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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Drittes Kapitel.

Dieß ist das Haus, Herr.

      Der Liebe Pilgerfahrt.

 

Wiederkehren die goldenen Zeiten.

      Vergil.

 

Am nächsten Morgen rollten Lumley und sein magerer Gesellschafter schnell über dieselbe Landstraße, auf welcher Alice Darvil vor 16 Jahren, hungrig und müde von Frau Leslie zuerst angetroffen wurde. Als sie an diesem Ort vorbei kamen, sprachen sie gerade von einer Operntänzerin. Gegen fünf Uhr Nachmittags hielt der Wagen an einem eisernen Gitterthor, woran stand: »Hobbs Lodge, man schelle.«

»Ein ganz niedliches Haus,« sagte Lord Vargrave, als sie die Ankunft des Bedienten erwarteten, um das Thor zu erschließen.

»Ja,« sagte Herr Howard; »wenn ein Londoner Bürger, der sich aus dem Geschäft zurückzieht, in ein Haus sich verwandeln ließe, so würde er ein solches Haus werden.«

Armes Dale Cottage! Einst die Heimath der Poesie und Leidenschaft! Aber die Zeit ändert das Alltägliche, wie das Romantische. Seit Alice an jenes kalte Gitter ihr forschendes Auge gedrückt hatte, war auch die gewöhnliche Revolution der Zeit vorüber gegangen; die Alten waren gestorben, die Jungen aufgewachsen. Von den Kindern, die auf dem Rasenplatze spielten, hatte einige der Tod, andere die Ehe in Anspruch genommen; der Feiertag der Jugend war für Alle verschwunden.

Der Diener öffnete das Thor. Herr Robert Hobbs war zu Hans; Freunde befanden sich bei ihm; er war beschäftigt. Lord Vargrave schickte seine Karte und den Empfehlungsbrief von Herrn Winsley ihm zu; nach zwei Sekunden brachten diese Gesandtschaftsdokumente Herrn Robert Hobbs selbst an das Thor, einen lebhaften jungen Mann mit schwarzer Halsbinde, röthlichem Backenbart und einem Augenglase an einer Haarkette, welche möglicherweise ein Liebespfand der Miß Margaretha Winsley war.

Es erfolgte eine Verschwendung von Verbeugungen, Complimenten und Entschuldigungen. Der Wagen fuhr an die Hausthür; Lord Vargrave stieg ab und ward sogleich in Herrn Hobbs Privatzimmer geführt. Der dünne Sekretär folgte und saß schweigend, schwermüthig und aufrecht da, während der Pair sein Geschäft und seine Wünsche Herrn Hobbs herablassend darlegte. Herr Hobbs war mit der Oertlichkeit von Lisle-Court gut bekannt; es lag nur 12 Stunden entfernt. Er würde stolz sein, Lord Vargrave den nächsten Morgen dorthin zu begleiten; aber dürfte er sich die Kühnheit nehmen, dürfte er sich herausnehmen – ein Herr aus der Stadt war heute bei ihm zu Tische – ein Herr, von gründlichster Kenntniß aller Ackerbauangelegenheiten – ein Herr, welcher jede Pacht, beinahe jeden Acker kannte, der Oberst Maltravers gehörte – wenn Seine Lordschaft bewogen werden könnte, Umstände bei Seite zu sehen und mit Herrn Hobbs zu speisen, so würde es für ihn sehr nützlich sein, jenen Herrn zu sprechen. Der magere Sekretär, welcher sehr hungrig war und einen ungewöhnlich schmackhaften Geruch zu schnüffeln glaubte, blickte von seinen Stiefeln auf; Lord Vargrave lächelte.

»Mein junger Freund hier ist ein zu großer Bewunderer der Frau Hobbs, das heißt der zukünftigen, um nicht die Bekanntschaft eines jeden Mitgliedes der Familie zu ersehnen, in welche sie zu treten im Begriff ist.«

Das Erröthen des Herrn Georg Friedrich August Howard bot eine zornige Widerlegung der verleumderischen Beschuldigung. Vargrave fuhr fort:

»Was mich betrifft, so werde ich mit größtem Vergnügen die Bekanntschaft mit einem Ihrer Freunde machen, und bin Ihnen für Ihre Höflichkeit sehr verbunden. Howard, schicken Sie die Postillons fort. Um welche Zeit sollen wir sie wieder bestellen? Um zehn Uhr?«

»Wenn Ihre Lordschaft mir die Ehre erweisen will, ein Bett von mir anzunehmen, so können wir Ihre Lordschaft und diesen Herrn logiren. Alsdann können wir zu jeder Stunde am Morgen abfahren, wenn –«

»So sei es,« unterbrach ihn Vargrave, »Sie reden wie ein Geschäftsmann. Howard, haben Sie die Güte, die Pferde um sechs Uhr zu bestellen! Wir wollen in Lisle-Court frühstücken.«

Als die Sache abgemacht war, wies man Lord Vargrave und Herrn Howard ihre Zimmer an. Die Reisekleider wurden gewechselt, und das Mittagessen auf spätere Zeit bestellt; der Fisch ward verkocht; was hatte aber ein gewöhnlicher Fisch zu bedeuten, da Herr Hobbs jetzt einen so großen fing! Welche Wichtigkeit mußte ihm von jetzt an auf immer zu Theil werden! Ein Pair, ein Minister, ein Fremder in der Grafschaft, reiste zu ihm hin, um ihn um Rath zu fragen, um sein Gast zu sein, um gezeigt, vertraulich behandelt und vor den Uebrigen der Gesellschaft zu einer Spazierfahrt mitgenommen zu werden! Herr Hobbs ward zum wichtigen Mann! Vargrave bekümmerte sich nicht darum, war bei Jedem zu Hause und vielleicht erfreut, einem tête-à-tête mit Herrn Howard in einem fremden Wirthshause zu entgehen; er schlenderte in das Besuchzimmer und ward der wartenden Familie und den hungrigen Gästen vorgestellt.

Während der absterbenden Junggesellenschaft des Herrn Robert Hobbs, übernahm Frau Tiddy (welche dem Leser schon als junge Frau eingeführt ist, als sie die Weisheit der Haushaltung und großer Lendenbraten von den frugalen Lippen ihrer Mama vernahm), das Amt der Dame vom Hause – eine hübsche und gut erhaltene Frau, nur daß sie einen vorderen Zahn verloren hatte; sie erschien in einem gelblichen Atlaskleide mit Spitzen und einem hohen Kragen desselben Stoffs. Herr Tiddy war nämlich ein eigenwilliger Mann und wollte durchaus nicht, daß die zu üppigen Reize der Frau Tiddy auf eine zu verführerische Weise bloßgestellt würden. Herr Tiddy war auch da, den seine Frau aus Liebe geheirathet hatte und der jetzt wohl auf war, ein hübscher Mann mit großem Backenbart und römischer Nase. Außerdem war dort eine Miß Biddy oder Brigitte Hobbs, eine junge Dame von vier oder fünfundzwanzig Jahren, welche überlegte, ob sie Lord Vargrave bitten dürfe, etwas in ihr Stammbuch zu schreiben, und welche einen schamhaften Blick der Bewunderung auf den dünnen Sekretär warf, als er in das Zimmer schlenderte – mit schwarzem Rock, schwarzer Weste, schwarzen Beinkleidern, schwarzem Halstuch mit schwarzer Nadel, so daß er einem zur Hälfte gespaltenen ebenholzenen Spazierstock glich. Miß Biddy war eine hübsche junge Dame – nur ein wenig verwelkt, mit ungewöhnlich dünnen Armen und weißen Atlasschuhen, worauf der magere Sekretär sein Auge warf und schauderte! Eine Zugabe zu dieser Familiengruppe war der Pfarrer von ***, ein angenehmer Mann, der Predigten und Gedichte herausgab, auch Sir William Jekyll, welcher Herrn Hobbs in Anspruch nahm, um die Karte eines Guts zu entwerfen, welches er vor Kurzem gekauft hatte; auch zwei Landedelleute und ihre Frauen; ferner der Arzt der benachbarten Stadt, der Brille trug und Anekdoten erzählte, und endlich Herr Onslow, der Herr, dessen Hobbs erwähnt hatte – ein ältlicher Mann, von einnehmendem Aeußern, großem Ruhm als trefflicher Friedensrichter und Landwirth, überhaupt als der verständigste Mann der Gegend. Aus diesen bestand die Gesellschaft; der große Mann verbeugte sich lächelnd vor einem Jeden, und des großen Mannes Sekretär verbeugte sich herablassend ein wenig.

Die Glocke zur Tafel erscholl; das Mittagessen ward angekündigt. Sir William Jekyll trat zuerst mit einer der Gemahlinnen von den Landedelleuten ins Speisezimmer. Lord Vargrave bot seinen Arm der stattlichen Frau Tiddy an.

Wie gewöhnlich war Vargrave die Seele des Gespräches. Herr Howard, welcher der Miß Brigitta zunächst saß, unterhielt sich mit ihr zwischen den Gängen in stummem Prunk. Herr Onslow und der Arzt spielten die zweite und dritte Rolle nach Lord Vargrave. Als das Mittagessen vorbei war und die Damen sich entfernt hatten, saß Vargrave zunächst bei Herrn Onslow und fand in seinem Nachbar einen höchst angenehmen Gesellschafter. Sie sprachen hauptsächlich von Lisle-Court; von Oberst Maltravers wandte sich das Gespräch natürlich auf Ernst. Vargrave sprach von seiner früheren Freundschaft mit ihm, beklagte lebhaft, daß die Politik sie entfremdet habe, und erzählte zwei oder drei Anekdoten von ihren Jugendabenteuern im Orient; Herr Onslow horchte mit vieler Aufmerksamkeit.

»Ich habe seine Bekanntschaft ebenfalls vor vielen Jahren gemacht,« sagte jener, »und zwar bei einer Gelegenheit sehr zarter Art. Ich nahm an ihm viel Interesse; niemals habe ich einen so jungen Mann gesehen (er war damals beinahe noch ein Knabe), welcher so tiefes Gefühl äußerte. Nach dem Datum, das Sie erwähnten, muß Ihre Bekanntschaft sehr bald nach der meinigen begonnen haben. War er zu jener Zeit munter und in guter Laune?«

»Nein, hypochondrisch bis zum höchsten Grade.«

»Eurer Lordschafts genaue Bekanntschaft mit ihm und das Zutrauen, welches gewöhnlich zwischen jungen Leuten vorhanden ist, erweckt bei mir die Vermuthung, daß er Ihnen einen kleinen, mit seiner Jugend verbundenen Roman erzählt hat.«

Lumley schwieg, um zu überlegen. Dieß Gespräch, welches bei Seite geführt worden war, wurde plötzlich von dem großen Doktor unterbrochen, welcher zu wissen wünschte, ob Seine Lordschaft die Anekdote über Lord Thurlow und den verstorbenen König gehört habe. Die Anekdote war so lang wie der Doktor selbst; als sie vorüber war und als die Herren sich in den Salon begaben, ward alles Gespräch durch den Gesang eines Matrosenliedes unterbrochen, welches bis zur Ankunft des Herrn Tiddy wegen dessen vortrefflicher Baßstimme verzögert worden war.

Ach, auf demselben Punkte der Erde hatte Alice Darvil vor achtzehn Jahren die Seele der Musik von den Lippen des Genius und der Liebe zuerst empfangen. Aber so, wie es war, waren die Verhältnisse doch besser, weniger romantisch, aber anständiger; Hobbs Lodge war weniger hübsch, aber mehr vor Wind und Regen gesichert wie Dale Cottage.

Miß Brigitta wagte den gutgelaunten Lord zu fragen, ob er singe? »Ich nicht, Miß Hobbs; aber Howard dort, o wenn Sie ihn hörten!« Die Folge des Winkes war, daß der unglückliche Sekretär, welcher allein in einem entfernten Winkel seine Phantasie bewußtlos mit einem schwachen und kalten Kaffee erfrischte, sogleich mit Bitten von Miß Brigitta, Frau Tiddy, Herrn Tiddy und dem großen Doktor bestürmt wurde, um eine Probe seines Talentes zum Besten zu geben. Herr Howard konnte singen, er konnte sogar die Guitarre spielen; aber in Hobbs Lodge zu singen, in der Begleitung der Frau Tiddy, so daß sein sanfter Tenor im Rundgesang durch den schweren männlichen Baß des Herrn Tiddy, der gleichsam wie ein hinkender und hart auftretender Fuß erscholl, verschwinden mußte – der Gedanke war unerträglich! Er brachte mit schwacher Stimme die Versicherung seiner Unwissenheit hervor und eilte, seinen Aerger in der Zurückgezogenheit eines entfernten Sopha's zu begraben.

Vargrave, welcher die bezeichnende Frage Herrn Onslows vergessen hatte, erneute in einem Geflüster sein Gespräch mit jenem Herrn in Beziehung auf den beabsichtigten Ankauf, während Herr und Frau Tiddy ein zärtliches Lied anstimmten. Onslow war mit seiner neuen Bekanntschaft so zufrieden, daß er sich als vierte Person in Lumley's Wagen für den nächsten Morgen anbot, um ihn nach Lisle-Court zu begleiten. Bald nachdem die Sache abgemacht war, brach die Gesellschaft auf. Gegen Mitternacht lag Lord Vargrave in festem Schlaf, und Herr Howard überdachte, indem er sich auf seinem traurigen Lager hin- und herwarf, all das Unglück! welches einen Eingeborenen von St. James bedroht, wenn er sich wagt unter

Die Menschenfresser und die Männer auch,
Die ihre Häupter unterm Arme tragen.

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