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Alice, oder die Geheimnisse

Edward Bulwer-Lytton: Alice, oder die Geheimnisse - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
authorEdward Lytton Bulwer
titleAlice, oder die Geheimnisse
publisherHofmann'sche Verlags-Buchhandlung
editorbruce.welch@gmx.de
year1864/2014
firstpub1845
translatorFranz Kottenkamp
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20141111
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Viertes Kapitel.

   »Herr Bumblecase, ein Wort mit Ihnen,
ich habe ein kleines Geschäft.«
   »Lebe wohl, du schönes Gut Blackakre, mit
all' deinen Wäldern, Unterhölzern, und was
sonst noch dazu gehört!«,

      Wycherley.

 

Als Lord Vargrave Fentons Hotel verließ, ging er nach einem der Clubs in St. James-Street; dieß war bei ihm ungewöhnlich, denn Clubs pflegte er nicht zu besuchen. Es lag nicht in seiner Art, die Zeit umsonst zu verschwenden; allein es war ein feuchter Dezembertag – das Parlament war noch nicht versammelt, und er hatte sein offizielles Geschäft beendet. Als er dort sein Bisquit kaute und einen Artikel in einem ministeriellen Blatte las, dessen Hauptpunkte er selbst angegeben hatte, trat Lord Saxingham zu ihm hin und nahm ihn an's Fenster.

»Ich habe Ursache, zu glauben,« sagte der Graf, »daß Ihr Besuch in Windsor gute Wirkung gehabt hat!«

»Wirklich? Ich glaube es auch!««

»Nach meiner Meinung wird eine gewisse Person niemals die Einwilligung zur ** Frage geben; der Premierminister, den ich heute sprach, schien aufgeregt und ärgerlich.«

»Vortrefflich, vortrefflich! Ich weiß, daß wir jetzt im rechten Zuge sind.«

»Ich hoffe, es ist nicht wahr, Lumley, daß Ihr Verlöbniß mit Miß Cameron abgebrochen ist; man sprach im Club davon, eben als Sie eintraten.«

»Widersprechen Sie dem Gerücht, mein lieber Lord; ich hoffe, nächstes Frühjahr Ihnen Lady Vargrave vorzustellen. Wer mag das abgeschmackte Gerücht ausgesprengt haben?«

»Ihr Protégé Legard sagte, er habe es von seinem Onkel, der es von Sir John Merton hörte.«

»Legard ist ein Narr, und Sir John Merton ist ein gobe-mouche Fliegenfänger. Anm.d.Hrsg.. Legard thäte besser, sich um sein Amt zu bekümmern, wenn er vorrücken will; es wäre mir lieb, wenn Sie ihm das sagten. Ich habe irgendwo gehört, daß er nach Paris gehen will; geben Sie ihm einen Wink, daß er dergleichen träge Gewohnheiten aufgeben muß; öffentliche Beamte können nicht mehr das sein, was sie früher waren. Man erwartet, daß die Leute für das Geld, welches sie einstecken, arbeiten; sonst ist Legard ein geschickter Kerl und verdient Beförderung. Ein paar Worte der Warnung von Ihnen werden sehr viel Gutes wirken.«

»Gewiß will ich ihm eine Vorlesung halten. Lumley, wollen Sie heute mit mir essen?«

»Nein, ich erwarte meinen Mitcurator, Herrn Douce, in Geschäftsangelegenheiten – ein tête-à-tête-Mittagessen.«

Lord Vargrave hatte, wie er beabsichtigt hatte, mit vieler Geschicklichkeit Herrn Douce beschwatzt, daß derselbe seine Schuld für den Augenblick stehen ließ; im Uebrigen hatte er Herrn Douce mit Herablassung überhäuft. Derselbe hatte zweimal bei Lord Vargrave gespeist, und Lord Vargrave zweimal bei ihm. Die Gelegenheit für die zu kommende Unterhaltung war durch einen Brief von Herrn Douce geboten, worin derselbe Lord Vargrave wegen besonderer Geschäfte zu sprechen wünschte. – Lord Vargrave, welcher das Wort »Geschäfte« bei einem Herrn, dem er Geld schuldig war, gar nicht liebte, glaubte, dasselbe könne leichter von Statten gehen, wenn es durch Champagner etwas befeuchtet wurde.

Somit bat er den »lieben Herrn Douce« um Entschuldigung, daß er keine Umstände mache und ihn Donnerstag sieben Uhr zum Essen einlade; er habe des Morgens jetzt immer zu viele Geschäfte.

Um sieben Uhr kam Herr Douce. Im Augenblick, als er eintrat, rief Vargrave aus:

»Sogleich das Essen!«

Als der kleine Mann sich verbeugte, sich unruhig hin, und herschob und herum hüpfte, als wenn er im nächsten Augenblick an den Spieß gesteckt werden sollte, sagte sein Wirth:

»Mit Ihrer Erlaubniß wollen wir das Budget bis nach Tisch verschieben, es ist ja jetzt Sitte, die Verhandlung über ein Budget so lange als möglich hinauszuschieben. Nun, sind wir Alle wohl zu Haus? – Verteufelt kalt, nicht wahr? So begeben Sie sich also jeden Morgen in Ihr Landhaus; das ist's eben, was Sie in so trefflicher Gesundheit erhält. Auch ich hatte ein Landhaus, ob ich gleich niemals Zeit übrig hatte, mich dorthin zu begeben.«

»O ja, ich glaube, ich erinnere mich, ich glaube in Fu-Fu-Fulham.« sprach Herr Douce, als wenn er nach Luft schnappte; »Ihres armen Oheims Landhaus, jetzt Lady Var-Var-Vargrave's Wittwensitz, So – so – –!«

»Sie wohnt nicht dort,« fiel Vargrave ein, viel zu ungeduldig, um höflich zu sein. »Der Ort ist zu städtisch für sie; sie hat ihn mir überlassen; ein hübsches Hans, aber theuer zu unterhalten! Mir war es zu theuer, ich kam dort niemals hin; somit habe ich es an meinen Weinhändler vermiethet; die Miethe tilgt gerade seine Rechnung. Sie werden heute einige Sopha's und Tische in Champagner genießen. Ich weiß nicht, wie es kömmt, stets riecht mein Sherry nach meines armen Oheims ledernem Lehnstuhl – ein sehr sonderbarer Geruch, so eine Art respektablen Geruches! Ich hoffe, Sie sind hungrig, das Mittagessen ist fertig.«

Vargrave schwatzte so in einem fort, um dem guten Bankier den Glauben zu erwecken, daß seine Angelegenheiten im blühendsten Zustande wären, und eben so fuhr er fort, beim Mittagessen den Ball zu schlagen, indem er Herrn Douce's traurigen, kleinen, aufgerissenen Fischmund mit einem: »Ein Glas Wein, Douce,« oder: »Beiläufig gesagt, Douce,« jedesmal schloß, so bald er sah, der würdige Herr sei im Begriff, sich in's Gespräch zu mischen.

Als zuletzt das Mittagessen vorbei war und die Bedienten sich entfernt hatten, rückte Lord Vargrave, da er wußte, daß die Reihe des Redens früher oder später an Herrn Douce kommen mußte, seinen Stuhl an's Feuer, legte die Füße auf das Kamingitter und rief, als er seinen Bordeaux fortstieß:

»Nun, Douce, was kann ich für Sie thun?«

Herr Douce riß die Augen auf und schloß sie eben so schnell; dieß Verfahren setzte er fort, bis sie, gleichsam wie Lichter geputzt, nicht heller strahlen konnten, und er überzeugt war, daß Seine Lordschaft ihn nicht mißverstehen würde.

»Wahrhaftig,« begann er in seinem blöden Wesen, »wahrhaftig, ich – ich – Euer Lordschaft mißversteht mich, ich – ich – ich wollte mit Ihnen von Geschäften sprechen.«

»Gut, was kann ich für Sie thun – irgend eine kleine Gefälligkeit, nicht wahr? Eine behagliche Sinekure für Ihren Lieblingscommis, oder eine Stelle im Stempelamt für Ihren fetten Bedienten – John, glaube ich, heißen Sie ihn! Sie wissen, theurer Douce, Sie dürfen über mich verfügen.«

»Wahrhaftig, Sie sind die Gü-Gü-Güte selbst, – aber – aber –«

Vargrave lehnte sich zurück, verschloß die Augen, riß seine Lippen aus einander und erwartete muthig, was Herr Douce ihm enthüllen würde. Er empfand eine bedeutende Erleichterung, als er merkte, daß dessen Geschäft sich nur auf Miß Cameron bezog. Herr Douce erinnerte Lord Vargrave, wie dieß schon früher oft der Fall gewesen war, an die Wünsche seines Oheims, daß der größere Theil des von Eveline ererbten Vermögens in Land angelegt werden möchte; dann bemerkte er ferner, eine ausgezeichnete Gelegenheit biete sich gegenwärtig dar; ein Kauf lasse sich schließen, worüber das Herz des verstorbenen Lords hätte erfreut sein müssen. Ein herrlicher Ort, nach Art von Bickling – der Wildpark drei Stunden im Umfang – 10 000 Acres Land, mit 8000 Pfund jährlicher Einkünfte. Ankaufsgeld nur 240 000 Pfund. Das ganze Gut war wirklich noch größer als 18 000 Acres; aber die entfernter liegenden Pachtungen ließen sich ja in Theilen verkaufen, damit man gerade diejenige Summe genau einhalte, welche die Curatoren der Miß Cameron darauf verwenden durften. »Gut,« sagte Vargrave; »wo liegt das Gut? Mein armer Oheim dachte an de Cliffords Gut, allein der Rechtstitel war nicht gesichert.«

»O, dieß Gut ist noch vi-vi-viel schön-schön-schöner; treffliche Gelegenheit, Ge-Ge-Geld anzulegen; aber etwas entfernt, im Nor-Nor-Norden – L-L-Lisle-Court.«

»Lisle-Court, das gehört ja dem Oberst Maltravers.«

»Ja, ja, ein Geheimniß, ein Ge-Ge-Geheimniß – noch nicht im Markt, durchaus nicht – wird bald fort sein.«

»Hm! Ist Oberst Maltravers ein Verschwender gewesen?«

»Nein, aber er liebt nicht – so höre ich – oder vielmehr L-L-Lady Julia – so hat man mir erzählt – li-li-liebt nicht den Ort. – Sie wollen nicht s-s-so weit reifen und br-br-bringen darum den Wi-Wi-Winter in Italien zu – ja, sonderbar! – Schöner Ort.«

 

Lumley war mit dem älteren Bruder seines alten, Freundes oberflächlich bekannt; mit einem Manne, welcher auch die Fehler von Ernst an sich hatte; derselbe war sehr stolz und wählerisch und machte große Ansprüche; allein alle die Fehler waren in gewöhnlicher Weise und nicht durch die verfeinerten Grundsätze seines jüngeren Bruders entwickelt worden.

Oberst Maltravers war, seitdem er, in die Garde trat, durchaus der Mann der Mode geblieben und sonst nichts geworden. Reich und von alter Familie, mit hohen Verbindungen und durchaus à la mode, befand er sich seines Stolzes halber unbehaglich in London, während sein wählerisches Wesen ihm auch den Aufenthalt auf dem Lande widrig machte. Er war ein nicht unbedeutender Mann, wollte aber ein sehr bedeutender Mann sein. Dieß war er in Lisle-Court; allein damit war er nicht zufrieden; er wollte nicht allein ein sehr bedeutender Mann, sondern auch ein sehr bedeutender Mann unter sehr bedeutenden Männern sein; somit wurden Grundbesitzer und Pfarrer ihm langweilig. Lady Julia, seine Frau, war eine schöne Dame, unbedeutend und hübsch, welche Alles mit den Augen ihres Mannes betrachtete. Er war ganz Herr und Meister chez lui, dieser Oberst Maltravers! Auch lebte er viel auf dem Festlande, wo sein Einkommen prinzlich schien, wo sein stolzer Charakter, seine feine Erziehung und seine äußeren Vortheile, welche auffallend waren, ihm eine bedeutendere Stellung an fremden Höfen verschafften, als er am englischen Hofe hätte einnehmen können.

Zwei Dinge erweckten ihm Widerwillen gegen Lisle-Court; diese wären Anderen Kleinigkeiten gewesen, nicht aber Herrn Cuthbert Maltravers; erstens hatte ein Mann, der Sachwalter seines Vaters, die zu Fleisch gewordene, grobe, unabweisbare Vertraulichkeit, ein Gut dicht bei Lisle-Court gekauft und war horresco referens Ich schaudere, es zu erzählen. zum Baronet erhoben worden! Sir Gregory Gubbins erhielt den Vorrang vor Oberst Maltravers! Er konnte nicht ausfahren, ohne Sir Gregory zu begegnen – er konnte nicht außerhalb des Hauses speisen, ohne das Vergnügen zu haben, hinter Herrn Gregory's schönem, blauem Frack mit schönen Metallknöpfen zu spazieren. Als er zum letzten Male Lisle-Court besuchte, welches mit modischen Leuten jeder Art gefüllt war, hatte er am ersten Morgen nach seiner Ankunft aus dem großen Fenster seines Hauptsaales ein großes, weißes, blaues und vergoldetes Ding am Ende einer stattlichen Allee gesehen, welche einst Sir Guy Maltravers zu Ehren des Sieges über die unüberwindliche Flotte Philipps II. gepflanzt hatte. Er blickte in stummer Ueberraschung, und Jedermann blickte dort hin; ein höflicher deutscher Graf, welcher durch sein Augenglas hinschaute, sagte:

»Ach, das ist, was man in Ihrem Lande eine Vim Whim, ein sonderbarer Einfall. nennt! – Die Vim des Oberst Maltravers!«

Diese Vim bestand in einem chinesischen Gartenhaus des Sir Gregory Gubbins, welches nach Art des Pavillons von Brighton errichtet war. Oberst Maltravers war unglücklich; die Vim suchte ihn wie ein Gespenst heim; sie war ihm allgegenwärtig; er konnte derselben nicht entgehen, denn der Bau war auf dem höchsten Punkte der ganzen Grafschaft errichtet; er glaubte überall kleine Mandarinen zu sehen, die über ihn den Kopf schüttelten. Dieß war ein großer Fluch von Lisle-Court; ein zweiter war noch kränkender.

Die Einwohner von Lisle-Court hatten mehrere Generationen hindurch den überwiegenden Einfluß in der Hauptstadt besessen. Der Oberst selbst bekümmerte sich wenig um Politik und war ein zu feiner Herr für die Plackereien des Parlaments; er hatte Ernst den Parlamentssitz angeboten, als derselbe seine öffentliche Laufbahn begann, allein die politischen Ansichten Beider waren abweichend und die Verhandlung ward abgebrochen, ohne daß irgend einer der Brüder über den Andern gereizt gewesen wäre. Somit trat die Erledigung des Sitzes ein. Lady Julia's Bruder, welcher vor Kurzem zu einem Lord der Schatzkammer ernannt worden war, wünschte in's Parlament zu kommen. Der Sitz für die Hauptstadt der Grafschaft ward ihm angeboten. Nun hatte der stolze Maltravers in die Familie eines Pairs geheirathet, welche eben so stolz wie er selbst war; Oberst Maltravers war aber stets erfreut, wenn er seine Bedeutung jenem Verwandten durch die Erweisung einer Gefälligkeit fühlbar machen konnte. Er schrieb seinem Verwalter, dieser möge darauf sehen, daß die Angelegenheit gehörig in Ordnung gebracht werde, und kam dann zur Wahl herüber, um an deren Kampf und Ruhm Theil zu nehmen. Man denke sich seinen Unwillen, als er den Neffen des Herrn Sir Gregory Gubbins schon auf dem Kampfplatze fand. Das Resultat der Wahl bestand darin, daß Herr August Gubbins zum Parlamentsgliede »Parlamentsmitglied«. Anm.d.Hrsg. ernannt, Oberst Maltravers mit Kohlstengeln beworfen und des Versuchs angeklagt wurde, die würdigen und unabhängigen Wähler an ein von der Regierung zu ernennendes Parlamentsglied verkaufen zu wollen. Voll Scham und Ekel gab Oberst Maltravers das Hans, das er in Lisle-Court machte, auf, und begab sich wieder auf den Kontinent.

Ungefähr eine Woche vor dem Datum unserer Erzählung war er mit Lady Julia von Wien nach London gekommen, und eine neue Kränkung erwartete den unglücklichen Eigenthümer von Lisle-Court. Eine Eisenbahngesellschaft war errichtet worden, in welcher Sir Gregory Gubbins der hauptsächlichste Aktionär war; der Spekulant, Herr August Gubbins, »eines der nützlichsten Parlamentsglieder,« hatte es übernommen, die Bill durch's Parlament zu bringen. Oberst Maltravers empfing einen Brief von unheilschwangerer Größe, welcher die Karte aller Ortschaften enthielt, wodurch diese herrliche Eisenbahn geführt werden sollte; und Wehe! Gerade unten an seinem Parke war eine schauderhafte Linie gezogen, welche ihn von dem Opfer in Kenntniß setzte, dessen Darbringung man von seiner Seite für das öffentliche Wohl erwartete – hauptsächlich für das Wohl gerade derjenigen Hauptstadt der Grafschaft, deren Einwohner ihn mit Kohlstengeln beworfen hatten! Oberst Maltravers verlor die Geduld. Mit dem weisen Verfahren unserer Gesetzgebung unbekannt, wußte er nicht, daß der Entwurf einer Eisenbahn von einer Anlegung derselben sehr verschieden ist, und daß Parlamentsausschüsse Entwürfen gar nicht günstig sind, nach welchen das Publikum durch den Park eines Landedelmannes transportirt werden soll.

»Ja, da wir keine Söhne und nur allein Töchter haben, und da für Ernst so gut gesorgt ist,« sagte Lady Julia, »und da der Ort von London so weit entfernt liegt, und da die Nachbarschaft so unangenehm ist – so glaube ich, daß wir sehr gut ohne das Gut leben können.«

Oberst Maltravers gab keine Antwort; er überlegte das Für und Wider, und dann, wie viel ihn die Wildhüter und die Zimmerleute, die Gärtner und Gott weiß was sonst noch, kosteten; und alsdann kam ihm das chinesische Gartenhaus, und dann seine Bewerfung mit Kohlstengeln in den Sinn; zuletzt ging er zu seinem Advokaten.

»Sie können Lisle-Court verkaufen,« sagte er ruhig.

Der Advokat tauchte seine Feder in das Tintenfaß; »die Einzelnheiten, Oberst?«

»Die Einzelnheiten von Lisle-Court! Jedermann, d. h. Jedermann von Stande, kennt es ja.«

»Der Preis, Herr?«

»Sie kennen ja die Einkünfte! Darnach berechnen Sie den Werth. Für einen Einzelnen ist der Ankauf zu groß; verkaufen Sie die in größerer Entfernung liegenden Wälder und Pachtungen abgesondert von dem Uebrigen.«

»Wir müssen eine Ankündigung in die Zeitungen sehen lassen, Oberst.«

»Was, in die Zeitungen? Davon ist keine Rede. Ich will meine Absicht nicht öffentlich werden lassen. Sagen Sie die Sache in der Stille einigen Kapitalisten. Geben Sie aber Acht, daß es nicht eher in die Zeitungen kömmt, als bis Alles festgesetzt ist. In einer oder zwei Wochen werden Sie einen Käufer finden; je eher, je besser.«

Außer seinem Schauder vor Zeitungsbemerkungen und prahlenden Anzeigen besorgte Oberst Maltravers, daß sein sich damals in Paris befindlicher Bruder seine Absicht erfahren und den Versuch machen würde, dieselbe zu verhindern; auf die eine oder andere Weise scheute sich der Oberst ein wenig vor Ernst und schämte sich seines Entschlusses. Er wußte nicht, daß Ernst durch ein sonderbares Zusammentreffen der Umstände selbst daran gedacht hatte, Burleigh zu verkaufen.

Der Advokat war über diese Weise, die Angelegenheiten zu ordnen, gar nicht zufrieden; indeß flüsterte er so herum, daß Lisle-Court zu verkaufen sei, und da es wirklich einer der berühmtesten Orte seiner Art in England war, verbreitete sich das Geflüster unter Bankiers, Brauern, Seifensiedern und anderen reichen Leuten (die wie die Medici eines neuen Adels sich unter uns erheben), bis es zuletzt die Ohren des Herrn Douce erreichte.

 

Lord Vargrave, so schlecht er auch sein mochte, besaß keinen derjenigen Charakterfehler, welche ich die persönliche Klasse der Laster nennen möchte, d. h. er hegte gegen Individuen keine Bosheit. Gewöhnlich war er weder eifersüchtig, noch hämisch, noch boshaft, noch rachsüchtig; seine Laster entsprangen aus gänzlicher Gleichgiltigkeit gegen alle Menschen und alle Dinge, ausgenommen gegen solche, die er zu seinen Zwecken brauchte. Er hätte keinem Wurm geschadet, wenn dieser für ihn nicht zu brauchen gewesen wäre, würde aber jedes Haus angezündet haben, hätte er kein anderes Mittel gehabt, seine Eier zu rösten. Fand sich jedoch irgend ein Gefühl persönlichen Grolls in seiner Brust, so war derselbe erstlich gegen Eveline Cameron und zweitens gegen Ernst Maltravers gerichtet. Zum ersten Male in seinem Leben strebte er, Rache zu nehmen; an der Einen, weil sie sein Erbtheil gestohlen und seine Hand ausgeschlagen hatte, und diese Rache hoffte er zu befriedigen.

Was den Andern betrifft, so fühlte er weniger Haß als eine unbehagliche Empfindung des Untergeordnetseins. So sehr er auch selbst in der Welt fortgekommen war, ärgerte er sich über den Ruhm eines Mannes, den er als launischen und unerfahrenen Knaben gekannt hatte; er hörte nicht gern Maltravers rühmen. Er bildete sich ein, dieß Gefühl sei gegenseitig und Maltravers höre eben so ungern, wann er (Vargrave) einen Schritt in seiner eigenen Laufbahn vorwärts gethan habe. Es war wirklich diejenige Art Eifersucht, welche die Menschen gegen Gefährten ihrer Jugend empfinden, deren Charaktere höher wie die ihrigen und deren Talente von solcher Art sind, daß sie dieselben nicht richtig begreifen.

Nun glaubte Lord Vargrave in dem Augenblick einen glänzenden Sieg über Herrn Maltravers von Burleigh zu erringen, wenn er selbst Lord von Lisle-Court, dem ererbten Familiensitz des älteren Zweiges der Familie, werde, und gleichsam dort sogar in die Pantoffeln des älteren Bruders von Maltravers treten könne. Er wußte auch, mit dem Gute sei große Bedeutung verknüpft. Lord Vargrave von Lisle-Court würde eine ganz andere Stellung in der Pairie einnehmen, wie Lord Vargrave von Fulham! Niemand würde den Eigenthümer von Lisle-Court einen Abenteurer nennen; Niemand würde solch' einen Mann in Verdacht haben, daß er sich das Geringste um Amt und Gehalt bekümmere. Und würde nicht Lisle-Court sein Eigenthum werden, wenn er Eveline heirathete? Er hüpfte über die Wenns, so steife und einsilbige Worte dieselben auch sein mochten, mit einem einzigen Sprunge hinweg. Außerdem, wenn auch die Sache zu nichts führen sollte, so hatte er jetzt gerade die Entschuldigung, die er suchte, um sich zu Eveline nah Paris zu begeben, sich mit ihr zu unterhalten und sie um Rath zu fragen. Allerdings hatte das Testament des verstorbenen Lord die Auswahl des Landgutes für die Anlegung des Kapitals dem Urtheile der Curatoren überlassen. Wenn auch gesetzlich nicht nothwendig, war es wenigstens der allgemeinen Höflichkeit angemessen, daß man den Willen Evelinens berücksichtigte. Pläne, Zeichnungen, Erklärungen und Listen der Einkünfte würden ihn rechtfertigen, wenn er jeden Morgen allein mit ihr zubringe Richtig: »zu brächte«. Anm.d.Hrsg..

 

Während Lord Vargrave dieß bedachte, ließ er Herrn Douce Satz nach Satz herausstammeln, bis er zuletzt den Kaffee bestellte und sich mit der Miene eines Mannes ausstreckte, der Selbstgefälligkeit oder Behaglichkeit genießt. Er begann: »Herr Douce, ich will sobald wie möglich nach Lisle-Court; ich will das Gut sehen und alle Einzelnheiten darüber untersuchen. Ich will die Sache gehörig überlegen und stimme mit Ihnen in dem Glauben überein, daß der Ankauf etwas ganz Vorzügliches sein wird.«

»Aber,« sagte Herr Douce, der über die Angelegenheit sehr besorgt schien; »wir müssen eilen, Mylord, denn wahrhaftig – ja wirklich – we-we-wenn Baron Rothschild, d. h. –«

»O ja, ich verstehe – halten Sie die Sache geheim, mein theurer Douce; befreunden Sie sich mit dem Advokaten des Obersten; spielen Sie mit ihm ein wenig, bis ich ihn in Grund bohren kann.«

»Außerdem, wie Sie sehen – Sie sind ein so guter Geschäftsmann. Mylord, daß Sie sehen, daß – ja wirklich! Man braucht auch Zeit, das Ankaufsgeld aus den Staa-Staa-Staatspapieren zu ziehen – zu verk-verk –«

»Natürlich! Wahrhaftig, es ist schon spät! Ich besorge, mein Wagen wartet auf mich; ich muß zu Madame de L***.«

Herr Douce, welcher noch Vieles auf dem Herzen zu haben schien, mußte dieß bis auf ein andermal versparen und Abschied nehmen.

 

Lord Vargrave begab sich zu Madame de L***. Seine Stellung in dem, was exclusive Gesellschaft heißt, war etwas eigenthümlich. Diejenigen, welche sich als die besten Richter aufwarfen, erklärten, die Freimüthigkeit seines Benehmens und die leichte Sonderbarkeit seines Gespräches stehe mit der ruhigen Heiterkeit vollkommener Erziehung im Gegensatz. Aber dennoch war er ein großer Günstling sowohl bei seinen Damen, wie Herren. Seine, hübschen, scharfen Gesichtszüge, seine Talente, seine Politik, seine Intriguen und die lebhafte Keckheit seines Wesens glichen seine stete Verletzung der Kleinlichkeiten in orthodoxen Gesellschaftsformen wieder aus. In diesem Hause traf er Oberst Maltravers und benützte die Gelegenheit, die Bekanntschaft mit dem Herrn zu erneuen. Er berief sich in einem vertrauten Geflüster auf die Mittheilung, die er hinsichtlich Lisle-Courts erhalten hatte.

»Ja,« sagte der Oberst. »ich glaube, daß ich den Ort verkaufen muß, wenn mir das in der Stille möglich ist. Allerdings sprach ich mit meinem Advokaten darüber, zuerst nur im Augenblick des Zorns, als ich vernahm, die – Eisenbahn soll durch den Park gehen; allein ich finde jetzt, daß ich diese Gefahr zu hoch angeschlagen habe. Wollen Sie mir jedoch die Ehre erweisen und das Gut sich ansehen, so können Sie sich dort mit der Jagd amüsiren; nach Ihrer Rückkehr können Sie überlegen, ob es Ihnen ansteht. Sagen Sie nichts davon, wenn Sie dort sind; es ist besser, meine Absicht in der Grafschaft geheim zu halten. Wenn Sie etwas davon sagen, wird mir Sir Gregory Gubbins mit Anträgen, es zu kaufen, auf den Hals kommen.«

»Sie können sich auf meine Verschwiegenheit verlassen. Haben Sie kürzlich etwas von Ihrem Bruder erfahren?«

»Ja, ich glaube, er reist nach der Schweiz. Er würde wohl nach England zurückgekehrt sein, wenn er vernähme, daß ich Lisle-Court verkaufen will.«

»Wie, würde das ihn ärgern?«

»Ich glaube, ja; allein er besitzt selbst ein hübsches altes Gut; es ist nicht zur Hälfte so groß, und deßhalb auch nicht zur Hälfte so lästig wie Lisle-Court.«

»Nun, auch er sprach davon, dieß hübsche alte Gut zu verkaufen.«

»Burleigh zu verkaufen! Sie sehen mich in Erstaunen; aber Landsitze in England sind jetzt wirklich zur Last. Ich glaube, er hat seine Gubbins ebensowohl wie ich.«

Beiden Worten ging der erste Minister vorbei; Lumley wandte sich um, ihn zu begrüßen.

Die beiden Minister sprachen sehr liebevoll mit einander in leisem Geflüster – so liebe voll, daß jeder mit halbem Auge hätte sehen können! Beide haßten sich einander wie Gift.

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