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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Viertes Kapitel.

Aber wie aus diesen Zweifeln die
   Wahrheit bestimmen?

      Huntley.

 

Lord Vargrave's Wagen nahm am nächsten Morgen, als es noch dunkel war, Herrn Onslow an der Thür eines großen altmodischen Hauses auf, welches dicht vor der Fabrikstadt *** lag. Die Gesellschaft war schweigend und schläfrig, bis sie nach Lisle-Court kam; alsdann war die Sonne aufgegangen, der Morgen hell, die Luft frostig und stärkend. Als nun nach der Fahrt durch den Park ein großer, viereckiger Backsteinbau, mit massenhaften viereckigen Thürmen an den Ecken und mit Zinnen von gehauenem Stein Lord Vargrave's Auge traf, klopfte sein eigennütziges Herz in seiner Brust, und das Bild der Eveline war für ihn unaussprechlich liebenswürdig und verführerisch.

Obgleich der Verwalter auf die Ankunft Vargrave's in so früher Stunde nicht bereit war, hatte er denselben doch täglich erwartet. Die Holzklötze brannten bald auf dem weiten Herd des Frühstückzimmers, die Theemaschine kochte, die Cotelets rauchten und Vargrave bemächtigte sich des Verwalters, während die übrige Gesellschaft sich am Feuer sammelte und die Mäntel und die Shawlhalstücher ablegte. Mit entzückten Schritten durchwandelte er die prächtige Reihe von Zimmern, blickte er auf die Gemälde; er bewunderte die Staatsschlafzimmer, er schaute in die Verwaltungsämter und erkannte in Allem eine für den Pair Englands würdige Wohnung, welche aber, wie ein klügerer Mann mit einem Seufzer anerkannt haben würde, eine sorgfältige Haushaltung hinsichtlich der Einkünfte erheischte, um dasselbe verhältnißmäßig auszurüsten und zu erhalten.

Solch eine Idee aber kam Vargrave nicht durch den Kopf; er dachte allein, wie sehr man ihn ehren und beneiden müßte, wenn er als Staatssekretär diese feudalen Zimmer mit dem Stolz und Rang Englands füllen würde! Es war ein charakteristischer Zug für das ungewöhnlich sanguinische Temperament und das Selbstvertrauen Vargrave's, daß er ein kleines Hinderniß für diese Aussicht gänzlich übersah, nämlich die bestimmte Weigerung Evelinens, jene leidenschaftliche Huldigung anzunehmen, welche er ihrem Vermögen anbot.

Als das Frühstück vorüber war, wurde der Verwalter hereingerufen; die Gesellschaft bestieg Pony's und ritt zum Recognosciren aus. Nachdem sie den kurzen Tag mit Besehen der Gärten des Parks zugebracht und die Ansicht der entfernteren Theile des Eigenthums auf den nächsten Tag verschoben hatte, kehrte die Gesellschaft zum Essen zurück, als Vargrave's Blick die schimmernde Vim von Sir Gregory Gubbins erblickte.

Er zeigte sie Herrn Onslow und lachte sehr, als er den Aerger vernahm, welchen dieselbe Oberst Maltravers erregt hatte.

»So,« sagte Lumley, »zerknittern wir das Rosenblatt zu unsern Füßen und zanken mit dem üppigsten Boden. Was mich betrifft, so wette ich, daß ich im Fall das Gut mir oder meinem Mündel gehört, in drei Wochen das Herz des Sir Gregory gewonnen haben würde, damit er das Ding niederrisse, daß ich ihn ferner zugleich durch Schmeichelei um seinen Einfluß in der Stadt *** gebracht hätte. Ein schöner Parlamentssitz für Sir Howard, zu einer oder der andern Zeit!«

»Sir Gregory hat einen merkwürdig schlechten Geschmack,« sagte Herr Hobbs; »ich meines Theils glaube, daß eine gewisse bescheidene Einfachheit in der Darlegung des Reichthums herrschen müßte, den man im Geschäft erlangt hat; das war meines armen Vaters Grundsatz.«

»Ja,« sagte Lord Vargrave, »Hobbs Lodge ist ein Beweis, ›nett und nicht schreiend‹, wie der Teufel sagte, als er seinen Schweif erbsengrün bemalte. Wer war Ihr Vorgänger in dem hübschen Ort?«

»Der Ort hieß damals Dale Cottage und gehörte einem Herrn Berners, einem reichen Junggesellen und Kaufmann, der Geld genug hatte, um sich über das Geschwätz anderer Leute nicht zu bekümmern und der dort ein Mädchen hielt. Das Mädchen ging ihm durch, und jener vermiethete hierauf das Haus an einen jungen Mann, an einen, wie ich hörte, sehr sonderbaren Fremden, einen Herrn Butler, auch dieser ertheilte der Hütte einen ungesetzlichen Reiz, ein sehr schönes Mädchen, wie mir gesagt wurde.«

»Butler,« wiederholte Vargrave, »Butler!« Er erinnerte sich, daß dieß der wirkliche Name der Miß Cameron war.

Onslow blickte Vargrave scharf ins Gesicht. »Sie erkennen den Namen, Mylord,« flüsterte er ihm zu, als Hobbs sich fortgewandt hatte, um Herrn Howard etwas zu sagen – »ich hielt Sie für sehr verschwiegen, als ich Sie gestern Abend fragte, ob Sie sich der Jugendthorheiten Ihres Freundes erinnern?« Plötzlich drang ein Verdacht auf den schnellen Geist Vargrave's ein; Butler war ein Name in der Familie von Maltravers mütterlicher Seite; die finstere Stimmung von Ernst, als er ihn zuerst kennen lernte, des Knaben Winke, diese Stimmung habe ihren Grund in der Liebe, die außerordentliche und einzeln stehende Ausbildung der Lady Vargrave in jener Kunst, worin Maltravers ein Meister war; die Aehnlichkeit des Namens: – Alles dieß, in Verbindung mit der ausdrucksvollen Frage des Herrn Onslow ließ Vargrave ahnen, daß er sich am Rande eines Familiengeheimnisses befinde, dessen Kenntniß ihm von Nutzen sein könne. Er trug Sorge, seine Unwissenheit nicht zu gestehen, sondern fuhr fort, aus Herrn Onslow Mittheilungen herauszuziehen.

»Nun ja,« sagte er, »ich hatte mit Maltravers keine Geheimnisse, wir waren damals wilde Gesellen – der Name Butler findet sich in seiner Familie.«

»So ist es, ich sehe. Sie wissen Alles.«

»Ja, er erzählte mir die Geschichte, aber achtzehn Jahre sind seitdem vergangen. Frischen Sie mein Gedächtniß auf; Howard, mein Lieber, reiten Sie voraus und bestellen Sie uns das Essen; Herr Hobbs, bitte gehen Sie zu dem Verwalter und sehen Sie mit ihm die Karten und was dazu gehört an– nun, Herr Onslow, Maltravers also miethete die Hütte und eine Dame dabei, ich erinnere mich.«

Herr Onslow war nämlich der Friedensrichter, dem Ernst seinen Namen anvertraut und die Nachforschung hinsichtlich der Alice übertragen hatte; er hegte wirklich viel Interesse, ob von dem armen Mädchen Nachrichten irgend sonst erhalten worden wären, und erzählte somit die Geschichte, die der Leser kennt; die Beraubung der Hütte, das Verschwinden der Alice, den Verdacht, welche dasselbe mit ihrem verbrecherischen Vater in Verbindung setzte, die Verzweiflung und die Nachforschung des Maltravers. Er fügte hinzu, daß Ernst sowohl vor seiner Abreise aus England wie bei seiner Rückkehr sich brieflich bei ihm erkundigt habe, ob von der Alice jemals etwas bekannt geworden sei; die Erwiderung des Friedensrichters war ungenügend.

»Glauben Sie denn, Mylord, daß Maltravers bis jetzt niemals hat erfahren können, was aus diesem armen Mädchen wurde?«

»Nun lassen Sie mich sehen, wie hieß sie?«

Der Friedensrichter bedachte sich einen Augenblick und erwiderte: »Alice Darvil.«

»Alice!« rief Vargrave aus, indem er bemerkte, daß dieß der Taufname der Frau seines Onkels war. Dieß ertheilte ihm beinahe die vollkommene Bestätigung seines ersten unbestimmten Verdachtes.

»Sie scheinen den Namen zu kennen?«

»Ja, er gehört aber einer Dame an, die Maltravers nicht gesehen hat; ich glaube, er hat von dem Mädchen bis auf diese Stunde nichts vernommen. Sie ebenfalls nicht?«

»Nein, ein kleiner Umstand, den mir Herr Hobbs erzählte, der Vater Ihres Commissionärs, machte mir einige Sorgen. Ungefähr zwei Jahre, nachdem das junge Weib verschwunden war, hielt ein Mädchen von sehr niederer Kleidung und Aeußerem am Thor von Hobbs Lodge und erkundigte sich sehr eifrig nach Herrn Butler. Als sie hörte, daß er fort sei, wandte sie sich hinweg und ward nicht mehr gesehen. Es scheint, daß dieß Mädchen ein Kind auf den Armen trug, ein Umstand, der dem Schicklichkeitsgefühl des Herrn und der Frau Hobbs sehr anstößig war. Der alte Herr erzählte mir den Vorfall einige Tage später, nachdem er sich zugetragen hatte, und ich ließ Nachforschungen nach der Fremden anstellen; man konnte, sie aber nicht auffinden. Ich glaubte zuerst, dieß könne die verlorene Alice sein; ich erfuhr jedoch, Ihr Freund habe während seines Aufenthaltes in der Hütte »Landhaus«. Anm.d.Hrsg., ungeachtet seines Fehltritts, den wir nicht zu entschuldigen suchen wollen, eine so großmüthige und ausgedehnte Mildthätigkeit unter den Armen in der Stadt und der Gegend geübt, daß die wahrscheinlichere Vermuthung doch diejenige ist, nach welcher jenes Mädchen zu einer früher von ihm unterstützten Familie gehört haben und ihr Besuch nicht der einer Geliebten, sondern der einer Bettlerin gewesen sein würde. Somit entschloß ich mich nach langer Ueberlegung, Herrn Maltravers den Umstand nicht zu schreiben, als er bei seiner Rückkehr vom Festlande mir einen Brief übersandte. Eine beträchtliche Zeit war damals schon verschwunden, seit das Mädchen sich an Herrn Hobbs gewandt hatte; jede Spur von ihr war verloren gegangen; der Vorfall konnte Wunden aufreißen, welche die Zeit damals geheilt haben mußte; er konnte falsche Hoffnungen erregen, oder was noch schlimmer war, frische und unbegründete Gewissensbisse bei dem Gedanken an die gänzliche Verlassenheit und Noth der Alice erwecken; kurzum, die Mittheilung konnte nichts Gutes wirken und allein unnöthige Pein veranlassen. Ich unterdrückte deßhalb jede Erwähnung.«

»Sie handelten recht; das arme Mädchen trug also ein Kind auf dem Arm? Hm! Wie sah diese Alice Darvil aus? Natürlich hübsch.«

»Ich habe sie nie gesehen, und Niemand als die im Gebäude angestellten Personen kannten sie von Ansehen; diese beschrieben sie als ganz besonders reizend.«

»Schön und zart gebaut, mit blauen Augen wie ich glaube. Dieß sind ja die gewöhnlichen Eigenschaften einer Heldin.«

»Auf mein Wort, ich vergaß das; ich würde mich überhaupt der Sache nicht so genau erinnern, wenn nicht die Berühmtheit des Herrn Maltravers, die Bedeutung seiner Familie in dieser Gegend zugleich mit dem Anblick seiner Seelenschmerzen, die peinlichsten, die ich jemals geschaut habe, mir nicht die ganze Sache sehr tief eingeprägt hätten.«

»Wurde das Mädchen, welches am Thore von Hobbs Lodge erschien, Ihnen beschrieben?«

»Nein, man bemerkte kaum ihr Gesicht, ausgenommen, daß ihre Farbe für eine Zigeunerin zu schön war. Jetzt aber, da ich wieder daran denke, fällt mir ein, daß Frau Tiddy, welche bei ihrem Vater war, als er mir den Vorfall erzählte, besonders erwähnte, daß sie schönes Haar und blaue Augen hatte, wie Sie so scharfsinnig vermuthen. Frau Tiddy war damals kurz verheirathet und deßhalb auch romantisch gestimmt.«

»Wahrhaftig, eine sonderbare Geschichte; allein das Leben ist voll von sonderbaren Geschichten. Hier sind wir am Hause. Es ist wirklich ein herrlicher alter Bau!«

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