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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Siebentes Buch.

Deutung von Worten
Kam über mich.

      Sophokles, Oedip. Tyrann.

 

Erstes Kapitel.

Luce. Ist der Wind günstig? Das paßt für mich.
Isad. Kommen Sie her, ich vergesse ein Geschäft.

      Witz ohne Geld.

 

Lord Vargrave's Reisewagen stand an der Thür; er selbst zog in seinem Bibliothekzimmer seinen Ueberrock an, als Lord Saxingham eintrat.

»Wie, reisen Sie aufs Land?«

»Ja, ich schrieb Ihnen dieß schon – um Lisle-Court anzusehen.«

»Richtig ich hatte es vergessen; mein Gedächtniß ist nicht mehr so gut wie früher. Lassen Sie mich sehen. Lisle-Court liegt in***shire Sie kommen fünf Meilen bei C*** vorüber.«

»Wirklich? Ich bin in der Geographie von England nicht sehr bekannt; ich habe sie nie auf der Schule gelernt. Was Polen, Kamtschatka, Mexiko, Madagaskar oder sonst einen Ort betrifft, dessen Kenntniß nützlich im gewöhnlichen Leben ist, so weiß ich jeden Zoll des Weges auswendig. Doch à propos, C***, das ist ja die Stadt, worin mein verstorbener Onkel sein Vermögen sich erworben.«

»Ja, so ist es; ich erinnere mich, daß Sie für C*** als Candidat auftreten wollten, aber den Parlamentssitz Lord Staunch überließen – das war sehr edel von Ihnen gehandelt. Besitzen Sie dort noch Einfluß?«

»Ich glaube, mein Mündel hat dort einige Straßen – sie heißen Richard-Street und Templeton-Place. Vor einigen Wochen wollte ich dorthin reisen und nachsehen, welchen Einfluß meine Familie dort noch besäße; aber Staunch hat mir ja gesagt, daß C*** ihm ganz sicher sei.«

»Er glaubte das, heute Morgen aber kam er zu mir in großer Bestürzung; er glaubt jetzt, daß er den Parlamentssitz verliert. Ein Herr Winsley, der sehr viel Einfluß dort besitzt und der ihn unterstützte, hat sich von ihm zurückgezogen wegen der *** Frage. Das ist sehr verdrießlich, denn Staunch gehört gänzlich zu uns, und wenn er jetzt abfiele, so wäre das für uns sehr unglücklich.«

»Winsley – Winsley? – Die rechte Hand meines armen Onkels; ein großer Brauer, stets der Präsident des Templeton-Ausschusses; ich kenne den Namen, obgleich ich den Mann nie sah.«

»Wollen Sie C*** unterwegs besuchen?«

»Gewiß! Staunch darf nicht verloren werden. Wir dürfen keine einzige Stimme wegwerfen, viel weniger eine so gewichtige. Mindestens drei Centner schwer! Ich will in C*** unter dem Vorwande, nach den Häusern meines Mündels zu sehen, anhalten und alsdann mit Herrn Winsley eine ruhige Besprechung halten. Hm, Pairs dürfen sich in Wahlen nicht mischen, ha! ha! Nun guten Tag, nehmen Sie Ihre Gesundheit in Acht; in einer Woche bin ich hoffentlich zurück; vielleicht schneller.«

Nach einer Minute fuhren Lord Vargrave und Herr Georg Friedrich August Howard (ein dünner, junger Herr von hoher Geburt und Bekanntschaft, der aber als ein eigenthumsloser, jüngerer Bruder, sich selbst durch die Welt bringen mußte und deßhalb sich herabließ, Seiner Lordschaft Privatsekretär zu werden) über die Straßen zur ersten Station von C***.

Es war spät in der Nacht, als Lord Vargrave in dem ersten Wirthshaus dieser würdigen und respektablen Cathedralstadt abstieg, worin einst Richard Templeton, Esq., der Heilige, Bankier und Politiker in einer Person, unumschränkt geherrscht hatte. Sic transit gloria mundi! So vergeht weltlicher Ruhm. Anm.d.Hrsg. Als er seine Hände am Feuer des großen Zimmers wärmte, worein man ihn gewiesen hatte, fiel sein Auge auf einen großen Kupferstich mit dem Portrait seines Oheims, welcher eine Papierrolle in der Hand hielt, nämlich eine Parlamentsbill über die Chausseen in der Nähe von C***. Der Anblick rief in ihm die Erinnerung jenes frommen und ernsten Verwandten zurück – ohne daß er's wollte, dachte der Minister an dessen Todtenbett und an das sonderbare Geheimniß, welches jener in dieser letzten Stunde Lumley entdeckt hatte – ein Geheimniß, welches viel dazu beitrug, Lord Vargrave's Verachtung für die conventionelle Form des anständigen Lebens zu erhöhen. Hier nun mag erwähnt werden (obgleich der scharfsinnige Leser wohl schon etwas errathen haben mag), daß jenes Geheimniß, von welcher Art es auch sein mochte, sich nicht durchaus oder ausschließlich auf des verstorbenen Lords sonderbare und ungleiche Ehe bezog. In diesem Punkt war noch Vieles dunkel geblieben, um Lumley's Neugier zu erregen, wäre er nämlich ein Mann gewesen, bei welchem diese Eigenschaft leicht zu entzünden gewesen wäre. Allein darum bekümmerte er sich wenig. Er wußte genug, um die Meinung zu hegen, eine fernere Kunde könne ihm keinen persönlichen Vortheil verschaffen. Weßhalb sollte er seinen Kopf mit Dingen füllen, die ja doch seine Tasche nicht füllten? Ein hörbares Gähnen des mageren Sekretärs weckte Lord Vargrave aus seiner Träumerei. »Ich beneide Sie, junger Freund,« sagte er in heiterer Laune; »das Vergnügen, schläfrig zu werden, verlieren wir mit dem Alter; indeß zu Bett, wie Lady Macbeth sagt. Wahrhaftig; ich wundere mich nicht, daß der arme Teufel von einem Häuptling sich bedachte, ob er mit einer solchen Tigerin zu Bett gehen sollte; gute Nacht!«

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