfülle.

In Liebe der Ihrige

Ernst Maltravers.

Rue de *** Paris. Januar 18–.

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