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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Fünftes Kapitel.

Unterbrochen hänget die Arbeit jetzt
   in der Schwebe.

      Virgil.

 

Vargrave dachte über die vernommene Geschichte nach, als er zu Bett gegangen war. Er mußte zugeben, daß wenig Grund zu mehr als zu einer bloßen Vermuthung vorhanden war, Alice Darvil und Alice Lady Vargrave seien eine und dieselbe Person; es konnte ihm jedoch von großer Wichtigkeit sein, daß er dieser Vermuthung bis zur Gewißheit nachspürte. Die Kunde eines geheim gehaltenen Vergehens in Ihrer Jugend, der Entwürdigung in einer so reinen und fleckenlosen Person, wie Lady Vargrave, konnte ihm von unendlicher Wichtigkeit sein, indem sie ihm Macht über dieselbe ertheilte, die er in Bezug auf Eveline gebrauchen konnte.

Wie konnte er weitere Nachforschungen am Besten anstellen? Wenn er nach Brook Green reiste, oder – der Gedanke fiel ihm ein – wenn er Frau Leslie, die Beschützerin der Frau Butler, in C*** besuchte und ausholte? Es war der Mühe werth, letztere auszufragen; sie wohnte nicht weit von seinem Wege nah London. Sein Erfolg, womit er aus dem Gehirn des Herrn Onslow ein Geheimniß herausgebracht hatte, ermuthigte ihn zur Hoffnung eines gleichen bei Frau Leslie. Er faßte somit einen Entschluß und versank in einen Traum von Weihnachtjagden, von königlichen Besuchen, vom Kabinet und der Würde eines Premierministers! Wahrlich, kein Besitz kommt dem der Träume gleich; schlafen Sie, Mylord! – Sie würden viele Unruhe haben, wenn Sie Alles, was Sie erstreben, erhielten.

In den folgenden Tagen prüfte Lord Vargrave die allgemeinen Verhältnisse des Gutes, und das Resultat seiner Uebersicht befriedigte ihn über die Nützlichkeit des Ankaufs. Am dritten Tage war er mehrere Meilen vom Hause entfernt, als ein starker Regenschauer eintraf. Lord Vargrave war zwar von abgehärteter Constitution, hatte aber, da er in den letzten Jahren den Unannehmlichkeiten des Wetters nicht besonders ausgesetzt gewesen war, noch nicht praktisch die Erfahrung gemacht, daß ein Mann über die vierzig nicht mehr ungestraft Alles ertragen kann, was bei der Elasticität von sechsundzwanzig Jahren nichts schadet. Er bekümmerte sich deßhalb nichts um den Regen, der ihn bis zur Haut durchnäßte und wechselte nicht eher die Kleider, als bis er einige Briefe und Zeitungen gelesen hatte, die ihn bei seiner Rückkehr in Lisle-Court erwarteten.

Die Folge dieser Unbesonnenheit war, daß Lord Vargrave, als er am nächsten Morgen erwachte, sich zum erstenmale in seinem Leben krank fühlte; er empfand heftige Kopfschmerzen, kalte Schauer schüttelten seinen Körper wie im Fieber; sogar die Kraft der Constitution, an welche das Uebel sich zu heften begann, vermehrte dessen Gefahr. Lumley, der letzte Mann in der Welt, welcher an die Möglichkeit des Todes dachte, bekämpfte sein Unwohlsein, bestellte Postpferde, da die Uebersicht des Gutes jetzt vorüber war, und erwähnte kaum sein Uebelbefinden. Ungefähr eine Stunde, bevor er abreiste, kamen Briefe. Einer derselben benachrichtigte ihn, daß Caroline, von Eveline begleitet, schon in Paris angelangt sei; der andere war von Oberst Legard, welcher in achtungsvollen Ausdrücken sein Amt aufgab, da er durch den plötzlichen Tod des Admirals dessen Vermögen ererbt habe und der zugleich seine Absicht ankündigte, das nächste Jahr mit einer Reise auf das Festland zuzubringen.

Dieser letzte Brief beunruhigte Vargrave sehr; er hatte stets große Eifersucht hinsichtlich des hübschen, ehemaligen Gardeoffiziers empfunden und faßte sogleich Verdacht, Legard wolle nach Paris als sein Nebenbuhler reisen. Er seufzte, sah sich im weiten Zimmer um, blickte auf die weite Aussicht von Wald und Rasen, die sich vom Fenster aus darbot und sagte zu sich selbst: »Soll mir ein Anderer das entreißen?« Seine Ungeduld, Frau Leslie zu besuchen, Einfluß auf Lady Vargrave zu erlangen, nach Paris zu reisen, Entwürfe zu bilden, zu intriguiren und zu siegen, beschleunigte den Gang der Krankheit, welche jetzt in seinen Adern brannte. Die Hand, die er Herrn Hobbs, als er in den Wagen stieg, reichte, brannte beinahe in dessen kalten, plumpen und feuchten Fingern. Vor sechs Uhr Abends gestand sich Lord Vargrave mit Widerstreben, er sei zu unwohl, um weiter zu reisen.

»Howard,« sagte er, indem er ein Schweigen von mehreren Stunden brach, »erschrecken Sie nicht, ich empfinde, daß ich einen heftigen Krankheitsanfall haben werde; ich werde in M*** halten lassen (er nannte eine größere Stadt, der sie sich nahten), und werde zum besten Arzt schicken, den der Ort darbietet; –liege ich morgen im Fieberwahnsinn, und bin ich nicht im Stande, meine Aufträge zu geben, so senden Sie einen expressen Boten an Doktor Holland. Sie aber müssen »dürfen«. Anm.d.Hrsg. mich nicht verlassen. In meinem Alter ist es hart, Niemanden zu haben, der sich um mich in der Krankheit bekümmert; wenn ich gesund bin, so mag die Liebe der Henker holen.«

Nach diesem sonderbaren Ausbruch, welcher Herrn Howard sehr erschreckte, versank Lumley wieder in Schweigen, welches er nicht eher brach, als bis er M*** erreichte. Der beste Arzt ward herbeigerufen und am nächsten Morgen lag Lord Vargrave im Delirium, wie er es halb vorhergesehen und vorhergesagt hatte.

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